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E_1939_Zeitung_Nr.067

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Starke Verminderung der

Starke Verminderung der Unfallziffern durch den Einsatz polizeilicher Verkehrspatrouillen. In England ist seit dem 1. April 1908 eine Verordnung in Kraft, der zufolge eine Ueberwachung der Hauptverkehrsstrassen sowie der unfallreichsten Strecken durch motorisierte Polizeipatrouillen stattfindet. Da die Wirksamkeit dieser Verordnung sich nur bis 30. September 1939 erstreckt und von da ab nur noch in solchen Gebieten weitergeführt werden soll, in denen die lokalen Polizeibehörden eich zur Tragung der halben Kosten bereitfinden, ^•werden zur Zeit allenthalben genaue Statistiken aufgestellt, um den Wert und die Vorteile der Polizeipatroüille,i beurteilen zu können. Einen der interessantesten Rechenschaftsberichte hat dieser Tage der Polizeichef der verkehrsreichen Grafschaft Lancashire erstattet. Der Bericht befasst sich mit den ersten zwölf Monaten der Gültigkeit der Verordnung und stellt fest, dass in diesem Zeitraum, verglichen mit den vorhergehenden zwölf Monaten, die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten und verletzten Personen von 7342 auf 4105, also um 3237 Fälle oder über 44 Prozent zurückgegangen ist. Dieser Prozentsatz deckt sich bis auf eine Differenz von zirka 2 Prozent init demjenigen für ganz England; somit kann angenommen -werden, dass auch die detaillierten Ziffern nicht wesentlich von den für das ganze Land gültigen abweichen: Rückgang der tödlichen Unfälle 18 %>, der schweren Verletzungen 43% der leichten Verletzungen 46°/o. Zu verkaufen Zu verkaufen "

BERN, Freitag, 18. August 1939 Automobil-Revue - II. Blatt, Nr. 67 Die letzten 150 Meter der Scioranadel. von nahe gesehen. Photo: Graber, Mauer mussten wir zunächst die Agoscharte erreichen suchen. Ein Kamin, der in einem Ueb hang endete, und eine riesige, mit Schnee deckte Platte kosteten urts viel Arbeit und Herrlich war der Rückblick auf die wilden ver senen Zacken der Bergeller, auf den Mont/ Zocca, auf die Pizzi Gemelli. Die Agoschart in ihrer einsamen Fremdheit unheimlich unrf drucksvoll. Vor uns schoss die Riesennadel in] tigen Wänden und senkrechten Absätzen auf. Hinter uns erhob sich der Kamm zu finsteren Türmen, und gegen die Bondasca -hinunter blickten wir in neue, unglaubliche Abgründe. In den Kletterschuhen kämpften wir um die hundertundfünfzig Meter hohe Nadel. Wie auf einer Leiter ging es'in den blauen Himmel. Ein langer Stemmkamin nahm uns auf, der uns. Halt nur durch die Rauhigkeit des Gesteins bot. Nicht nahe genug konnte ich mich in den Kamingrund schmiegen. Unter mir lag ein ungeheuerliche Tiefe, die mir vor-den Augen zu flimmern begann. Ich ertrug diesen Abgrund nicht mehr und musste den Blick abwenden. Wir waren inmitten senkrechter granitener Mauern. Und doch fand sich immer wieder eine Möglichkeit des Weiterkommens. Wir nutzten die kleinsten Schwächen im Fels. Ein heikler, fast griffloser Quergang führte uns zu einem nassen, tiefen Kamin, in dem wir endlich etwas rasten konnten. Ueber uns funkelte die Spitze. Immer noch klommen wir ihr entgegen. Am Grat neben einem wackligen Block musste ich mich verankern und Kampf um einen Berg warten. Simon Rähmi war am Gipfelblock. Ich hatte Zeit zur Umschau hier am Rande des Luftmeeres. Niemals mehr werde ich wohl im Leben an einer solchen Stelle stehen, vor einer Tiefe, in die schweigende Wände lotrecht abwärtsschössen. Unbegreiflich weit unten war. der silberne Gietscherstrom. l,ch spürte einen starken und zähen Lebenswillen in -mir, ich "war der** Sieger "über dert Abgründen; wer weiss, im nächsten Augenblick vielleicht schon ihr Opfer. . Inzwischen war es Simon Rähmi gelungen, den fast grifflosen Gipfelblock zu überlisten. Siebeneinhalb Stunden waren; vergangen seit dem Aufbruch. Die Weite des Himmels war um uns. Es gab nur noch diese zwei Quadratmeter Erde auf denen wir standen. Sonst war da das Nichts, die Niederflucht des Raumes nach allen Seiten. In dieser Stunde, so ; schien es uns, waren wir zum Mittelpunkt der .Welt geworden, um den sich die Planeten drehen. Weit unter uns lag die Erde, jene grüne, unverständlich schöne Erde mit ihren weissen Dörfern und Kastanienhainen, die niemals begehrenswerter erscheint, als wenn wir durch so ungeheuerliche Abgründe von ihr getrennt sind. Ein paar kleine Häuschen dort unten, das war Soglio. Dort stand einst Segantini und malte unsere Spitze in sein Triptychon vom Werden, Sein und Vergehen des Lebens. Simon Rähmi aber weckte uns aus den Gedanken. Er war zufrieden im Bewusstsein der G elungenen Tat und sagte: «Heute haben wir chneid gehabt. > Ueber die obersten Gipfelfelsen mussten wir uns abseilen. Am heikelsten war der Quergang nach dem nassen Kamin. Lange klebte ich hilflos an der Wand über den Abgründen gegen die Sciora und konnte den Griff nicht finden. Schliesslich musste ich mich gleiten lassen. Das Glück war mit mir, ich fand einen winzigen Halt. Im Abstieg erschien uns alles besonders lang, mühsam und gefährlich. Es war später Nachmittag, als wir endlich den Gletscher wieder betraten. Auf einem Geröllband rasteten wir. Der Kampf und die Ungewissheit der letzten Stunden waren vorbei. Und wir glaubten es kaum mehr, dass wir vor wenig Zett 7 auf jener spitzigen Felsnadel dort hoch oben gestqnden Waren. ° ' "' " • Im Ago di Sciora hatte ich das Phänomen Berg mit seiner ganzen Gewalt gespürt. Er brachte mir das innerlichste und aufwühlendste Erlebnis, das Berge schenken können. Er hatte mich gepackt und mich durch die Höhen und Tiefen des HerzenS geschleudert, von der Angst, zur Seligkeit. Und seither weiss ich, was Berge sind und war Bergsteiger sein bedeutet. Im Ago die Sciora erlebte ich alle Berge der Welt. Eines Tages nach Jahren stand ich unten in Soglio und schaute auf die Sciora. Unwahrscheinlich hoch, im Sonnenlicht flimmernd, ein Turm wie eine Gralsburg, so war der Ago, unerreichbar für mich in jener andern Welt von Fels und Eis. Ich war sonderbar traurig, denn ich spürte, dass ich niemals mehr dort oben stehen werde. Man kämpft nur einmal in seinem Leben um einen solchen Berg, an einem begnadeten Tag, für den es keine Wiederkehr mehr gibt. Von Alfred Graber. Es ist schon viel Zeit über jenen Tag hinweggegangen. Manches hat sich seither ereignet, Wichtiges und Unwichtiges, Schmerzliches und Erfreuliches. Aber Weniges nur hat gedauert im Strom der Geschehnisse. Zu diesem Wenigen aber gehört jener grosse Bergtag am Ago di Sciora im Beergell. Die Scioranaael ist ein schwerer Berg. Der Blick in die Abgründe, die über alle Masse sind, ist mir jetzt nach vielen Jahren noch gegenwärtig. Aber man betritt die schmale Gratscheide zwischen Sein und Nichtsein leichter, wenn man noch sehr jung ist, man wertet den Tag in der Gefahr höher als Gewinn und weniger hoch als Einsatz. Jedes echte Bergsteigerleben weist bleibende Höhepunkte auf: einmal erlebt man das Rätsel Fels, einmal mit Erschütterung im Herzen die Weite der Gletscher und einmal die schwersten Stunden, nach denen man für immer weiss, was Berge sind. Dieses Bewusstsein gab mir der Ago di Sciora, Als Simon Rähmi, der Bergführer, zu mir und meinem Bruder von diesem Berg sprach, da war für uns der Ago noch ein kaum in den Träumen gewagter Berg. Erst ganz langsam wurde er in unseren Gedanken wirklich. Wir wanderten zur kleinen Albignahütte, übten uns am Gallo und an der granitenen Punta dell'Albigna. Und dann sollte die Reihe an die Scioranaael kommen. Es war ein blauer Tag, so schön und so blau, wie wir ihn uns nur wünschen konnten. Aber der Gedanke an den Kampf der kommenden Stünden lastete schwer auf uns, über unserer nahen Zukunft lag ein Fragezeichen. Wir zweifelten, ob wir dem Berge gewachsen seien. Es vergingen ein paar erwartungsvolle Stunden, bis wir ihn endlich zu sehen bekamen. Um eine Felsecke bogen wir, da stand urplötzlich dieser Berg vor uns: eine gelbe Granitnadel, die in einem gelösten, schwindelnden Schwünge zur Stille des Himmels sich aufwarf. Nur weil wir wussten, dass dieses Felsgebilde schon bestiegen worden ist fanden wir den Mut, den Kampf um diesen Gipfel aufzunehmen. Wir rannten durch den Bereich des Steinschlags in die schützende Wand. Vorerst müssten wir in den Schuhen klettern wegen des Neuschnees. Ueber die sechshundert Meter hohe Klettern am fast grifflosen Gipfelkopf des Ago di Sciora. Photo: Graber. Im Abstieg an der Nadel. Da die Photo nach aufwärts aufgenommen wurde, erscheint alles verkürzt und weniger steil als in Wirklichkeit. Photo: Graber.