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E_1940_Zeitung_Nr.017

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II AUTOMOBIL-REVUE

II AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 23. APRIL 1940 — N° 17 weil du mir Vorwürfe machst, merkt man, dass wir in einer Liebes-Ehe miteinander leben.> «He, he, he! So ein Blech, ein gepresstes, was du da erzählst!» lachte er bösartig. Ich überging das kühl und fuhr fort: «Also, wenn wir noch ein ganz klein wenig Benzin bekommen, so wollen wir uns in aller Stille und ohne grosses Aufheben zu machen darüber freuen. Lieber fahren wir nur einmal im Monat aus; dafür aber recht. Als dann überhaupt nicht. Ich muss mich da drein fügen — und du halt eben auch. Da gibt es nichts zu husten. Wir gehören nur in die hinterste Klasse derer, die Benzin bekommen. Man zählt uns zu den verachteten Touristen. Früher, da wechselten wir immer schön ab. Mal ins Elsass, mal über den Gotthard nach Italien, dann wieder rings im Schweizerland herum; und überall freute man sich, uns eine nette Hotelrechnung zu präsentieren. Du wurdest mal hier, mal da nachgesehen und gewaschen. Ich ging jeden Sonntag in einem andern Gasthof zu Mittag essen. Kurz, wir bemühten uns, Geld unter die Leute zu bringen. Heute ist das alles unwichtig. Spielt keine Rolle mehr. Mir tun dabei nur die Hoteliers und die Gastwirte in der Seele leid! Aber was können wir zwei dagegen tun? Der Verkehr scheint beträchtlich abgenommen zu haben. Jedenfalls reden sie bereits ernsthaft von der Errichtung eines Verkehrsmuseums! Damit man wenigstens noch im Museum nachsehen kann, wie das alles einmal war. Schöne Geschichte, das! Gerade jetzt, wo wir sowieso nur noch die Schweiz mit unsern Abstechern beehren würden, weil man ja nirgends recht über die Grenzen kommt, ohne grosses Theater und Umstände. Da brummt einem der Schädel vor lauter Bewilligungen, Genehmigungen, Gutscheinen, Visa und Stempeln, Passeintragungen und Sonderfahrbewilligungen, bevor man nur angefangen hat, Pläne zu schmieden; bleibt man schon lieber in der Schweiz und fährt mit der Eisenbahn. Wozu ist man schliesslich Automobilist? Ja, wenn ich so denke! Diese wundervolle Frühlingsnacht heute. Eigentlich schon recht mild ist die Luft und es riecht, nach Knospen und Blüten. Die Sterne funkeln frischgewaschen von dort oben herunter zu uns. Kannst du sie auch sehen? Wenn man jetzt so abfahren könnte? Verdeck herunter und mitten in der Nacht los! So nach Bern, Thun, Interlaken. Und nach Meiringen und dann zum Sonnenaufgang auf der Grimsel oder auf der Furka oben? Schnee? Ja, da hast du wieder recht. Dazu sind wir noch zu früh dran. Aber derlei Dinge trieben wir doch oft zusammen früher. Oder so ganz in der Nähe im Jura herumgondeln, jede drittklassige Seitenstrasse in Angriff nehmen und mal einfach zusehen, wo sie hinführt! Weisst du noch? Oder ganz einfach, wenn man schnell in die Stadt musste, gleich einen halbstündigen Umweg machen, nur weil es grad so schönes Wetter war? Hm? So ist das nun eben leider. Schluss damit für den Moment. Sonst fangen wir alle beide noch an zu heulen; mitten in der Nacht. Schmale Rationen Benzin, und damit müssen wir uns eben abfinden. Ja, ja, mein Lieber. Nichts zu machen. Man munkelt zwar von etwas freigebigeren Zuteilungen in absehbarer Zeit; aber wer weiss das? Gerüchte. Nur Gerüchte — und die soll man ja nicht weitersagen. Verstehst du? Nicht schweig schön still!» weitersagen! Also Das tat er auch. Ganz leid tat er mir, wie er so dastand. Schön rückwärts in die Garage eingefahren, blinzelte er mit seinen dunklen Lampen hinaus in die sternhelle Nacht. Wie ein sprungbereites Tier! Armer Kerl! «Was geht mich der ganze Krieg schon an. Hab ich etwa angefangen? Fahren will ich. Hörst du? Fahren!» rief er nun ganz wütend und verzweifelt aus. «Psch-sch-scht!» flüsterte ich ihm zu. «Ruhig. Die Liebe zur schweren Musik und zur Oper ist eine Angelegenheit der seelischen Disposition, über die sich nicht streiten lässt, an der auch nichts zu ändern ist. Aber nicht immer ist die schwere Oper so ernst, wie der Verneiner dieser Kunstgattung meint. Freilich der Humor ist in der Regel ungewollt, aber dafür um so wirksamer und erquickender. Der ernste Kunstkenner mag entsetzt sein, aber für den Zuschauer gibt es keine unvergesslichere Erinnerung, als wenn sich das Opernhaus vor Lachen gebogen hat. Die Taube im Haar. Eine bekannte italienische Opernsängerin, von gewaltiger Stimme, aber nicht weniger gewaltigem Umfang, befand sich in Südamerika auf einer Tournee. In Rio gibt es nun eine merkwürdige Sitte. Wenn man einer verehrten Sängerin oder Schauspielerin Worte der Anerkennung auf die Bühne schicken will, besorgt man das mit Tauben, denen man Gedichte — oder auch in besonders netten Fällen — Brillantringe an die Beine gebunden hat. Diese Tauben sind darauf dressiert, die Frau in der Mitte der Szene nach der Freilassung aus dem Zuschauerraum zu umschwirren. Die Italienerin war entzückt von dieser Idee, von der ihr der Manager erzählte. Sie sang gut, sehr gut. Die Tauben schwirrten, während im Saal der Beifall tobte. Eine Taube war besonders eifrig. Sie wollte sich unbedingt der Sängerin auf den Kopf setzen. Diese wehrte sich verzweifelt. Doch der Vogel verkrampfte sich in die Haare — kämpfte dann um seine Freiheit und nahm vom Kopf der Sängerin eine grosse, schwarze Perücke mit. Die Dame war fast kahl. — Noch in der gleichen Nacht verliess die Sängerin Rio und wurde dort nicht mehr gesehen. Kampf hinter den Kulissen. Der berühmte Dirigent hatte sich in seinem Hotel in London für die Fidelio-Aufführung einen glänzenden Einfall sorgfältig notiert. Am nächsten Tage ordnete er an, dass sich für die Schlußszene der erste Trompeter mit seinem Instrument aus dem Orchester entfernen und ganz weit rückwärts auf der Bühne, irgendwo hinter den Kulissen, das Signal blasen solle. Das musste grossartig wirken. Der Augenblick kam. Das Signal musste ertönen, aber alles blieb stumm. Eine unheimliche Stille stellte sich für Sekunden ein. Der berühmte Dirigent begann Blut zu schwitzen. Dann fasste er sich und gab dem zweiten Trompeter das Zeichen, das Signal zu blasen. Dann ging alles ruhig weiter. Aber — als der Vorhang fiel, wartete der Dirigent keine Sekunde. Er stürzte hinter die Kulissen, um mein Freundchen. Nicht diese T5ne. Wir sind neutral hier. Und wir wollen froh sein, dass es uns so gut geht.» «Psch-sch-scht! » zischte er zurück. «Gute Nacht. Du hast wieder einmal recht.!» «Gute Nacht)» Leise schloss ich die Tür der Garage, und vom Turm schlug es eins... T)a bog sich das Opernhaus w* £achm... zu sehen, was es dort gegeben habe und dem säumigen Musiker den Kopf zu waschen. Aber — er fand dort einen Polizeibeamten, der mit seinem Musiker einen Ringkampf um die Trompete aufführte: «Geben Sie die Trompete her, Sie sind geisteskrank, Mann, Sie hönnen doch hier nicht einfach blasen, wenn da vorn eine Oper gegeben wird!» Was will man machen — der Polizeibeamte hatte es gut gemeint... «Mann über Bord!» Als man einmal in Neapel «Africana» gab, erlebten die Zuschauer eine einmalige Ueberraschuog. Im dritten Akt steuert Don Pedro sein Schiff über ein bewegtes Meer. Dieses Meer wurde einfach dadurch erreicht, dass man unter blaugrüner Leinwand ein Dutzend Männer mit Armen uüd Beinen strampeln Hess. Nun befand sich unter diesen Männern einer, der an Asthma litt. Als er unter dem staubigen Tuch sass und Staubteilchen in seine Lungen drangen, war er fest davon überzeugt, dass er nun ersticken müsse. Er riss also sein Taschenmesser aus der Hose und schnitt über sich ein Loch in die Leinwand, In dieser Sekunde bekam er einen Stoss von seinem Hintermann. Der Riss wurde gewaltig gross — so gross, dass der Hintermann mit Kopf und Schultern aus der Leinwand herausragte — und den erstaunten Zuschauern das Bild eines schwimmenden Mannes in Hemdärmeln bot. Aber dieser Mann liess sich nicht aus der Fassung bringen. Er rief laut: «Mann über Bord!» — glaubte so seine Anwesenheit motiviert zu haben und tauchte wieder unter, um für den Rest der Szene den Riss mit den Händen zuzuhalten. Der unterschätzte Wein. Ganz alte Opernbesucher erinnern sich noch 'daran, dass der grösste Skandal der Oper auf Sizilien'ein Vorfall war, den man später angesichts der sonstigen Berühmtheit des Urhebers dieses Skandals gern vergass. Ein junger Sänger sollte Probe singen/ Er hatte eine prachtvolle Stimme — ' das musste man zugeben. Aber er kannte nicht ein Wort des Textes. Und ausserdem lag der Sänger die gange Zeit entweder auf dem Boden oder lang auf einer Bank —- das war kein Benehmen — und auch sonst ja nicht üblich. Der Fall musste klargestellt werden. So liess man in Sizilien nicht mit sich umspringen. Die Nachfrage ergab, dass der Wein von dem Sänger unterschätzt worden war. Er konnte einfach nicht mehr auf den Beinen stehen, sondern musste liegen oder sitzen. Die Texte bekam er auch nicht mehr zusammen. Aber die Klänge wusste er noch. Und der Sänger hiess — Enrico Caruso. APRIL Ich rüttle alle Läden auf! Rot schäumt der April herein. Gebt eurem Spinnwebkummer doch den Lauf! Ich seh schon Mais und Wein. Lasst Flöten, Lauten, Zimbeln klingen, wie in den alten bänderbunten Tagen! Der grüne Lenz prüft funkelnd seine Schwingen! Lasst, sternenüberglänzr, die Herzen schlagen! Edouard H. Steenken. „...vergiss die Peitsche nicht!" Der Ursprung eines oft zitterten Wortes. Die Bedeutung von Frau Elisabeth Förster- Nietzsche ist in ihrem schöpferischen Frauentum beschlossen. Sie setzte ihr Sein und ihr Können, ihre ganze Persönlichkeit ein, um das Werk ihres Bruders, dessen Wert sie als eine der ersten erkannt halte, zu hegen, zu fördern und zu verwalten. In ihrem letzten Buch «Friedrich Nietzsche und die Frauen seiner Zeit» findet sich ein launiger Bericht von der Entstehung des so oft zitierten und so oft missdeuteten Nietzsche-Wortes: «Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nichtI» Frau Förster- Nietzsche erzählt, dass sie als junges Mädchen ihrem Bruder, der als Student zu Hause weilte, Turgenjews Novelle «Erste Liebe» vorgelesen habe. Darin behandelt ein älterer Mann seine Geliebte oft brutal, und als er ihr bei einer Bitte mit der Peitsche über den nackten Arm schlägt, empörte das' Nietzsche aufs tiefste. Seine Schwester sagte ganz ruhig: «Fritz, es gibt bestimmt viele Frauen, die nur durch die absolute Machtbetonung des Mannes im Zaum gehalfen werden können und die, sobald sie nicht jene symbolische Peitsche über sich fühlen, frech und unverschämt werden.» Da lehnte der Bruder sich in komisch gespieltem Entsetzen auf dem Sofa zurück, schlug die Arme über dem Kopf zusammen und rief: «So rät das Lama» — wie er seine Schwester immer nannte — «dem Manne zur Peitsche!» Unter Lachen und Scherzen erklärte sie ihm, dass das nicht zu verallgemeinern sei, dass die normale Frau mit Zartheit und Rücksicht behandelt werden wolle, aber eben für eine gewisse Gattung von Frauen gelte das. Als sie ein Jahr darauf wieder mit ihrem Bruder zusammentraf, gab er ihr den ersten Teil des Zarathustra zu lesen, und sie kam an die Stelle, wo das alte Weibchen Zarathustra den Rat gibt: «Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht!» «Oh, Fritz», rief die Schwester erschrocken, «das alte Weibchen bin ichl» Der Bruder lachte und versprach, das wolle er keinem Menschen verraten. sönlichkeit gewesen, und von diesem Ruhm ging auch ein wenig auf den Neffen über. Aber nicht nur in dieser Hinsicht war Lenormand der Erbe und Nachfolger des alten Herrn. Dieser übertrug auch auf ihn den guten Geschmack als Kunstliebhaber und Kunstkenner. Lenormands Haus war jederzeit der Sammelpunkt vieler bedeutender Männer und Frauen, Künstler und Schöngeister. Voltaire, Montesquieu, der geistreiche Abbe de Bernis, Maupertuis, Cahusac und andere waren tägliche Gäste im Schlosse Etioles, in dem eine der reizendsten und anziehendsten Frauen Frankreichs die Honneurs machte. Niemand anders als Jeanne Antoinette Poisson, die spätere Marquise von Pompadour, war die Schlossherrin. Ueber ihrer Herkunft lagen dunkle Schatten. Ihre Mutter war die Geliebte des älteren Lenormand de Turneheim, der in der Wahl dieser Frau allerdings keinen guten Geschmack bewies. Frau Poisson, obwohl äusserlich eine schöne, ja sogar schönere Frau, als später ihre Tochter, besass einen sehr alltäglichen Charakter. Sie war eine vulgäre Person ohne jeden sittlichen Halt, die ihrem ebenso gewöhnlichen als brutalen Mann, Jean Baptiste Poisson, in nichts nachstand, Poisson war ein Zyniker, Trunkenbold, ein halber Verbrecher. Die Legende will, dass er von Beruf Fleischer gewesen sei. In Wirklichkeit war er nur Angestellter bei den grossen Heereslieferanten, den Gebrüdern Paris. Diese Firma wurde beim Regierungsantritt Ludwigs XV. mit vielen anderen Lebensmittelfabrikanten, die sich auf unredliche Weise ein Vermögen verdient hatten, vor Gericht gestellt. Da die Brüder Paris jedoch sehr einflussreich waren und hohe Protektion genossen, konnten sie nicht persönlich bestraft werden. Man hielt sich daher an ihren ersten Angestellten p oisson, der, wie seine Prinzipale, vieles auf dem Gewissen hatte. „Ausserdem schwebte ein Prozess wegen eines Sittlichkeitsverbrechens gegen ihn, und er wurde schliesslich zum Tod durch den Strang verurteilt. Seine hohen Helfershelfer hatten ihm jedoch rechtzeitig zur Flucht nach Deutschland verholfen, und so lebte er dort ungestört und in Frieden. 1721 gab Madame Poisson einem Mädchen das Leben, das sie Jeanne Antoinette nannte. Herr Lenormand de Turneheim bekannte sich zwar nicht öffentlich zur Vaterschaft dieses Kindes, liess ihm aber die sorgfältigste Erziehung angedeihen und es im grössten Luxus aufwachsen. Besonders frühzeitig wurde das kleine Mädchen in alle Künste der Koketterie eingeweiht. Man lehrte es, alle seine Vorzüge zu gebrauchen und ins beste Licht zu stellen. Einer der glühendsten Verehrer des herangewachsenen Mädchens war der Neffe des alten Herrn von Turneheim, der vierundzwanzig jährige Charles Guilleaume Lenormand. Jeanne Antoinette war eben fünfzehn Jahre alt geworden, als die Heirat zwischen ihr und dem jungen Mann von ihrer Mutter und Turneheim zustande gebracht wurde. Der Gatte hatte äusserlich nichts Verführerisches an sich. Er war klein und schlecht gewachsen, sein Gesicht eher hässlich als hübsch. Aber er war eine glänzende Partie für das junge Mädchen. Sein reicher Onkel gab ihm als Mitgift die Hälfte seines Vermögens und das Schloss Ejioles zum Wohnsitz. Dass er ein herzensguter Mensch war und vor allem ein Ehrenmann, spielte für die Poissons weiter keine Rolle. So wurde Jeanne Antoinette Poisson Madame Lenormand d'Etioles, ohne dass man sie um ihre Meinung gefragt hätte. Sie kümmerte sich auch gar nicht viel um diese An-; Gelegenheit ihres Lebens. Von Natur aus; schien sie ein kalter, egoistischer Charakter zu sein, dem Vergnügen, Luxus, Reichtum mehr galten als seelisches Glück. Sie kannte weder Leidenschaft noch Liebe. Ihr Gatte liebte sie zärtlich und vergötterte sie. Sie selbst hatte ihm weiter nichts zu geben als ihre äussere Schönheit, ihre junge Person, die seine Salons mit dem ihr eigenen Zauber erfüllte. Merkwürdigerweise war Herr von Etioles trotz so vieler Reize seiner Gattin nicht eifersüchtig. Er liess ihr alle Freiheit. Sehr oft war er abwesend, sie aber nahm ohne Verlegenheit oder Aengstlichkeit von ihrer Rolle als Schlossherrin Besitz. Stets war sie der anziehende Mittelpunkt ihrer Gesellschaft, die sich aus den bedeutendsten Geistern des alten und neuen Frankreichs und aus der hohen Finanzwelt zusammensetzte. Es bildete sich ein kleiner Hof um die reizende Frau, und mancher hoffte sie für sich erobern zu können, um so mehr,, da man bald merkte, dass sie sich sehr kühl mit Herrn von Etioles verheiratet hatte und in keiner Weise seine Leidenschaft erwiderte. Der junge Ehemann schien jedoch nichts von dieser Kälte zu spüren. Er war glücklich in seiner Liebe zu ihr, besonders als sie ihm Kinder schenkte. Das erste war ein Knabe, der aber bereits nach sechs Monaten starb. Das zweite Kind kam 1743 zur Welt und war jene kleine Alexandrine, die später von der Marquise von Pompadour wahrhaft vergöttert wurde. Aber die Ehe war für Jeanne Antoinette Poisson weder Ziel noch Anfang oder Ende gewesen, sondern nur Mittel zum Zweck. Auf jeden Fall kam sie ihr für ihre kühnen Zükunftspläne zustatten. Die nun neunzehnjährige Madame d'Etioles nährte nämlich fast seit ihrer Kindheit einen einzigen Wunsch: einst vom König, der damals vierzig Jahre alt war und im Rufe eines Wüstlings stand, ausgezeichnet zu werden. Dieser kühne Wunsch war durch die Wahrsagerin Lenormand in ihrem jungen Herzen lebhaft geworden. Die zynische Mutter tat das ihrige, um in dem Kinde den Gedanken zum sehnlichsten Wunsche zu entwickeln. Hatte sie doch mehr als einmal im Beisein ihrer Tochter vor ihren Gästen entzückt ausgerufen: «Jeanne Antoinette ist ein Bissen für den König!» So träumte das heranwachsende Mädchen nur von dem Glück, einmal die Geliebte des galanten Königst zu sein, in Versailles eine Rolle zu spielen. Als Madame d'Etioles erweiterten sich ihre Pläne in dieser Hinsicht. Sie nahmen bereits Gestaltung an. Sie machte sich die phantastischsten Vorstellungen von den Auszeichnungen, die ihrer am Hofe Ludwigs XV. harrten. Im Jahre 1745 wurde Madame d'Etioles, geborene Poisson, die Geliebte Ludwigs XV., und obwohl der Hochadel es dem König nie verzieh, dass er eine Bürgerliche als Maitresse wählte, vermochte es die Marquise, sich bis zu ihrem Tode in ihrer Stellung zu halten. Nahezu zwanzig Jahre lang regierte sie Frankreich, nicht wie eine königliche Geliebte, sondern wie eine unumschränkte Herrscherin.

N°17 _ DIENSTAG, 23. APRIL 1940 AUTOMOBIL-REVUE III Wff! ITCFWTHFHFNT //. Der asiatische Besitz Das indische Reich ist heute einer der Eckpfeiler des britischen Weltreiches. Englands Mittelmeerpolitik verfolgt in erster Linie das Ziel, die Verbindung des Mutterlandes mit Indien, in zweiter Linie mit Aegypten zu sichern. Beide Länder, sowohl Indien als Aegypten, sind ursprünglich französischer Kolonialbesitz. Der grösste Teil Indiens wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts von französischen Streitkräften eingenommen und ging bis auf kleine Niederlassungen wieder verloren. In seinem berühmten Zug nach Aegypten eroberte der General Bonaparte das Nilland (1798), musste es jedoch wieder aufgeben, nachdem die Engländer seine Flotte vernichtet und die Verbindung mit Frankreich abgeschnitten hatten. Wir haben im vorigen Aufsatz (Nr. 16) gesehen, wie Frankreich es verstanden hat, die Verluste an Kolonien in Amerika und in Afrika durch den Aufbau seines grossen afrikanischen Kolonialbesitzes auszugleichen und durch eine grosszügige Einigung mit dem englischen Weltreich zu sichern. Es gelang Frankreich ebenfalls, wenn auch nicht in gleichem Umfang, für den Verlust Indiens auf dem asiatischen Kontinent Ersatz zu schaffen. Die Erwerbung kolonialer Besitzungen in Indien fällt in die Zeit Ludwigs XIV. 1664 gründet der Minister Colbert die « Compagnie des Indes orientales». Vier Jahre später landet zum erstenmal ein französisches Geschwader in Indien, und 1673 begründet Bellanger de Lespinay die erste französische Niederlassung an der indischen Küste:^ Pond^chery. In den folgenden Jahren gewinnen die Franzosen ausgedehnte Gebiete auf dem indischen Kontinent. Schon stehen sie im Begriff, unter Führung ihres energischen Kolonisators, des Marquis von Dupleix, ganz Indien zu einer französischen Kolonie zu erheben, als militärische Niederlagen sie der Früchte ihrer Siege berauben. Diese Kämpfe spielen sich während des Siebenjährigen Krieges (1756—1763) ab. — Frankreich tritt auf die Seite der Gegner Friedrichs des Grossen und bekämpft England sowohl in Europa als in Indien. Auf beiden Kriegsschauplätzen erleidet es Niederlagen. In Europa verliert es die Schlacht von Rossbach, in Indien weichen seine Truppen vor den Armeen des Engländers Clive. Die Schlacht von Plassey (1757) entscheidet über das Schicksal des indischen Kontinents. Im Frieden von Paris (1763) wird Frankreich in Indien auf jene Besitzungen beschränkt, die es vor den Eroberungen Dupleix' besass. Es sind dies: Pondichery, Karikal, Mähe, Tschandernagor. Während der Revolution und dem Ersten Kaiserreich nehmen die Engländer auch diese Niederlassungen in Besitz, geben sie jedoch im Zürich Empfehlenswerte Unterhaltungsstätten Stadttheater Abends ' 8 o*r s onnta g nachmittags 3 Uhr. Theaterkasse Tel. 2 69 22 und 4 67 00, 10—12.30 und 15 30—19 ühr. Kuoni Tel. 3 36 13, 8—18.30 Uhr. Mi. abend 24. April Die Das französische Kolonialreich ge T schie J? e " e m Fr 4 a h u ', ?r rette von Leo Fall (B-Ab. 16;. DO abend 25. April Volksvorstellung: Die geschiedene *• Frau. Fr. abend 26. April Schwarzwaldmädel, Operette von L. Jessel (B-Ab. 16). April P rem ie re zum hundertsten To- ' destage von Peter Tschaikowsky Pique Dame, Oper v. Peter Tschaikowsky. S0.nachm.28.April Rigoletto, Oper von G. Verdi. SO. abend 28. April Die geschiedene Fiaj, Operette von Leo Fall. Militär in Uniform bezahlt auf allen Plätzen die Hälfte. Schauspielhaus Abends l y * üh '> s ° n , n r tag nachm. 3M Uhr. Abendkasse ab 18 Uhr (21111) Mi. abend 24. April Ein Volksfeind. DO. abend 25. April Premiere: Strassenmusik Komödie mit Musik von P Schurek. Fr. abend 26. April 19 30 Uhr: Faust I. Sa. abend 27. April Strassenmusik. Sa.nachm. 28.April 14.30 Uhr- Faust l. So. abend 28. April Strassenmusik. Militär auf allen Plätzen halbe Preise. Vtr/erene Gtittte den vom chinesischen Festland, im Süden vom südchinesischen ;üdchinesischen Meer begrenzt. Ein Jesuiten- pater, Alexander von Rhodos, wird als der geistige Urheber der französischen Herrschaft in Indochina angesehen. Im Jahre 1749 errichtet der Marquis von Dupleix die erste französische Niederlassung in Kotschinchina. Zwanzig Jahre später begründet ein französischer Priester, Mgr. Pigneau de Behaine, ein Eingeborenenseminar an der Küste des Golfes von Siam. Religiöse, kaufmännische und militärische Interessen wirken in gleicher Weise bei der Begründung dieses Kolonialreiches mit. Noch ist der Zusammenhang mit dem Mutterland ein schwacher, und zeitweise erinnert sich Frankreich kaum dieses entlegenen Besitzes. Eigene Interessen, die Revolution, die Feldzüge Napoleons I. nehmen seine Kräfte voll in Anspruch. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts denkt man an eine vollkommene Besitzergreifung. 1858 landet der französische Vizeadmiral Rigault de Grenouille in der Bai von Turan. Stadt und Festung Saigon fallen Täglich stehen Sie vor 100 Gefahren — VorsichtundGeistesgegenwart können das Schlimmste nicht immer verhüten. Darum vor allem: Sicherheit durch Abschluss von Unfall-, Lebens-, Haftpflicht-, Autokasko- und Auto - Insassen -Versicherungen bei der Schweizerische Unfallversicherungs - Gesellschaft Lebensversicherungs-Gesellschaft Frieden von Paris (1814) an Frankreich zurück. Französisch - Indochina besteht aus den Schutzgebieten Tonkin, Annam, Laos, Kambodscha und der Kolonie Kotschinchina. Es liegt zwischen Siam, bzw. der Halbinsel Malakka und den Philippinen und wird im Norin seine Hand. Um diese Zeit führt England gemeinsam mit Frankreich Krieg gegen China. Die Engländer stossen 1860 bis nach Peking vor. Bis zur Rückkehr der französischen Truppen aus China muss sich die Garnison von Saigon halten. Dann erst kann Frankreich an die Besitznahme Kotschinchinas gehen. Es gewinnt drei Provinzen und einige Häfen. Der Admiral Bonnard wird zum Gouverneur von Kotehinchina ernannt. 1873 fällt das zwischen Annam und Siam liegende Kambodscha unter französisches Protektorat. Ein Jahr vorher haben sich die Franzosen der Hauptstadt Tonkins, Hanois, bemächtigt, müssen es jedoch wieder räumen. Zehn Jahre später entsendet Frankreich den Fregattenkapitän Riviere nach Hanoi, um seine Landsleute und deren Handel zu schützen. Dieser nimmt die Zitadelle mit stürmender Hand, fällt jedoch bei diesem Angriff gegen die einheimischen und chinesischen Truppen. Dagegen stellt sich im Jahre 1874 das Königreich Annam unter französisches Protektorat (Vertrag von Saigon), aber der Vertrag befriedigt die Parteien nicht. China weigert sich, ihn anzuerkennen und verlangt für sich selbst die Oberhoheit über das Land. Sowohl die französi- Frankreichs Entwicklung als Kolonialreich in Asien. Winterthur" schen als auch die einheimischen Kaufleute leiden unter der allgemeinen Unsicherheit. Frankreich entschliesst sich nun, in der Kolonie einen dauernden friedlichen Zustand zu schaffen. 1883 erlangt der französische Ministerpräsident Jules Ferry von den Kammern einen Kredit, um Tonkin zurückzugewinnen. Er beauftragt damit den Admiral Courbet. Die Anstrengungen sind von Erfolg gekrönt. Eins Episode aus dem Burenkrieg Winston Churchill Q7fmiU Oberst Reitz erzählt in seinen Memoiren Ober den Burenkrieg: «Um diese Zeit» — es war zu Beginn des Feldzuges, als gerade die Einschliessung von Ladysmith begonnen hatte — «begab ich mich nach Pretoria, um gegen einen Mann auszusagen, der Geld und Effekten meines Vaters gestohlen hatte. Ich hielt mich nur zwei Tage in Pretoria auf. Als ich eines Tages mit meinem Vater das Bureau verliess, hielten wir bei den Schulen an, wo gefangene englische Offiziere untergebracht waren. Einer von ihnen hatte darum gebeten, mit meinem Vater sprechen zu können. Nachdem wir die Schildwachen passiert hatten, trafen wir ihn in einem grossen Klassenzimmer beim Spiel mit seinen Kameraden an. Er heisst Winston Churchill und ist der Sohn Lord Randolph Churchills, von dem ich oft sprechen hörte. Er CAPAN DACHE -und Farbstifte der Heimat 1883 wird Annam wieder zur Annahme des französischen Protektorats gezwungen, die Chinesen aus Tonkin verjagt, und als China reguläre Truppen entsendet, besetzt Frankreich einen Teil von Formosa und blockiert den Golf von Petschili (1885). In Frankreich selbst findet die Kolonialpolitik nicht ungeteilten Beifall. Clemenceau fordert die Kammer auf, den «Koloniallumpen» fallen zu lassen. Nach Eintreffen der Nachricht von einer militärischen Schlappe in Tonkin wird Jules Ferry gestürzt, und die Anhänger der Kolonialpolitik vermögen schliesslich nur mit einer Mehrheit von 6 Stimmen ihr Programm durchzusetzen. Nach weiteren Kämpfen muss China schliesslich auf seine Oberhoheit über Annam verzichten. Dieses Land sowie Kambodscha werden nunmehr endgültig unter französisches Protektorat gestellt. Die eingeborene Dynastien bleiben. Tonkin, ehemals eine annamitische Provinz, wird von Annam losgerissen und durch einen in Hanoi residierenden Gouverneur verwaltet. Die Pazifikation der Kolonie erfolgt in den Jahren 1886—1896. 1897 werden Kotschinchina, Kambodscha, Tonkin und Annam einem französischen Generalgouverneur unterstellt. Unter den Pazifikatoren der Kolonie figurieren Frankreichs berühmteste Armeeführer: Joffre, Gallieni, Lyautey. Paul Doumer, der 1899 Generalgouverneur der Kolonie wird, . schenkt dem Lande eine vorbildliche Organisation auf allen Gebieten der Verwaltung und eine Reihe wissenschaftlicher Institute. Bei aller Schonung der Sitten der Eingeborenen dringt langsam die europäische Zivilisation in das alte Kulturland ein. Französische Gelehrte befassen sich mit der Geschichte des Landes. In Kambodscha wird inmitten des Urwaldes die Ruinenstätte der alten Hauptstadt des Landes, Angkor, aufgefunden, mit den imposanten Resten der Bauwerke, die die Khmerkönige in den Jahren 880—1260 n. Chr. errichtet hatten. Sie werden von den Franzosen freigelegt und damit eine der interessantesten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit der Kulturwelt zugänglich gemacht. • An weitern Kolonien besitzt Frankreich noch Neukaledonien und — gemeinsam mit England — die Neuen Hebriden (östlich von Australien) , ferner in der Südsee einen Teil Ozeaniens (Tahiti), in China das Pachtgebiet von Kuantchuwan und eine Niederlassung in Schanghai. 1923 überträgt der Völkerbund Frankreich das Mandat über Syrien, eine Massnahme, die für die französische Kolonialpolitik von der grössten Bedeutung war. Heute steht Frankreich als Kolonialmacht an zweiter Stelle. Der ungeheure Besitz umfasst die zwanzigfache Fläche des Mutterlandes: 10 868 390 Quadratkilometer mit über 60 Millionen Einwohnern. D. erklärt, er sei Kriegskorrespondent und nicht Kämpfer und bittet infolgedessen um seine Freilassung. Mein Vater gibt ihm zur Antwort, er habe bei seiner Gefangennahme einen Revolver getragen, und diese bestehe daher zu Recht. Winston Churchill erwidert, dass im Sudan alle Kriegskorrespondenten aus Gründen der persönlichen Sicherheit Revolver getragen hätten. Dieser Vergleich verletzt meinen Vater, und er gibt ihm zur Antwort, die Buren hätten nicht die Gewohnheit, Nichtkämpfende zu töten. Schliesslich bat der junge Mann meinen Vater, ihm einen Dienst zu erweisen: falls er darin nichts Unschickliches sähe, wäre er ihm dankbar, wenn er einige Artikel, die er für ein englisches Blatt geschrieben hatte, über Delagoa Bai absenden würde. Am Abend las uns mein Vater einige Stellen aus diesen Artikeln vor und erklärte uns, Churchill sei ein recht schlauer Mensch. Er täuschte sich nicht; der Gefangene entwich, und es gelang ihm, aus Transvaal zu entkommen — auf welche Weise, habe ich nie erfahren können. D. n/mhaai rllMOn HOTEL STEINBOCK, CHUR Restaurant am Bahnhofplatz. Aller Komfort. 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