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E_1939_Zeitung_Nr.074

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6 AUTOMOBIL-REVUE

6 AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 19. SEPTEMBER 1939. — N° 74 Kennen Sie die Gradabzeichen unserer Offiziere? seine ganze Zukunft von entscheidender Bedeutung ist : In Paris übernimmt Joffre, der bisher während langen Jahren in den Kolonien gedient hatte, das Kommando der 6. Infanteriebrigade und sucht, wie er selbst sagte, einen «Elite-Stab». Einer seiner Freunde empfiehlt ihm Gamelin, den er zu seinem Adjutanten ernennt und der ihn über das Kommando des 2. Armeekorps hinweg m den Obersten Kriegsrat begleitet. Bei Kriegsausbruch ist Gamelin Bataillonskommandant und Oiperationsoffizier im Grossen Generalstab an der Seite Joffres, nachdem er zwischenhindurch während zwei Jahren ein aktives Kommando ausgeübt hat. Am 4. September 1914 entwirft er den Operationsplan und verfasst den berühmten Befehl, durch den der Widerstand richtig organisiert und die Marneschlacht ausgelöst wird. Das folgende Jahr sieht ihn als Oberstlieutenant und Chef des Operationsbureaus; 1916 zieht es ihn wieder an die Front; er wird Oberst und kämpft mit Auszeichnung im Elsass und an der Somme. Noch im gleichen Jahr erfolgt die Beförderung zum Brigadegeneral und Stabschef des Generals Micheler. Im nächsten Jahr kehrt er, diesmal als Divisionskommandant, in die vordersten Linien zurück. Am Ende des Weltkrieges übernimmt der nunmehr Sechsundvierzigjährige vorerst die Leitung einer französischen Militärmission in Brasilien; im Jahr 1925 unterdrückt er den Drusenaufstand in Syrien und befreit das belagerte Sueida. Vier Jahre später erhält er ein Armeekoripskommando, zwei Jahre darauf wird er Chef des Generalstabes, und 1935 Generalissimus. Gamelin ist der charakteristische Vertreter bester soldatischer Tradition, die ihre höchste irdische Zufriedenheit darin findet, dem Lande zu dienen, wo und wann es immer, auch unter Hintansetzung aller privaten Interessen, möglich ist, eine Tradition, die sich restlos und bedingungslos der Erfüllung der gestellten Aufgaben unterordnet und keinen andern Lohn erwartet als das Bewusstsein der erfüllten Pflicht. Dieser Einsatz ist es, der beim gesamten Volk die Ueberzeugung wachruft, dass der Soldat nicht mehr sich selbst, sondern dem Lande gehört. Weshalb die Bezeichnung « unser Gamelin » für diesen die höchste Anerkennung seines Schaffens bedeutet. 0" Mütze und Kragen General. Oberstkorpskommandant. Obers tdivisionär. Oberstbrigadier. Oberst Oberstleutnant. Major. Hauptmann. Oberleutnant. Leutnant. sern beinahe um ein Viertel überlegen*); wir haben nichtsdestoweniger 90 Chancen für uns und keine 10 gegen uns. » Dann diktierte er den Befehl zur Schlacht, den zwei Generale, auf dem Boden sitzend, schrieben. Wellingtons Armee war zwischen dem Städtchen Braine l'Alleud und dem Meierhof Papelotte aufgestellt; seine Hauptmacht stand zu beiden Seiten der Strasse von Charleroi nach Brüssel auf einem von Westen nach Osten laufenden Höhenzug. Die französische Armee war in einer Entfernung von zwei Kilometern vor dem Gegner aufgestellt, die Infanterie bildete zwei Treffen, die Kavallerie das dritte. Um 9 Uhr langten die Spitzen der Kolonnen, die die erste Linie bildeten, auf den Punkten an, wo sie sich entwickeln sollten. Alles war auf dem Blücher Marsch. Trompeten und Trommeln riefen zur Schlacht; die Musik spielte Märsche, die der Truppe die Erinnerung an zahlreiche Siege wachrief. Nachdem die Aufstellung vollzogen war, herrschte tiefe Stille auf dem Schlachtfeld. Jetzt ritt der Kaiser durch die Reihen. Eine wilde Begeisterung erfasste die Truppen. Die Infanterie erhob ihre Mützen auf den Spitzen der Bajonette, die Kürassiere,- Dragoner und leichten Reiter ihre Helme und Tschakos auf den Spitzen ihrer Säbel. Alles rief: « Vive l'Empereur ! » Während dieser Zeit gab der Kaiser seine letzten Befehle und verfügte sich dann an die Spitze der Garde auf eine Anhöhe, von der aus man das ganze Schlachtfeld überblicken konnte. Jeröme, der Bruder des Kaisers, eröffnete die Schlacht mit einem Angriff auf das Gehölz und Schloss von Hougomont, das von einer Divison englischer Garde, der besten Truppe Wellingtons, verteidigt wurde. Nach vielen wechselnden Siegen und Niederlagen, mit denen ein grosser Teil des Tages hinging, blieb schliesslieh der ganze Wald den Franzosen, während das Schloss mit einigen hundert Engländern zähesten Widerstand leistete. Marschall Ney war der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, das feindliche Zentrum anzugreifen. Niemand konnte dafür geeigneter sein als dieser General, der im russischen Feldzug Wunder an Tapferkeit verrichtet hatte. Ehe der Kaiser den Befehl zum Angriff gab, musterte er noch ein letztes Mal das Schlachtfeld und bemerkte in der Gegend von Saint-Lambert eine dunkle Masse, die er für Truppen hielt. Man nahm an, es sei Grouchy; es war jedoch die Vorhut des preussischen Generals von Bülow, der mit 30.000 Mann heranzog. Sofort entsandte der Herzog von Dalmatien den Befehl an Grouchy, unverzüglich gegen Saint-Lambert zu marschieren und dem Konps Bülow in den Rücken zu fallen. Es war 11 Uhr. Der Offizier hatte nur 4 Kilometer auf guten Wegen zurückzulegen und versprach, in einer Stunde bei Grouchy zu sein. Nun entsandte der Kaiser den Grafen von der Lobau mit ) In Wirklichkeit standen 74.000 Franzosen mit, 266 Geschützen 68.000 Verbündeten mit 180 Geschützen gegenüber, , i 10.000 Mann über die Chaussee von Charleroi, um Bülow in Schach zu halten. Es wurde Mittag. Der Kaiser gab gegen 3 Uhr dem Marschall Ney den Befehl, sich des Gutshofs La Haye-Sainte zu bemächtigen. Bald verbreiteten 80 Geschütze Tod und Verderben über den ganzen linken Flügel der Engländer. Ein gross angelegter englischer Kavallerieangriff wurde mit einem Angriff der Kürassierbrigade Milhauds beantwortet, bei der die englische Kavallerie über den Haufen gerannt und mehr als die Hälfte vernichtet wurde. Aber Ney hatte ohne Befehl des Kaisers die Kavallerie eingesetzt. Nun musste man den Angriff durch Einsatz weiterer Reitermassen stützen. Die KavaEerie Kellermanns, 3000 Mann stark, versuchte nun einen Durchbruch, um die Schlacht zu entscheiden. Die Division der schweren Gardekavallerie unter General Guyot schloss sich dem Angriff an. Napoleon versuchte, sie durch General Bertrand zurückrufen zu lassen. Es war seine Reserve, und wie oft hatte nicht diese den Sieg entschieden. Der Durchbruch gelang, wurde aber nicht genügend durch nachrückende Infanterie unterstützt, so dass sich die Truppe auf die Behauptung des eroberten Terrains beschränken musste. Nach dreistündigem erbittertem hin- und herwogendem Kampf befand sich La Haye-Sainte im Besitz der Franzosen. Inzwischen hatte die Unordnung im englischen Heer die Oberhand gewonnen. Der Sieg wäre schon für Napoleon entschieden gewesen, wenn General Bülow nicht seine mächtige Umgehung unternommen hätte. Ungefahrt um diese Zeit erhielt ;,der Kaiser eine unangenehme Nachricht von Grouchy : dieser hatte* um lO^'Uhr früh noch immer nicht sein Lager in Gembloux verlassen. Inzwischen Wellington begann der Kampf Lobaus mit Bülow. Napoleon setzte die Junge Garde und Teile der Alten Garde ein. Bülows Angriff wurde zum Stillstand gebracht. Es war 7 Uhr. Zwei Stunden waren vergangen seit Graf Erlon La Haye genommen hatte. Das ganze Schlachtfeld zwischen La Haye-Sainte und Mont-St-Jean befand sich in französischem Besitz. Grouchy war von seinem Lager in Gembloux nicht vor 10 Uhr morgens aufgebrochen. Zwischen 12 und 1 Uhr befand er sich auf halbem Wege zwischen Gembloux und Wavre. Er hörte die furchtbare Kanonade von Waterloo. Kein erfahrener Offizier konnte daran zweifeln, was dieser Geschützdonner bedeutete. General Exelmans, der die Kavallerie befehligte, war aufs höchste erregt und sagte zu.Grouchy: «Der Kaiser kämpft gegen die englische Armee. Es kann kein Zweifel bestehen, ein sn gewaltiges »Feuer kann kein Scharmützel sein. Marschall, wir müssen in der Richtung des Kanonendonners marschieren ! Ich bin ein alter Soldat der Italienischen Armee. Hundertmal habe ich General Bonaparte diesen Grundsatz betonen hören. Wenn wir uns links wenden, werden wir in zwei Stunden auf dem Schlachtfeld sein. > «Sie mögen recht haben », erwiderte der Marschall, «wenn jedoch Blücher bei Wavre angreift und mich in der Flanke bedroht, so komme ich in Gefahr, meinen Befehl nicht befolgt zu haben, der besagt, Blücher entgegen zu marschieren. > In diesem Augenblick meldete man ihm, seine leichte Kavallerie stehe bei Wavre im Gefecht mit den Preussen. Um 4 Uhr traf er selbst in Wavre ein. Hier traf der Offizier Napoleons ein, den man am Morgen um 10 Uhr an Grouchy abgesandt hatte; mit dem Befehl, Bülow anzugreifen. Feldmarschall Blücher hatte mit 75.000 Mann die Nacht vom 17. auf den 18. Juni in Wavre zugebracht. Da ihm der Herzog von Wellington mitgeteilt hatte, er sei entschlossen, die Schlacht anzunehmen, so sandte Blücher den General von Bülow zu seiner Unterstützung ab. Dann marschierte er am Nachmittag des 18. auf grundlosen Wegen in Richtung Waterloo. Seine zwei Kolonnen von 30.000 Mann stiessen zuerst auf Bülow und die Engländer. Büiow befand sich in vollem Rückzug! Wellington war vollkommen verzweifelt. Jetzt war er gerettet. Napoleon sah, wie ihm der Sieg entfiel, nachdem die Verstärkung durch Blücher das feindliche Heer auf 150.000 Mann brachte. Nachdem Bülows Angriff zurückgeschlagen war, gab der Kaiser dem General Drouot Befehl, alle seine Leute vor dem Gut Belle- Aliliance zu vereinigen, wo er mit 8 Bataillonen Stellung genommen hatte. Die französische Kavallerie wartete auf das Eintreffen der Gardeinfanterie, um den Sieg zu entscheiden. Plötzlich sahen sie die Truppen Blüchers anmarschieren. Einige Regimenter wichen bereits. Da setzte sich Napoleon selbst an die Spitze von 4 Bataillonen der Garde, die alles zurückwarfen, was sich ihnen in den Weg stellte. Kavallerieangriffe brachten Schrecken in die Reihen der Engländer. 10 Minuten später trafen andere Bataillone der Garde ein. Gerade um diese Zeit ging die Sonne unter, Blücher griff bei La Haye-Sainte an und besiegte die französischen Truppen, die in zügelloser Unordnung die Flucht ergriffen. Hier soll zum erstenmal der Ruf ertönt sein : < Rette sich, wer kann ! > Nun überflutete feindliche Kavallerie das Schlachtfeld, General von Bülow rückte erneut vor. Das Gewühl wurde so ungeheuer, dass man der Garde befehlen musste, die Front zu ändern. Englische Kavallerie drang zwischen der Garde durch. Der Kaiser hatte gerade noch Zeit, sich in den Schutz eines der Karrees seiner Garde zu begeben. In der Dunkelheit der Nacht wurde die Unordnung immer grösser. Die Garde ging zurück, das Feuer des Feindes war der Armee bereits 750 Meter im Rücken. Es war kein Augenblick mehr zu verlieren. Der Kaiser konnte sich nur noch über die Felder zurückziehen. Kavallerie, Artillerie, Infanterie, alles rannte wild durcheinander. Es war jetzt 11 Uhr abends. Der Rückzug artete in wilde Flucht aus. Die letzte Schlacht des Kaiserreichs, die fünfzigste, die Napoleon schlug, ^war verloren.

U N T E R H A L T U N G S - S E I T E N D E R A U T O M O B I L - R E V U E BERN, Dienstag 19. September 1939 Automobil-Rtvut - II. Blatt, Nr. 74 Dennoch liebt er sie... «Die wahre Liebe», meinte der junge Mann, während seine Augen mit leidenschaftlicher Bewunderung auf dem Antlitz der schönen Frau ruhten, «die wahre Liebe bedarf keines äusseren Lockmittels. Sie sieht bis auf den Grund der Seele hinab und entdeckt dort Schätze, die kostbarer sind als alle Schönheit der Welt. Ihre Sprache ist die stumme Melodie des Schweigens. Der wahren Liebe ist es gleich, ob ihr Idol den Augen schmeichelt oder nicht. Sie ist über die Begriffe .schön' und .hässlich' erhaben.» «Meinen Sie?» Die Lippen der Frau kräuselten sich zu einem spöttischen Lächeln, «Dann wäre es also nur unser innerstes Wesen, das im Herzen des Mannes tieferen Widerhall weckt. Dann wäre alle Bewunderun)!, die unseren äusseren Vorzügen gezollt wird, nur holde Täuschung, Wenn ich Sie richtig verstehe, muss jede wahre Liebe unter der sichtbaren Hülle den reinen und wertvollen Kern finden... «So ist es!» bekräftigte der junge Mann. «Ihre Auffassung ist die eines jungen Idealisten. Es wäre schön, wenn sie alle Männer teilen wollten ... Leider glaube ich Ihnen kein Wort. Sie sind nicht um ein Haar besser als die anderen. Nehmen wir den naheliegendsten Fall... Ihren eigenen. Sie sind an meinen Tisch gekommen, obwohl noch mindestens ein halbes Dutzend Tische frei waren. Sie baten um die Erlaubnis, hier Platz nehmen zu dürfen, und erhielten sie. Was hat Sie veranlasst, gerade meine Gesellschaft, die Gesellschaft einer unbekannten Frau zu suchen? War es nicht meine äussere Erscheinung, die Sie anzog, mein Gesicht, meine Haltung, meine Art, sich zu kleiden? Seien Sie ehrlich, auch Sie haben sich durch den Schein blenden lassen!» Ueber das Gesicht des Mannes huschte eine flüchtige Röte. «Ich gebe zu, dass es Ihr reizvolles Aussehen war, das mich im ersten Augenblick fesselte. Aber auch die blendendste Schönheit kann enttäuschend wirken, wenn sie nicht vom Feuer des inneren Adels überstrahlt wird. Es ist die Seele, deren Widerschein auf Ihren Zügen und im Blick Ihrer Augen liegt. Sie überstrahlt die Schönheit Ihres Körpers und lässt sie beinahe vergessen. Ich glaube, man würde Sie auch lieben müssen, wenn Sie alt und hässlich wären!» Die Frau lachte, ein sonderbar helles, glockenreines Lachen. «Sie sind ein Schwärmer. Fast könnte man glauben, dass Sie es ehrlich meinen. Ich fürchte, Sie werden bald Gelegenheit haben, Ihre Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen!» Der junge Mann schien diese Bemerkung überhört zu haben, so sehr war er in den Anblick seines bezaubernden Vis-a-vis versunken. Auch die Dame verfiel für einen Augenblick in Schweigen. Dann erhob sie sich mit einem leisen Seufzer. «Entschuldigen Sie mich bitte für einige Minuten. Ich möchte nur im Hotel anfragen, ob Post für mich da ist.» Sie schob mit einer hastigen Bewegung den Sessel zur Seite und schritt durch den schmalen Gang zwischen dea Tischreihen auf die Telephonzelle zu. Der Mann folgte ihr mit den Augen und ... plötzlich nahm sein Gesicht den Ausdruck tiefster Enttäuschung an. Sollte es möglich sein? Diese schöne, elegante Frau war in Wirklichkeit ein Krüppel! Ihr Rücken war schief und leicht gekrümmt, die linke Schulter erheblich tiefer als die Von M. Mauthner. rechte; es tat förmlich den Augen weh, sie derart missgestaltet zu sehen. Dass die Unglückliche dazu noch bemüht schien, ihren Körperfehler zu verbergen, wirkte geradezu peinlich. «Nein, so ein Pech», fuhr es ihm durch den Sinn. Er überlegte krampfhaft, wie er sich möglichst rasch und schmerzlos aus der Affäre ziehen könnte. Die Vorsehung kam ihm zu Hilfe. Zwischen den Tischen tauchte das gutmütig-fröhliche Gesicht seines Freundes Rudi auf. Natürlich, Rudi musste ihm aus der Klemme helfen. Schliesslich war es nicht das erste Mal... Hastig winkte er den Freund an sich heran. Sie die ungeschminkte Antwort suchen auf all die Fragen, die Russland heute «Rudi, ich bin in eine etwas unangenehme Situation geraten. Vor einer halben Stunde habe ich an diesem Tisch eine junge und nicht ganz reizlose Dame kennengelernt.., Nun, du wirst mich verstehen. Sie reist allein und ist in unserer Stadt fremd. Anstandshalber müsste ich ihr den Abend widmen, aber leider bin ich schon mit Tilly verabredet und kann nicht gut absagen. Möchtest du für heute die Rolle des Kavaliers übernehmen?» Rudi lächelte und Hess die weissen Zähne sehen. «Wenn es nichts weiter ist! Ich fürchtete schon ein neues Attentat auf meine Brieftasche!» «Dort kommt sie!» zeigte der Freund und unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen. Rudi konnte seine Enttäuschung nicht verhehlen. Die Aussicht, einen Abend in Gesellschaft dieses linkischen, verkrüppelten Mädchens zu verbringen und vielleicht zwischen spöttischen Blicken Spiessruten laufen zu müssen, erschien ihm wenig verlockend. Die Stimme des Freundes unterbrach seine Gedanken. «Darf ich Ihnen meinen Heben Kollegen Rudi Wagner vorstellen, gnädige Frau? Er wird sich mit Freuden Ihrer Unterhaltung widmen. Ich ... ich habe nämlich eine dringende Verabredung und muss Sie leider verlassen. Auf Wiedersehen!» «Auf Wiedersehen!» Der junge Mann vermied es, ihr in die Augen zu sehen, in denen er ein spöttisches Aufleuchten wahrzunehmen glaubte. Eilig verliess er das Lokal. so lesen Sie das hochaktuelle Buch jfcn btnst C£am So lebt Russland Die Leser lernen auf einer Fahrt durch Russland seine Länder und seine Städte und das Leben kennen, das Millionen von Menschen im heutigen Russland führen. Eine ergreifende Schilderung von der erschütternden Tragik, mit der ein Volk sein Schicksal trägt. Gebunden Fr. 5.50, kartoniert Fr. 3.80 In allen grössexen Buchhandlungen erhältlich, wo nicht, beim Verlag Hallwag Bern «Eigentlich schade, dass sie ein Krüppel ist», dachte Rudi im stillen. «Sie hat ein reizendes Gesicht!» Nach und nach kam das Gespräch zwischen ihm und der fremden Dame in Fluss. Je länger die Unterhaltung dauerte, desto merkwürdiger schien Rudi der Umschwung, der sich in seinem Innern vollzog. Nach kurzer Zeit begann er, für seine Tischpartnerin Bewunderung zu fühlen. Welch ein kluges, gebildetes, charmantes Geschöpf! Wie wusste sie geschickt die Fäden der Unterhältung zu lenken, wie klar und gescheit waren ihre Ansichten! Keinen Augenblick lang hatte Rudi das Gefühl, dass sich hinter dem warmen Klang dieser Stimme unaufrichtige Gedanken verbergen könnten. Die Frau hatte ihn völlig fasziniert. Aber auch sie hatte mit scharfem Blick Rudis wahres Wesen erkannt. Er war kein Blender, er hatte nicht eine Spur jener schillernden Beredsamkeit, die seinem Freund zu so vielen Erfolgen bei Frauen verhalf. Aber in seinen ehrlichen Augen lag soviel Güte und herzliche Aufrichtigkeit, dass man ihm unwillkürlich Zuneigung schenken musste. «Er müsste ein treuer Kamerad sein», dachte die Frau. «Sie ist trotz ihres Gebrechens schön und liebenswert», stellte Rudi insgeheim fest. In einer impulsiven Aufwallung wandte er sich an seine Tischpartnerin: «Würden Sie mir die Freude machen, heute abend mit mir in die Oper zu gehen?» Sie sah ihn erstaunt an. «Ja stört es Sie denn nicht, dass ich...» Sie zeigte verlegen auf ihre linke Schulter. «Sie sind ein Kind», lachte Rudi. Er fühlte ein unwiderstehliches Bedürfnis, zu ihr doppelt lieb und aufmerksam zu sein. «Also abgemacht?» «Gut, holen Sie mich abends vom Hotel ab. Würden Sie böse sein, wenn ich Sie jetzt bitte, mich allein zu lassen? Ich möchte noch einige Briefe schreiben.» Rudi erhob sich und drückte einen ehrerbietigen Kuss auf die schmale Hand. «Also auf Wiedersehen, heute abend um acht Uhr!» Pünktlicher, als es sonst bei ihm üblich war, fand sich Rudi in der Hotelhalle ein. Er freute sich im voraus auf den netten Abend, den er seiner Partnerin bereiten wollte. Keinen Augenblick lang sollte sie das Gefühl haben, hinter anderen glücklicheren Frauen zurückstehen zu müssen. Im stillen hoffte er nur, dass sie keine allzu auffallende Toilette anziehen würde. «Guten Abend!» Der Klang einer melodischen Stimme weckte ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich um, und seine Augen nahmen den Ausdruck fassungsloser Ueberraschung an. Träumte er? War diese schöne, graziöse Frau, die in der Haltung einer jungen Königin die Treppe hinabschritt, sein bemitleidetes Aschenbrödel? Wie prachtvoll schmiegte sich die dunkle Seide an ihren straffen Körper! Wie schien jede ihrer Bewegungen von unhörbarer Musik getragen ... «Eigentlich müsste ich Ihnen für Ihren kleinen Schwindel böse sein», erklärte Rudi, als sie einige Minuten später Seite an Seite im Wagen sassen. «Warum nur diese Verstellung, die Sie sicherlich viel Ueberwindung gekostet hat?» '«Fragen Sie nicht so viel, lieber Freund. Wir Frauen lassen uns nicht gern in die Karten sehen. Fassen Sie es meinethalben als dumme Laune auf... Sie würden jedenfalls staunen, wie scharfsichtig die Maske der Hässlichkeit macht. Sogar die wahre Liebe läist sie uns mitunter erkennen!» Rudi fand die Worte seiner schönen Partnerin ein wenig rätselhaft, aber sie erfüllten ihn mit tiefer, beglückender Freude. Wahre Liebe, ja, das war es, was ihn vom ersten Augenblick an zu dieser Frau hingezogen hatte. Ahnte sie sein Gefühl, noch bevor er sich selbst darüber klar geworden war? Im Dunkel suchte er schüchtern nach der kleinen Hand. Der zärtliche Druck, mit dem sie seine Berührung erwiderte, sagte ihm mehr, als tausend Worte vermocht bitten.