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E_1940_Zeitung_Nr.005

E_1940_Zeitung_Nr.005

BERN, Dienstag, 30. Januar 1940 Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang *— No 5 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PH EISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10,- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Erscheint Jeden Dienstag REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS Di« achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach Spezialtarif hucratenseblu» 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Es harzt mit der Steuerermässigung Wo bleibt das Verständnis für das Landesinteresse ? Als es sich beim Uebergang zur definitiven Benzinrationierung darum handelte, die etwas über 60.000 Fragebogen schweizerischer Personenwagenbesitzer zu verarbeiten, um daraus das Gebäude zu zimmern, innerhalb dessen einem jeden von ihnen sein genau bestimmter Platz in einer der Dringlichkeits- und Qiiantitätskategorien zugewiesen wurde, da zeitigte diese Sichtung, gewissermassen als Nebenprodukt — als höchst wertvolles allerdings — das Ergebnis, dass rund 83 % dieser Fahrzeuge im Dienst der Wirtschaft und der Berufsausübung stehen. Damit ist das Märchen vom. « Luxusgegenstand Automobil» mit einer Deutlichkeit ad absurdum geführt, die unsere Gegner eines ihrer wichtigsten, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ausgespielten Trümpfe beraubt. Die einwandfrei ermittelte und belegte Tatsache aber, wonach mehr als vier Fünftel unseres Personenwagenbestandes als unentbehrlich für die Kriegswirtschaft, die Landesverteidigung und die Sicherung geschäftlicher Existenzen taxiert werden müssen, erheischt "gerade angesichts der Situation, welche die Treibstoffrationierung für das schweizerische Automobilwesen heraufbeschworen hat, Berücksichtigung in erster Linie nach der Richtung einer steuerlichen Entlastung hin. Denn allerdings müsste sich eine Fis'kalpolitik, die einem Arbeitsinstrument und einem Erzeuger wirtschaftlicher Werte gegenüber, wie sie das Automobil verkörpert, die heute mehr denn je gebotene Vernunft vermissen lässt, nicht nur finanziell als Schlag ins Wasser entpuppen, sondern auch am ganzen Körper der Wirtschaft irreparablen Schaden anrichten. Gross ist nämlich die Versuchung für den Fahrzeughalter, auf die Verteuerung der Kilometerkosten mit einer Ausserbetriebsetzung, zu antworten, was im Eindeffekt auf eine Beeinträchtigung der Interessen der allgemeinen Wirtschaft wie auf eine Schwächung unserer militärischen Bereitschaft hinausläuft. Ob wir uns das leisten können? Die Frage stellen, heisst sie auch verneinen. Kein Mittel darf deshalb unversucht bleiben, um die Fahrzeuge im Verkehr zu halten, selbst wenn ihnen nicht mehr die volle, unter normalen Verhältnissen benötigte Benzinmenge zugestanden werden kann. F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 6. Fortsetzung Anderthalb Monate, die er ihr — Wanda •— raubt! Nein, sie weiss keine andere Erklärung ... sie weiss, dass nur Liebe einen um allen Sinn und Verstand bringen kann. So wie die Liebe zu ihrem Mann sie um Sinn und Verstand bringt, dass sie die Nebenbuhlerin, die da irgenwo in der Ferne auf ihn wartet, glatt niederschiessen könnte, oder ihr Vitriol ins Gesicht schütten ! Sie versteht plötzlich alle Leidenschaftsdramen der letzten Jahre, begreift alles, was in ihrer Liebe gedemütigte Frauen im Taumel sinnloser Eifersucht begehen. Und darum begreift sie auch, dass — wenn ihr Mann jene Frau so liebt, mit aller Inbrunst und Aufgabe seiner selbst, so wie sie ihren Mann liebt — ihn nichts, nichts an ihrer Seite zurückhalten kann ! Sie wankt auf die Terrasse zurück. Erfasst mit einem Blick, dass etwas Fremdes zwischen Vater und Sohn getreten ist, hört die Stimme des Vierundzwanzigjährigen: Jedes Auto und Motorrad, das zirkuliert, wenn auch nur in beschränktem Umfang, bedeutet ein Plus, einen Gewinn für« Wirtschaft und Armee. Die Sorge um die Unversehrtheit dieser beiden tragenden Pfeiler, auf denen gegenwärtig die Existenz und die Zukunft des Landes ruht, muss jedoch heute mehr denn irgendwann zuvor das ganze Denken und Handeln von Volk und Behörden bestimmen. Diese Erkenntnis hat ihren Niederschlag auch in jenem Kreisschreiben gefunden, das der Bundesrat am 29. Dezember 1939 an die Kantone richtete und worin er ihnen unter Hinweis auf die Gefahren, welche der Landesverteidigung, der Volkswirtschaft, den kantonalen und den Bundesfinanzen von einer weiteren Verschlimmerung der Lage der Automobilisten drohen, nicht nur die Einräumung von Zahlungserleichterungen bei der Entrichtung der Verkehrssteuern nahelegte, sondern darüber hinaus die dringende Notwendigkeit «einer allgemeinen Lösung Um die Steuerrückvergütung für requirierte Fahrzeuge Abklärung, der Situation tut not Das Kreisschreiben des Eide» Justiz- und I Tag genau berechnet, In Betracht fallen Polizeidepartementes vom 20. Dezember 1939, könne, womit diese Behörde den Kantonsregierungen kundgab, dass gestützt auf die. Militär- die Absicht, einen konkreten Fall herauszu- besteht beim ACS, TCS und bei der Aspa organisation vom 12. April 1907 die Rückerstattung der Verkehrssteuern für requirierte gerichts herbeizuführen und die Rechtslage greifen, um einen Entscheid des Bundes- Motorfahrzeuge gefordert werden könne, und damit ein für a'lemal endgültig abzuklären. zwar entsprechend der Dauer der militärischen Verwendung, hat in den Kantonen hofes wären dann sämtliche Rückerstattungs- Nach dem Spruch unseres obersten Gerichts- eine höchst verschiedenartige Auslegung gefunden und eine wahre Musterkarte von «Lötige Buntscheckigkeit der kantonalen Lösunfälle einheitlich zu liquidieren und die heusungen» zur Entstehung gebracht, wobei deren Mehrzahl offenbar von dem Motto be- Bereits hat denn auch die Aussicht auf gen nähme ein Ende. herrscht wird, dass Nehmen seliger sei denn diese Wendung der Dinge das kantonalbernische Strassenverkehrsamt veranlasst, Geben. Von der Rückvergütung pro rata temporis, d. h. auf den Tag genau berechnet, die ihm bisher zugegangenen Begehren urn bis zur Rückerstattung lediglich pro nicht Steuerrückerstattung für requirierte Fahrzeuge vorläufig nicht zu behandeln, sondern angebrochene Monate oder sogar Vierteljahre umfasst die Skala alle nur erdenklichen Nuancen. Weil aber die automobilisti- ^ Im übrigen erfolgt die Rückerstattung abzuwarten. schen Kreise den Standpunkt einnehmen, dass durch die Kantone nicht etwa automatisch, nach dem Sinn der heute noch geltenden Bestimmung der Militärorganisation von 1907 die zuständige Amtsstelle (in der Regel das sondern es bedarf dazu eines Gesuches an nur eine Rückvergütung nach der tatsächlichen Dauer der Requisition, also auf den des kantonale Automobilbureau) unter Beilegung Schatzungsverbals. Du weisst, Vater, wie ich zu dir stehe... aber unter diesen Umständen — es handelt sich nicht um Sentimentalitäten von Mutter ... es handelt sich um deine Fabrik... Um dein Werk... Um Grossvaters Werk ... Das ist wie... wie Fahnenflucht, wenn du sie jetzt um einer Ferienreise willen verlässt, Vater!... Du darfst dein Personal nicht im Stich lassen in einem solchen Augenblick ! ... Vater ! Ich verstehe dich nicht mehr ! » Ein gequälter Ausdruck tritt in Römers Gesicht. Er presst die Hand vor die Augen, als mühe er sich, eine Wirklichkeit von der anderen zu lösen. «Vater! » Hans beugt sich zum Vater herab, legt die Wange auf sein Haar, brüllt dann heraus : «Zum Donnerwetter, Mutter und Else, geht doch aus dem Zimmer ! Ihr seht doch, dass Vater leidet... ich bin sein Sohn... wir sind Freunde ... Männer unter uns ... nicht wahr, Vater ?... Du sprichst dich mit mir aus, Vater...» Else packt die Mutter am Arm. will sie hinausziehen. Sie hat eine scheue Achtung vor dem nur um zwei Jahre älteren Bruder, vielleicht weil er in allem das Abbild des verehrten und gefürchteten Vaters i$t — nur dass der Ernst im Gesicht bei ihm gemildert ist durch frohe Frische. zur Behebung der nachteiligen Folgen der heutigen Verhältnisse » unterstrich. Dass sich unsere Landesregierung in dieser Art und Weise als Befürworter einer Entlastung des Motorfahrzeugs einsetzt, die gleiche Regierung, die ein Vierteljahr früher noch das mit berechtigtem Kopfschütteln aufgenommene Sonntagsfahrverbot proklamiert hatte, das erleben wir unseres Wissens zum erstenmal in der Geschichte des schweizerischen Automobilwesens. In dieser Anerkennung des Faktors Automobil, um die wir seit Jahren nicht müde geworden sind, zu kämpfen, liegt aber auch das Geständnis mit eingeschlossen, dass sich der Bundesrat über die Bedeutung des neuzeitlichen Verkehrsmittels sowohl als auch über den Ernst der Lage Rechenschaft gibt, in die es durch Mobilisation und Benzinrationierung hineingedrängt worden ist. Offenbar jedoch bedurfte es erst des Krieges mit allen seinen Erschütterungen, um den Landesbehörden die Augen über die Zusammenhänge zu öffnen und der Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, dass die unschätzbaren Dienste, welche das Motorfahrzeug leistet, eine Lockerung der Steuerschraube I nicht nur als angezeigt erscheinen lassen, Wanda steht auf, willenlos, lässt sich von der Tochter zur Tür ziehen. Im gleichen Augenblick schellt draussen die Gartenglocke. Einmal, zweimal... dann anhaltend. «Fräulein Manz möchte dringend Herrn Direktor sprechen.» « Manz ?...» «Vielleicht Staubsauger zu verkaufen, oder sie will eine Kollekte machen», meint Else. « Keine Zeit! Ich verreise », winkt Römer ab. « Also Kinder...» Verärgert steht der Diener erneut im Türrahmen, fühlt, wie unwillkommen er ist: « Sie ist von der Fabrik, aus der Telephonzentrale. Gerade, weil Herr Direktor jetzt verreise, müsse sie ihn vorher sprechen ! » Aus eigener Machtvollkommenheit fügt er hinzu : « Es scheint wirklich wichtig zu sein, Herr Direktor. Sie ist ganz aus dem Häuschen ! » Doch Gerda Manz steht bereits auf der Schwelle. Das schöne Mädel sieht aus, dass Gott erbarm'. Wie weggeblasen ihre frischen Farben. Mit roten, verschwollenen Lidern und tiefen Rändern unter den Augen. Der noch rasch auf dem Treppenabsatz auf dem Gesicht verriebene Puder hat sich auf der feuchten Haut zu weissen Flecken verschmiert In dieser Nummer s Jahresabschluss 1939 der SBB. Int Autotourismus im «Jahr der Schweiz». Umbau von Monza. Luftkonditionierungsanlage als serienmässige Wagenausrüstung. sondern sie geradezu zu einer imperativen Pflicht stempeln. Spät kam sie, diese Rehabilitation, und erst unter dem Druck aussergewöhnilicher Umstände. Doch sie kam. Und man braucht nicht zu Wortklaubereien und Haarspaltereien Zuflucht zu nehmen, um aus dem erwähnten Kreisschreiben herauszulesen, dass es in den Amtsstuben des Bundes zu dämmern beginnt und man sich der gewaltigen Mission, welche das Auto zu erfüllen hat, bewusst geworden ist. Was uns davon bleibt, stellt sich vorläu^ fig allerdings mehr als moralische Genugtuung denn als materielle Erleichterung dar. Die nämlich muss in Form eines Steuerabbaues von den Kantonen ausgehen, denn auf dieser Basis allein lässt sich die erforderliche Anpassung an die Rationierung und die verminderten Verkehrsleistungen erzielen. Damit aber harzt es. Und es harzt nicht zuletzt, weil es der Bundesrat, trotzdem er sich, wie aus seinem Runderlass erhellt, keinen Illusionen über die bestehenden Geiahren hingibt, nicht übers Herz brachte, mit einer Regelung auf den Plan zu treten, bei der es für die Kantone keine Ausflüchte und kein Kneifen gegeben hätte. Brav und bieder begnügte er sich mit einer «Empfehlung» an deren Adresse. Und die Folge davon ? Dass wir jetzt Zeugen des nicht eben erhebenden Schauspiels werden, wie die Sache, von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen, nicht vom Flecke kommt. In ihrer Mehrheit wehren und sträuben sich die Kantone und vergessen, dass der Automobilist den Staat ja keineswegs prellen will, sondern lediglich etwas zurückverlangt, was er ihm unter den gegenwärtigen Verhältnissen zuviel bezahlt, sie versuchen, sich unserem Begehren nach Steuersenkung mit der Begründung zu ent- Sie stösst heraus, halb fordernd, halb in, Angst: «Verzeihen Sie, Herr Direktor... ich bin trotz Herrn Fehlings Verbot aus der Zentrale fortgelaufen... das heisst, aus dem Maschinenraum, in dem Herrn Karsten uns alle versammelt hat... Herr Fehling hat gesagt, ich darf nicht zu Ihnen... es kann mich meine Stellung kosten... aber wenn ich meine Aussagen der Kriminalpolizei mache — dann kommt doch alles in die Zeitungen... mein Name auch... weil ich doch seine Braut war...» Sie bricht in Schluchzen aus. Hans Römer blickt kopfschüttelnd auf das tränenverschwollene Mädel mit dem verrutschten Hut. Dass die Weiber sich immer in Tränen* flüchten !... Er schiebt ihr einen Stuhl hin : « Nun mal Ruhe, Fräulein ! Setzen Sie sich erst mal. » Es liegt trotz des absichtlich burschikosen Tons etwas so natürlich umsorgend Beglückendes in seinem Wesen, dass Gerda zu ihm aufblickt. Röte schiesst ihr ins Gesicht, als ihre in Tränen schwimmenden Blicke in die seinen treffen. Wie aus dem Gesicht geschnitten ist er dem so verehrten Chef des Hauses. Nur eben