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E_1940_Zeitung_Nr.010

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AUTOMOBIL-REVUE

AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 5. MÄRZ 1940 — N° 10 Limousine Amerikaner, neueres Modell, in einwandfreiem Zustand, J

BERN, Dienstag, 5. März 1940 Automobil-Revue - II. Blatt, Nr. 10 Lady Hamilton und Lord Nelson auf seinem Flaggschiff «Victory» ein. In der Schlacht von Trafalgar traf ihn die tödliche Kugel. Seine letzten Gedanken galten der geliebten Frau, und in seinem Testament hinterliess er sie seinem nahm man doch daran Anstass, denn man war L ° nd ? a| s Vermächtnis. Aber England wollte von gewöhnt, die Form zu wahren. Allerdings war Ha- mr nichts wissen, milton inzwischen ein Achtzigjähriger geworden. Nach seinem Tode stürzte sich Lady Hamilton Er fühlte sich zurückgesetzt, da seine Frau nur aufs neue in ein Leben voller Vergnügungen und noch Augen für Nelson hatte. Ihr unruhiges Leben Ausschweifungen. Innerhalb von drei Jahren hatte störte ihn jetzt. Durch das Hofleben verwöhnt, sie das Vermögen Hamiltons, das ihr als alleiniwar es ihr unmöglich geworden, ihrer Sucht nach ger Erbin zugefallen war, verbraucht. Ihre Freunde Zu allen Zeiten haben es Frauen aus dem sen, das die Natur hervorgebracht hat. In ihrer Volke verstanden, durch ihre Schönheit, ihren Eigenart ist sie feiner als die schönsten Erzeug- Geist und ihre Talente aus den Niederungen ihres nisse der antiken Kunst.» An ihrem Charakter ist Standes emporzusteigen und Gefährtinnen grosser nichts hängen geblieben, obwohl sie alle Laster Männer zu werden. Vor allem das 18. Jahrhundert, der Großstadt kennengelernt hat. Man rühmt an das eigentlich nur den Adel gelten liess, hat ihr das Weibliche, Gütige. Nie vergass sie ihre der Frauenschönheit und dem Geist oft seine Vor- arme Herkunft und bewahrte dem Manne, der sie urteile geopfert. Auch der englische Hochadel, vor dem Versinken gerettet hatte, ewige Dankbarder seine Traditionen von allen europäischen Län- keit. dem am strengsten aufrechterhielt, zögerte nicht, Greville war, obwohl er aus dem Hochadel Frauen aus dem Volke in die Gesellschaft aufzu- stammte, kein reicher Mann. Zwar lebte seine nehmen, wenn sie durch ihre Erziehung und durch Geliebte in seinem Hause behaglich und sorglos, rosse Eigenschaften der geborenen Lady eben- aber sie hatte nicht den ungeheuren Luxus, mit § ürtig geworden waren. dem sonst schöne Mätressen umgeben werden. Emma Lyon, die spätere Lady Hamilton, ent- Im Jahre 1786 trat nun ein Mann in ihr Leben, der stammte einem Milieu, das alles andere als gesell- ihrem Schicksal die entscheidende Rfchtung gab. Es war der englische Gesandte am Hofe von Neapel, Sir William Hamilton, ein sechzigjähriger Lebemann, der für sein Alter erstaunlich gut aussah und durch sein grosses Künstverständnis bekannt war. Bei einem Besuch im Hause seines Neffen Greville lernt er die schöne Frau kennen und ist von ihr bezaubert. Greville, der schon lange einsieht, dass es ihm auf die Dauer unmöglich sein wird, für seine Gelfebte zu sorgen, tritt"" sie an seinen Onkel ab. Sie reist an der Seite des vornehmen alten Mannes nach Neapel, ohne den Handel zu kennen, der zwischen Onkel und Neffen abgeschlossen wurde. Und als sie davon erfährt, ist sie zwar sehr enttäuscht, aber wie die meisten Frauen ihrer Art trösten sie der Luxus, die Aufmerksamkeiten des hochgestellten Mannes und die schöne Natur in Italien über den Verlust. Sie wird die Geliebte Hamiltons. In Neapel spielt die schöne Frau die Rolle der Gesandtin. Ihr Haus ist der Treffpunkt des Hochadels, der berühmtesten Gelehrten und Künstler, Nach Romney kurz aller vorurteilsfreien Menschen. Hamilton, der ein grosser Verehrer der Antike war und in seinem Hause die herrlichsten Kunstschätze Griechenlands vereinigte, sah in seiner Geliebten die Verkörperung griechischer Schönheit und Anmut. Die sonst so strenge englische Gesellschaft aber redete sich ein, dass der Gesandte mit seiner Geliebten in heimlicher Ehe verbunden sei. Nach fünf Jahren heiratete Hamilton sie tatsächlich. Ganz Neapel, alle durchreisenden Fremden, die Offiziere der im Hafen liegenden Kriegsschiffe, sie alle huldigten der Schönheit Lady Hamiltons. Es herrschte damals in der grossen Gesellschaft die Mode der «lebenden Bilder». Nichts war geeigneter, die Schönheit einer Frau mehr ins Licht zu stellen. Lady Hamilton feierte Triumphe. Ihr berühmter Schaltanz fand in ganz Euschaftsfähig war. Als Tochter armer Eltern lernte ropa Nachahmung. In Paris tanzen die schöne Julie sie frühzeitig Not und Elend kennen. Um ihr Leben Recamier, Theresia Tallien und Josephine Beauharzu fristen, nahm sie Stellungen als Kindermädchen nais, die spätere Gattin Napoleons, diesen Tanz an, und als sie auch diese der Reihe nach verlor, und bringen ihn auch in der französischen Hauptwurde sie Kellnerin in Matrosenkneipen und «Ge- Stadt in Mode. In seiner «Italienischen Reise» gibt sellschaftsdame» in Vergnügungslokalen, die den Goethe eine Beschreibung dieses Tanzes, und der Charakter öffentlicher Häuser hatten. Ihren Auf- deutsche Maler Friedrich Rehberg überliefert die stieg verdankt die Lyon ihrer Schönheit, die in wei- schönsten «Attitüden» der Lady Hamilton in einem teren Kreisen Londons bekannt wurde, als sie den Bande von 24 Kupferstichen der Nachwelt. Auch Malern Modell stand. Sie war jedoch nicht nur Tischbein lässt sich von ihr zu einigen Bildern schön, sondern sie besass in besonders hohem inspirieren. Masse das Talent der mimischen Kunst. Kein Ge- Im Jahre 1793 hatte Lord Nelson sie zum ersten fühl war dem Ausdruck ihrer Züge fremd. Die be- Male gesehen und war von ihrer Schönheit und rühmtesten englischen Maler haben Lady Hamilton ihrem Wesen bezaubert. Fünf Jahre später, nach gemalt. Romney war ganz entzückt von ihr, und dem Seesieg bei Abukir über die Flotte des Genesein Biograph äussert sich begeistert über sie: räls Bonaparte, erfüllte der Ruhm des jungen Ad- «Gleich Shakespeares Sprache», sagt er, «ver- mirals die ganze Welt. Um diese Zeit verliebte er mochten ihre Züge alle Gefühle, alle Abstufungen sich sterblich in die schöne Frau. Lady Hamilton der Leidenschaften mit hinreissender Wahrheit wurde seine Geliebte. Nach ihrer Verheiratung wiederzugeben.» mit Lord Hamilton war sie auch am neapolitani- Ihre ersten Liebeserlebnisse sind von der typi- sehen Hofe offiziell vorgestellt worden und hatte sehen Banalität der «gefallenen Mädchen». Sie die besondere Gunst der Königin Carolina erworlernt mit fünfzehn Jahren einen Seeoffizier ken- ben, auf die sie im Laufe der Zeit eine unbenen, wird seine Geliebte und bekommt ein Kind, grenzte Macht ausübte. Die ausschweifende Le- Dann erscheint ein zweiter, sehr reicher Liebhaber, bensweise der Königin, die sich zu der frei dender sie auf seinen Landsitz bringt und mit ihr sein kenden Lady Hamilton hingezogen fühlte, hat die Vermögen durchbringt. Nachdem ihr dieser nichts Veranlassung zu einer skandalösen Auslegung mehr bieten kann, fällt sie einem Scharlatan in die des Verhältnisses der beiden Frauen gegeben, die Hände, dem Wunderdoktor Graham, der ihre noch dadurch bestärkt wurde, dass die Königin Schönheit für seine Zwecke ausnützt. In dessen ihre Favoritin mit Geschenken überschüttete. «Tempel der Gesundheit» tritt das schöne Mäd- Lord Hamilton kannte die geheime Liebschaft chen in reizvollen Kostümen auf, und bald nennt seiner Frau zu Lord Nelson nicht, oder aber er ignomon sie in London die englische Venus. Aufs neue rierte sie. Jedenfalls blieb das Verhältnis zu ihr begehren die Maler sie als Modell. und zu seinem Freunde selbst ungetrübt. Im Jahre In diese Zeit fällt ihre erste Leidenschaft. Sie 1800 nahm Nelson beide mit sich nach England, liebt einen jungen Mann des Hochadels, Sir Im folgenden Jahre brachte Lady Hamilton in Charles Greville, mit dem sie einige sorglose strengstem Geheimnis eine Tochter zur Welt, ein Jahre verbringt. Greville behandelt sie nicht Kind Nelsons. Im Auftrage des Admirals kaufte sie nur anständig, sondern liess ihr auch eine sorgfäl- noch in demselben Jahre den schönen Landsitz tige Erziehung angedeihen. Nach wie vor übt sie Mertonplace in Surrey, den sie ganz nach ihrem eine starke Wirkung auf kultivierte Männer aus. Geschmack einrichtete. Auf diesem Gut lebte das Ihr späterer Gatte, Lord Hamilton, äusserte sich Ehepaar Hamilton mit Nelson gemeinsam. Obwohl einmal über sie: «Sie ist besser als irgendein We- die damalige Gesellschaft äusserst tolerant war. Vergnügen Zügel anzulegen. Sie wurde ver- kehrten ihr den Rücken. Das Landgut Mertonplacd schwenderisch und war nahe daran, ihren Gatten wurde versteigert und auch über ihren Besitz in zu ruinieren, als dieser 1803 starb. Im selben London verfügt. 1813 kam sie sogar ins Schuld- Jahre rief die englische Admiralität Nelson zur gefängnis, aus dem sie nach Calais entfloh. Das Mittelmeerflotte ab. Die Liebenden mussten sich üppige Leben und die Freuden der Tafel hatten trennen. Lady Hamilton führte in seiner Abwesen- ihrer Gesundheit und ihrer Schönheit furchtbar geheit ihr glänzendes Leben fort, und als der Admi- schadet. Sie war dick und unförmig geworden ral 1805 Englapd besuchte, missfiel es ihm, wie und von der einstigen Schönheit blieben nur ihre sehr sein ruhiger Landsitz dem verschwenderi- melodische Stimme und ihre hellen blauen Augen sehen, leichtlebigen Hof von Neapel glich. Im übrig. 1815 starb sie in Calais an einem Leber- September desselben Jahres schiffte sich Nelson leiden. Eine Seereise im Kriege Von R. Brennwald. Schon wieder ist die Nacht über Europa herein- anhielt. Hier musste ich mich nun von Frau gebrochen. Kanonen donnern im Norden. Flug- und Kind verabschieden. Der Abschied war den zeuge bombardieren Städte und Dörfer, und Verhältnissen entsprechend schwer, denn wir Elend, Not und furchtbare Leiden der Völker wussten wohl, dass erst vor kurzem in der Nähe sind das Resultat solchen Geschehens. Das nor- Ne^w Yorks Unterseeboote gesichtet worden wamale Leben hat aufgehört. ren und dass seinerzeit das Unterseeboot Wer immer in Friedenszeiten, sei es geschäft- «Deutschland» trotz der englischen Blockade nicht lieh oder zum Vergnügen, Seereisen gemacht hat, nur Amerika erreichte, sondern auch wieder wohlkann sich kaum vorstellen, wie der Krieg das behalten nach Deutschland zurückgekehrt war. Leben, auch auf dem grössten und schönsten Dazu war die Torpedierung der «Lusitania» uns Dampfer, verändert, wie die Nerven der Reisen- noch deutlich genug im Gedächtnis, wie auch der den aufs höchste angespannt und auf die Probe Untergang vieler anderer Schiffe. Diese Unterseegestellt werden. boote mussten also einen unglaublichen Aktions- Ich habe während dem letzten Weltkriege radius haben. Daraus war anzunehmen, dass wir mehrere Reisen von Amerika nach Europa und uns während der Reise in ständiger Gefahr beumgekehrt mitgemacht und will nun eine solche finden würden. Ich hatte jedoch keine Furcht, Seereise während des Krieges hier beschreiben, war mir doch bekannt, dass während dem gan- Es waren nur wenige Zivilpersonen, denen damals zen Weltkrieg bis dahin nicht ein einziges fran* eine Seereise gestattet wurde, und die Ausreise- zösisches Schiff versenkt worden war. Man flü- Bewilligungen waren äusserst schwer zu erhalten, sterte insgeheim, dass die Deutschen die französi- Nur aus wichtigen Gründen und nach unzähligen sehen Schiffe nicht torpedierten, weil sie wussten, Untersuchungen und Verhören, die manchmal dass gerade diese Schiffe auch Post nach viele Wochen dauerten, konnte eine solche Be- Deutschland beförderten, die dann durch die willigung erlangt werden. Es sind daher auch Schweiz an ihren Bestimmungsort weitergeleitet nicht viele Zivilisten, die über ein solches Erleb- wurde, so dass auch gefangene Amerikaner Nachnis berichten könnten. richten von zu Hause erhalten konnten, aber auch Ich muss geschäftlich nach Paris. Es war im Deutsch-Amerikaner mit ihren Verwandten Briefe Frühling 1918. Amerika hatte in die europäische auswechseln durften. Selbstverständlich waren Krise eingegriffen. alle diese Korrespondenzen von der Zensur haar- Mit Mühe und Not hatte ich endlich, nach wo- scharf kontrolliert, chenlangen Bemühungen, mein Ausreise-Visum er- Ich ging also hinüber zum Eingange des Piers, halten und Passage auf dem alten, französischen wo ich wieder von einer Wache angehalten wurde Dampfer «Chicago» genommen, einem Schiff, das und meine Ausweise vorlegen musste. unter normalen Verhältnissen zweifellos längst aus- Die Wache machte mich darauf aufmerksam, ser Dienst gesetzt worden wäre, das aber in An- dass ich das Pier nun nicht mehr verlassen dürfe, betracht der grossen und ununterbrochenen Trup- Das war begreiflich, denn ich hatte nun bereits pentransporte der Amerikaner noch immer ver- gesehen, dass das ganze Pier angefüllt war von wendet wurde. amerikanischer Infanterie, die nach Frankreich Ich hatte Order erhalten, um 2 Uhr mittags an transportiert werden sollte. Die Abfahrten der Bord zu sein, und zwar am Pier 42, das am Hud- Schiffe wurden streng geheimgehalten und ginsonriver gelegen ist. Es wurde in der Order aus- ö en stets ohn e irgendwelches Signal vonstatten, drücklich vermerkt, dass eventuelle Drittpersonen, Au e Schiffe waren «camouflaged», das heisst, sie die die Reisenden wie üblich zum Abschied bis waren mit allen möglichen Farben, braun, grün, zum Schiffe begleiten, sich dem Pier nur bis auf Selb usw., in Zickzack- und Wellenlinien angestrieinen Kilometer Distanz nähern dürfen. chen . bis hinauf zu den Schornsteinspitzen, um sie Mein Gepäck war bereits durch die SchiffahrtsauI we ite Sicht unkenntlich zu machen, gesellschaft direkt an Bord gebracht worden. Ich begab mich an Bord. Nachdem ich meine Meine Frau und mein Kind begleiteten mich. Kabine I. Klasse aufgesucht und festgestellt hatte, Als wir uns ungefähr auf einen Kilometer dem dass all mein Gepäck an Bord war, ging ich wie- Pier genähert hatten, stiessen wir auf einen Ma- der auf Deck und beobachtete das Leben und rinesoldaten, der uns mit aufgepflanztem Bajonett Tretben, besah mir meine zukünftigen Reisege-