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E_1940_Zeitung_Nr.023

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BERN, Dienstag, 4. Juni 1940 Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang — No 23 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Erseheint-jeden Dienstag REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrolnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich; LBwenstrass« 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS DU achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 «p. Grössere Inserate nach Spezialtarif Iju*ratensch!uM 4 Tage v*r Erscheinen der Nummer ANPASSUNG DER GESETZE an die Erfordernisse der heutigen Lage Gesetze sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern um den Menschen zu dienen und das Leben der Gemeinschaft in geordnete Bahnen zu lenken. Weil aber das Leben dieser Gemeinschaft ständig fliesst, weil neue Entwicklungen sich anbahnen und neue Bedürfnisse auftauchen, kann und darf auch die Gesetzgebung nicht am Ort stehen bleiben. Als Werkzeug der Gesellschaftsordnung hat sie dem ewigen Wandel der Dinge zu folgen, sie muss Schritt halten mit ihm und Beweglichkeit bewahren. Nur wenn sie sich von den Geboten des lebendigen Lebens inspirieren lässt, vermag sie ihrem Zweck Genüge zu leisten. Erstarrt sie aber, so wird sie zum Bleigewicht, das den Fortschritt hemmt. Unser Gesetzgebungsapparat, der in der gegenwärtigen aufgewühlten Zeit mit Hochdruck arbeitet, weil es gilt, bisher nicht gekannte Situationen zu meistern, die Bereitschaft und die Widerstandskraft des Landes zu stärken, ist auch auf dem Gebiete des Beispielsweise die Zulassung von Anhängern mit Einrichtung zur Vergasung fester Brennstoffe und von Anhängern für den Gütertransport an Personenwagen, die Ausdehnung der Altersgrenze für die Erteilung des Fuhrerausweises vom 18. auf das 17. Altersjahr, das Zugeständnis eines Entgegenkommens zugunsten der Holzgaswagen usw. Zwei weitere bedeutsame Schritte in der Richtung einer Anpassung des bestehenden Verkehrsrechtes an die Verhältnisse, wie sie sich nach der Mobilisation herauskristallisiert haben, datieren erst aus jüngster Zeit : die Aenderung der Verordnung über die Arbeitsund Ruhezeit der Chauffeure (Bundesratsbeschluss vom 21. Mai 1940) und die Heraufsetzung der Höchstgewichte für Lastwagenund Anhängerzüge, womit zugleich eine Rehabilitierung der Zweiachsanhänger erfolgte (Bundesratsbesehluss vom 28. Mai 1940). Durchs Band weg entspringen diese Massnahmen, die als gemeinsames Merkmal den Stempel einer Lockerung der Automobilgesetzgebung an sich tragen, der gleichen Quelle: der Rücksichtnahme auf die Notwendigkeiten unserer Kriegswirtschaft. Das wird im einen und andern der einschlägigen Bundesratsbeschlüsse ausdrücklich betont. Darüber hinaus dienen einzelne der hier vorgenommenen Gesetzesveränderungen noch einem andern Ziel, dem Sammeln von Beobachtungen und Erfahrungen nämlich, woraus sich, wie man annehmen darf, Fingerzeige iür die kommende Revision des Motorfahrzeuggesetzes und der Vollziehungsverordnung schöpfen lassen werden. Mag heute auch nicht der Moment sein, um an eine solche Aufgabe heranzutreten, so steht es ausser Frage, dass die Revision nach dem Krieg keinen längern Aufschub mehr duldet. Auf Jahre schon gehen die Bestrebungen danach zurück, unablässig wächst bei den Behörden die Mappe mit den Wünschen -und .Forderungen, welche dazu eingebrachtwor-, Strassenverkehrswesens nicht untätig- "geblieben. gab der Chef des Eidg. Justiz- und Polizei- den sind. Bereits in der Sommerse'ssion 1937 Seit dem Ausbruch des Krieges hat der departementes, Bundesrat Baumann,' in Zusammenhang mit dem schon damals akuten Bundesrat eine ganze Reihe von Beschlüssen gefasst, womit er von denProblem der Gewichtserhöhung für Lastwa- und Lastwagenzüge die Erklärung ab, geltenden Normen des MFG und dergen Vollziehungsverordnung abwich. der Bundesrat prüfe momentan die Aenderung des MFG oder wenigstens der VoUziehunigsverordniung. Wohl verband der Sprecher unserer Exekutive damit die Feststellung, dass die Gewichtsbestimmungen ein wesentliches Hemmnis für die Entwicklung der schweizerischen Lastwagenindustrie verkörpern, zumal es aus militärischen wie aus wirtschaftlichen Gründen sehr wünschenswert wäre, wenn wir möglichst viele Lastwagen fabrizieren könnten. Allein nichts geschah. Umsonst wartete man auf den Eintritt der Revision in eine aktivere Phase. Mit dem Aufflammen des Kriegsbrandes an unsern Grenzen, mit der Mobilmachung, der Requisition und der Treibstoffrationierung jedoch rückten namentlich die Begehren der einheimischen Lastwagenindustrie nach Erhöhung der Maximal-Gewichtsgrenzen und Wiederzulassung der Zweiachsanhänger in den Vordergrund. Angesichts der Knappheit des dem Zivilverkehr noch verbliebenen Bestandes an schweren Lastwagen — der zwangsläufigen Folge gerade jener Gewichtsvorsohriften, an deren Aufnahme im Gesetz die Bahnen nicht ganz unbeteiligt sein dürften -=- erheischen die Interessen der Kriegswirtschaft und damit des ganzen Landes die volle Ausnutzung des noch zur Verfügung stehenden Transportraumes. Und wenn der Bundesrat vor einigen Wochen die zuständigen Stellen zur Schaffung von Arbeitsgemeinschaften im Autotransportwesen autorisiert hat, dann leitete ihn dabei die selbe Ueberlegung. Lassen es sich die Bahnen angelegen sein, ihre Dienste, die sie dem Lande seit der Mobilisation erwiesen, und ihre Unentbehrlichkeit (die übrigens auch von ernst zu nehmenden automobilistischen Kreisen nie bestritten worden ist) nach Noten herauszustreichen, so bilden die Bundesratsbeschlüisse vom 21. und vom 28. Mai eine nicht minder eklatante Bekräftigung und Rechtfertigung der Unentbehrlichkeit des Motorfahrzeuges. Eine. Lockerung der Gesetzesschraube, wozu man vorher allen dringlichen Vorstellungen zum Trotz nicht glaubte Hand bieten zu können, ist durch den Druck der ausserordentlichen Zeitumstände erzwungen worden. Krieg und Einberufung unserer Armee unter die Waffen haben der Revision der eidg. Automobilgesetzgebung insofern die .Wege geebnet, als jene Postulate, welche direkt in den Bereich der Lebensinteressen Reparaturen von Im Militärdienst beschädigten Fahrzeugen erfolgen nunmehr vor der Abschätzung und Rückgabe. Auf die Beschwerden hin, dass vom Militär bei der Abschätzung wieder freigegebener Fahrzeuge nur ungenügende Entschädigungen für notwendig gewordene Reparaturen oder Instandstellungen angeboten werden und dass häufig genug die nachträglichen Aufwendungen des Halters für Reparaturen die ihm gewährte Entschädigungssumme übersteigen, hat das Armeekommando nunmehr folgenden Befehl an die Kommandanten der Motorfahrzeag-Reparaturabteilungen und der Motoriahrzeugparks erlassen: Besitzer von abgeschätzten Motorfahrzeugen haben schon wiederholt Rekurse eingereicht, dass die Absehatzungssummen, -welche ihnen für gewiss Instandstellungen zugesprochen worden seien, nicht ausreichten, um die betreffenden Reparaturen zu bezahlen. In dieser Nummer: Die Rolle des Motorfahrzeugs bei der Evakuierung. Zurückhaltung bei der Erteilung von Zusatzrationen. Shaw wiederum Sieger In Indianapolis, Steuererleichterugen. Beilage: von Wirtschaft und Landesversorgung eingreifen, wenigstens vorübergehend ihre Verwirklichung gefunden, sollen doch die neuen Zugeständnisse hinsichtlich der Höchstgewichte und der Zweiachsanhänger erst nach der Demobilmachung ausser Kraft treten, währenddem das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement die zeitliche Geltungsdauer der Abänderung der Verordnung über die Arbeits- und Ruhezeit der Berufschauffeure bestimmt. Das Auto zur Mobilisationszeit Es wird Remedur geschafft Anderseits hat die Armee keine Gewähr' dafür, dasa ausbezahlt© Abschatzungsbeträge tatsächlich dazu verwendet werden, die in Frage kommenden Reparaturen ausführen zu- lassen. Es besteht somit die Gefahr, dass die Fahrzeughalter ihre Fahrzeuge nicht mehr richtig unterhalten, was sich in einigen Fällen bereits bestätigt hat. Hierin liegt aber für den Remobilmachungsfall der Nachteil, dass je länger je weniger feldtüchtige Motorfahrzeuge gestellt werden. TTm diesem Umstand nach Möglichkeit zu begegnen, sollen alle anlässlich der Abschätzung von den Besitzern geltend gemachten Schäden, sofern diese auf den Militärdienst zurückzuführen sind, unverzüglich in privaten Garagen zu Lasten der betreffenden Truppe instand gestellt werden. Das betreffende Fahrzeug ist erst nach Durchführung dieser Reparatur abzuschätzen und dem Besitzer zurückzugeben. Ist der Fahrzeugbesitzer mit dieser Regelung nicht einverstanden, so ist das Fahrzeug abzuschätzen und ihm unter Zuspruch einer Abschatzungssumme zurückzugeben. In diesem Fall hat sich der Fahrzeugbesitzer auf dem Abschatzungsverbal schriftlich zu verpflichten, dass er diese Abschatzungssumme anerkenne und keine weiteren Ansprüche mehr stelle. > F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 25. Fortsetzung Bilder vom Rennen in Auteuil, die neuesten Toiletten für den Abend, der schöne Hollywoodstar... weiss nicht, wer... die letzte Demonstration im Berliner Lustgarten ...das neue Kugelhaus in... Römer wird blass. So blass, wie das Blatt in seiner Hand, die erzittert. Ein Bild vom Cirque d'ete!... Vom Cirque d'ete!... Die Clownsfratze von Henri Rene, und darunter als Bildtext: ,Der Mann, der Grock in den Schatten stellen wird, der künftige Weltkomiker gastiert zurzeit in Villefranche, im Cirque d'ete des Direktors Molignon, der von einem bekannten Industriellen subventioniert wird.' Römer wischt sich über die Stirn. Zerknüllt das Blatt in seiner Hand: « Ein Gauner ...*!» Jetzt würde sich ein ganzer Haufen von Pressebengels dem Zirkus an die Fersen heften!... Wer weiss, ob nicht Bild und Text noch in anderen illustrierten Blättern Aufnahme gefunden hatten?! » ... So ein Lump! Hatte seine jahrelangen Vorsichtsmassnahmen über den Haufen geworfen, hatte ihm alles zerstört!... Aber — sich selbst auch... sich selbst auch!... « Monsieur! » Der Kondukteur, der auf dem Wege zur Post noch rasch die Zeit gefunden hat, sich zu Hause in Zivil zu werfen, steht vor ihm. t Voilä, Monsieur, la lettre en question!» und übergibt ihm einen Brief. « Setzen Sie sich solange hin. Nein... an den Tisch drüben! Bestellen Sie sich was. Vielleicht habe ich nachher noch etwas für Sie zu tun! » So herrisch ist Römers Art, dass der Kondukteur sich nicht zu einem Diener herabgewürdigt, dass er sich zum Privatsekretär eines grossen Herrn erhoben fühlt. Während er sein boc schlürft, sieht er über den Rand des Glases hinweg, wie der « Direktor » den Brief öffnet und mit ärgerlich gerunzelter Stirn überfliegt. Römer liest: «Mein Herr, mein Gönner! Sie werden wissen, wie sehr meinem alten Artistenherzen die jahrelange Anerkennung wohltut, die ich aus Ihren regelmässigen Zuwendungen ersehe. Auch dieses Mal bestätige ich mit dem Ausdruck meines heissesten Dankes die mir aus Basel zugesandten 50 000 Frs. Meine Kräfte sind diesmal so gut wie in noch keiner andern Saison. Die ziemlich massige Roberto-Akrobatentruppe habe ich wieder gekündigt. Dagegen habe ich selbstverständlich unseren Henri Rene mit Ihrem Einverständnis wieder engagiert. Ach, mein Herr, er wird immer unvergleichlicher! Glauben Sie mir, in der Geschichte der Artistenwelt wird man in einigen Jahren auf mich als seinen Entdecker hinweisen, und auf Sie, mein Herr, weil Sie mein Financier waren... wenn Sie es auch jetzt noch verbieten, dass es publik wird! Ich kann mir schon denken, warum : Sie sind sonst nur bei grossen seriösen Geschäften und Trusts beteiligt und möchten nicht, dass man in der Finanzwelt erfährt, dass Sie auch für das leichte Kunstvölkchen ein Herz und eine bourse haben. Aber glauben Sie mir, mein Herr, ich werde Ihnen vielleicht noch grossen Ruhm und Ehre einbringen in der Nachwelt, dass Sie mir helfen, Henri Rene zu lancieren. Ich zittere nur immer vor der Konkurrenz. Kürzlich soll einer der Söhne vom Zirkus Knie an der Kasse ein Bilett gekauft haben. Ich wollte daraufhin die Nummer von Henri Rene ausfallen lassen und machte ihm eine Andeutung, als ob die Vorstellung diesmal kürzer werden müsste. Aber Sie wissen, mein Herr, Künstlerehrgeiz und Künstlertemperament: wenn Rene erst am Eingang zur Manege steht, dann ist er nicht mehr zu halten, wie besessen ist er. Jetzt sind Sie wieder orientiert, mein Herr, über alles, was sich ereignet hat. Wenn ich einen Wunsch habe im Leben, so ist es der, mit meinem Ensemble einmal eine Vorstellung vor Ihnen, meinem Gönner, geben zu können! Es würde eine Fest-, eine Galavorstellung werden! Ihr.Ihnen stets dankbar ergebener und auf Erfüllung Ihrer Wünsche bedachter directeur Molignon, Cirque d'etö zurzeit #Villefranche.» Direktor Römer hat ein ungutes Gesicht, während er den Brief zusammenfaltet. Sein Kinn schiebt sich vor, wie immer, wenn er einen Entschluss gefasst hat.