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E_1940_Zeitung_Nr.019

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BERN, Dienstag, 7. Mai 1940 Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang — No 19 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Erscheint jeden Dienstag REDAKTION U.ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222- Postcheck III414 -Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS Die aehtgetpaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif Inaeratonscbluss A Tage vor Erscheinen der Nummer Die Fahrerflucht Das Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr (MFG) verfolgt mit den Bestimmungen des Art. 36 den Zweck, dem bei einem Motorfahrzeug- oder Fahrradunfall Geschädigten den nötigen Beistand zu sichern, die Identität des Führers, dessen Fahrzeug den Unfall verursacht hat, festzustellen und die nötigen polizeilichen Erhebungen zu veranlassen. Mit der Vor-Eischrift der Beistands- und Hilfeleistung wird Kausalzusammenhang ist nicht erforderlich; sehr häufig steht er im Moment des eine moralische Pflicht zur Rechtspflicht erhoben. Unfalles noch gar nicht fest. Bei der Bestimmung des Strafmasses kann jedoch dieser Die Vorschriften des Art. 36 sind polizeilicher Natur. Wer sie verletzt, begeht eine rer sich aus dem Staube macht, nachdem er Umstand eine Rolle spielen. Wenn ein Füh- unerlaubte Handlung, die ihn strafbar macht Verkehrsvorschriften verletzt hat, ohne dass und seine Haftbarkeit nach Massgabe des ein Unfall passiert ist, dann kann er nicht Zivilrechts gegenüber dem Geschädigten entstehen lässt. Die Umschreibung der Hilfs- sich, wenn er eine besondere polizeiliche nach Art. 60 MFG verfolgt werden. Er macht und Meldepflicht bei Unfällen in Art. 36 deckt Weisung zum Anhalten nicht befolgte, nach sich — infolge ungenügend sorgfältiger Redaktion — nicht mit Art. 60, der die straf- Art. 58 MFG in Verbindung mit Art. 18 strafbarrechtlichen Folgen der Verletzung des Art. 36 festsetzt. Während nach Art. 36 nur Beistand In Art. 60 Absatz 1 wird das Verhalten des anzubieten ist, verlangt Art. 60 eine Motorfahrzeugführer oder des Radfahrers, Beistandsteistung. Somit-wäre^-even-- „de.ssen Fahrzeug an einem Unfall beteiligt tuell auch derjenige, der Beistand angeboten ist, als pflichtwidrig mit 'Strafe bedroht, hat, mangels Annahme desselben aber weiterfährt, strafbar. Es fragt sich nun, ob in ten Beistand leistet und für Hilfe sorgt, so- wenn er nicht sofort anhält, dem Verunfall- der Auslegung Art. 36 den Strafbestimmungen oder Art. 60 der Rechtsipflicht fern solche benötigt wird; ebenso wenn er angepasst werden muss. Art. 36 stellt eine neue, dem bisherigen Recht nicht bekannte Rechtspflicht dar. Damit wird positives Recht geschaffen. Zu mehr ist aber niemand verpflichtet. In der Auslegung der strafrechtlichen Bestimmungen muss daher auf die in Art. 36 umschriebene Rechtspflicht abgestellt werden. Die Vorschrift des Art. 36 gilt auch für den Lenker eines Fahrzeugs mit Tierbespannung. Hält ein solcher nicht an, dann treffen auch ihn die strafrechtlichen Folgen des Art. 60. Wir stehen hier vor dem einzigen Fall, da im Automobilgesetz einem « anderen Strassenbenützer », d. h. einem Nicht-Motorfahrzeugführer oder Radfahrer, eine Strafe angedroht wird. F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 21. Fortsetzung Sie holt den Brief Direktor Römers aus der Juchtentasche mit dem Monogramm E.R. — träumt einen Augenblick: wenn es G.R. wäre ! Gerda Römer !... und entfaltet den Brief. Sie tut es umständlich, langsam, raschelt, damit der alte Herr aufmerksam wird. Glättet das Papier, dann sagt sie bittend, schmeichelnd : « Ihr Urteil, Herr Professor, über den Schreiber dieser Zeilen... nur ein paar Worte, Herr Professor.. •.bitte ...» Gerda Manz sieht trotz ihrer grossen Toilette in diesem Augenblick aus wie ein unentwickeltes, kleines Schulmädel. Der alte Herr fühlt sich plötzlich reich und gebend, weil so ein junges Geschöpf, das ihm ein warmer Sommerabend ins Haus getragen, ihn um etwas bittet. Wenn er sich nur nicht so schwach fühlte !... Aber vielleicht ist dies die letzte Bitte, die er in seinem Leben noch erfüllen kann ... ! « Lupe », murmelte er, kaum vernehmlich. Gerda holt das runde Glas vom Schreibtisch, sieht die fahle Blässe auf dem Gesicht Die Strafsanktionen zur Verkehrsvorschrift des Art. 36 MFG sind in Art. 60 enthalten. Allgemeine Voraussetzung für die Anwendung des Art. 60 ist, dass ein Unfall passierte, an dem ein Motorfahrzeug oder ein Fahrrad beteiligt war. Dabei bleibt es grundsätzlich ohne Bedeutung, ob den Führer des Fahrzeugs ein Verschulden am Unfall trilit oder ob der Verletzte oder Geschädigte den Unfall selbst verschuldet hat. seiner Meldepflicht nicht nachkommt. Allediese verschiedenen Unterlassungen können in dem Begriff ein und desselben Deliktes zusammengefasst werden. Das Gesetz spricht von pflichtwidrigem Verhalten bei Unfall. Zur Bestrafung genügt die Verletzung der einen oder der anderen dieser Vorschriften. Wenn der Führer zugleich gegen mehrere dieser Verhaltungsvorschriften verstösst, kann der Fall zu einem schweren im Sinne von Art. 60 Absatz 2 werden. Das Nichtanhalten bei einem Unfall ist an und für sich schon strafbar, auch wenn keinerlei Personenschaden entstanden ist. Für die Erfüllung der weiteren Obliegenheiten besteht die Pflicht zum Anhalten als Voraussetzung. Trägt beim Unfall eine Person körperliche Verletzungen davon, dann hat der Fahrer Beistand anzubieten und Hilfe des alten Herrn — drängt fast vor Ungeduld : « Hier ! Hier ! Bitte, bitte ...» Professor Ernest Müller legt die Lupe auf die Worte. Die Worte sind belanglos : « ... vergesst nicht, dass der Tischler...» Er stutzt. Die Schrift kennt er. Die hat er vor kurzem gesehen... nur anders damals zu besorgen. Nicht notwendig ist, dass er die Hilfe persönlich leistet, vielmehr genügt es, dass er die zweckdienlichen Anordnungen dafür trifft. Keine Pflicht, Beistand anzubieten, obliegt ihm bei blossem Sachschaden, wenigstens keine rechtliche mit Strafsanktion. Es ist aber selbstverständlich, dass ein anständiger Führer auch einem nur materieM Geschädigten seinen Beistand offeriert. Liegt nur Sachschaden vor, so hat der Führer die Wahl, sei es dem Geschädigten, sei es der nächsten Polizeistelle, sofort Anzeige zu machen, während bei Personenschaden die Meldung bei der nächsten Polizeistelle obligatorisch ist. Von der Pflicht zu weiterer Bereitschaft entbindet überlegte und ernsthafte, endgültige Ablehnung des angebotenen Beistandes seitens des Verletzten. Wenn der Verunfallte in der Aufregung und im Zorn über die wirkliche oder vermeintliche Schuld der Pflichtigen am Unfall dessen Hilfe anfänglich ablehnt, darf sich der Führer nicht schon als befreit betrachten. Es muss im einzelnen Falle dem Ermessen des Richters überlassen werden, zu beurteilen, ob der Pflichtige die Zurückweisung des Beiständsangebotes als endgültig betrachten durfte oder nicht. Die Pflicht zur Angabe der Personalien gehört zur Meldepflicht, doch isftliese nicht damifeffüllt, wenn matt glaubt, _der Geschädigte' hätte die Nummer notiert.Der Führer ist gehalten, Namen und Adresse anzugeben, nur dann hat er der ihm obliegenden Meldepflicht Genüge geleistet, die übrigens auch bei Ablehnung des Bei- In dieser Nummer: Zum Kongress der A.I. A. C. R. in Bern. Tempo kontrollieren — rechts halten! Im Lande der Mitternachtssonne. Praktisch brauchbarer Kohlenstaubmotor verwirklicht? Lancia-Ardea, Standes keineswegs erlischt. Bei Unfällen mit körperlichen Verletzungen ist die Meldepflicht nicht befristet, während sie im Gegensatz dazu bei den leichteren Fällen, welche nur zu Sachschaden führen, sofort zu erfolgen hat. Dieser Verschiedenheit haften selbstverständlich schwere Nachteile an>. Zweck der Meldepflicht, bildet die möglichst rasche Tatbestandsfestlegung, die bei Fällen mit Körperverletzung mindestens so wichtig oder wohl wichtiger ist als bei blossem Sachschaden. Wer schuldhaft falsche Angaben macht, erfüllt seine Meldepflicht nicht, wohl aber stellt die Angabe falscher Personalien einen Straferschwerungsgrund dar. (Schluss Seite 2.) Das neue bernische Steuerdekret Zum Kapitel Steuerskala ist das letzte Wort noch nicht gesprochen Die Teilnehmer an der vom kantonalen geschmälert werden dürfe, neuerdings bestätigt. Den Steuervorschlägen der Regie- Polizeidirektor, Herrn Regierungsrat Seematter, auf den 30. April 1940 einberufenen rung liegt das Rechnungsjahr 1938 zugrunde, das dem Fiskus an Verkehrssteuern und Konferenz der wichtigeren Strassenverkehrsverbände haben nun die amtliche Meinung -gebühren rund Fr. 4 300 000 eingebracht hat. zum neuen Steuerdekret gehört. In einem Der aus dem neuen Steuerprojekt resultierende Gesamtbetrag einschliesslich Gebüh- fast zweistündigen Referat hat der Vorsitzende, ausgehend vom Geldbedarf des Kantons für den Strassenbau, den Standpunkt Fr. errechnet worden. Hatten die Vertreter ren ist von der Polizeidirektion auf 4 410 000 der Regierung eingehend geschildert und den der Strassenverkehrsverbände beim Durchsickern der neuen Steuerskala ganz allgemein von der Exekutive aufgestellten Grundsatz, dass der bisherige Steuerertrag durch die die Meinung vertreten, die Steuerrevision Neuerungen des Dekretes in keiner Weise werde dem Fiskus beträchtlich mehr als bis- ...verstellt damals doch die Merkmale die gleichen... die Bogen, die Bindungen, Intervalle... Wo hat er sie gesehen, diese Schrift ? Wo nur.'..? « Bitte, lieber Herr Professor... bitte'... Es ist so wichtig !... Wenn Sie wüssten, wie wichtig es ist!» Gerda hält schon ein Blatt Papier auf den Knien und einen Bleistift, um mitzuschreiben, was sie hören wird, denn sie fühlt, dass der kleine Professor viel zu sagen hat von dieser Schrift. Der alte Herr nimmt den erwartungsvoll beschwörenden Blick in sein dämmeriges Bewusstsein auf... ihm ist zumute wie noch nie ... Kleines Mädelchen ... sitzt da vor ihm, dem Greis... so ein kleines, dummes Mädchen ... erhofft Bestätigung ihres Liebesglücks ! Erwartet letzte Auskunft über einen Mann, für den sie sich schon längst entschieden hat im Grunde ihres Herzens... Er selbst ist schon so weit fort... so jenseits von all dem zitternden Kinderbangen, er, der alte Mann, dass ihm scheint, Liebe und Jugend sind gar nicht wahr und nie gewesen — ein Märchen... es war einmal... schöne Märchen, die man manchmal träumte, wenn man glaubte, dass noch vieles, so vieles kommen musste im Leben... weil es noch so endlos vor einem lag, das Leben... Kleines Mädelchen !... Er will es ausspinnen, das Märchen dieses kleinen Mädchens... Hat er denn einmal — ein einziges Mal Unheil verhüten können durch all die Wahrheiten, die er aus, Schriftzügen herausgelesen und gesagt hatte ?!... Warum Soll er nicht lügen ? fiügen — dieses Mal ?... Bewusst lügen ? ... Ein kleines Mädchen glücklich lügen, das es früh genug erfahren würde — auch ohne ihn —, welche Abgründe in einem Menschen schlummern können, dem man glaubt, sich anvertrauen zu können fürs Leben !... schlummern... schlummern... « Nicht einschlafen ... nicht schlafen, lieber Herr Professor ! » Wie eine helle Glocke schwingt sich die blanke Mädchenstimme in das hämmernde Denken des alten Herrn. Sein Blick legt sich — schwer, glasig — auf Gerda. Dann huscht wie ein Lächeln, über den schmalen, eingefallenen Mund, halb spöttisch, halb weise — und so jenseits schon... Kaum atmend, damit ihr Herzschlag nicht den leisen Hauch erstickt, den abgerissene Worte aus dem kleinen Gelehrtenmunde jagen, schreibt Gerda mit: « Ein Mann voll Kraft... Temperament... Energie... Aus einem Stück !... Mit beiden Beinen in der Wirklichkeit... und doch auch Schwung... Güte, oft verkapselt in harter Schale... kennt seine Ziele... Wohlwollen für die Umgebung, und Hilfsbereitschaft... kann wehe tun und auch wohl, in gleicher Stärke ... Glücklich, wen er liebt...! » Er schildert Gerda Manz den Mann, der er aus ihr herausliest, aus ihrer Seele herausfühlt, den sie liebt... ! Nicht jenen andern, dessen Brief auf seiner Decke liegt, mit der Schrift, die sogar ihm, dem Graphologen, unheimlich ist, weil das, was er herausliest, zur Tragödie führen kann, führen muss ! « Glücklich, wen er liebt», schreibt Gerda. Sie lässt den Stift sinken... so isj der Sohn ja auch ! Genau so ist auch der !... Er !... Still wird's in ihr und andächtig, als sei sie in der Kirche. «Glücklich, wen er liebt...» Sie schliesst die Augen, nichts zu fühlen als das, was sich in ihr verspinnt. Sie merkt es nicht, wie die Stille im Raum sich langsam auswächst, sich verdichtet — kaltes, lastendes Schweigen wird. Die Wanduhr in der Ecke wirft elf dunkle Glockenklänge in den Raum. Dann steht der Pendel.