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E_1939_Zeitung_Nr.080

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6 AUTOMOBIL-REVUE

6 AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 31. OKTOBER 1939 — N° 80 Schmarotzer am Automobil Schluss von Seite 4. Hierbei haben wir es übrigens bereits mit einem jener Schmarotzer zu tun. die auf das Konto von Nachlässigkeiten bei Pflege und Wartung zurückzuführen sind. Soll ein Wagen c wie geschmiert» laufen, so setzt dies eine regelmässige Versorgung all seiner Schmierstellen mit den dafür vorgesehenen Schmiermitteln voraus. Diese Arbeit wird ja von gut eingerichteten Service-Stellen ebenso rasch besorgt wie etwa ein Haarschnitt in einem Coitfeurladien. 'Und für so lange ist das Fahrzeug auch während angestrengter Arbeit ab und zu mal frei. Die Zeiten, wo man Lagerstellen, die zum Heisslaufen neigten, kurzerhand mit einer Speckischwarte schmierte, sind zweifellos endgültig vorbei; stehen doch heute hochwertige Schmierstoffe für alle Spezialzwecke zur Verfügung, die ein« minimale Reibung bei maximaler Lebensdauer gewährleisten. Früher konnte man schon so verfahren wie beeohrieben, weil eben die Wagen im Betrieb nie sehr alt wurden (Ausstellungsobjekte können natürlich «sehr alt werden 1). Bei einem modernen Automobil jedoch, das während Jahren bei jedem Wetter gebraucht wird, müssten die von den Pionieren des Automobilbaues seinerzeit benützten Schmiermittel bald verharzen und ausserdem durch Bildung von Säuren die Lager allmählich verfressen. Auch würde ihr Schmierfilm bei den heute 1 in Lager- »tellen und Getrieben angetroffenen Drücken niemals standhalten. Was Verharzung heisst, hat schon mancher Automobilist zu eeinem Leddwesen erfahren, wenn er irgendein Oel unbekannter Herkunft in den Motor füllte und und dann nach vielleicht 5000 km mit Verharzung der Ventilschäfte und Festkleben der Kolbenringe zu tun hatte. Bei den guten Markenölen werden durch besondere Raffinationsverfahren auch die letzten Reiste von zu Verharzung neigenden Stoffen ausgeschieden. 60 dass reine Schmiersubstanz zurückbleibt. fw. Brauchen Sie Rat? - wir helfen! ERSATZTREIBSTOFF FÜR MOTOR- FAHRZEUGE Infolge der Benzinrationierung und der Preissteigerungen beabsichtige ich die Umstellung meines Wagens auf Flüssiggas oder Holzgas. Können Sie mir angeben, ob und eventuell welche Firma in der Schweiz sich bereits mit Lieferung und Einbau solcher Apparaturen und bei Treibgas, mit der Füllung der leergefahrenen Stahlflaschen, befasst ? Kann jedes Gaswerk oder Sauerstoffwerk, die ja das Dissous-Gas liefern, solche Füllungen vornehmen und ist Ihnen etwas über die Preise, auch in Gegenüberstellung zum Benzinverbrauch (1 Füllung Gas = ... 1 = ... 1 Benzin) bekannt? E. H. in A. Antwort: Wir können Ihnen leider keine Firmen nennen, die in der Schweiz Personenwagen auf Betrieb mit Holzgas oder Flüssiggas einrichten, Mdt der Erschwerung der Einfuhr von Schmierölen ist auch die Frage der Oelregenerierung akut geworden, um so mehr, als wir Schweizer über keine eigenen Erdölquellen verfügen und hundertprozentig auf den Import angewiesen sind. Man begreift, dass gegen die Erneuerung von schmutzigen Oelen, die Benzin, Petrol, Russ, Metallpartikelchen, Staub, Oxydationsprodukte, Wasser, Spülöl, Getriebeöl usw. aufweisen, seitens des gewissenhaften Automobilisten Bedenken bestehen. Glücklicherweise hat die Erfahrung bewiesen, dass ein gutes Markenöl bei Verwendung geeigneter Apparate zweckmässig erneuert werden kann. Der Fram-Regenerator, der auf mechanischer Grundlage arbeitet, wird im Sohmiermittelkreislauf direkt eingebaut, so dass seine Reinigungstätigkeit kontinuierlich erfolgt. Die einzige notwendige Manipulation besteht auts einer regelmäßigen Auswechslung einer Patrone, was jedoch nur in grossen Zeitatiständen zu geschehen hat. Im Grossen erfolgt die Wiederherstellung von gebrauchten Oelen in stationären, umfangreichen Anlagen, bei welchen das Altöl den gleichen, komplizierten Destillier- und Reinigungsprozessen unterworfen wird, wie seinerzeit das an der Quelle gewonnene Rohöl. Durch diese Aufbereitung soll das Altöl wieder jene Schmierfähigkeit erlangen, die es besass, als es als neuwertiges Markenöl gekauft wurde. Altöle sind darum ein wertvoller Rohstoff, den man besonders unter den heutigen Verhältnissen nicht vergeuden, sondern sorgfältig sammeln sollte. da die schweizerischen Betriebe bis jetzt nur Holzgasgeneratoren in Lastwagen eingebaut haben. Im Ausland dagegen existieren verschiedene Firmen für den Umbau von Personenwagen auf Holzgasantrieb. Immerhin möchten wir Ihnen empfehlen, es sich gründlich zu überlegen, bevor Sie Ihren Wagen auf diesen Betrieb umstellen. Sie werden wohl nur mit Mühe geschultes Personal für den Unterhalt des Fahrzeugs finden. Im übrigen ist es möglich, dass Ihr Wagen zum Fahren mit Holzgas nicht genügend Maximalkraft aufweist. Es scheint uns also geboten, vor allem bei den einschlägigen Firmen Rat einzuholen. Unseres Wissens sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weder die Gas- noch die Sauerstoffwerke auf eine rasche Auswechslung der Flaschen eingerichtet. Nicht zu vergessen ist ferner folgendes: wenn der Krieg zwei Jahre dauert, muss die Umstellung jährlich um 50% amortisiert werden; der dafür erforderliche Betrag würde aber wahrscheinlich mehr ausmachen als die — mehr oder weniger — illusorische Einsparung auf dem Benzin. Die Umstellung auf Propan oder auf ein anderes flüssiges Gas gestaltet sich weniger kostspielig. Jedoch sind Helfen 1 beim Sparen nügend zu besorgen und die Kompression zu erhalten. Anderseits darf der radikale Druck daß Normane nicht übersteigen, um ein verstärktes Ausschleifen der Zylinder zu verhindern. Im weiteren darf die Beweglichkeit dieser elastischen Kolbenringe nicht derart gross sein, dass sich zwischen Ringen und Nuten für den Zylinderdruck eine DurohsohlupfmögMchkeit bildet. Die Konstruktion der Novix-Kolbenringe erfolgte durch die Perfect Circle Comp., wähnend die Fabrikation in der Schweiz vorgenommen wird; die Old Gold-Ringe, von denen sich in der Schweiz bereits Tausende in Gebrauch befinden, sdnd amieTikanischen Ursprungs. Benzin ist ein « köstliches Nass », denn je seit es nur noch gegen Abgabe von Rationierungiskarten erhältlich ist. Da den Manschen immer nach dem gelüstet, was er nicht hat und doch gut brauchen könnte, wäre es nicht verwunderlich, wenn dieser oder jener Automobilist gelegentlich feststellen müeste, daiss ihm der Benzintank in einem unbewachten Augenblick um seinen Inhalt erleichtert wurde. Der Handel bringt bringt nun einen Benzintankdeckel auf den Markt, der vermittelst eines Schlüssels den Zugang zum Inneren abriegelt und den Fahrer vor der Gefahr bewahrt, (einmal dem Aneignungstrieb eines wenig gewissenhaften Kollegen zum Opfer zu faHen. Die hundertprozentige Ausnutzung des Brennstoffes kann durch den Automobilisten während der Fahrt fortlaufend überprüft werden durch Verwendung eines Benzinleistungsmessapparates, der im Wagendnnern montiert wird und vermittelst des Scheibenreinigersohlauchs mit dem Ansaugrohr in Verbindung steht. Durch die Reaktionen des Zeigers ist es möglich, nicht nur die normale Arbeitsweise des Motors festzustellen, sondern auch Zündung, Vergaser, Ventil und die Zündverstellung ständig zu überprüfen. diese Gase teurer als Benzin. Darüber hinaus ist •auch noch nicht sicher, ob solche immer erhältlich sein werden. Wir empfehlen Ihnen im weitern, den in unserer Nr. 78, 17. Oktober 1939, erschienenen Artikel «Oase als Antreibstoffe > zum Studium. Sie werden darin die Sie interessierenden Angaben finden, im besondern betreffend Gleichwertigkeit : Gas- Benzin (Beispiel: Flasche mit Methanfüllung unter 200 at Eigengewicht 70 kg = 70 Liter Benzin, mit Stadtgasfüllung nur 7 Liter). Bei Wagen mit Holzgasbetrieb kann der Generator auf dem Trittbrett oder in einem Anhänger placiert werden (für dessen Zulassung jedoch die gesetzlichen Vorbedingungen doch fehlen. Red.) Der Preis einer Einrichtung für feste Brennstoffe (meistens Kohle) variiert in Englang zwischen 80 und 170 Pfd. St. Dabei ist aber der Verlust an treibender Kraft, der sich im Falle des Verzichts auf den Einbau eines Kompressors auf ungefähr 20 bis 25 °/o beläuft, mit in Rechnung zu stellen, abgesehen von der Erhöhung des Gewichts. Mit andern Worten : So gut sich Holz oder Kohle zum Betrieb von Lastwagen, die lange Strecken fahren, eignet, so wenig empfiehlt es sich für Personenwagen. Es besteht kein Anlass, sich über die Versorgung unseres Landes mit Benzin zu grosse Sorge zu machen; bis heute eröffnen sich jedenfalls keine beunruhigenden Aussichten. REGULATORVERGASER Können Sie mir die Adresse des Fabrikanten jenes Reglers im Ansaugrohr mitteilen, der sich in Nr. 77 der A.-R. beschrieben findet. Für meine Autotraktoren benötige ich einen billigen Regler, der ausserdem so konstruiert sein muss, dasa er nicht gut zugänglich ist und von Unberufenen nicht oder nur mit Mühe verstellt werden kann Wie man sagt, soll Martini bei einem bestimmten Typ einen solchen Regler eingebaut haben. Wissen Sie vielleicht, wie er beschaffen war und es damit möglich ist, die Höchsttourenzahl des Motors einigermassen zuverlässig zu begrenzen. G. R. in W. Antwort: Der fragliche Regulator kann zwischen Vergaser und Ansaugrohr eingebaut werden und verhindert das Ueberschreiten bestimmter Motordrehzahlen. Er ist recht einfach konstruiert. Ob die Möglichkeit zum Plombieren in der gewünschten Stellueg besteht, müsste vom Fabrikanten erfragt werden. Wir sind der Meinung, dass durch diese Massnahme allein ein wirksamer Schutz gegen unbefugtes Verstellen geschaffen werden kann, während eine Montage an schlecht zugänglicher Stelle keine unbedingte Sicherheit gewährt. Wir glauben kaum, dass eine der Martiniserien mit obigem Regler ausgerüstet wurde. Viel eher dürfte es sich dort um einen Solex-Regulatorvergaser gehandelt haben, der sich übrigens, nebenbei gesagt, plombieren lässt Als weiteren Sparregler, wenn man so sagen will, nennen wir die « Butee d'economie » von Zenith, die allerdings auf einem ganz andern Prinzip beruht. Es handelt sich hiebei um einen Anschlag beim Pedalgestänge, der den Pedalweg begrenzt. Der Anschlag ist erstens verstellbar, und zweitens so beschaffen, dass er erst bei einer fühlbaren Erhöhung des Pedaldrucks nachgibt. In Notfällen kann also der Fahrer ohne weiteres Vollgas geben. Der Anschlag soll ihn nur daran erinnern, dass von einer bestimmten Pedalstellung an die Fahrweise unwirtschaftlich zu werden beginnt JSggi+WüthrWi AUTOMOBILISTEN Wissen Sie schon, Die Konstruktion eines mehrteiligen Kolbenringes, der vor allem auch ein ausgesohliffener und unebener Zylinder zweckmässig abdichten soll, ist keineswegs einfach, weil er verschiedenen, in sich faßt widersprechenden Anforderungen genügen muss. Der Druck auf die Zylinderwandung muss stark genug sein, um die Abdichtung auch bei blitzschneller Arbeitsweise in jedem Augenblick gedass HeilC Wagen nicht requiriert werden? (Kriegsfall ausgenommen) dass Netie Wagen jetzt auch Benzin zugeteilt erhalten? dass Benzin-Karten für die Periode 15, Okt. bis 15. Nov. bei der kant. Motorfahrzeug- Kontrolle erhältlich sind? dass Benzin

BERN, Dienstag, 31. Oktober 1939 Das Los der Zimmervermieterin des Zimmer mieters Von einem Zimmermietef Im Leben eines jeden jungen Mannes, angefüllt ist mit grossen Träumen und Aspirationen, gibt es eine Zeit, da er die Fr/uden und Leiden eines alleinstehenden Herrn 1 Zimmermieters kennenlernt. Jeder hat die Bekanntschaft mit dem vorsichtig geöffneten Türspalt, dem Modergeruch, der einem aus Von einer Zimmervermieterin Vermieten? An irgendeine ältere stille Dame oder einen alleinstehenden Herrn. Wir würden etwa 50 Franken pro Monat an unsern Mietzins bekommen, so dachte ich mir und annoncierte in der vornehmsten Zeitung des Ortes, dass ein elegant möbliertes Zimmer an bester Lage zu vermieten sei. Es meldeten sich etwa dreissig Personen, Junggesellen, die bezüglich ihres Lebenswandels zu wenig Vertrauen erweckten, zu hübsche Bureaufräuleins, Damen ohne festen Beruf, Slowaken, Russen, Griechen und Menschen, deren Nationalität nicht zu erfahren war, Musiker, die nachts geübt hätten, Altersschwache mit chronischen Krankheiten. Unter den vielen fand ich das «Ideal», Herr Miller, sehr gut präsentierend, Rentier, zirka 40jährig. Er war mit allen Bedingungen einverstanden und zahlte im voraus. Herr Miller zog anderntags ein. Er hatte drei Koffern und zwei Bücherkisten. Das ist ein Gelehrter, dachte ich mir. Wir hatten vereinbart, dass er nur Sonntags Besuche empfange, für die Heizung selbst besorgt sei, dass er nicht Klavier spiele und sonst in keiner Weise störe, und dann bekam Herr Miller seine Schlüssel. Schon am ersten Tag verführte er einen Mordskrach und stellte die Möbel nach seinem Geschmack um. Er ging erst nachts fort, so dass man sein Zimmer nicht in Ordnung halten konnte, wie es Brauch gewesen wäre. Mein Mann und ich schliefen im angrenzenden Zimmer. Nachts erwachten wir, weil wir glaubten, das Haus stürze ein. Ein dumpfer Laut drang an unsere Ohren, der das Mauerwerk erschütterte. Der Mieter schnarchte, es war wie Donnern. Herr Miller kaufte sich einen Petrolvergaser, um das Morgenessen selbst zuzubereiten. Im Korridor begann es zu stinken, als hätten wir eine Petrolhandlung gehabt. Mittags briet sich der Mieter auf seinem Apparat sogar Koteletts und Kalbshaxen. Manchmal drang dicker Qualm, wie Tränengas, aus seiner Alchimistenküche. Bald hatte der möblierte Herr ein Verhältnis mit unserem Dienstmädchen. Das Mädchen war öfter im vermieteten Zimmer, als in der Wohnung. Ich musste mich entschliessen, sie fortzuschicken. Mit dem neuen Mädchen verhielt es sich nach vierzehn Tagen gleich. Nach dem fünften oder sechsten Mädchen geriet ich in der Nachbarschaft in den Verdacht, eine Xanthippe zu sein. Der Mieter, der sich bisher wenigstens bester Gesundheit erfreut hat, gab eines Tages plötzlich Zeichen von Unwohlsein. Gegen Mitternacht klang verzweifeltes Stöhnen an unser Ohr. Man vernahm das dumpfe Geräusch eines auf den Boden fallenden Körpers und schliesslich das schrecklichste Schnarchen. Wir, mein Mann und ich, taten in jener denkwürdigen Nacht kein Auge zu. Anderntags beklagten sich die Mieter vom untern Stockwerk, nachts sei unser «möblierter Herr» in das Schlafzimmer der Tochter eingedrungen. Er sei stockbesoffen gewesen und man habe ihn hinauftragen müssen. Zwei Tage darauf kam furchtbares Gebrüll aus dem vermieteten Zimmer. Herr Miller lernte Saxophon blasen.'Als ich das verbieten wollte, wies er auf unsere Abmachung hin, dass er wohl nicht Klavier spielen solle, aber von Saxophon blasen stehe nichts im Vertrag. Die Hausnachbarn überhäuften uns mit Beschwerden. Ich versuchte mich des unbequemen Herrn zu entledigen, aber er war immer im Recht. Eine seiner besten Ideen war, die Fenstervorhänge in Brand zu stecken. Er war betrunken nach Hause gekommen und wollte sich seinen Punsch selbst brauen, er versuchte seinen Petrolvergaser anzuzünden und steckte dabei die Vorhänge in Brand. Sie waren ein Erbstück, echte St. Galler Spitzen. Wir drangen gerade noch rechtzeitig in sein Zimmer ein, um Schlimmeres zu verhüten. Herr Miller sass überirdisch lächelnd auf dem Fussboden. Später kam Herr Miller mit den Mietzahlungen in Rückstand. Wir drohten ihm zwangsweise Ausquartierung an. Aber ich konnte ihn nicht hinauswerfen lassen. Es gab einen Gesetzesabsatz, der es Vermietern verbot, Studierende zu exmittieren, und Herr Miller hatte sich bei der Universität als Student eingetragen. Da kündigte ich unsere Wohnung, wir zogen in ein anderes Quartier, und ich habe nie mehr Zimmer vermietet, nie mehr, und doch wäre ich so froh um die 50 Franken. einem finsteren Korridor entgegenschlägt, der unordentlichen Frau, die herangeschlurpt kommt und die Hände an der Schürze abtrocknet, bei der Suche nach einem möblierten Zimmer erlebt. Jeder solche Junggeselle hat die Frau gehört, die also ihr Zimmer anpreist: «Sie müssen entschuldigen, wir haben gerade grosse Putzete und das Zimmer ist noch nicht eingeräumt. Da haben Sie eine wunderbare Aussicht über die Dächer der Stadt. Kein Vis-ä-vis und die Sonne scheint den ganzen Tag ins Zimmer.» Der alleinstehende Herr kann sich nun die Herrlichkeit ansehen, die abgeschabten Plüschmöbel, den wackligen Schrank, den Waschtisch mit der zersprungenen Marmorplatte, die phantastischen Blumenoder Vogeltapeten, die ein wenig verblichen sind, und wie sich der junge strebsame Mann im Räume umsieht, da prasselt auch schon das Lob auf ihn herunter: «Hier ist die gemütliche Ecke, schön ist zwar das Plüschsofa nicht mehr, aber bequem. Der vorige Mieter, der Herr Doktor (es war immer ein Herr Doktor), wohnte fünf Jahre bei mir, jetzt aber hat er — hat er geheiratet. Der Ofen heizt wunderbar. » Der vorsichtige Interessent dreht auch das Licht an, und falls er sagt, es müsse vielleicht eine stärkere Glühlampe eingeschraubt werden, da er abends oft zu arbeiten oder zu lesen gedenke, dann kommt immer die prompte Antwort: «Ach, der Herr Doktor hat abends auch immer gearbeitet, und ihm war das Licht viel zu hell.» Gewünscht wird natürlich ein seriöser Mieter, der keine Damenbesuche empfängt. Waschen könne sich der Herr im Badzimmer. Vorzahlung sei erwünscht, doch wenn der Herr eine sichere Stelle habe, nicht unbedingt notwendig. Das Haus sei ruhig. Das Frühstück bestehe aus Kaffee, Milch, Butter, Konfitüre und Brot. Und wenn dann so ein junger, oft auch noch RUHIGES ZI/WR FREi unerfahrener alleinstehender Herr einzieht, dann ist alles ein wenig anders, als es die tüchtige Vermieterin empfohlen hat. Tagsüber stürmen Kinder lärmend im Hausflur herum. Die schöne Aussicht wird bald verbaut. Die Sonne streift nur im höchsten Sommer das Fensterbrett, sonst ist es dunkel und kühl wie in einem Keller. Der Frühstückskaffee besteht nur aus Zichorie, die Butter ist ranzig und das Brot ausgetrocknet. Das Badzimmer ist morgens, wenn sich der Mieter waschen will, immer besetzt. Die Post wird gewissermassen zensuriert. Nachts lautsprechert ein Radio bis gegen 12 Uhr oder das ungezwungene Gelächter und Geschwätz der Gäste der Familie hindern einem am Einschlafen. Das Loch in der Chaiselongue-Decke, das schon zwei Herren vor dem jetzigen Mieter bezahlt haben, muss nochmals berappt werden. Und weil man nirgends einen Brief oder ein Schriftstück herumliegen lassen kann, ohne dass es gelesen wird, so entschliesst sich mancher Mieter, mit dem Papier im Sommer den Ofen zu heizen. Jeder Junggeselle kennt den vollgepfropften Ofen und die darüber schimpfende und fluchende Wirtin. Die Möbel sind ungemütlich, nach und nach wird einem die Trostlosigkeit des Zimmers bewusst. Bekommt man nachts Besuch, dann knarrt die Treppe und Freunde und Freundinnen müssen virtuose Sprünge vollführen. Ja, als alleinstehender, möblierter Herr muss man eine gehörige Dosis Humor haben, abgebrüht sein gegen die steten Reklamationen der Vermieterin, und vor allem nichts tragisch nehmen. Und doch denkt später manch einer an jene Epoche zurück, und viele Schlechtverheiratete erinnern sich gerne der paradiesischen Zustände, da sie noch «alleinstehende Herren» waren. Hans Heini Baseler.