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E_1939_Zeitung_Nr.058

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 18. JULI 1939 — N 0 58 eines alten Stiches von Merian die Wand schmückt. Es ist uns nur deshalb vergönnt, diesen schönsten Wasserfall Europas heute noch als das gleiche Naturphänomen zu bewundern, wie es einst Schiller vor Augen stand und zu Versen hinriss, weil jene, die in den tosenden Wassermassen nur die brachliegenden PS und Kilowatt sehen, keine Möglichkeit haben, Hand an ihn zu legen. Der Schandpfahl mit dem aufgehängten Souvenirkitsch könnte noch manches tragen, vor allem die geschmacklosen Maskotten, mit denen noch vor kurzem so viele Autoritter das hintere Wagenfenster dekoriert haben. Ein Glück, dass sicheres Fahren besser vor Unfällen bewahrt, als eine abergläubische Allüre. Kann • jeder, der draussen ein Auto stehen hat, mit reinem Gewissen an dem Picknickplatz vorbeigehen, der hier so bezeichnend mit leeren Konservenbüchsen und Papierabfällen dekoriert ist! Nicht immer sind es hur per-pedes-Reisende, die es vergessen, ein einladendes Plätzchen in Gottes freier Natur nach dem Aufbruch von den Eückständen der Zivilisation zu befreien. Unser Volk Unser eigenes Spiegelbüd ist es, dem wir hier begegnen, und doch erleben wir tausend Ueberraschungen. Das Volk - gewiss, das sind wir, Sie und ich, aber auch jener Geissbub gehört zu ihm, der Ihnen in den Bündnerbergen den rechten Weg wies, jener gerissene Verkäufer am Automobil- Salon, der Sie durch seine verlockenden Angebote Ihrem alten Wagen fast hätte untreu werden lassen, und alle diese Volkstypen, die hier in dieser Halle in Überlebensgrossen Photographien von der Decke herab auf uns niederblicken. Ein Volk so verschiedener Herkunft und aus mental und physisch so differenzierten Individuen als nationale Einheit dem Besucher näherzubringen, war für die Ausstellenden keine leichte Aufgabe. Und doch trägt jeder, der hier aufmerksam hindurchwandelt, ein rundes Bild vom Wesen unseres Volksganzen mit sich fort. Wohl selten ist es gelungen, trockene Zahlen statistischer Erhebungen über Geburt, Ehe, Alter und Ueberfremdung so sinnfällig mit Hilfe von Puppen und beweglichen Bildern zu gestalten. An Tabellen und Kurven Über solche Lebensprobleme wäre der schaulustige Besucher uninteressiert vorübergelaufen, aber hier, vor diesen Puppenparaden, zwischen denen sich jeder einzelne mit seiner Familie selbst zu suchen hat, bleibt man stehen und staunt wenn man erfährt, dass jeder achte Schweizer eine Ausländerin heiratet, wie sich die Aussichten jedes einzelnen für eine längere Lebensdauer ständig verbessern und wie der bedrohliche Geburtenrückgang durch die geringere Sterblichkeit immer noch mehr als wettgemacht wird. «Ein Volk der Hirten», nennt uns das Ausland. Mit Recht? Keineswegs, denn deutlicher wie hier kann nicht dargetan werden, dass die Schweiz zu den ausgesprochenen Handels- und Industrievölkern zählt. Aber solange unsere Radio-Auslandsprogramme ausschliesslich mit Ländlermusik und Jodlerdarbietungen aufwarten, solange auf den Fremdenprospekten nur Geissbuben und Trachtenfrauen zu sehen sind, dürfte sich dieses Vorurteil nicht so bald wandeln. Leider ist auch die Zeit nicht dazu angetan, um heute einen grossen Ausländerstrom in der «Landi» erwarten zu dürfen; so hört der Schweizerbesucher hier nur selten eine fremde Zunge zwischen seinen Landsleuten. Ein Raum kann geviertelt sein aus 4 Wänden, Boden und Decke, er kann die Form eines Zylinders haben, aber dass sich auch aus einem Polygon mit nach oben schräg sich verjüngenden Wänden ein reizvoller Ausstellungsraum schaffen lässt, zeigen die zuckerhutartigen Bauten. In einen davon tritt der Besucher jetzt zur Unken Hand ein und findet darin ein Ehrenmal für Frauentum und Frauenarbeit, mit dokumentarischen Photographien über die vielseitige Tätigkeit der Frau als Mitarbeiterin des Mannes und als Hüterin des Herdes. Abschliessend für diese Abteilung wird man über die soziale Arbeit unseres Landes unterrichtet und erkennt dankbar an, dass das Gotthelf-Wort «Die Menschen sind da, um einander zu helfen», durch die Fürsorge zahlreicher Körperschaften von Jahr zu Jahr mehr in die Tat umgesetzt wird. Die offenen Strecken. Eine kleine Abschweifung über eine Eigenart der Architektur der Höhenstrasse die sich ebenso überraschend wie erfreulich auswirkt, dürfte an dieser Stelle angebracht sein. Es sind die immer wieder eingeschalteten offenen Strecken, die man wie ein Ausruhen zwischen anstrengender Geistesarbeit empfindet. Aufatmend gehiesst man die Weite, die frische Bise, die links vom See her weht und gerne lässt man den Blick über die Gesamtanlage schweifen. Gerade jetzt, da der Ausgang des Raumes «Soziale Arbeit» ins Freie führt, findet man ein prächtiges Bild: rechter Hand erhebt sich ein eisernes Gerüst, in dem sich ein riesiger stilistischer Destillationsapparat aufbaut, der wie eine groteske Plastik das Wahrzeichen der Halle «Pharmazeutik» darstellt. Daneben dehnen sich die Gartenanlagen, die dem ganzen Ausstellungsareal ein so frisches Aussehen geben, bis hinauf zum Bellevoirpark, der schon immer als eine der schönsten Parkanlagen der Schweiz galt. Ein Blick links hinunter zeigt die monumentale Plastik einer sitzenden Mutter mit ihrem Kind, den Arm erhoben, gleichsam als abwehrende Geste gegen die gesundheitlichen Gefahren, die in den dahinter liegenden Gebäuden «Vorbeugen und Heilen» gezeigt werden und ihr Kind bedrohen könnten. Lebendiger Bnnd Man kann nicht anders als mit Würde diese Halle betreten. Auf vier wuchtigen Pulttischen verleihen die Bundesbriefe von 1291 der Idee der Eidgenossenschaft Ausdruck: Treue, Freiheit und Ordnung. Nicht allein dieses ehrwürdige Schriftstück, von dem ausgewählte Hauptsätze in den vier Landessprachen plastisoh die Wand schmücken, mahnen zur innern Sammlung. Der Raum ist es und seine Gestaltung, die eine weihevolle Sphäre schaffen, und man wird den Eindruck dieser durch den Raum'bedingten Stimmung nochmals in der Ehrenhalle mit der Plastik « Wehrbereitschaft» und in der Halle « Gelöbnis » erleben. Der Besucher begegnet in diesen granitenen Wänden einer Kunst und einer Linenführng des Raumes, die in ihrer klaren und einfachen und doch monumentalen Gestaltung dem Verständnis und der Auffassungsgabe eines jeden unter uns entspricht Nichts Prahlerisches, nichts Posierte« lenkt vom eigentlichen Gehalt des Ausgestellten ab, der in aller Schlichtheit genügend Giösse enthält, um den Besucher zu zwingen, den Hut in die Hand zu nehmen und zu schweigen. Raumgestaltung und Ausstellangstechmk. Während wir weiterschreiten, ein paar Worte über die Art, wie hier in der Höhenstrasse Objekte, Dokumentationen und Ideen dem Besucher nähergebracht werden. Sachlichkeit, Klarheit im Ausdruck, Ruhe der

— DIENSTAG. 18. JULI 1939 AUTOMOBIL-REVUE 11 Formgestaltung und Farbgebung sind hier als Maximen moderner Ausstellungstechnik Selbstverständlichkeiten. Aber man hat sich nicht allein damit begnügt. Der wie aus einem einzigen granitenen Felsen ausgehauene Raum mit dem wuchtigen Standbild des jungen Kriegers, der sich gleich einem gespannten Bogen kraftvoll streckt und mit stolzer, trotziger Miene der Gefahr ins Auge blickt — dieser fast kahl anmutende Raum mit den 4 Fahnen der Schweiz und den drei Urkantonen als einziger Farbenschmuck doziert nicht, sondern appelliert an das Gemüt und die Empfindung. Und so ist es überall: auf das verstandesmässige und gedächtnishafte Erfassen von Dingen, Tatsachen und Ereignissen wird weit weniger Wert gelegt als auf das gefühlsmässige Erkennen des Wesentlichen durch Herz und Sinn. Das ist es auch, was diese Schau so stark von einer Messe oder einem Museum unterscheidet. Der Hauptraum «Das Werden des Bundes» verzichtet darum auch auf das museumhafte Zurschaustellen von Dingen, die als Wegsteine der Schweizergeschichte dienen könnten. Ein einziges riesiges Wandbild, das die eine Seite umfasst, beherrscht den Raum, der mit den einfachen Bänken und der schmucklosen Architektur einzig auf diesen zum Bilde gewordenen Werdegang der Eidgenossenschaft hinweist. All die grossen Gestalten, die an den Höhe- und Wendepunkten der Geschichte hervortraten, tauchen in dieser gigantischen Schwarzweisszeichnung von Otto Baumberger im Zusammenhang mit den entscheidenden Geschehnissen auf, während man den Raum langsam durchschreitet, oder sich auf. einer der Sitzgelegenheiten niederlässt, um die sorgfältig mit Kohle aus der wöissen Fläche herausgearbeiteten Gestalten zu studieren. Ein Musterbeispiel dafür, wie die Zusammenhänge der Geschichte dem Volke ohne viel Namen und Zahlen real und eindrucksvoll dargestellt werden können. Wie gut ist es, dass man nirgends durch ermüdende Erklärungen, langweilige Statistiken und trockene Zahlen vom eigentlichen Sinn und Gehalt der Erscheinungen abgelenkt wird. Dort, wo statistische Erebungen nicht umgangen werden können, wie z. B. bei den so bedeutungsvollen Darstellungen der Wirtschaftsstruktur der Schweiz, genügt ein Blick des Beschauers, um die ungefähren Verhältnisse zu erfassen. Neben den Zahlen, die dort an der Hallenwand gegenüber der Höhenstrassengalerie hervortreten und die einem ja doch kaum im Gedächtnis haften bleiben, stration, sondern gleichzeitig auch als prächtiges dekoratives Werk angewandter Kunst wirken. Ueberhaupt sind es besonders zwei Ausdrucksmittel, die der Höhenstrasse ein eigenes, zeitgemässes Gepräge geben: Das eine besteht in der Betonung des Materials und des Körperlichen. Bei jeder Darstellung wird versucht, den Dingen Relief zu geben, sie vortreten zu lassen, entweder in Form freistehender Figuren, Reliefs oder Sgrafittos. Gelöbnis ». zu beleben. Immer wieder erlebt man es, wie ein Bild ganz anders wirkt, wenn es in seinen Konturen ausgeschnitten und von der Rückwand abstehend befestigt wird. Schriften werden durch eine solche körperliche Gestaltung bei richtiger Beleuchtung ungemein dekorativ. Statt abstrakte Probleme und Begriffe, wie z, B. Arbeit, Wirtschaft, Wehrwesen, durch •langatmige schriftliche Erläuterungen zu erklären, werden diese durch plastisch gestal- Yete bildliche Darstellungen aus allen mögli- «chea .Materialien einfach und sinnfällig ins Bewusstsein gebracht. Neben dem Gipsabguss, mit dem durch rhythmische Anordnung gleicher Motive überraschende Effekte erzielt werden, ist es das Sgrafitto, das vielfach reizvolle Anwendung findet, ein Verfahren der Bild- und Schriftdarstellung durch stellenweises Auskratzen einer Deckschicht der Wand, wodurch der andersgetönte oder andersfarbige Untergrund hervortritt und so nicht nur ein zweifarbiges, sondern auch ein mehr oder weniger vertieftes Bild von eigenartiger Wirkung erreicht wird. Diese Auflockerung der Flächen, verbunden mit einer harmonischen und dezent gehaltenen Farbengebung und einer proportional schönen Raumaufteilung bewirken, dass der Blick des Beschauers trotz der vielen ermüdenden Eindrücke immer wieder aufs neue zum Schauen ermuntert und angeregt wird. Das andere vielverwendete Ausdrucksmittel ist die Photographie. Mit Recht! Keine künstlerische Gestaltung, keine Reproduktionsart vermöchte die äussere Wirklichkeit der Dinge mit der gleichen Naturnähe widerzugeben wie die Photographie. Ungeachtet, ob es sich um die Darstellung charaktervoller Volkstyperr, einer stimmungsvollen Landschaft oder um die Wiedergabe von Gegenständen und Bildwerken handelt, immer vermögen diese oft überdimensionierten photographischen Vergrösserungen, die in der Höhenstrasse so häufig auftauchen, das in Frage stehende Sujet mit überrasohender authentischer Wirklichkeitstreue vor Augen zu führen. Arbeit und Wirtschaft Mit solchen Gedanken ist der Besucher über eine terrassenartige Unterbrechung der «Strasse» zur «Arbeit und Wirtschaft» gelangt, wo an der Decke eine mächtige Folge farbiger Zeichnungen von Paul Boesch dem Beschauer die Entwicklung der schweizerischen Wirtschaft vor Augen führt. Es hat immer einen eigenartigen Reiz, dem Entwicklungsgang einer Sache von den Anfängen bis zum heutigen Stand der Dinge nachzuspüren, besonders dann, wenn wir mitten in diesem Geschehen stehen, bei dem wir es im Hinblick auf die technische Seite «herrlich weit gebracht» haben, das uns aber in kultureller Beziehung gar zu oft wieder in primitive Zustände zurückwirft. Wer Zeit und Müsse findet, lässt diese bedeutendsten Etappen unserer Wirtschaftsgeschichte gleich einem fesselnden Film an seinem Auge vorübergleiten, wobei er den jagenden und fischenden Pfahlbauern begegnet, den Römern, die uns neue Gewerbe lehrten und den mittelalterlichen Mönchen und Adeligen. Dann treten die Zünfte auf, das Gewerbe blüht, bis die neuere Zeit den Arbeitsprozess dem Handwerker aus der Hand nimmt und der Industrie zuführt. Das Zeitalter des Handels und des modernen Verkehrs erobert die Welt, und knapp vor der Jahrhundertwende taucht das motorgetriebene Fahrzeug auf. Das Auto ist geboren! Und hier, unter diesem Bildabschnitt, wo Boesch den ersten trollig anmutenden Benzinwagen gezeichnet hat, braucht der Beschauer nur den Blick zu senken ( um das älteste Saurer-Auto aus dem Jahr 1896 leibhaftig zu sehen. Sicher dürften einige technische Angaben interessieren: Der 5-PS-Motor, der in Arbon konstruiert wurde, ist im'Hinterteil des Wagens eingebaut. Es ist ein Balancier-Motor mit einem Zylinder" und 2 Kolben, die horizontal und quer zur Fahrrichtung liegen. Die Bewegung der Pleuelstangen wird durch Balanciers auf die unter dem Motor Hegende Kurbelwelle übertragen. Als Triebstoff findet Petrol Verwendung, das in den Zylinder eingespritzt wird. Die Zündung erfolgt durch ein Glührohr, das vor dem Anlassen des Motors angewärmt werden muss. Der Motor ist so eingestellt, dass er nur mit voller Einspritzung laufen kann. Die Regulierung ist eine sogenannte Aussetzer-Regulierung, welche bei geringeren Leistungen als 5 PS die Einspritzung zeitweise unterbindet. Die Kraftübertragung geschieht durch eine metallische Konuskupplung und ein Dreiganggetriebe auf die Querwelle und von da durch zwei Ketten auf die Hinterräder. Auch über eine Wasserkühlung verfügte der Motor, sie besteht aus einem Röhrenkühler, der mit Kühlrippen versehen ist und sich unter den vorderen Sitzen des Wagens befindet. Mit Ausnahme von einigen Spezialteilen, die aus Paris bezogen werden mussten, ist der Wagen echte Schweizer Arbeit. Und nun steht dieser Veteran hier als ein Wahrzeichen dafür, dass auch ein kleines Land frühzeitig das Morgenrot einer neuen, überwältigenden Technik erkennen kann. Jetzt ist das Interesse des Fachmannes geweckt, zumal auf der linken Saalseite neben den Erzeugnissen verschiedener Industrien weitere Kraftmaschinen in natura oder als Photo ausgestellt sind. Dem Bild des ältesten Sulzer Dieselmotors aus dem Jahre 1897 ist als Vergleich die Photo eines modernen 12zylindrigen Sulzer Schiffdieselmotors mit nicht weniger als 12 500 PS gegenübergestellt, und so geht es weiter. E i n Grundton ist aus Ausschnitt aus dem prächtigen Wandgemälde «In Lahore Pax> von 0. Baumberger im Hauptraum «Das Werden des Bundes». reihen sich schöne, plastisch aus Gips gegossenen Köpfe, die durch ihre Anzahl über das Verhältnis der in Berufsgruppen eingeteilten Bevölkerung orientieren und so nicht nur als eine eindrucksvolle und anschauliche Demon- Eine Plakette, eine Tafel, eine Wand wird nicht einfach mit einem Bild versehen oder plan beschriftet, wie dies üblich zu geschehen pflegt, sondern man sucht die Fläche durch eine dreidimensionale räumliche Aufteilung Landflucht und Verstädterung. Durch solche lebendige und anschauliche Darstellungen lassen sich statistische Erhebungen weit fesselnder zeigen als durch trockene Zahlen und Tabellen