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E_1939_Zeitung_Nr.076

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w AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 3. OKTOBER 1939 — N° 76 Die alte LamU-Lokomotive (Kreuzworträtsel.) &!4iHtetaA&i&ten s#& ^z^^zu*^ «Wird wohl auf die Sonne ankommen^ wirft « Herr Ida » halblaut ein. «Jeder schwatzt, wie er's versteht>, gibt Frau Ida zurück und schaut nach der Uhr. Jessis, schon 11 Uhr — und der Haushalt noch so im Rückstand I Und rasch arbeitet Frau Ida weiter, hastet und jagt, gepeitscht vom Zeiger der Uhr, der ticktack als Antreiber hinter ihr steht. Auch Frau Edith hält ihren Haushalt in guter Ordnung. Aber sie weiss, dass Hausfrauenarbeit ein Beruf ist; sie weiss, dass nicht nur ein berufstätiger Mann Anspruch auf Arbeitspausen hat, sondern auch eine Hausfrau. Und ausserdem ist sie nicht starr, sie kann rasch umdisponieren. Es macht ihr gar nichts aus, nach dem Essen eine halbe Stunde auszuruhen, ein Buch zu lesen oder einfach hinauf in den blauen Himmel zu schauen. Denn da oben gibt es auch etwas zu lesen: Ruhe, Klarheit, Uebersicht, Sichversenken! Frau Edith ist dankbar, dass sie im Zeitalter der Elektrizität lebt. Sie sagt nicht: « Meine Grossmutter tat dies oder jenes so und so. > Sie sagt: « Gott sei Dank geht es uns heutigen Frauen besser als den früheren. Gott sei Dank wird es den kommenden noch besser gehen. > Sie kennt die Gesetze des rationellen Arbeitens. Sie hat sich in das Studium der Haushalt-Arbeitsmethoden versenkt. Ihr ist bewusst, dass Liegen weniger Anstrengung erfordert als Sitzen, Sitzen weniger als Stehen und Stehen weniger als Kauern. Sie ist eine Freundin elektrischer und anderer Haushalthilfen. «Zu was gibt die Technik sich denn soviel Mühe, um uns Frauen den Haushalt zu erleichtern, wenn wir Frauen uns ablehnend dagegen einstellen?» sagt Frau Edith mit Recht. Meine lieben Leserinnen, Sie halten mir vielleicht vor, ich hätte Ihnen in ziemlich altmodischer Schriftstellertechnik zwei Frauentypen vorgeführt und sei etwas sehr « moralisch > gewesen. Aber ich muss noch eine Minute weiter « moralisieren » und Ihnen sagen, was Sie längst gemerkt haben: dass Frau Ida leider fast immer schlechter Laune ist, ruppig, überhastet, dass aber um Frau Edith herum Lachen, Singen und Fröhlichkeit regieren. Frau Ida ist die Sklavin ihres Haushalts, bei Frau Edith aber ist der Haushalt der Sklave, und sie ist seine Beherrscherin. Welche hat recht, welche unrecht? Ich möchte weder Frau Ida zu sehr tadeln, noch Frau Edith besonders loben. Um das zu tun, müsste man wissen, was für innere Gewalten sie treiben und unter was für Verhältnissen sie aufgewachsen sind. Denn es geht den Menschen ja wie den Pflanzen: die Erde um sie herum bestimmt allermeist ihre Entwicklung. Deshalb gilt es immer wieder, die Erde zu verbessern, die Verhältnisse um die Menschen herum zu heben. Wir folgen dabei nur einem uralten göttlichen Gebot: « Es werde Licht.» Elisabeth Thommen. Waagrecht: 1. Luft (lateinisch). 4. Fluss (spanisch). 5. Zweig. 6. Fürwort. 9. grosse Stadt in Russland. 11. See (französisch). 13. Worauf die alte Lokomotive fährt. 18. Name der LA-Abteilung, zu der die alte Lokomotive gehört. 22. Bedürftigkeit. 23. Abkürzung für unter anderem. 24. Abkürzung für Reichsbahn. 25. Tierkadaver. 26. Langweilig, wüstenhaft. 28. Naher Verwandter. 31. Heiliger Stier der alten Aegypter. 32. weibliche Gestalt der Nibelungensage. 34. Höchster Gipfel des Kaukasus. 37. Flach machen, planieren. 38. Ort im Kanton Aargau (Bezirk Aarau). 39. Hauptbestandteil des Kuchens. 40. Reisedecken, Umschlagtücher. 41. Französisches Städtchen bei Dieppe. 43. Griechischer Liebesgott. 44 Vorwort. 46. Gebirge in Nordafrika. 47. Ufermauer. 49. Vorsilbe. 50. Heizund Beleuchtungsmaterial. 52. Spanischer Artikel. 53. Was die Zeichnung vorstellt. 57. Signalmaste der Eisenbahnen. 58. Heilkundiger, Mediziner. 60. Weiblicher Vorname. 62. Abkürzung für Neues Testament. 64. Ton, geräuschvoll. 65. Nahrungsmittel. 67. Gesponnener Faden. 70. Schweizer Bundespräsident. 71. Automobüzeichen des Kantons Thurgau. 72. Schweizer Kantonshauptstadt. 74. Schweizer Kantonshauptstadt. 76. Griechische Göttermutter. 77. Farbe. 78. Chemisches Zeichen für Natrium. 79. Abkürzung für Leinen. Senkrecht: 1. Papageienart. 2. Zu was die alte Lokomotive gehört. 3. Farbe. 6. Weiblicher Vor- Auflösung des Kreuzworträtsels. Waagrecht: 1. Maar. 4. Isar. 7. Salem. 9. NL. 10. Pur. 11. Bi. 12. Dom. 15. Hof. 16. Kar. 17. Tun 18. Bai. 19. Sue. 21. Ab. 22. Gas. 25. SL. 26. Lager. 28. Isar. 29. Newa. Senkrecht: 1. Mond. 2. As. 3. und 4. Rapier. 5. SM. 6. Reif. 8. Luv. 11. Bonus. 13. Lokal. 14. M«i. 15. Hus. 18. Bali. 20. Elsa. 22. Gar. 23. Tag. 24. Sen. 26. La. 27. Re. Die Telephonnummer des Mathematikprofessors. Lösung: Die kleinste Zahl, die in Betracht fällt, ist das Produkt aus 3, 11, 29 und 31. Dies ist 29667. Ihre Quersumme ist jedoch 30. Weiter fallen das zwei- und das dreifache dieser Zahl in Frage (das vierfache ergibt schon eine sechsstellige Zahl). Das name. 7. Europäische Hauptstadt. 8. Vorname der Filmschauspielerin West. 9. Ausruf. 10. Französischer Pluralartikel. 11. Abkürzung für 53 waagrecht. 12. Knorplige Wirbelsäulenanlage bei niederen Fischen. 13. Rascher Zug. 14. Elektrisches Ur- Teüchen. IS. Französisches Bindewort. 16. Strom in Mesopotamien. 17. Hauptstadt der englischen Kolonie Kenia. 18. Gesamtheit der Nestjungen. 19. Eisenbahn-Coupes. 20. Fluss in der Schweiz. 21. Altnordische Gottheit. 27. Abkürzung für dieses. 29. Strom in Asien. 30. Ungebraucht. 31. Beiname des mittelalterlichen Dichters Hartmann. 33. Unbestimmter Artikel. 34. Biblischer König. 35. Beleuchtungskörper am Vorderteil der eilten Lokomotive. 36. Fahrkarte. 42. Sankt (portugiesisch). 45. Vorgebirge. 47. Abkürzung für kaiserlich-königlich. 48. Vorwort mit Artikel. 50. Chemisches Zeichen für Gallium. 51. Automobilzeichen des Kantons Schaffhausen. 54. Schweizer Dramatiker. 55. Unbestimmt, unstet. 56. Europäische Exkönigin. 57. Nebenfluss der Weichsel. 68. Chemisches Zeichen für Aluminium. 59. Wink, Titel. 61. Abkürzung für Nummer. 63. Schweizer Kanton. 65. Lebensbündnisse. 66. Schweizer Gebirgsgzug (j = i). 68. Schweizer Nationalheld. 69. Schweres Metall. 72. Internationales Automobüzeichen der Schweiz. 73. Altägyptischer Sonnengott. 74. Abkürzung für Bundesbahn. 75. Augenblick. Die richtige Lösung zählt 5 Punkte. Einsendetermin: 17. Oktober. dreifache von 29667, 89001, hat die gewünschte Quersumme von 18 und ist somit die gesuchte Telephonnummer. Richtige Lösungen beider Rätselaufgaben. 8 Punkte. A. Bachofen, Glarus; M. Bertschmann, Basel; C. Burgener, Rorschach; Frl. M. Epple, St. Gallen; Frau C. Fravi, Rapperswü; Frau Dr. Gräflin, Walzenhausen; K. Keusen, Biel; G. Laepple, Basel; J. Leimer, Bettlach; Frau E. Markoff, Buchs; Frau Marti, Ölten; Frau E. Steinbömer, Schaan; Frl. E. Winteler, Glarus. Richtige Lösungen des Kreuzworträtsels. 3 Punkte. Frl. M. Bossert, Lenzburg. Richtig« Lösungen der Denkaufgabe. 5 Punkte. W. Baur, Küsnacht (Zürich). JZll&emeine Versicheruntfs ^JlkÜenözsellschaß tnJßem Bern, Bundesgasse 18 IHRE SÖHNE können ihr Studium ruhig in der Ecole Nouvelle LA CHATAIGNERAIE ob Coppet (Waadt) fortsetzen. Gründlicher Unterricht. Verlangen Sie Prospekte. Land -Erziehungsheim. 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N° 76 — DIENSTAG, 3. OKTOBER 193& AUTOMOBIL-REVUE m Unser politischer Kurzbericht: Zwischen Russiland und Estland ist es dieser Tage zu einem Beistandspakt gekommen. Der estnische Aussenminister ist zwischen Reval und Moskau hin- und hergeflogen. Innerhalb von drei Tagen war alles, wie man im Volksmund zu sagen pflegt, «im Butter >• Mit andern Worten, Estland hat das angenommen, was ihm Russland abverlangte. Viele sagen : Estland hätte sich das nicht gefallen lassen, sondern zu den Waffen greifen sollen. Warum denn eine Armee, einen Generalstab, wenn man im entscheidenden Moment doch nicht zuschlägt ? Lieber sterben als Vasalle, sagen sie. Dass Stalin eines Tages mit Estland ein Wörtchen reden wollte, war in dem Moment klar, da Russland sein Interesse dem Westen zuwandte und seine imperialistischen Gefühle sich regten. Zum russischen Interesse am Westen gehört nämlich die Ostsee. Bis gestern war sie ihm verschlossen. Denn der Leningrad vorgelagerte Hafen Kronstadt ist nicht eisfrei, die Ein- und Ausfahrt durch den Finnischen Meerbusen strategisch denkbar ungünstig. Das imperialistische und am Westen interessierte Russland muss eisfreie und nicht in abgeriegelten Meerbusen liegende Häfen haben. Es hat sie jetzt. Die estnische T?.orr.iQfiiiner Vio + Ao,rt Dnecßiw *Atr* c T?ja/>Vi4> o.i'tinr.A_ räumt, auf den Inseln Oesel und Dagoe und in Paldiski Marine- und Fliegerstützpunkte anzulegen. Gegen massige, aber angemessene Entschädigung, heisst es. Was in China die internationalen Konzessionen, das ungefähr sind die russischen Stützpunkte auf estnischem Gebiet. Estlands südlicher Nachbar, Lettland, ist dadurch allerdings auch in die Klauen Sowjetrusslands geschlüpft. Auf der Landseite grenzt es zu fast einem Drittel an Russland, auf der Meerseite sitzen ihm nun die russischen Häfen und Fliegerstützipunkte auf der Insel Oesel vor der Nase. Das Territorium der baltischen Staaten hat bis 1918 zu Russland gehört. Es musste den drei Staaten, vorab Estland und Lettland, klar sein, dass Russland an sie herantreten werde, sobald es die Gelegenheit für günstig und sobald es seinen Blick wieder mehr gen Westen richtet. Beides ist geschehen. War Gewalt im Spiel? Gewalt noch nicht, aber deren Androhung. Der gefühlsmässigen Ueberlegung steht aber doch ein hohes Mass von Vernunft gegenüber. Länder, die im grossen Staatenumbruch nach dem Weltkrieg entstanden sind, auf Gnade ren Nachbar, aus dem sie hervorgingen, ausgeliefert sind, tun gut, wenn sie darnach trachten, mit diesem Nachbar gute Beziehungen zu unterhalten, auch wenn dies schliesslich etwelche Opfer kostet. Es ist nun einmal so und es wäre wahrscheinlich das eine oder andere in den letzten Jahren nicht so tragisch verlaufen, wenn die Vernunft über die Gefühle gesiegt hätte. Europäische Konzessionen in China, kein Mensch nimmt daran Anstoss, am wenigsten die Chinesen. Russische Konzessionen im Baltikum, man kräht noch darnach. Wenn Russland das Eigenleben der Länder nicht in Fesseln legt, so wird der unvoreingenommene eines Tages — und zwar schon sehr bald — daran keinen Anstoss mehr nehmen. Länder, die in der Weltgeschichte hin- und hergeschaukelt worden sind und es erst in der Neuzeit zu einem eigenen Staatsgebilde gebracht haben, würden gegen die Vernunft handeln, wenn sie die Wünsche der mächtigen Mutter ganz einfach ignorierten. An der Mutter ist es jetzt, für die Töchter Verständnis aufzubringen, Grossmut zu zeigen. Die Vernunft hat gesiegt, der Grossmut möge nicht ausbleiben« (Bemerkung des Setzers: Wenn ich Estlänäer wäre, hätte ich nicht Angst vor der Mutter Russ- I _ ... j _ i — . _i TT_ i.—__ c*i. ü_ \ Die Schwenkung, die der rote Zar in Moskau in seiner politischen Marschrichtung gemacht hat, Hess neben manchen andern Bedenken auch die Frage aufkommen, ob damit wohl ein Wiedererwachen des Panslawismus, der Bestrebungen nach der politischen und moralischen Hegemonie aller slawischen Stämme, verbunden sei. Gewisse Ereignisse der letzten Tage — die Annektierung des von Weissrussen und Ukrainern bewohnten Teiles von Polen, die Vereinbarung mit Estland wegen der Errichtung von Flottenstützpunkten auf den Inseln Oesel und Dagö und die erneute Einflussnahme im Balkan — beweisen allerdings, dass die Absonderung Russlands vom übrigen Europa zu Ende ist. Der « Drang nach Westen » scheint wieder erwacht zu sein wie in den Vorkriegszeiten, als das zaristische Russland mit den verschiedensten Mitteln versucht hatte, seine Einflußsphäre über die damaligen politischen Grenzen hinauszutragen. Dennoch glauben wir nicht, dass von einem DIE SLAWEN IN EUROPA Pa insl< awismu* eigentlichem Wiedererwachen dieses Panslawismus gesprochen werden darf, denn diese historische Entwicklung spricht dagegen. Ihn in Verbindung mit dem Bolschewismus etwas näher zu betrachten, ist deswegen auch angezeigt, weil es im Kräftespiel der Politik immer wieder vorkommt, dass Bewegungen und Tendenzen, die während einer gewissen Zeit in paralleler Weise arbeiten und verlaufen, plötzlich entgegen aller Erwartungen auseinanderstreben. Dies geschieht fast immer, weil ihre Grandlagen verschieden sind und das Zusammenspannen oder die Aehnlichkeit der Marschrichtung auf blossen Opportunitätsgründen ruht. Ueber die — wenigstens offiziellen — Ziele des Bolschewismus ist man im allgemeinen •m Vormarsch t orientiert. Er fordert die Klassenherrschaft der Arbeiter, Bauern und Soldaten; seine Hauptfeinde sind die Bourgeoisie und der Kapitalismus. Auch er treibt eine Expansionspolitik — durch die Komintern — die aber in erster Linie auf die Gewinnung der « Proletarier aller Länder» für das Ideengut des Kommunismus gerichtet ist und territoriale Forderungen nur dort stellt, wo der Kampf um das Hauptziel es erheischt. Anders der Panslawismus. Selbst dort, wo er sich politisch betätigte, richtete er sich nicht an bestimmte Bevölkerungsklassen, sondern an die Angehörigen der eigenen Rasse, im Prinzip ohne Rücksicht auf deren soziale Stellung. Doch war auch bei ihm der territoriale Expansionsdrang Russlands nicht das hauptsächlichste Merkmal. Schon seine Entstehung ist kennzeichnend. Nicht Russland hat ihn geboren, sondern Böhmen. Im Jahr 1819 verlor es seine Unabhängigkeit an Oesterreich und war als verhältnismässig kleine Nation der Gefahr der Germanisierung besonders ausgesetzt, weshalb seine Dichter und Denker, ermuntert durch die damalige Geistesrichtung der Romantik, die ideelle Zusammenarbeit mit den übrigen slawischen Völkern förderten. Während z. B. in den dreissiger und vierziger Jahren die Kroaten, Slowenen und Dalmatier versucht hatten, einen eigenen von Russland unabhängigen slawischen Staat zu schaffen, dauerte es ein rundes Vierteljahrhundert, bis der eigentliche Panslawismus politische Ziele überhaupt in sein Programm aufnahm. Auch diese Entwicklung hatte zunächst mit einem Expansionsdrang Russlands nichts zu tun. Das letztere war zu jener Zeit das einzige unabhängige slawische Staatswesen, zu dem die übrigen slawischen Völker als dem stärksten Hort ihrer Freiheitsbestrebungen hinaufblicken konnten. Nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Slawen hat sie zu dieser Stellungnahme bewogen, sondern der Wunsch, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Man darf wohl nicht erwarten, dass Russland unter diesen Umständen die ihm offerierte Protektorenrolle abgeschlagen hätte, schon deswegen nicht, weil deren Herrscher ihren Glorienschein gerne hell erstrahlen Hessen und sich in Oesterreich der Pangermanismus bemerkbar zu machen begann. Eine weitere Wandlung brachte in der Folge der russisch-türkische Krieg von 1877/ 1878, der Bulgarien die Befreiung von der Oberherrschaft des Sultans verschaffte. Nachdem Polen bereits unter russischer Herrschaft stand, reduzierte sich das Interesse des Panslawismus auf jene Völker, die der österreichungarischen Krone Untertan waren, also auf die Tschechen, Slowaken, Rumänen, Slowenen und Kroaten. Diese Tatsache muss besonders festgehalten werden, denn sie ist der eindeutige "Beweis dafür, dass die Existenz des Panslawismus in seiner politischen Form nur so weit möglich war, als sich slawische Völker unter der Herrschaft fremder Rassen befanden. Wo diese Voraussetzung fehlte, fiel er sofort in sich selbst zusammen. Es entspricht durchaus internationaler Gepflogenheit, wenn mit der zunehmenden Macht der russischen Nation auch der Appetit nach neuen Ländern gereizt und der Panslawismus als Schild für die Bestrebungen benützt wurde. Er war dazu um so geeigneter, als er die Möglichkeit schuf, den Bestrebungen ein ideales Mäntelchen umzuhängen. Anfangs hiess dieses «Autonomie und Unabhängigkeit der slawischen Minoritäten »; dann kam die «Verteidigung und Verbreitung des orthodox-russischen Glaubens » dazu und zuletzt die Behauptung, die westlichen Nationen «wären vergreist und deren Kultur von innen heraus verfault», so dass den slawischen Völkern die historische Aufgabe zukäme, ihre eigene Kultur zu künden und zu lehren. Aus der Asche sollte, einem Phönix gleich, der ganzen Welt junges, frisches Leben erblühen. Solche Tendenzen mussten notwendigerweise zu Spannungen mit dem hauptsächlichsten Gegner Oesterreich-Ungarn führen. Sie fanden ihren Niederschlag in zahlreichen Zwischenfällen der verschiedensten Art und halfen mit, den Herd für die Explosion des Jahres 1914 zu schaffen. Der Weltkrieg ist wohl jene Periode, die über das Wesen des Panslawismus die deutlichsten Fingerzeige liefert. Wie verschiedenartig die ganze Bewegung in ihrem Ziel aufgefasst wurde, zeigt sich schon daraus, dass sich die beiden unabhängigen slawischen Staaten Bulgarien und Russland als Feinde gegenüberstanden. Der Friedensschluss brachte die Entstehung der unabhängigen Staaten Tschechoslowakei und Polen, die Vereinigung der Kroaten und Slowenen mit Jugoslawien und eine selbständig orientierte Politik- der Balkanstaaten. Wäre es beim Panslawismus wirklich um die Vereinigung sämtlicher Slawen gegangen, so hätte er sich lebendiger denn je gebärden sollen. Statt dessen verschwand er vollständig von der Bildfläche, weil er neben seiner ursprünglichen keine « Nebenauf gab. en » mehr zu erfüllen hatte. Erst in diesem Zeitpunkt gab sich die Oeffentlichkeit Rechenschaft darüber, dass der Zusammenhang der einzelnen slawischen Völker gar nicht mehr so stark ist, wie er während Jahrzehnten dargestellt wurde, und an Intensität hinter dem Drang nach Selbständigkeit und Freiheit zurückstand. Seit jener Zeit, da die Slawen zwischen Karpathen, oberer Weichsel, Pripet und dem mittleren Dnjepr als einziges Volksganzes lebten, waren Jahrtausende verflossen. Die einzelnen Stämme waren im Laufe der Völkerwanderung in alle Richtungen zerstreut worden, hatten sich weitgehend den neuen Lebensbedingungen angepasst, mit der bodenständigen Bevölkerung vermischt und sich nach und nach sogar eigene Sprachen zugelegt. So kommt es, dass heute weder eine eigentliche slawische Sprache existiert, noch ein ausgesprochen slawischer Mensohentypus gefunden werden kann. Wir haben den Titel «Panslawismus im Vormarsch ? > deshalb als Frage formuliert, weil wir keinen Grund sehen, der seine Wiedergeburt rechtfertigen würde. Die slawischen Nationen des Balkans führen seit Jahren ein selbständigeres Dasein als je, auf das sie nicht verzichten wollen. Die Minderheiten der Slowenen und Kroaten haben sich kürzlich mit der herrschenden Klasse der Serben im jugoslawischen Staatsverband verständigt, so dass die einzigen Völker, die entweder unter Fremdherrschaft stehen oder einer fremden Interessensphäre angehören, aussohliesslich an Deutschland angelehnt sind. Der Panslawismus als Freiheitsbewegung müsste also durch diese Völker ins Leben zurückgerufen werden. Der Ruf, so unwahrscheinlich er ist, würde am Nationalleben der andern Staaten unerhört verklingen. Dagegen wollen wir keineswegs behaupten, dass sich in den Köpfen der russischen Machthaber keine Expansionsgelüste regen könnten. Die Ereignisse der letzten Wochen haben in dieser Richtung allzu deutlich gesprochen. Wenn Polen zum slawischen Volksstamm gehört, so sind dagegen die Estländer mongolischer Herkunft. Auch Rumänien, das im Zusammenhang mit dem Eingreifen Russlatids in die westeuropäische Politik häufig genannt wird, ist nicht slawisch, sondern romanisch. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass der Begriff «Panslawismus» eines Tages wieder für politische Zwecke aus dem. Archiv hervorgeholt wird; dann wird dies aber immer aus Rücksichten erfolgen, die mit seinem Wesen in keinem inneren Zusammenhang stehen. 0