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E_1939_Zeitung_Nr.040

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BERN, Dienstag, 16. Mai 1939 Nummer 20 Cts. 35. Jahrgang •—- No 40 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-P.REISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5 , jährlich Fr. 10.—. Ausland mit Portpzuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert. Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr.7.bo. Ausgabe C (mit Insassenversicneriing) vierteljährlich Fr. 7.75. Das Kind im modernen Strassenverkehr Im heutigen motorisierten Strassenverkehr gestaltet sich die Benützung der Strasse zu einer «eigentlichen Kunst». Immer stärker muss an alle Strassenbenützer der Appell gerichtet werden, die zum eidgenössischen Gesetz erhobenen Verkehrsregeln kennenzulernen und zu respektieren, will man nicht die Unglückskette unfreiwillig binden helfen, die sehliesslich zum Unfall führt. Eine gewisse Vorstellung der besonderen Gefahren, welche den mit grosser Schnelligkeit verkehrenden Fahrzeugen innewohnt, bildet die Voraussetzung für eine sichere Benützung der Strasse. Dazu gehört besonders eine bestimmte Vorstellung von der Länge der Anhaltestrecke eines Motorfahrzeuges im Momente der Gefahr. Alles Sn allem genommen empfinden die Menschen vor der Geschwindigkeit keine Furcht, sondern Freude; die Kinder jauchzen, je lustiger sich das Karussell dreht, je schneller das Auto dahinsaust! Wir aber wissen, däss die Zerstörungskraft der Fahrzeuge mit zunehmender Schnelligkeit wächst. Obwohl die Welterfahrung zeigt, dass die gemeinsame Benützung der Strasse ohne grosse Opfer nicht möglich ist, hat sich- das Automobil die Strasse'erobert, aber die Unfallzahlen sind im allgemeinen, trotz' verbesserter Technik des Strassenbaues und der Erziehung, nicht zurückgegangen. Von Prof. Dr. J. Dettling, Direktor des gerichtlich-med. Institutes, Bern.' Eine besondere Sorge im modernen Strassenverkehr gehört den Kindern und Jugendlichen, den Gebrechlichen und dem Alter. Diesen Strassenbenützern gegenüber steigert sich die Sorgfaltspflicht des Motorfahrzeugführers in der Beherrschung der Mar schine um so mehr, je geringer das seelische und körperliche Vermögen der andern ist. So kann dem Kinde nicht eine «Schuld des Gesetzes» beigemessen werden, sondern nur eine verursachende Rolle. Wenn man vom Fahrer erwartet, dass er sich seiner Verantwortung diesen schwächsten Verkehrsteilnehmern gegenüber bewusst sein soll, so bedeutet das einen starken Appell an seine ganze Persönlichkeit, seinen Charakter, seine Vorsicht und Rücksicht auf andere und an seine nüchterne Vorstellung der Verkehrssituation. Mit zu den grössten Sorgen des korrekten Automobilisten gehört es, ein Kind nicht, zu gefährden; schon mancher Automobilist hat sein eigenes Leben in Gefahr gebracht oder geopfert, um dasjenige eines Kindes zu retten, das blindlings in die Gefahrenzone lief. Nicht zu selten gelingt es aber auch dem Kinde, geschickt und schnell der Gefahrenzone zu entkommen. Der Kinderunfall führt zu den grössten Tragödien im Strassenverkehr, einerseits zur Tragödie des Automobilisten, der event. die Kollision aus physikalischen Gründen nicht zu verhindern vermochte, weil sie technisch nicht beherrschbar war, und anderseits zu der sich oft ins Ungeheure steigernden Tragödie der Eltern, die ihr Kind, vielleicht ihr einziges Kind, im Strassenverkehr ver.'oren haben. Es seien deshalb heute aus unserem Erfahrungsschatze einige Gesichtspunkte aus dem Gebiet der Kinderunfälle behandelt. Damit verbinden wir den Appell an alle Kreise, welche sich speziell für Kinder interessieren müssen, Eltern, Schule und Behörden, alles und noch mehr zu tun, um die Kinderunfälle zu verhüten. Denn dass sie weitgehend vermeidbar sind, zeigt uns z. B. die amerikanische Statistik. Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto- Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 41V» Telegramm-Adresse : Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich : LÖwenstrasse 51, Telephon 39.743 (Tabelle 1). Tab. 1. Tote nach Altersstufe pro 100000 Einwohner. Personen im Alter von 65 Jahren und mehr. "Jl 'M •»* '31 . tu 6 1 3 2 I Von oben nach unten bedeuten die Kurven die Altersstufen von 25—64, von 0—4, von 15—24 und von 5—14 Jahren In den Jahren vpn : 1922 bjs 1935 hat sich in der Altersstufe von 5—1-t Jahren eine Verminderung um 21% in den Mortalitätszahlen herausgestellt; Es gibt sowohl keine andere Erklärung für diese Erscheinung, als dass sie bedingt ist durch die intensive Verkehrserziehung und Propaganda, weU ehe in den Volksschulen durchgeführt wird und wobei z. B. Polizisten die Kinder vor und nach der Schule im Ueberqueren der Strasse unterrichten unü lüberwachen. Ganz kleine, die weit entfernt von der Schule wohnen, werden von den Eltern hingebracht und abgeholt. — Im Vergleich dazu sind die Todesopfer der älteren Leute bedenklich gestiegen. Psychologische Eigentümlichkeit des Kinderunfalls. Eine besondere Eigenart der Kinder ist es, ihre Aufmerksamkeit leicht ablenken zu lassen, um sie einem neuen, sie gerade fesselnden Motiv, sei es auch nur für kurze Zeit, zuzuwenden, wobei sie alles andere völlig vergessen. Die psychologischen Beobachtungen haben ergeben, dass das normale Kind mit 6 Jahren jedenfalls in der Lage ist, die Aufgaben richtig z-u erfassen; aber die Durchführung des zielbewussten Handelns bedarf noch lange Zeit der Uebung und der Erfahrung. Deshalb möge einmal der Versuch unternommen sein, an einigen, "sich immer wiederholenden Fällen Typen des Kinderunfalles zu rekonstruieren. Der Kinderunfall beim verbotenen Spiel direkt auf der Fahrstrasse (Ballspiel, Fangspiel, das gefährliche Trottinet, Rollschuhund Schlittschuhfahren auf der Strasse selbst), braucht hier, seiner offensichtlichen Gefährlichkeit wegen, nicht behandelt zu werden. Unvermeidlich aber ist es und immer dringlicher wird es, dass die Städte in grosszügiger Weise für Kinderspielplätze sorgen. /. Typus: DER KINDERUNFALL WÄHREND DEM SPIEL IN DER NÄHE DER VERKEHRS- STRASSE Von ihrem Spiel können die Kinder so gefesselt sein, dass sie die Gefahren der Strasse vergessen. Worin diese nun bestehen? Darin, dass das Kind plötzlich und impulsiv auf die benachbarte Strasse rennt, sei es, um sich nicht fangen zu lassen, sei es, um dem entwischten Ball nachzueilen. Oder ein anderer Fall: Ein kleines Mädchen geht ruhig auf dem Trottoir, in der Hand einen Ballon haltend, den ihm ein Windstoss plötzlich entrelsst und auf die Strassenmitte treibt. Sofort-c-jlt das Kind, die .Gefahren der Strasse vbr«e f ssendl dem Ballon nach, fällt vor ein Automobil und verunglückt tödlich. " Für den Automobilisten ergibt sich daraus die Lehre, Kindergruppen, welche auf dem Trottoir oder in unmittelbarer Nähe der Strasse.spielen, äusserste Aufmerksamkeit zu schenken. Die nämliche Pflicht erwächst ihm dann, wenn er ein Kind gewahrt, dessen Stellung darauf hindeutet, dass es mit einer unvermuteten Körperbewegung auf die Strasse tritt. Der Automobilist weiss ja nie, wann ein Kind, besonders ein Kleinkind, vom Trottoir herunterspringt, sofern es nicht gewissenhaft geführt wird. Sobald sich aber ein Spielzeug, z. B. ein Ball, über die Strasse bewegt, dann gilt für den Automobilisten der Grundsatz: • kommt der Ball — kommt das Kind! INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. GrOssere Inserate nach Spezialtarit. Inseratensebluss 4 Tage vor Erscheinen der Nimmer In dieser Nummer s Rückblick auf die L Schweiz. Vielseitigkeitskonkurrenz. Sport aus aller Welt. Citroen «15 ». Verkehrserziehung der Radfahrer. Strassenverkehr an der LA. In solchen Fällen muss sich der AutomobSlist prinzipiell mit seinem Tempo einrichten, um sehr schnell anhalten zu können. Diese Strassenverkehrssituation zeigt das untenstehende Bild : ' Das Automobil fährt eine ziemlich steil ansteigende Strasse aufwärts. Der Wagen kann an dieser Stelle höchstens eine Schnelligkeit von 40 km/h entwickeln. Rechts auf der Fahrbahn ist ein anderes Auto vor einem Hause stationiert. Im Moment! da. der Fahrer diesen stationierenden Wagen passieren' will, flitzt von rechts her ein Ball hinter dem Auto hervor über die Strasse. Und schon folgt der zwölfjährige Knabe. Nach den Stoppspuren bewegte sich der «Unglückswagen» mit einer Schnelligkeit von. ca. 40 km/h (also Vollgas). Die Sicht, war durch das stationierende Fahrzeug, sowohl für den Knaben als auch für den Automobilisten, stark beein-_ trächtigt, so dass dieser das spielende Kind' erst knapp 2 Sekunden vor dem Zusamnienstoss zu erblicken vermochte. Nach den Berechnungen wäre die Kollision auch bei einer Schnelligkeit von ünter,30 km/h eingetreten. Wohj;scheint der Fahrer .... zuerst sofort nach links gesteuert zu haben; bei einer Reaktionszeit von 1 Sekunde hatte er indessen bei seinem Tempo bereits einen Wegverlüst von 11,2 m bis er handeln konnte. Bevor also noch der Bremsakt einsetzte, war die Kollision erfolgt, der Knabe wurde auf die Stoßstange geschleudert, wobei er nur relativ geringe und nicht lebensgefährliche Verletzungen erlitt. Infolge des Schreckens aber verlor der Automobilist die Gewalt über sein Fahrzeug und, fahr noch 15 m nach links- in- eine, Telephonstange hinein, wobei das Kind, vorne auf der Stoßstange liegend, tödliche Verletzungen da* vontrug. Alle Merkmale des typischen Kinder-" Unfalles sind bei diesem Vorkommnis erfüllt: das Kind eilt dem durchgebrannten Ball auf die Strasse nach, nur beherrscht von der Idee, den Ball wieder zu bekommen. Soweit es die Reaktionszeit zulässt, müsste das Erscheinen des Balles den Automobilisten zum sofortigen Abbremsen veranlassen. Allein der stationierte Wagen verdeckte die Sicht. — Für den Automobilisten bleibt stets zu gewärtigen, d^ss hinter stationierenden, die Sicht behindernden Fahrzeugen, namentlich in Ortschaften, Kinder plötzlich hervorspringen können. Allerdings : gibt es im Strassenverkehr Verhältnisse; wo immer mangelhafte Sicht besteht, wo man mit dem Sehen zu spät kommt, auch wenn ein praktisch einwandfreies Tempo.eingehalten wird. In allen diesen schwierigsten Verkehrssituationen —da die Kollisionsmöglichkeit innert der Reaktionszeit bei geringem Tempo liegt — kann meines Erachtens nur das akustische Signal die beständige lokale Gefährdung verringern. Wohl verhalten sich Kinder zu Stadt und Land heute viel besser im Strassenverkehr als noch vpr wenigen Jahren, aber ihre Impulsivität kann natürlich das Gelernte jederzeit durchbrechen! Nicht unerwähnt möchte ich einen hübschen Fall der Selbstrettung eines intelligenten, flinken Schulkindes lassen: Ein Automobil fährt durch eine enge Strasse, als einige Meter vor ihm ein 12jähriges Mädchen, das im Fangspiel begriffen ist, plötzlich aus einer Parterre-Haustüre vor das Fahrzeug springt und vor dem Kühler verschwindet. Der Automobilist, der vor Schrecken anhält, findet beim Aussteigen das Kind nicht und macht, nunmehr vollends verwirrt, der Polizei Mitteilung. Nach langem Suchen kommen wir auf die Spur des Kindes, das sich heil und unverletzt zuhause befindet und sehliesslich erklärt, dass es sich angesichts der Gefahr in voller Absicht schnell der Länge nach hingelegt und damit heil unter dem Automobil (einem älteren, etwas «hochbeinigen» Modell) durchgekommen sei Aber gerade wenn Kinder, welche an den Strassenverkehr nicht gewöhnt sind, an eine stark belebte Verkehrsader kommen, stellt man das gehäufte Auftreten von Unfällen fest