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E_1940_Zeitung_Nr.016

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ED AUTOMOBIL-REVUE

ED AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 16. APRIL 1940 — N° 16 len Innerafrikas oder die Gefahr wilder Tiere, giftiger Schlangen oder der Moskitos. In einem 1805 erschienenen Bericht eines englischen Seefahrers heisst es Ober die Insel-. «Sankt Helena besitzt ein mildes und gesundes Klima, obgleich die Insel in den Tropen liegt. Da ihre Oberfläche felsig und unbewaldet ist, sollte man meinen, dass die Hitze ausserordentlich drückend sei, besonders da das Eiland zweimal im Jahr den senkrechten Strahlen der Sonne ausgesetzt ist und oft unter grossen Dürren zu leiden hat. Dem ist jedoch nicht sol Die Insel besitzt eine so glückliche Lage, dass sie von allen jenen Plagen frei ist, die andere tropische Inseln heimsuchen. Die grosse Ungleichheit des Bodens ruft natürlich eine ausserordentliche Verschiedenheit des Klimas hervor. Die Temperatur wechselt [e nach der Höhe, in der man sich befindet. Die mittlere Temperatur beträgt W/ 2 Grad Reaumur oder etwas weniger. Die höchste Temperatur soll in Jamestown (der Hauptstadt) 23 Grad Reaumur sein, während auf den Höhen das Thermometer manchmal bis auf 10 Grad, sinkt. Dieses milde Klima verdanken die Berge und Täler der Insel dem südöstlichen Passatwind, der viel zur Gesundheit der Einwohner und der Fruchtbarkeit des Bodens beiträgt. Daher kann man auch feststellen, dass die Einwohner, die auf der Insel geboren sind, ein ausserordentlich hohes Alter erreichen. Ausserdem .haben sie nicht unter jenen Krankheiten zu leiden, von denen die Bewohner eines weniger gemässigten und regelmässigen Klimas heimgesucht werden. Die kranken Mannschaften der Schiffe, die in Sankt Helena anlegen, werden hier bald wieder gesund. Mehrere Soldaten von verschiedenen Regimentern, die man nach England schickte, weil sie dienstuntauglich waren, haben sich während ihres Aufenthaltes in Sankt Helena so schnell erholt, dass sie wieder Dienst tun konnten. Die Einwohner der Insel haben auch nicht unter ansteckenden Fiebern zu leiden und sind von schweren Krankheiten, die in anderen Ländern herrschen, verschont geblieben. Die Blattern z. B., jene grausame Krankheit, die so verheerend wirkt, sind nie in Sankt Helena aufgetreten. Einen anderen Bericht besitzen wir noch aus der Zeit Napoleons selbst. Es ist dies jenes interessante Memoirenwerk einer jungen, in Sankt Helena geborenen Engländerin, namens Betsy Balcombe, mit der der Kaiser sich oft unterhielt. Betsy war 14 Jahre alt, als Napoleon in Sankt Helenp eintraf und im Hause ihres Vaters wohnte, bis sein Landhaus in Lo'ngwood hergerichtet war. «Wir waren so glücklich:», schreibt Betsy Balcombe, «ausserhalb der Stadt Jamestown zu wohnen. Mein Vater besass nämlich ein reizendes Landhäuschen, «The Briarsv (die Heckenrosen) genannt. Es war im Stile der indischen Bangalos gebaut. Man hätte es vielleicht nicht hübsch gefunden, wenn es nicht so schön gelegen gewesen wäre. Inmitten der kahlen Felsen jedoch war dieses grüne Fleckchen ein wahres Paradies. Eine schöne Feigenbaumallee führte zu dem Landhaus hin. Um das Haus herum standen überall gewaltige immergrüne Gummibäume, und Granatäpfel- und Myrthenbäume wuchsen dazwischen. Das Ganze war wie übersät von weissen Rosen. Ich muss auch dem Garten einige Zeilen widmen, denn er war so reizend und bildete den Lieblingsaufenthalt Napoleons während seiner Anwesenheit in «The Briars». In Gedanken durchwandle ich »noch oft seine Myrthengebüsche, und die Orangenbäume mit ihren prächtigen grünen Blättern, ihren entzückenden Blüten und goldenen Früchten erscheinen mir in der Erinnerung, wie es in den Tagen meiner glücklichen Kindheit war. Alle Arten tropischer Früchte wuchsen hier in üppiger Fülle, verschiedene Sorten Wein, Zitronen, Orangen, Feigen, Pompelmus, Guava, Mangopflaumen — alles gedieh in masslosem Ueberfluss.» Sensationen auf dem Operationstisch Die medizinische Wissenschaft hat in den letzten Jahren und Monaten immer neue Fortschritte erzielt. Das Kranksein ist heute auch in gefährlichen Fällen keine so beunruhigende Sache mehr. Hilfe ist rasch zur Stelle und wird mit Medikamenden oder auf dem Operationstisch nach den neuesten Errungenschaften der modernen ärztlichen Technik geleistet. Eigenes Blut auf Vorrat. In Chicago hat das Cook-County-Spital eine sehr interessahte Lösung des Problems der Blutübertragungen gefunden. Man hatte nämlich beobachtet, dass fast bei allen schwierigen Geburten später den Müttern gewisse Blutmengen übertragen werden mussten. Aber auch bei anderen" Operationen zeigte es sich, dass eine Blutübertragung immer eine rasche Besserung des Befindens des Kranken und eine Erhöhung seiner Widerstandskraft zur Folge hatte. Man führte also folgende Regelung ein: wenn eine Frau einer Niederkunft entgegensah, wenn sich jemand auf eine grosse Operation vorbereitete, dann ging er vorher wöchentlich einmal in das Krankenhaus und Hess sich dort eine gewisse Blutmenge abnehmen. Diese — seine eigene BluN menge — wurde auf Eis gelegt — das heisst unter Bedingungen gebracht, unter denen sich das Blut heute Wochen hindurch gut hält. So ist es möglich, auch in recht schweren Fällen durch derartige Vorbeugungen Blut aus den eigenen Adern schon auf Vorrat zu haben. Darüber hinaus aber nimmt man heute sogenanntes Vorratsblut, vor allem von Personen, die an Infektionskrankheiten litten, wobei das Blut der Genesenden wegen der starken Heilwirkung bei frischen Fällen gern Anwendung findet. Zurückgeholtes Leben. In zahlreichen Krankenhäusern, ferner in der Hand vieler moderner Aerzte befindet sich heute eine sogenannte « goldene Nadel >, ein sehr emp-, findliches Instrument. Man benutzt diese «golT*- dene Nadel > bei Herzkrankheiten, wenn ein Patient plötzlich einen Zusammenbruch durch eine Art Herzschlag erlitten hat. Es hat sich gezeigt, dass ein Mensch unter günstigen Umständen auch dann noch zum Leben zurückgerufen werden kann, wenn die Nadel erst nach einigen Minuten in die Herzmuskeln hineingesenkt werden kann. Man schickt durch die Nadel, die an der Spitze eine Zweiteilung aufweist, einen elektrischen Strom hindurch, der eine Kontraktion der Herzmuskeln nach sich zieht. Diese Kontraktion aber bewirkt in vielen Fällen eine Wiederaufnahme des Herzschlags. Und wenn das Herz erst wieder arbeitet, ist das Leben schon halb gerettet. Gleichfalls mit Elektrizität arbeiten die modernen Schneidegeräte, die unter elektrischem Strom in der Lage sind, die soeben erzeugte Wunde sofort wieder zu schliessen und das Blut zu verkrusten. Solche Operationen sind wichtig bei Eingriffen im Gehirn, ferner aber bei allen sonstigen sehr delikaten Operationen und bei der Behandlung von Blutern. Geheiltes Rückgrat. Wenn früher ein Mensch den Rücken brach, dann lag er meist viele Monate in Gips. Ausserdem hatte man keineswegs die Sicherheit, ob er jemals wieder seine Gliedmassen zum Gehen gebrauchen könne.. Nun hat ein Arzt ein System entwickelt, wonach in 85% aller Fälle eine Heilung erreicht werden kann. Nach diesem neuen Verfahren wird der Mann mit dem gebrochenen Rücken mit dem Gesicht nach unten auf zwei Tische, bzw. Stühle gelegt, zwischen denen ein grösserer Abstand ist. Die Beine und die Hüften ruhen auf dem einen Tisch, die Schultern und der Kopf auf dem anderen Tisch. Der in der Mitte also nicht unterstützte Körper senkt sich (natürlich vorsichtig unterstützt) nach unten und rückt die Wirbel wieder in die natürliche Position zurück. Erst jetzt wird der Gipsverband angelegt. Meist schon nach einigen Tagen können die ersten Armbewegungen ausgeführt werden. In 10 Tagen beginnt der Patient zu laufen. Unter Kälte — gut konserviert. Die Kälte spielt eine sehr wichtige Rolle. Muttermilch wird gefroren und nach Bedarf wieder aufgetaut. Auf dipse.Weise halten sich alle Bestandteile der Muttermilch ohne jede Veränderung. Es gibt gewisse Seren, die unter dem Einfluss der Zeit Veränderungen erleiden. Werden aber diese Seren in Kälte und ausserdem noch in einem Vakuum aufbewahrt, dann halten sie sich, solange man diesen Zustand nicht verändert. Auch die Operationssäle werden heute durch Kältewirkung, durch gewisse Anstriche, die Bakterien abtöten, und durch Beleuchtungen vollkommen keimfrei gemacht. Wenn Filmhelden davonlaufen. Mitwirkende, mit denen man nicht gerechnet hatte. Leopoldville,... Mitunter setzt sich ein Regisseur in den Kopf, es sei doch besser, wenn man einen Film ganz in der Natur drehe. So kam denn auch die belgische Filmgesellschaft zum Golf von Guinea, um hier Aufnahmen von einem Bootsuntergang an der dafür vorgesehenen Stelle zu drehen. Aber — kaum war der Star ins Wasser gefallen — wie es im Text verlangt wurde, als sich auch schon einige Krokodile heranmachten. Das Hilfegeschrei des Stars lockte nur noch immer mehr Krokodile aus dem Schlamm hervor, so dass das Wasser schliesslich von diesen wenig angenehmen Tieren wimmelte. Mit einiger Mühe brachte man den vor Angst halbtoten Star in ein rasches Boot und fuhr eiligst davon. Den Rest der Aufnahmen wird man doch lieber im Atelier machen ... Schon ausgerottet? Die in den letzten zwei Jahren von europäischen und amerikanischen Zoos stark gesuchten Pandas sind in den Grenzgebieten von Tibet und China bereits fast vollkommen ausgerottet worden. Heinrich VIII. heilt einen Richter Heinrich VIII. von England hatte sich auf der Jagd verirrt und gelangte spätabends erst in das Dorf Reading, wo er — «als Gardist aus dem Gefolge des Königs», wie er sich nannte — bei dem Richter gastfreundliche Aufnahme fand. Eine vortreffliche Ochsenzunge nebst einem Krug köstlichen Bieres war das freigebig gespendete Abendmahl. Eine Zeitlang sah der Richter dem tüchtigen Esser und vermeintlichen Gardisten wortlos zu, dann sagte er: «Ich wollte hundert Pfund geben, wenn mir eine Ochsenzunge wie Euch schmeckte. Aber leider ist es mit meinem Magen schlimm bestellt, kein Arzt kann da helfen.» Kurze Zeit danach wurde der Richter nach London gerufen und dort ohne Verh5r bei Wasser und Brot ins Gefängnis gesteckt. Die Leibesfülle ging beträchtlich zurück, und als ihm nach drei Wochen eine Ochsenzunge vorgesetzt wurde, verspeiste er sie mit einem wahren Heisshunger. Da klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter — der gleiche, der sich damals als Gardist ausgegeben hätte, nun aber durch einen demütigen Fussfall seines einstigen Gastgebers geehrt wurde. «Es freut mich, dass Euch die Ochsenzunge bei mir geschmeckt hat», nahm der König das Wort, «und als geschickter Arzt, an dem Ihr schon gezweifelt habt, darf ich wohl die versprochenen hundert Pfund als rechtmässiges Honorar in Empfang nehmen. Entweder Ihr zahlt oder Ihr werdet von mir lebenslänglich als Kranker behandelt werden.» Der Richter beeilte sich sehr mit dem Zahlen. Stummer Tonfilm Von Pauline Klinger. Wenn man in Patras, der grossen, modernen und lebendigen Hafenstadt, den kleinen griechischen Dampfer besteigt, so landet man nach vier Stunden an einer Insel. «Landen» kann man diesen Prozess kaum nennen: das Schiff hält etwa tausend Meter entfernt draussen im Meer, während eich vom Ufer im Wettrudern sich überschlagende ßoote mit wild schreienden Männern nahen. Diese schwingen sich — wie sie das machen, ist unklar — auf das Schiff (die leeren Boote schwanken führerlos auf den Wellen) und stürzen sich auf die Ankommenden und deren Gepäck. Ehe man es sich versieht, wird man zur herabgelassenen Treppe geschleppt: aber die sieht so gefährlich aus, dass man vorzieht, sich vom Schiff ans in die Boote werfen zu lassen, was mit den Koffern bereits geschehen ist. Und in all diesem Trubel und dieser scheinbaren Lebensgefahr kann man nicht umhin, die mathematische Sicherheit dieser Leute zu bewundern, die genau berechnen, wann das hin- und herschlagende Boot so schiffsnahe sein wird, um die herabgeworfenen Menschen und Sachen aufzufangen. Zu ihrer Ehre sei es gesagt, dass diesen Jongleuren noch nie ein Kunstfehler unterlaufen ist. ' Ein Fuhrwerk bringt uns auf die andere Seite der Insel. Sind es wirklich nur vier Stunden, seit wir Patras verlassen haben? Alle Weltrekorde der Schnelligkeit verblassen gegen unsere Meisterschaft: wir sind in vier Stunden aus dem 20. Jahrhundert ins Altertum gelangt. Meer- und sagenumsponnen mutet das kleine Dorf an; die Menschen, ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Sitten; die kleinen, verfallenen Häuser, die Esel- und Ziegentreiber, die Ruhe und Stille der Landschaft — ja, das ist das alte Griechenland. Willenlos und beglückt geben wir uns dem Zauber hin; und wir danken den Göttern — auch darin fühlen wir schon antik — dass sie unser Schifflein an diese Küste gesteuert, wo nichts, aber auch gar nichts an das Heute mit seinen ewigen Neuerungen und seinen ewigen Beunruhigungen erinnert. Wir waren sicher, endlich einmal zur Mutter Natur zurückgekehrt zu sein. Man wird daher unser Erstaunen begreifen, als wir eines Abends bei der Heimkehr in unser Haus, noch ganz benommen von der mit nichts zu vergleichenden Farbenpracht, die die untergehende Sonne auf die kahle griechische Felsenlandschaft malt, einen mit unbeholfener Hand beschriebenen Zettel fanden, der eine heute nacht stattfindende Vorführung eines Operettenfilms ankündigte. Man möge sich um 10 Uhr beim «Kafeneion» einfinden. Wir fielen aus den Wolken: das hatten wir nicht erwartet. Aber die Neugierde — oder war es ein Rückfall in eine vielleicht doch nicht so ganz abgestreifte liebe Gewohnheit? — trieb uns hinunter. Am Meer, dort, wo die Barken liegen, ist der einzige grosse Platz des Ortes. Und auf diesem Platz ist das Kafeneion, das Kaffeehaus. Eigentlich ist der ganze Platz das Kaffeehaus, denn er ist angeräumt mit unzähligen, winzig kleinen Tischchen, die im Halbrund von je fünf Stühlen umgeben sind. Trotz der vielen Sitzgelegenheiten ist aber so ein Tisch nur für eine einzige Person gedacht; denn jeder Grieche braucht fünf Stühle: einen zum Sitzen, die Lehnen der beiden rechts und links davon für seine Arme und die Sprossen der beiden äussersten für seine Füsse. Treffen sich zwei Personen zur gemeinsamen Unterhaltung, so stellt der Wirt mit unnachahmlicher Geschwindigkeit einen zweiten Tisch mit seinen fünf Stühlen daneben. Das Lokal selbst besteht aus einem kleinen dunklen Raum: da nichts anderes zu haben ist als türkischer Kaffee, der bej Bedarf tässchenweise in einem langstieligen Kocher zubereitet wird, bedarf es weder einer Küche, noch eines Büffets. Auf diesem Platz sahen wir nun eine Leinwand gespannt, wenn man ein recht lose an zwei Stäben befestigtes, vom Winde wellenförmig bewegtes Stück weissen Stoffes so nennen kann. Knapp davor sah man zwei halbwüchsige Jungen streitend an einer Art Laterna magica hantieren. Im Hintergrunde, der Leinwand gegenüber, war auf einem Tisch ein alter Kleiderschrank verkehrt aufgestellt: in die der Leinwand zugekehrte Rückwand war ein grosses viereckiges Loch gesägt. Von der aufgeregt umherstehenden und heftig gestikulierenden Menge erfuhren wir, dass ein «findiger Grieche» auf den Dörfern herumreise, ausgerüstet mit allen Bestandteilen und Erfordernissen eines Kinos. Sogar das Radio hatte er mitgebracht. Obwohl wir nicht recht begriffen, wieso das Radio zu den Notwendigkeiten eines Films gehöre, stellten wir keine weiteren Fragen, um so mehr, als wir sahen, dass das Publikum sich eilends Platz suchte. Des grossen Ereignisses wegen mussten sich die Gäste allerdings mit je einem Stuhl begnügen, was nicht ganz ohne Streit abging. Endlich trat Beruhigung ein. Der «findige Grieche» war in den Kleiderschrank gestiegen,, der Wirt hatte sich neben das Radio postiert und die beiden Laterna-magica-Jungen steckten ihr Lichtlein an. Das Spiel konnte beginnen. Es begann. Aber so ganz anders, als irgend eine Phantasie es sich vorstellen konnte. Ein Lichtschein fiel suchend auf die Leinwand: gleichzeitig ertönte ein lautes Knattern und Rasseln, aus dem sich eine Art Geräusch und schliesslich die abgebrochenen Klänge eines Musikstückes mühsam vernehmbar machten. Es war wohl eine Bachsche Fuge von irgendwoher, durchprasselt von allen Störungsteufelchen eines schlechten Radios. Auf der Leinwand erschien der von einem Kreis schöner, Mädchen umgebene, durch die vom Winde bewegte Leinwand heftig schlotternde Tenor, der, wie wir an seinem weit geöffneten Munde ersehen konnten, die Antrittsarie sang." Hören konnte man nichts, da das aufgeregte Publikum ihn mit einem tosenden Gebrüll begrüsste. Und mit kleinen, durch die magische Laterne gezogenen Zette'lchen wurde in kaum lesbarer Schrift erklärt, was er zu saßen und zu singen hatte. Langsam beruhigten sich die begeisterten Zuschauer und es trat völlige Stille ein. Aber — wir trauten unseren Augen, vielmehr unseren Ohren nicht — auch auf der Leinwand herrschte völlige Stille, Wohl riss der schöne Tenor seinen Mund auf, dass die Zähne nur so blitzten, auch die schönen Mädchen hatten ihre zierlichen Lippen weit geöffnet. Aber zu hören war nichts, absolut nichts. Nur aus dem prasselnden Radio ertönte — die blasse Bachsche Fuge war wohl inzwischen beendet — die Stimme eines Ansagers, der in irgend einer fremden Sprache irgendwelche neueste Nachrichten verkündete. Die Liebhaberin trat auf: auch sie begann den Mund zu öffnen, dann öffneten beide gleichzeitig, offenbar zum grossen Liebesduett, die Lippen, der Mädchenchor raste : aber zu hören war nichts. Wir sahen uns an — und brachen in ein unaufhaltsames Gelächter aus. Was bedeutete der mühsame Weg vom stummen zum tönenden, vom schwarzen zum farbigen, vom flächlichen zum plastischen Film?... Dies hier war der dernier cri, die Sensation, das neueste; der stumme Tonfilm! Und je weiter es ging, desto schöner wurde es, desto grösser waren die Ueberraschungen. Es traf sich ja so glücklich, dass, gerade während die Diva, wie an ihrem pikanten Augenaufschlag zu erkennen war, ein Chanson, offenbar den Schlager der Operette, sang, im 'Radio ein tiefer Bariton den «Erlkönig» vortrug und dass während des «Chores der Verschwörer» die letzten Bankkurse gemeldet wurden. Als man sich, was aus der auf der Leinwand sich versammelnden Menschenmasse klar hervorging, dem Schluss näherte, stellte der Wirt, der begreiflicherweise auch etwas sehen wollte, kurzerhand das Radio ab und mischte sich unter das Publikum ; und die kleinen magischen Knaben, die bisher noch ab und zu durch einen Rippenstoss der hinter ihnen sitzenden unsanft gemahnt, irgend einen, mit der laufenden Handlung auch nicht den mindesten Zusammenhang habenden Papierstreifen durch ihr Kästchen gezogen hatten, waren schliesslich von den Vorgängen auf der Leinwand so ergriffen und hingerissen, dass sie ihr Amt endgültig aufgaben. Nur der kurbelnde Kinomann war noch schwach in Tätigkeit, was sich in einem immer langsameren Tempo der Schauspieler bemerkbar machte. Und in dieser, jetzt auch durch nichts mehr gestört oder unterbrochenen Lautlosigkeit blühte das Finale auf: das beglückte Paar mit auf- und zuklappenden Mündern inmitten des von Mundsperre befallenen Chores, umwiegt von den jfleichmässigen Tanzschritten eines musiklosen Balletts, in dessen Rhythmen schliesslich sie alle hin- und herschwankten — der stumme Tonfilm in Vollendung ! Als der «findige Grieche» nach dem Schluss absammeln ging und mit seinem Tellerchen zu uns kam, konnten wir ihm mit ehrlicher Begeisterung sagen, dass wir uns noch nie so amüsiert und noch nie so herzlich gelacht hätten, wie heute. Und dass wir diesen Abend nicht vergessen würden. Zwei Tage später — wir begaben uns zu einem nächtlichen Fischfang auf eines der in dpr Nähe des Kafeneion liegenden Boote — waren alle Spuren jenes köstlichen Kinos verschwunden. Nur die Leinwand war hängen geblieben. Und davor sausen auf dem sonst menschenleeren Platze einige Kinder, die mit seltsam verträumten und erwartungsvollen Gesichtern auf den wie ein Vorhang im Winde flatternden Stoff sahen. Vielleicht fühlten diese Kinderseelen in ihrer Primitivität, was wir -Erwachsene und von Genüssen Uebersättigte erst viel später begreifen: dass das Schönste am Theater doch die kurze Zeitspanne ist in der man vor dem geschlossenen Vorhang sitzt und auf die Herrlichkeit wartet.

N° 16 — DIENSTAG, 16. APRIL 1940 AUTOMOBIL-REVUE LIE WFI TCfSr HFHFIV /. Der afrikanische Besitz Das französische Kolonialreich Die Entstehung der grossen Kolonialreiche ist eng mit der Geschichte der Mutterländer verknüpft. Während Portugal in kurzer Zeit einen unermesslichen überseeischen Besitz erwirbt, ihn jedoch im Verlauf eines Menschenalters wieder einbüsst, ist Spanien in der Lage gewesen, den ebenso rasch erworbenen Kolonialbesitz lange Zeit zu behalten. Ganz anders hat sich das grosse französische Kolonialreich entwickelt. Diese Grossmacht verfügte im 17. Jahrhundert über ganz ansehnliche Kolonien, verlor sie jedoch bis auf wenige Reste im 18. Jahrhundert durch unglücklich verlaufene Kriege in Europa. Frankreich war jedoch in der glücklichen Lage, im Laufe des 19. Jahrhunderts ein neues Kolonialreich aufzubauen, das an Wert dem alten in nichts nachsteht. Zahlreiche französische Ortsnamen in Kanada und der französisch sprechende Teil der Bevölkerung dieses Landes erinnern daran, dass dieses grosse Reich einst eine französische Gründung war. 1534 entdeckt der Seefahrer Jacques Cartier Kanada, 1603 wird die Stadt Quebec von Franzosen gegründet, 1635 die damals spanischen Antillen von Frankreich besetzt. 1664 erfolgt die Gründung der Ostindischen und der Westindischen Gesellschaft, 1698 die Besetzung von Louisiana. In den Jahren 1720—1754 begründet Dupleix das französische Kolonialreich in Indien in strengster Rivalität mit England. Alle diese Besitzungen gehen wieder verloren. Von dem grossen Kolonialreich, das Frankreich unter Ludwig XIV. und XV. besass, ist heute fast nichts mehr übrig geblieben. Ausser einigen kleinen Inseln der Antillen, darunter Martinique und Guadeloupe, zwei Inselchen vor Neufundland, einer verlorenen Insel im Stillen Ozean, ist lediglich die berüchtigte Verbrecherkolonie Guyana mit den lies du Salut und der He du Diable (der Teufelsinsel) Frankreich verblieben. Im Frieden von Utrecht (1713) verliert Frankreich die Hudson-Bai, Akadien (Neuschottland) und Neufundland, im Pariser Frieden, nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges (1763), Kanada und die indischen Besitzungen. 1803 tritt Napoleon Louisiana an die Vereinigten Staaten von Amerika ab. Die Wendung setzt im Jahre 1814 ein, als Napoleon I. die französische Krone niederlegt und nach Elba in die Verbannung geht. Er hat der französischen Politik und Wirtschaft eine andere Richtung gegeben, in der für Kolonien und Seeherrschaft wenig Platz war. Mit Unrecht, denn zweifellos ist der Kampf um die Welthegemonie auf den Weltmeeren entschieden worden — vielleicht war er bereits mit Nelsons Seesieg bei Trafalgar (1805) zugunsten Englands entschieden. Im Pariser Frieden von 1814 erhält Frankreich seine indischen Besitzungen und Senegal von Grossbritannien zurückerstattet, und von diesem Augenblick an beginnt es langsam einen neuen Kolonialbesitz aufzubauen. Am 14. Juni 1830 landet General Bourmont mit einer aus 41 000 Mann bestehenden Expe- ttltuii 162t AfaroAkoWtäk ditionsarmee in Algier. Es währt Jahrzehnte, bis das ganze Land erobert und pazifiziert ist. Von 1836—1847 dauern allein die Kämpfe gegen den Sultan Abd-el-Kader, der schliesslich gezwungen ist, nach Marokko zu flüchten. In den folgenden Jahren vollendet General Mac Mahon, der aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bekannte Heerführer, die Eroberung des Landes und legt die Grundlagen für die dann folgende systematische Kolonisation. Im Weltkrieg stellt die Kolonie dem Mutterland 173 000 Mann zur Verfügung. Als eingeborene Stämme zu Beginn der achtziger Jahre in Französisch-Algerien einfallen, beschliesst das Parlament der Republik (1881), ein Expeditionskorps nach Tunis zu entsenden, um die Ruhe an den Grenzen der Kolonie herzustellen. Am 1. Mai desselben Jahres fällt Bizerta — heute der grösste französische Kriegshafen in Nordafrika — in die Hände der französischen Truppen. Der Vertrag von Bardo macht den Feindseligkeiten ein Ende Frankreichs Entwicklung als Kolonialreich. und verschafft Frankreich das Protektorat über Tunis. Drei Jahrhunderte dauerten bereits die Beziehungen Frankreichs zum Sultan von Marokko. Es waren mehr oder weniger freundschaftliche Beziehungen, die auf dem Handel zwischen den beiden Ländern basierten und von Zeit zu Zeit abrissen. In Konfliktsfällen schützte Frankreich seine Interessen mit bewaffneter Hand, verstand es jedoch, die meisten Streitigkeiten mit Hilfe seiner geschickten Diplomatie beizulegen. Als Abd-el-Kader jedoch nach seiner Niederlage in Algerien nach Marokko flüchtete, kommt es zu heftigen Kämpfen. 1844 schlägt General Bugeaud die Marokkaner entscheidend, und im selben Jahr kommt ein Frieden zustande, der die algerischmarokkanische Grenze ein für allemal festlegt. Aber das Land kommt nicht zur Ruhe, Zu Beginn des 20. Jahrhunderts drohen die marokkanischen Angelegenheiten zu einem Weltkrieg zu führen. Deutschland meldet Ansprüche auf Marokko an, lässt jedoch 1911 Frankreich vertraglich freie Hand gegen Entschädigungen im französischen Kongo. Im folgenden Jahre erklärt Frankreich Marokko als französisches Protektorat. Marschall Lyautey (Vgl. den Artikel in Nr. 6) wird Resident der neuen Kolonie und betreibt die Pazifikation und Kolonisation des Landes in einer Weise, die ihm die Bewunderung der ganzen Wtelt eingetragen hat. Heute ist Marokko eine der wertvollsten Kolonien des französischen Reiches. Dieser riesige Besitz in Nordafrika findet eine Ergänzung in einem zweiten Kolonialreich: Französisch Westafrika, das aus Senegal, Mauretanien, Französisch Guinea, der Elfenbeinküste, Dahomey, dem französischen Sudan und der Nigerkolonie besteht. Im Laufe des 17. Jahrhunderts begründen französische Kaufleute Niederlassungen im Senegalgebiet. Unter der Revolution und dem Kaiserreich geht die neue Kolonie an England verloren, wird jedoch Frankreich im Frieden von Paris, 1814, zurückerstattet. Sie gelangt jedoch erst im Jahre 1854 unter Faidherbe zu grösserer Bedeutung; ihre Pazifikation wird im Jahre 1903 abgeschlossen. Das angrenzende Mauretanien wird anschliessend daran erworben und der französische Sudan einverleibt, um den Frankreich seit 1880 kämpfte. 1894 hatte Joffre, der spätere Marschall des Weltkrieges, Timbuktu eingenommen und dann das ganze Nigergebiet pazifiziert. In ähnlicher Weise erfolgt die Eroberung der Gebiete Guinea, der Elfenbeinküste und Dahomeys. Nach dem Weltkrieg überträgt der Völkerbund Frankreich das Mandat über die ehemals deutschen Schutzgebiete Togo und Kamerun. Im Gebiete des Kongos hatte Frankreich bereits um 1880 grosse Gebiete besetzt, die nach und nach zu der Kolonie Aequatorialafrika erweitert werden. Am Berliner Kongress (1885) lässt sich Frankreich diesen neuen Kolonialbesitz bestätigen. Vom Kongo aus wird dann die Verbindung mit dem Niger hergestellt, und schliesslich mit dem Nil. Französische Truppen dringen bis Faschoda am Nil vor, müssen den Ort jedoch auf englische Intervention hin wieder räumen. Bei all diesen Eroberungen stossen Engländer und Franzosen dauernd aufeinander, und eine Zeitlang sieht es so aus, als ob es zum Kriege kommen würde, bis dann unter Eduard VII. eine friedliche Aufteilung der Interessensphären erfolgt. Wie aus der Karte ersichtlich, besitzt Frankreich nunmehr in Afrika ein riesiges zusammenhängendes Kolonialreich, das etwa ein Drittel des Kontinents umfasst. Von besonderem Interesse ist die Geschichte der Eroberung der Insel Madagaskar, die 1895 unter Protektorat gestellt und im folgenden Jahr zur französischen Kolonie erklärt wird. Der Pazifikator dieser Kolonie war der General Gallieni, der später durch die Verteidigung von Paris berühmt wurde. Im Vordergrund des europäischen Interesses ist in letzter Zeit noch ein französisches Schutzgebiet in Afrika getreten, die Somaliküste, deren Hafen Dschibuti dadurch eine grosse Bedeutung erlangt hat, dass er die beste Verbindung mit der Hauptstadt Abessiniens, Addis-Abeba, besitzt. D. 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