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E_1939_Zeitung_Nr.077

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BERN, Dienstag, 10. Oktober 1939 Nummer 20 Cts. 35. Jahrgang — No 77 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Erseheint jeden Dienstag REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: LSwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtarH Inseratenschlnas 4.Tage vor Erscheinen der Nummer Wie vermeiden wir den Ruin des schweizerischen Autogewerbes? Von Oberst Henri Vallotton, Chef des Automobildienstes des I. Armeekorps und Präsident des Nationalrates. I. Die Bedürfnisse der Wirtschaft und jene der Armee. Die allgemeine Mobilmachung unserer Armee ruft schwerwiegenden wirtschaftlichen imd finanziellen Konsequenzen. Dem Staat erwachsen ausserordentliche Ausgaben (mehrere Millionen pro Tag). Einzelne Zweige unserer Wirtschaft sind lahmgelegt oder in ihrer Tätigkeit gehemmt, zahlreich© Unternehmungen und viele ehrsame Bürger sehen Oberst Henri Vallotton, Chef des Motorwagendienetes des 1. Armeekorps und Präsident des Nationalrates, aus dessen Feder der nebenstehende Artikel stammt sich einer schwierigen Lage gegenüber, weil ihr Personal unter den Fahnen steht, die allgemeinen Unkosten jedoch weiterlaufen* So wenig wir diesen Folgen ausweichen können — das Ausmass, das sie angenommen, übertrifft alles, worauf man sich gefasst gemacht. Um diese Auswirkungen zu mildern, hat der General eine ganze Reihe entsprechender Massnahmen getroffen : die Ausführung landwirtschaftlicher Arbeiten durch die Truppe, die Freigabe von Motorfahrzeugen und Pferden, die Beurlaubung und Pikettstellung militärischer Einheiten, die Ausleihung von Motorfahrzeugen zu sehr günstigen Bedingungen usw. Dessenungeachtet erleidet unser Wirtschaftsleben schwere Erschütterungen, denn damit es seinen normalen Gang weiternehmen kann, bedarf es der leitenden Köpfe, Personal und Transportmittel, deren die Armee auf der andern Seite nicht entraten kann. Indessen sollten der gute Wille von Militär- und Zivilbehörden, die Respektierung der vitalen Interessen des Landes einerseits und das Verhältnis für die militärischen Notwendigkeiten anderseits doch einen gangbaren Weg zur Auffindung gerechter Lösungen weisen. Die gegenseitige Durchdringung der Interessen der « zivilen » und der « militärischen » Schweiz ist eine .Tatsache, an der er nichts zu ändern gibt. Die eine kann nicht ohne die andere leben. Weder vermag die Armee im Konfliktsfalle ihre Aufgabe nicht siegreich zu beenden, noch sie in Friedenszeiten vorzubereiten, wenn das Wirtschaftsleben stillsteht Nochmals also: gegenseitiges Verständnis und WiMe zum Beistand! Hüten wir uns, einen Graben zwischen Militär- und Zivilbevölkerung aufzuwerfen, sondern arbeiten wir loyal zusammen, von der Erkenntnis getragen, das« das Wohl des Landes heute allem andern vorangeht. II. Das schweizerische Autogewerbe in Gefahr. Der Gesamtbestand der Schweiz an Motorfahrzeugen erreicht ungefähr 93.000 Stück. Dieser Fahrzeugpark gewährt rund 50.000 Personen, von denen gegenwärtig die Hälfte mobilisiert ist, Arbeit und Verdienst. Tausende von Garagen, Tankstellen, Werkstätten finden sich rings im Lande verstreut Bereits aber haben die Benzinrationierung, das Sonntagsfahrverbot und die Massenrückgabe von Schildern durch Automobilisten, die sich nicht damit abfinden können, die Steuer für ein Fahrzeug zu entrichten, dessen normaler Gebrauch ihnen versagt bleibt, die Grundlagen dieses Wirtschaftszweiges ins Wanken gebracht. Sollten diese Zustände andauern, dann lässt sich heute schon voraussagen, dass zahlreiche Garagen Konkurs erklären, dass Werkstätten und Unternehmungen des Zubehörhandels geschlossen werden müssten. Land und Armee besitzen jedoch ein unleugbares Interesse daran, das Automobilgewerbe lebensfähig zu erhalten und die weitere Benützung unseres Fahrzeugparkes sicherzustellen, anstatt ihn in den Garagen verrosten zu lassen. Besteht einerseits für den Staat ein Interesse, die Arbeitslosigkeit von dieser Branche fernzuhalten und sie als Steuerzahlerin nicht zu verlieren, so muss anderseits die Armee in Kriegszeiten auf einen Park betriebsbereiter Fahrzeuge greifen können. Daraus jedoch ergibt sich eine Verwandtschaft der beidseitigen Interessen. Welche Wege können wir also beschreiten, um ein für Land und Armee gleicherweise unentbehrliches Gewerbe vor dem Ruin zu retten ? Ich möchte im nachstehenden den Versuch unternehmen, einige praktische, sofort realisierbare Mittel aufzuzeigen, die ich in « zivile * und « militärische » Unterteile, je nachdem, ob sie in den Kompetenzbereich der zivilen oder der militärischen Instanzen fallen. III. Wege zur Verhütung der Katastrophe. JL Z'uxiU Jtittel. 1) Aenderung des gegenwärtigen Fiskalsystems. Die Kantone erheben heute eine Verkehrssteuer, deren Grundlage die Motorstärke bildet. Dieses System hat, wie aus der nachstehenden Uebersicht hervorgeht, der Abwanderung vom hochpferdigen zum Kleinwagen Vorschub geleistet: Wagen unter 11 PS Wagen über 11 PS 1931 47,4% 52,6% 1932 51,5% 48,5% 1933 49,3% 50,7% 1934 55 % 45 % 1935 62 % 38 % Unterliegt es auch keinem Zweifel, da«a die Krise einerseits und der Benzinpreis anderseits den Zug zum Kleinwagen verstärkt haben, so muss die An der Sustenstrasse wird weiter gebaut Trotz der Mobilisation nehmen die Arbeiten an der Sustenstrasse ihren Fortgang, allerdings mit Rücksicht auf den verminderten Arbeiterbestand in etwas reduziertem Umfang. Auf der Bernerseite sind bereits gegen 3 km von Innertkirchen bis Wiler-Dorf fertig und auch einzelne höher gelegene Teilstücke schon beendet, währenddem die obersten Baulose bis zur Passhöhe im Frühjahr in Angriff genommen werden. Auf der Urnerseite hofft man, noch im Laufe des Herbstes mit den ersten drei Kilometern, die zugleich die schwierigste Bauetappe verkörpern, weil sie zahlreiche Kunstbauten erfordern, zu Ende zu kommen. —• Unsere Bilder gewähren einen Begriff sowohl von der Grosszügigkeit der neuen Strassenanlage als auch von den Geländehindernissen, die es dabei zu überwinden gilt. Hauptursache dieser Entwicklung doch im Besteuerungsmodu« gesucht werden. Die Armee kommt dabei nicht auf ihre Rechnung (weil sie stärkere Wagen benötigt), Die Einnahmen des Bundes gehen zurück infolge der Einschränkung des Fahrbetriebes, der die Benzinzollerträgnisse zum Sinken bringt), Autohandel und -gewerbe leiden (denn die Gewinnmarge beim Verkauf wird schmäler, die Preise für Reparaturen, Ersatzteile usw. müssen eine entsprechende Herabsetzung erfahren). Kein Wunder, dass andere Staaten diesen Besteuerungsmodus aufgegeben haben, geigen den sich übrigens auch bei uns schon vor dem Krieg lebhafte Kritik erhob. Aber die Erneuerungabestrebungen, welche die Beseitigung der kantonalen Steuern und deren Umlage auf das Benzin forderten, etiessen auf den — übrigens sehr verständlichen — Widerstand der Kantone, welche natürlich die direkte Erhebung der Steuer einer Rückerstattung durch den Bund vorzogen. Heute stehen wir indessen einer völlig- veränderten Situation gegenüber, und zwar ist sie bedingt: a) durch die Mobilisation eines Teils der Fahrzeuge und b) durch die TreibstoHrationierung. Unterziehen wir die Auswirkungen dieser beiden In dieser Nummer: Verlängerung der provisorischen Benzinrationierung. Neue kriegswirtschaftliche Massnahmen. Fragen des MFG. Eine selbständige Schweizer Vergaserindustrie. Feuilleton: «Der Siedler» S. 5. Beilage: