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E_1939_Zeitung_Nr.061

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BERN, Freitag, 28. Juli 1939 Nummer 20 Cts. 35. Jahrgang — No 61 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen AB ONNEMENTS-PREISE: Aufgab* A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert. . Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.5V. Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75. 3UUe lei VexketixsuHläUen. V. Internationaler Kongress für Rettungswesen in Zürich Ueberlegte Retrungsmassnahmen bei Unglücksfällen und eigentlichen Grosskatastro-, phen sind eine Aufgabe, die nicht ohne Wissen um Hunderte notwendiger Dinge gelöst werden kann. Die entsetzliche Seelenkrise der Panik muss überwunden, wenn möglich gar verhütet, organisatorische Entscheidungen vielleicht grossen Ausmasses in wenigen Minuten getroffen werden. Hundert Helfer bedürfen einer starken Leitung. Ungezählte technische Zusammenhänge sind zu überlegen. Fieberhaft sollte das Gedächtnis arbeiten, um das Wissen um frühere Unglücksfälle zu aktivieren. Umfangreiche materielle Anlagen müssen aufs rascheste beschafft und zweckmässig eingesetzt werden. Absperrungsmassnahmen sind nötig, ein Meldedienst ist einzurichten, und so viele andere. Dinge mehr. Aber es erweist sich, dass diese Aufgaben so oft daran, scheitern, dass niemand da ist, der den Kopf oben behält. Nur möglichste Verbreitung all' der vielfältigen Kenntnisse, ja sogar der vielen anzulernenden und anzuerziehenden •'Charaktereigenschaften und Reaktionsweisen des---Me«schen"« ; vermagr I eiher Gewähr dafür zu schaffen, dass in solchen Augenblicken das Zweckmässige und Nötige getan wird. Nur auf-dem "Wege internationaler Organisation lassen, sjdfi die Erfahrungen austauschen,, die, zu .wirksamer Hilfeleistung führen, nur Kongresse der Zuständigen bringen jenen persönlichen Kontakt zustande, der die Kenntnis von Versagern und Enttäuschungen vermittelt, aus denen am meisten zu lernen ist. Nur ein solcher Aufbau bietet Gewähr dafür, dass die Nutzanwendungen aus einer Katastrophe vielleicht Jahrzehnte später wieder bei einem neuen Unglück verwertet werden können, bei dem niemand mehr anwesend ist, der das frühere erlebt hätte. Mit solchen Stichworten möge der gewaltige Aufgabenkreis des internationalen Kongresses für Rettungswesen und erste Hilfe bei Unfällen mehr angedeutet, denn auch nur einigermassen umschrieben sein, der sich im Laufe dieser Woche in Zürich und St. Moritz abspielt und, wie wir bereits gemeldet, am Sonntag in der Stadt der Landesausstellung seinen Anfang genommen hat. Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentlich« Beilage „Auto - Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 •Telegramm-Adresse : Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich : Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Einen nicht geringen Teil des Ungltäcksgeschehens im modernen Leben stellen ja die Strassenverkehrsunfälle dar, die von einer Sektion der Tagung behandelt wurden; auf der andern Seite ist zum vorneherein zu erwarten, dass sich gerade das Auto als ein unentbehrlicher Helfer bei tausend Katastrophen erweisen wird und damit, während es auf der einen Seite viele Wunden selber schlägt, auf der andern nicht weniger Wunden heilen, Nöte lindern, Menschen retten hilft. Aber gerade das Auto ist auch ein typischer Fall dafür, wie sehr ganz allgemein die Bedrohung des Menschenlebens eine Folge gerade der Technisierung unseres heutigen Daseins ist. Am unmittelbarsten greifen in die Interessensphäre des Automobilisten jene Referate ein, die sich mit der Rettung und ersten Hilfeleistung im Strassenverkehr befassen. Was auf diesem Gebiete in «inzeliifen Staaten iisher.' .geschaffen,, worden ist jund.wie der .organisatorische Apparat dieses i Dieftstes^spielt/Tnöge'^eshairH|jex,eiöe etwas eingehender© Beleuchtung finden; , lieber die Tätigkeit des französischen ' Strassenhilfsdienstes erfuhren die leider nur wenigen Zuhörer Näheres aus dem, klar ( aufgebauten Referat Dr. Behagues (Paris), das allerdings verlesen werden musste, weil der Redner an Erscheinen verhindert war. Ende 1936 umfaßte das Netz der Hilfsposten auf den Strassen Frankreichs insgesamt 2408 Stationen, wovon die iäberwiegende Mehrzahl, nämlich 2102 auf die Strassenposten entfielen. Immerhin ist der Ausbau dieses Werkes noch nicht abgeschlossen; auch die Zusammensetzung des Postennetzes befindet sich in fortwährender Aenderung, denn die Anpassung an die Bedürfnisse des Verkehrs gehört zu den Grundelementen dieser Einrichtung. In erster Linie rekrutiert sich das Personal der Porten aus Garagisten, Benzinhändlern und Geschäftsleuten, deren Wohnsitz an der Strasse liegt und die ihre Arbeit völlig unentgeltlich in den Dienst der humanitären Sache stellen. Selbstverständlich unterstehen die Stationen wie das Personal einer regelmässigen Kontrolle, deren Ausübung durch Rotkreuzschwestern, Aerzte und Organe des Verbandes erfolgt. Im übrigen gestaltet sich die Arbeitsweise der einzelnen Posten so, dass dessen Chef bei jeder Hilfeleistung eine Unfallmeldung erstattet und sie an die Vereinigung der Verkehrsinteressenten schickt. Erhält der Arzt vom Verunfallten nicht sofort eine Entschädigung für seine Bemühungen, so schiesst ihm die Vereinigung sein Honorar vor und regelt dann die Rückerstattung direkt mit dem Verunfallten. Woher die Mittel für die Finanzierung des Hilfsdienstes fliessen? Zum Teil aus ' Sammlungen der grossen Verkehrsverbände, der Automobilklubs und der Privatindustrie, zum Teil auch durch Zuwendungen der öffentlichen Hand. Aber die Organisation will nicht nur helfend und rettend eingreifen, vielmehr erblickt sie darüber hinaus eine ihrer Aufgaben auch darin, auf dem Wege der Zusammenarbeit mit den Strassenbenützern die Unfallverhütung zu pflegen und vor allem durch Verkehrserziehung in der Schule. Schluss auf Seite 2. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarit. Imeralensehlnss 4 Tage vor Erseheinen der Nummer In dieser Nummer: Glarnerische Strasseniragen. Schweiz. Automobilmeisterschaft 1939. Praxis des Fahrers. Was kosten die Reichsautobahnen? Beilage: Auto-Magazin. Zum Grossen Preis von Deutschland Dieses Bild vermittelt einen ausgezeichneten Eindruck von der coupierten Eifellandschaft, in der am letzten Sonntag um den «Grossen Preis von Deutschland» gekämpft wurde. Hier sehen wir Hermann Lang auf Mercedes-Benz, der allerdings schon frühzeitig ausfiel, mit Schues eine Steigung des' Nütburgrings in Angriff nehmen. F E U I L L E T O N Verrannt Von Fridolin. Jeder bringt, was er hat. Mein Freund brachte eine lange Erfahrung im Automobilfahren mit. Nur hatte er sich in diesen langen Jahren angewöhnt, vor allem anderen schnell zu fahren, mit einem grossen S. Er hatte an vielen sportlichen Veranstaltungen mitgetan, aber sozusagen immer nur, wenn es sich darum handelte, die Lorbeeren, die zu ernten waren, mit hohen Geschwindigkeiten zu herbsten. Gemeldet hatten wir uns. Also gebot schon der Anstand, dass wir auch mittaten. Vier Plätze waren in seinen flinken Wagen eingebaut. Drei waren besetzt. Er am Steuer. Ich neben ihm und im Rücksitz kämpfte seine Frau mit den Tücken des Fahrtwindes, wie das nur eine Frau versteht. Immer ritterlich! In einem ruhigen Quartier der Stadt stand ein Tisch auf dem Trottoir. Wir sahen uns an und ich dachte: Da fehlt bloss noch eine Urne darauf und man wäre versucht, seine Kondolenzkarte hineinzuwerfen. Die Urne fehlte. Dafür standen da aber zwei'Stühle und auf dem Tisch lag eine grosse Zahl verschlossener Kuverts und ein Chronometer. Wir hielten vor dem Tischlein und hatten Herzklopfen. Ein netter junger Mann hatte ein Kuvert in der Hand und einen Chronometer. Dann sagte er «fünf, vier, drei, zwei, eins — ab!» zu uns und drückte mir die Enveloppe in die Hand. Zurück gab es nun nicht mehr, und wir fuhren blindlings fort, einfach irgendwohin, denn dreihundert Meter weit vom Start erst durften wir die vermaledeite Enveloppe öffnen. Als wir das Gefühl hatten, wir seien weit genug weg, hielten wir schon wieder und besahen uns die Bescherung. Oh Gott — das konnte ja nett werden. Da fielen uns zwanzig Photos in die Hand und ein rosarotes Blatt Papier. Auf diesem Hoffnungszettel standen die Namen von sechzehn Ortschaften im Baselbiet. Dazu die Bemerkung, wir müssten nun innerhalb von drei Stunden allen diesen Dörfern die Ehre unseres Besuches erweisen und dabei feststellen, wo diese zwanzig Bilder aufgenommen worden seien. Alles hübsch in eine Liste eingetragen und die eingeschlagene Reiseroute sollte ich auch noch aufschreiben. Was tut man, wenn man weiss, dass die auf unserem rosenroten Hoffnungsblatt angeführten Ortschaften auf dem kürzesten Weg alle berührt werden müssen? Man entfaltet die Landkarte, knickt und faltet, runzelt die Stirn und flucht und fragt andauernd die anderen: Hast du eine Ahnung, wo dieses Dorf liegt?' Wären die Veranstalter einer solchen Knacknuss-Fahrt nicht mit List und Tücke gesegnet, so wären sie keine Veranstalter, Irgend ein Teufel hatte ihnen also zuvörderst eingegeben, die rosarote Liste (ich muss sie schon, wieder erwähnen!) nach dem Alphabet zu ordnen. Da mussten wir also die Dörfer zuerst verlesen, und ich bestand darauf, dass wir solange nicht abfuhren, bis wir alles fein säuberlich sortiert hätten und uns eine genaue Route an Hand der Liste und der Karte aufgestellt hätten. Die Frau meines Freundes unterstützte mich darin, so dass mein Freund sofort abfuhr, ungeduldig wie die fünfzehn Jahre Rennfahrer-Erfahrung, die in seinem rechten Fuss zuckten. Ich klammerte mich verzweifelt an den Haufen Papier in meinem Schoss und befahl meine Seele allen guten Geistern von der Landestopographie. Bald hatten wir heraus, wo das erste Bild geknipst worden war, und weiter sauste mein Fahrer, als hätte er einen Kompressor im Leib. Ich schielte nach der Karte und versuchte die erste Entdeckung in meinen Fragebogen einzuschreiben. Hätte ich fünf bis sechs Hände gehabt, so wäre das vielleicht ganz gut gegangen. So aber musste die frisch ausgelüftete Dame hinter mir mit vollen Händen halten, was ich an Papierwust für.den Augenblick entbehren konnte. Sie krampfte die Bilder in ihrer Hand, als wären sie das Testament eines Rockefeller und sie die Universalerbin. Ich stiess furchtbare Drohungen aus für den Fall, dass sie auch nur eines verlöre. Vielleicht, dass das half. Jedenfalls verlor sie kein einziges. Schon hielten wir wieder in einem Dorf und fragten den ersten besten Menschen, ob er eines dieser Bilder erkenne? Der gute Mann nahm die Sache aber so gemütlich, dass wir dävonsausten, ehe er deren zwei auch nur richtig gesehen hatte. Glücklicherweise hatte ich ihm geistesgegenwärtig noch alles entrissen, ehe wir losbrausten. So «umsichtig» war ich noch in meinem Leben nicht Automobil gefahren! Meine Augen hingen rechts und links aus den Höhlen, Ueberall und nirgends konnte in einem, oder zwischen zwei Dörfern eines der photographierten Motive auftauchen. Meine Nerven begannen zu schwingen, wie die Saiten einer Windharfe und leises Zittern schlich in die Vorderarme, während meine vor Aufregung feuchten Hände unaufhörlich die Bilder mischten und blätterten, als wolle ich jassen damit. Bald kannte ich sie auswendig. Kirchtürme — das ging noch an. Was aber anfangen mit völlig nichtssagenden Hausecken und Strassenaufnahmen— sichtlich mitten auf einer Landstrasse mit aller Arglist der Kamera einverleibt? Oder mit einer Wand,