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E_1940_Zeitung_Nr.029

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ffi AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 16. JULI 1940 — N° 29 offenen Hof — die Bezeichnung «Hof» blieb den Bauernsiedlungen — in befestigte Burgen verlegte, änderten sich viele der alten Sitten. An Stelle der weiten, ebenerdigen Speisesäle, deren breite Türen sich ins Freie geöffnet hatten, ass man nun in hohen, düsteren Steinsälen, die im obersten Stockwerk des Pallas gelegen waren. Um dieser kalten Pracht möglichst früh im Jahre zu entrinnen, verfiel man auf den Ausweg, von den ersten Frühlingstagen an im Freien zu tafeln. Im Burggarten Hess sich unter den Laubdächern der Bäume leicht ein Zeltdach befestigen; jeder Sonnenstrahl bedeutete Wohlbehagen; denn an Wärme waren unsere Vorfahren nicht verwöhnt. In der Glanzzeit des Mittelalters, etwa vom Jahre 1000 an, waren die Frauen nicht mehr von der Männertafel ausgeschlossen. Sie wurden sogar in der gothischen Zeit zu Herrinnen der Mahle. «Minnigliche Paare» wurden nebeneinander gesetzt. Mit Erzählungen von Fahrten und Abenteuern suchte der Verehrende das Herz seiner Minneherrin höher schlagen zu machen, die Holde dabei nach allen Regeln der Sitte bedienend. Mit dem eigenen Messer, das der Ritter am Gürtel trug, schnitt er das Fleisch auf dem gemeinsamen Teller vor. Mit drei Fingern, der kleine Finger musste gespreizt werden, ergriff die Dame ein Fleischstück, um es in den Mund zu schieben. Der galante Ritter hielt derweil die Hand darunter, damit kein Tropfen das Gewand der «Frowe» beschmutze. Von der Kredenz, wo der Wein aus Lederflaschen in schöne Krüge umgegossen wurde, brachten Diener Becher und Pokale. Wenn nach der Frau der Mann den Becher ergriff, trank er ihr zu und schwur ihr, mit kühnen Taten ihren Ruhm zu vermehren. In der «grossen Welt» des frühen Mittelalters nahm man die Hauptmahlzeit um 10 Uhr morgens ein, denn die Herren pflegten schon um 3 oder 4 Uhr nachts auf die Jagd zu reiten und nur einen leichten Imbiss mitzunehmen. Die Damen assen nach der Frühmesse eine Morgensuppe, vorher durfte nichts genossen werden. In fränkischen Gegenden hiess diese erste Mahlzeit: dejeuner» — entfasten; von jeuner — fasten. Die Hauptmahlzeit erstreckte sich über zwei und drei Stunden. Zwischen den einzelnen Gängen von Fisch, Geflügel, Wildbraten, denen mit Honig gesüsstes Backwerk folgte, fügte man allerlei Belustigungen ein, oder man liess sich von wandernden Sängern die Weltereignisse vortragen. Diese Männer, die überall freundlich empfangen und verpflegt wurden, trugen nicht nur Nachrichten, sondern auch politische Wünsche und Vorschläge zwischen den Burgen der Herrscher und des Adels hin und her. Die Darbietungen bei Tische wurden so allgemein üblich, dass man der Tafel ihren Platz nahe der Längswand des Saales gab, an der Bänke entlang liefen, um den Sängern und Gauklern Raum zu lassen. Die Hauptmahlzeit hatte ihre grosse Wichtigkeit wegen der zahlreichen Speisen, die vertilgt werden mussten, denn die tägliche Jagdbeute durfte nur den Herren und ihren Frauen vorgesetzt werden. Da in den Burgen mehrere Sippen beieinander wohnten, und umherziehende Ritter und Sänger jederzeit freies Quartier erhielten, mögen die damaligen Mittagstische so lang gewesen sein wie unsere Hochzeitstafeln. Die Männer tranken zur Blütezeit des Rittertums sehr massig (1000—1200), die Frauen nippten sogar nur an den Bechern. Das Wort vom «finstern Mittelalter» darf auf diese Zeit nicht angewendet werden. Ausser zur Zeit der Renaissance war die Welt nie so licht und wohl gesittet. Noch sind die tiefen Schatten fern, die Despotismus der Fürsten, Geldmangel des Adels, Entstehung eines Proletariats, Religionsfehden und Zwietracht in der herrschenden Klasse über die europäischen Völker warfen. Wohldurchdachte, strenge Sitten, die mit Geist und Grazie befolgt sein wollten, schlangen ein festes Band der Einigkeit um Herrschende und Dienende. Herrschaft war Schutz des Schwächeren, und Dienen, freiwillig bezeugte Dankbarkeit. Die erste Bresche in die Mauer strenger Sitten legten die Kreuzzüge und der wachsende Handel, dem sie die Wege bereiteten. Nun drangen fremde Einflüsse, fremdes Wohlleben in das strenge Dasein des Adels ein. Eine winzig kleine und doch unaussprechbar starke Zersetzungswaffe war ein Gewürzt, das auf den neuen Handelswegen nach Europa kam: der Pfeffer. «Teufelssamen» nannten ihn unsere Vorfahren; er wurde tatsächlich mit Gold aufgewogen und war zunächst nur für den Kaiser und die Fürsten erschwinglich. Aber die Gäste bei Hofe und an den reichen Bischofssitzen kosteten von dem wundersam brennenden Gewürz, und, einmal genossen, schien jede Speise fade, die ohne Pfeffer bereitet war. Wer nicht genügend Geld besass — und der Adel lebte ja von den Produkten seines Landbesitzes —, tauschte den Pfeffer gegen Leinen, Lederzeug, Pferde, Vieh ein, alles kostbare Ware, die von den Kaufleuten in den Städten mit Profit weiterverkauft wurden. Diese vielbeneideten Städter, die auf ihrem wachsenden Reichtum sassen, wurden spöttisch «Pfeffersäcke» genannt. Reisten die Kaufleute auf die Burgen, gefolgt von grossem Tross, der ihre mannigfaltigen Waren mitführte, so boten sie neben Seidenstoffen,, Fellen, Schmuckstücken auch den ersehnten Pfeffer, Saffran, Lorbeer, Ingwer und Rosinen feil. Bald wurden, um den allgemeinen Bedürfnissen zu genügen, Pfefferfälschungen in den Handel gebracht, so dass die Mode der stark gewürzten Speisen sich bis in die entferntesten Burgen verbreitete. Diese Unsitte aber brachte den grossen Durst mit sich, den man heute allgemein als zum Rittertum dazugehörig annimmt. Jedoch erst in der Pfefferzeit, im 13. Jahrhundert, kamen die gewaltigen Humpen auf, wurde das Wetttrinken und der «Umtrunk» zwischen den einzelnen Gästen ein beliebter Brauch. Nun war Trunkenheit bei Tische nicht mehr streng verpönte Sittenverletzung. Der Ruf, ein trinkfester Mann zu sein, wurde mit Stolz getragen, aber der erlaubte Rausch, der nicht selten auch die Damen erfasste, zerbrach mit bohrender Sicherheit die strenge Selbstdisziplin des frühen Rittertums, und die Sireitsucht, gegen die Kaiser und Kirche mit immer neuen Gesetzen einschritten, liess sich nicht mehr in Schach halten, Die Trunksucht allein aber war nicht Schuld an der Entsittlichung des späten Mittelalters. Der aufblühende Reichtum der Städte und die gänzliche Verarmung des Ritterstandes führten zum Raubrittertum und vernichteten die zarte Blume der «Höfischkeit». Aber noch ein Feind arbeitete an der Entsittlichung des Adels, doch machte dieser Feind vor keinem Stande, weder vor Bauer, noch Ritter, weder vor Kaufmann, noch Handwerker Halt: das war die Pest. Die grossen Epidemien, die Europa im 14. und 15. Jahrhundert heimsuchten, waren Hebel, die die festesten Gebräuche und Sitten aufhoben wie Strohhalme. Das Wort: nur einmal noch geniessen; morgen kommt doch der Tod, dieses Wort stürzte die Menschheit in einen Genusstaumel, in dem die «Völlerei» einen ersten Platz einnahm. Die Speisesitten nahmen ganz ungeheuerliche Formen an; nur die Masse war noch ausschlaggebend. Damals erfand man die Riesenpasten, denen nackte Mädchen entstiegen, wenn man sie aufschnitt, die Pfauen und Schwänebraten, die mit allen Federn garniert hereingetragen wurden, Hirschbraten in ganzer Grosse, an denen 6 Küchenjungen schleppten: Torten und Kuchen, die auf Wagen hereingefahren wurden, die ein Esel zog; die Springbrunnen von Wein auf den Marktplätzen an den Geburtstagen der Herren, das Wettessen und was es nicht alles an Schlemmerei gab. Als aber «der schwarze Tod» in Vergessenheit geriet, verfeinerten sich die Sitten bald; in der jetzt blühenden Renaissancezeit sogar bis zur Ueberfeinerurig. Da während der Pestzeiten Fleisch als Krankheitsträger gegolten hatte, war man wohl oder übel auf Gemüsekost verfallen. Die Mönche, die als Pfleger unter die Leute kamen, führten allerlei Gemüse ein, die in den Klöstern längst bekannt waren, und die jetzt als Abwehrmittel galten: Lauch, Knoblauch, Rhabarber, Sauerampfer, Rüben und Rettich. Später machte man aus der Not eine Tugend und die reichen Städter, die Gärten vor den Toren besassen, begannen ausländisches und einheimisches Gemüse zu ziehen. Gemüse und Früchte wurden die grosse Mode. Die Fuggerschen Gärten waren berühmt für ihre Artischocken und Tomaten, Liebesäpfel genannt; Franz I. zog Melonen, und nach seiner Gemahlin, Claude, wurden die Reineclauden benannt; Richelieu besass ausgedehnte Treibhäuser, und die Königin Elisabeth von England liess Zucht- und Versuchsgärten anlegen. Das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert erntete die Früchte der Uebersee-Entdeckungen, Ejn ungeheurer Reichtum strömte über Europa dahin und erreichte auch unsere Schweizer Städte. Die Städte sind wie Edelsteine am Gewand dieser glücklichen Zeit. Dem Patrizier wie dem Handwerker war kein Luxus zu kostspielig, so dass der Magistrat mit allerlei Drohungen und Verboten einschreiten musste; aber auch der Adel hatte sich aus seiner dunklen Epoche emporgerafft. Durch die Einführung der Feuerwaffen fand er durch ein wohlausstudiertes Waffenhandwerk wieder Boden unter den Füssen. Mit der neuerworbenen und standesgemässen Erwerbsquelle aber gelangte die Ueppigkeit der Renaissancezeit auch in seine Burgen und Häuser. In diesem goldenen Zeitalter zwischen 1400 und und 1600, wo Künste und Wissenschaften wie unter einem Zauberstab erblühten, wurde jedes Stück des täglichen Lebens mit Liebe verfertigt. Fast keiner unserer Gebrauchsgegenstände fehlte; nur die Gabel, dieses scheinbar so selbstverständliche Instrument war immer noch unbekannt. Bis in das 15. Jahrhundert hinein bringen die Gäste Messer und Löffel mit. Der Löffel ist kurzstielig, die Kelle, gross und rund, nichts anderes als der verkleinerte Suppenteller, den man einst an den Mund hob. Zur Zeit des Konzils zu Konstanz (1414—1418) war durch venezianische Gesandte die zweizinkige Gabel aufgekommen, sie wurde aber nur zum Essen von Früchten benutzt und gab den Moralisten Anlass zu lautem Protest gegen die Zimperlichen, die Gottes gute Gabe nicht mit den Fingern berühren wollten. Der Geist des Humanismus, so freisinnig er war, beseitigte noch keineswegs die übertrieben strenge Rangordnung, die sich von jeher bei Tische dokumentiert hatte, «Ueber dem Salz sitzen», oder «unter dem Salz», am gleichen Tischtuch oder ohne Tischtuch essen, auf Armsesseln oder Tabouretts, erhöht oder zu ebener Erde seinen Platz haben, oder gar stehend essen müssen wie die Kinder, das spielte bis weit in die Neuzeit hinein eine Rolle, von der nicht selten Freundschaft oder Feindschaft auf Lebenszeit abhing. Die Sitte des «minniglichen Zwiegespräches», sowie die Unterhaltung durch Sänger kam allerdings nicht zurück, aber man empfand das Bedürfnis, sich über die Welle der Entdeckungen und der neuen Handelsbeziehungen auszusprechen, die Europa so durchgreifend umzugestalten schien. Ueber der ernsthaften Tischunterhaltung aber wurde die Pflege der Küche und der Herrichtung des Mahles nicht vergessen. ©alonteä (Souper im 18. gomnunbext. Auch für die Frauen der Renaissance war eine hohe Zeit gekommen. In der Schweiz waren sie zwar nicht Mode- und Dichterköniginnen, wie ihre Schwestern in Italien; dafür amteten sie als Herrscherinnen in den grossen Haushaltungen ihrer begüterten Männer. Da wurde aufgespeichert, eingekellert, geräuchert, gebraut und eingekocht, gesponnen, gewebt, angeschafft, gesammelt. Die Renaissanceschränke mit ihren Aufsätzen, Pfeilern und Türmchen, starken Türen und riesigen Schlössern, mit Intarsien und Rollwerk überreich verziert, sind wahre Festungen des Besitztums und das Abbild stolzen Vertrauens in die Beständigkeit des Reichtums. Wo sie hingestellt wurden, da mussten sie bleiben, schwer und unverrückbar für Generationen. Es muss kluger und rühriger Frauen bedurft haben; diese Schatzkammern zu verwalten, ihres Mannes Gut beisammenzuhalten, für die kommende Generation vorzusorgen, das zahlreiche Gesinde zu bewachen und schliesslich auch die Schönheit dem Nützlichen zu vereinen. Das 16. Jahrhundert und das 17. in seinem Anfang waren dank des gutverteilten Reichtums Hochburgen vergeistigter Eleganz, und die später oft belächelte Ehrbarkeit entsprang einem wunderbar sicheren Stilgefühl. Nie wieder hat die Schweizer Frau eine so unumschränkte Stellung erreicht wie zur Glanzzeit der Städte. Die Zeit dieses behäbigen Reichtums und der gern zur Schau getragenen Würde erfand für Männer und Frauen die riesigen gestärkten Halskrausen. Die Instandhaltung dieser Kragen lag in den Händen eines eigenen Gewerbes, das sich ausschliesslich mit dem Waschen und kunstvollen Kräuseln beschäftigte. Damit nun beim Essen die Hand den gestärkten Rand nicht zerdrückte, kamen langstielige Löffel auf mit schmaler, spitzer Kelle, die ein sehr zierliches Essen verlangten. Eine schwere Einbusse erlitt das freigeistige Leben der Renaissance, das dem Geist erlaubt hatte, ungehemmt über die engen Stadtmauern hinauszudenken, als zur Reformationszeit der Konfessionszwist zu einem furchtbaren Zankapfel wurde und unter dem Feuerschein der Ketzerverfolgung in Spanien, der Huguenotten in Frankreich, von Krieg und Gegenkrieg in Deutschland, Holland, England, Schweden sich die Gemüter erhitzten oder in stumme Angst versanken, Als der Dreissigjährige Krieg 1648 ausgerast hatte, Hess er Mitteleuropa ausgesogen, verhungert, verroht und entvölkert zurück. Die feinen, kostspieligen Sitten waren verschwunden, Spiel- und Trunkleidenschaft, von den Söldnern verbreitet, hatten wieder überhand genommen, eine neue Periode des unmässigen Fressens und Saufens hatte eingesetzt, der Geist war entflohen, und die Rohheit regierte, Nur langsam kehrten am Ende des 17. Jahrhunderts Wohlstand und Sitte zurück. Mit dem Wiedererwachen der Kultur aber wurde auch die Speisetafel von neuem Mittelpunkt des Lebens; denn wo die Mahlzeit täglich zweimal die Familie für eine gute Weile zusammenhält, da kann es nicht fehlen, dass gerade während des Essens und Trinkens ein gut Teil Welt- und Kulturgeschichte gemacht wird. Doch war die Zeit des alten, soliden Reichtums, der bis in die tieferen Schichten des Handwerkertums reichte, für immer dahin. Es gab nun Schein- Reiche, bescheiden sich Begnügende und Arme. Diese Trennung in krasse Unterschiede der Lebenshaltung, trat bald erschreckend hervor. Die oberste Schicht der Gesellschaft bekundete einen ungehemmten Hang zum Luxus, während der Bürger in strenger Einfachheit verharrte. In der Schweiz konnte der Luxus sich nie so Sehr ausbreiten wie vor allem in Frankreich, aber die Sittenmandate, die unsern Vorfahren das Tragen von Spitzen und Juwelen verboten, gegen Modeauswüchse auftraten, nur so und so viel Speisen bei einer Mahlzeit erlaubten, Kristallgläser und silberne Teller verpönten, das Kräuseln der Haare und das decollete der Kleider verboten, die Höhe der Absätze bestimmten und so fort, diese Sittenmandate beweisen, wie stark der französische Einfluss auch bei uns war. Die lockeren und zersetzenden Sitten, die in den Großstätten Europas einrissen, blieben uns zwar fern. Fleiss und Zuverlässigkeit gingen nicht unter. In der Schweiz tranken die Damen ihre Morgenschokolade nicht im Bett; es wurde beim «lever» kein Champagner unter den Verehrern der Schönen, die am Putztisch sass, serviert, und die berühmten galanten Soupers zu zweit oder zu viert hätten bei uns zu einer Stadtempörung geführt. Nun ging aber in Frankreich die Entsittlichung nicht ohne äusseren Reiz und manchen Gewinn für die Kunst vor sich. Schönheit und Anmut feierten ihre grosse Zeit. Da zeigte zum Beispiel die französische Geselligkeit der Welt den graziösen Reiz der Mahleiten im Freien, wo sich die gepuderten Herren und Damen auf die Wiese gelagert, als Daphnis und Chloe ansahen, Lämmer an himmelblauen Bändern hüteten und aus goldenen Kelchen schwere, süsse Weine schlürften und sich vorspielten, sie tränken das Quellwasser Arkadiens. Ein leichtfertiges Spiel, das aber Dichter und Maler zu den köstlichsten Werken begeisterte. Auf den Schlössern der Könige, in den städtischen Hotels der Prinzen, des Adels, der grossen Courtisanen und der berühmten Schauspielerinnen aber entfaltete sich ein nieerträumter Luxus. Im Scheine von Hunderten von Kerzen, zwischen funkelnden Spiegelwänden, behütet vor den Blikken der Neugierigen durch schwere seidene Vorhänge, die die hohen Fenster verhängten, von einer Schar livrierter Lakaien bedient, wurden die raffiniertesten Speisen serviert, die berühmte Köche erfunden hatten und als lebendige Würze stellten sich überfeinerte Lebens- und Liebesfreuden ein. Aber diese ganze funkelnde Welt, von der uns nur einige Bezeichnungen auf unsern Speisekarten übriggeblieben sind, versank mit dem Ausbruch der Revolution in den Abgrund der Verelendung. Die schönen und anmutigen, die geistvollen und künstlerischen Seiten des versinkenden Zeitalters eines überschäumenden Luxus wurden in der Schweiz von einem einzigartigen Kreise geistiger Männer und Frauen in das 19. Jahrhundert hinübergerettet. In Zürich und Bern, in Basel und Schaffhausen, in Genf und Lausanne, auf Landsitzen und in kleinen Städten, in Badeorten und sogar auf einzelnen Bauernhöfen, herrschte ein Leben hoher geistiger Kultur, und wenn die grossen Männer von jenseits der Grenzen in unser Land kamen, so waren die gastlichen Tafeln einfach bestellt, aber an tiefer, reicher Anregung auf allen Gebieten fehlte es dem Fremden nicht. Seither haben sich die Tischsitten, bis hart an unsere Zeit heran, wenig verändert, der Speisetisch blieb wie eine Insel des häuslichen Glückes bestehen. Erst seit dem grossen Krieg und besonders in allerletzter Zeit, wo so vieles auseinanderzufallen droht, ist die Insel stark gefährdet. Und doch sollten wir das Eiland des Familienlebens zu erhalten suchen, ihm auch jetzt Sorgfalt und Liebe weihen; denn was einmal unterging, kehrt so leicht nicht wieder. Zu dieser Einsicht möge uns der Anblick von Salz und Brot verhelfen, dieser Gottesgaben, die solange Schweizer Männer und Frauen den häuslichen Herd kannten, bei keiner Mahlzeit fehlten. Möge uns das Salz ein Symbol sein für die Ernährung durch den Geist, auf den wir nie verzichten wollen, und das Brot, das wir teilten, für die Aufopferung eines für den andern, die erstes Gebot unseres kampfbedrohten Daseins ist. Mary Lavater-Sloman. Traum am Kamin Lachend verliess ich der Weisheit Pfade — Denken und Forschen verdüstern den Sinn — Schloss mit Behagen die staubige Lade; Schlendre durch sonnige Lande dahin. Gehe durch eine umrankte Pforte: Hier schenkt ein Mädchen mir sässe Worte, Kredenzt mir Weine von Blut und Gold: O schwarzbraunes Mädchen, wie bist du hold! Verträumter Tag am knisternden Feuer, Durchschauerte Nacht voll Lust und Glut: Das Leben ward wieder heiter und teuer... Wie träumt man am offenen Feuer so gut. Johannes Vincent Venner.

N° 29 ""^ DIENSTAG, 16. 'JTILT 1940 ATTTÖMUöIL-TüEVUE lJ¥i DER „RECHENSCHIEBER-SCHLÜSSEL'« WFITC^ITHFHFllf A B C D E F G H I J K L M N nDnpcTiiy w v v 7 I a b c d e f g h i j k l mnopqrst u v w x y z\ Einer der einfachsten Codes, bei dem die Buchstaben des offenen Text«! durch diejenigen auf der unteren Skala ersetzt werden, nachdem zwischen Absender und Empfänger das «Schlüs«eÜmchstabenpaar> vereinbart worden ist. In unserem Beispiel lautet es: Fa. Das Wort cParis» würde demnach mit «kymdn» übersetzt. Geheimnisse der chiffrierten Nachrichtenübermittlung Um die fünfte Abendstunde des 30. August 1939 war das Cafe de la Paix in Paris überfüllt, wie alltäglich um diese Zeit. Die Luft flimmerte und der Asphalt strömte die bleierne Sonnenhitze zurück. Die Menschen, die auf der Terrasse sassen und kühlende Getränke zu sich nahmen, waren erregt und nervös. Eine elektrische Spannung lag in der Luft. Die ungeheuerlichsten Gerüchte zirkulierten. Der Kellner, der mich bedienen sollte, schaute einem Gast über die Schulter und las in dessen noch druckfeuchten Abendblatt die balkendicken Ueberschriften. In einer Ecke des Lokals, dort wo die Treppe zur Garderobe hinunterführt, sassen zwei Männer. Der eine von ihnen rauchte ruhig und in tiefen Zügen aus einer langen Zigarettenspitze, fuhr sich hin und wieder mit nikotingelbem Zeigefinger durch seinen buschigen, pechschwarzen Schnurrbart und schien den Silberwölkchen nachzuträumen, die langsam am abendlichen Himmel dahinsegelten. Der andere, jünger und elastischer als sein Begleiter aussehend, las in einer literarischen Zeitschrift, der «Revue des deux Mondes» und schien von der Unruhe, die in der Atmosphäre lag, ebenso wenig berührt zu werden, wie sein Nachbar. Draussen wurden Extrablätter ausgeschrien. Die Klassen 1, 5 und 6 waren mit weissen Mobilmachungszetteln aufgerufen worden und hatten sich abends um 9 Uhr bei ihren Sammelstellen einzufinden. Es war dies eine Massnahme, die wohl allgemein erwartet worden war, nachdem die Klassen 2, 3 und 4 bereits unter den Waffen standen. Noch steigerte sich die Spannung ins Unerträgliche, so dass einzelne Frauen von hysterischen Weinkrämpfen befallen wurden und in Schluchzen ausbrachen. Die allgemeine Mobilmachung konnte nur noch eine Frage von Stunden sein. Das Kabinett tagte in Permanenz unter dem Vorsitz des Premiers, des Kriegs- und Aussenministers Daladier. Ein Page ging durch das Cafe. Er trug e5ne Schiefertafel mit der Aufschrift: «Mr. Barbakoff au telephone.» Der Herr mit dem schwarzen Schnurrbart rückte seinen steifen Hut zurecht und ging zur Kabine. Er blieb nur den Bruchteil einer Minute drin. Als er herauskam, drückte er der Aufwartefrau ein Geldstück in die Hand, wie das so Sitte ist, und murmelte gleichzeitig «übermorgen bekommen wir ein Kind!» Sofort darnach bezahlten die beiden Männer und verliessen das Cafe in der Richtung Madelaine. An der Neuyorker Abendbörse waren das englische Pfundtund der französische Franken wieder um einige'Punkte gefallen. «Uebermorgen bekommen wir ein Kind.» Niemand mochte ahnen, dass dies ein ausländisches Codezeichen war, welches den bevorstehenden Kriegsausbruch verkündete. Niemand? MULTIFORT wasserdicht, stoßsicher, Fr. 55—, autom. Fr. 70.— Verrechnung alt Uhren FISCHER Seefeldstraße 47,20rlch8 CAPAN DACHE Blei-und Farbstifte der Helm/ff Dr. B. W. Niemand! Höchstens einige Beamte, die im ersten Stock eines unscheinbaren Hauses an der Rue de Saussais — in dessen Erdgeschoss sich ein Gemüseladen befindet — sassen und die Kopfhörer übergestülpt hatten und einigen Beamten in einem Bureau in White Hall, London. Die Räume an der Rue de Saussais bezeichnet der französische Geheimdienst als «deuxieme Bureau», der englische diejenigen in White Hall als «Secret Service» kurz SS. oder «Den Krieg gewinnt, wer die letzte Schlacht gewinnt.» Aber Siege werden nicht allein auf dem Schlachtfeld errungen! Der Chiffre-Krieg ist zumindest ebenso wichtig und gibt seinem Feldherrn oft Rätsel auf, die schwieriger zu lösen sind, als die strategischen Probleme. In allen Großstädten der alten und neuen Welt, ja oft in kleinen Orten und Dörfern sitzen heute wieder die Spezialisten, die zur Aufgabe haben, die aufgefangenen feindlichen Meldungen zu dechiffrieren, das heisst in mühsamer Kleinarbeit ihren Sinn zu entziffern und dem eigenen Geheimdienst mitzuteilen. Es liegt auf der Hand, dass insbesondere in Kriegszeiten das Bedürfnis besteht, auf schnellstem Wege zum Beispiel Nachrichten über feindliche Truppenverschiebungen, Aufmarschpläne, Offensivabsichten usw. zu übermitteln. Natürlich muss diese Uebermittlung so geschehen, dass der Feind nicht klug daraus wird, sollte er auf irgendeine Weise in Uli 4 3 ^§i den Besitz der chiffrierten Berichte kommen oder sie aus dem Aether mit abhören. Aus diesem Grunde verfeinerte sich das Chiffriersystem im Laufe der Zeit, und es wurden die raffiniertesten Codes erfunden. Man ist bereits so weit gelangt, dass selbst die am meisten ausgeklügelten Systeme and Methoden von der feindlichen Gegenpartei dechiffriert werden konnten, so dass man wieder zu den einfachsten Möglichkeiten zurückgriff und die andere Seite glauben machte, es handle sich um ein raffiniertes Spitzenprodukt. Eine solche einfache Art der Nachrichtenübermittlung besteht zum Beispiel darin, dass man das Alphabet um 1, 2 oder mehrere Buchstaben verschiebt. So wird auf diese Weise A zu B, B zu C usw. Der neue Weltkrieg ist noch zu jung, als dass bereits Siege auf dem Feld der Dechiffrierung geheimer Codes bekannt geworden wären. Aus früheren feindlichen Ausinandersetzungen ist jedoch eine ganze Reihe solcher Siege in die Oeffentlichkeit gedrungen. Im Burenkrieg übermittelten englische Offiziere Nachrichten in lateinischer Sprache, welche von den wenigen gebildeten Buren nicht übersetzt werden konnten. Harmlose Notenblätter hatten im vorigen Krieg leicht die Grenze passieren können —• bis es einem Beamten einmal einfiel, sich ans Klavier zu setzen und zu versuchen, «vom Blatt» zu spielen. Und da stellte sich heraus, dass diese Noten mit Musik absolut nichts DAS ..DREHBARE GITTER 1 st zu tun hatten. Briefmarken, auf belanglosen Ansichtspostkarten, enthielten oft das Schlüsselwort oder den Schlüsselbuchstaben zu einem Geheimcode — einfach dadurch, dass aus dem Rand der Marke eine oder mehrere bestimmte Zacken herausgeschnitten waren, was, von einer Ecke der Marke an gezählt, eine Ziffer oder einen Buchstaben ergab, mit dem Texte in chiffrierter Sprache verständlich wurden. Unendlich viel schwieriger ist die Dechiffrierung, wenn Absender und Empfänger sich eines vorher vereinbarten Stich- oder Schlüsselwortes bedienen. Geben wir ein Beispiel, in dem wir ein Wort wählen, das der Einfachheit halber ein A enthält, als 1. Buchstabe des Alphabets, zum Beispiel das Wort «Kaiser». Dieses Stichwort wird dann an die Spitze eines quadratischen Kastens gestellt, der fünfmal fünf Abteilungen hat für die 25 Buchstaben des Alphabetes, so wie folgt: K A i s e Die anderen Buchstaben werden einfach der alphabetischen Reihe nach eingetragen, und zwar von dem im Schlüsselwort bereits vertretenen. Das Quadrat sieht dann so aus: K A I S E R B C D F G H LMN O P Q T U V WX Y Z Nun kann man beliebig vorgehen; man kann zum Beispiel jeden Buchstaben gegen den unter ihm stehenden vertauschen, «Ich» wird dann «CLP» usw., man kann Buchstabenpaare bilden und jeweils einen Buchstaben gegen den ihm entgegengestellten vertauschen; «Nun» würde dann «GOG» ergeben und so fort. Das Schlüsselwort kann von Woche zu Woche geändert werden, so dass die Buchstabenordnung ständig wechselt, und da die Dechiffrierung in diesem Fall aus zwei Akten Der Empfänger eines Telegramms «IZONVNEDEI iyNIHSOHRTE HTMSSUCOB.A EP» geht bei der Entzifferung wie folgt von Er ordnet dem Text la Blocks von 16 Buchstaben, wovon je 4 in einer fortlaufenden Zeile« IZOW VNED EIIV NBSÖ HRTE ETATS SUGO RAEP! Darauf legt er "das Gitter so über den ersten BucÜBtabenblocfc, 3ass nur die vier wefssen Felder sichtbar sind. Diese ergeben: ZEHN. Dann legt er daa Gitter auf den zweiten Block, wobei er das erstere •um 90° im Uhrzeigersinn dreht und kann dann weiter ablesen DIVL FÜT den dritten Block dreht er das Gitter um weitere SO 0 und erhält SION usw. Beim zweiten Bwchstabenblock verfährt er in analoger Weise. Der vollständige Text lautet dann: < Zehn Divisionen Tormarsch heute stop ». besteht: Entdeckung des Schlüsselwortes und dann Entdeckung des Buchstaben-Tauschsystems, so ist hier die Entzifferung eine fast unlösliche Aufgabe. Es klingt phantastisch und überheblich, ist aber doch wahr: es gibt keinen Geheimkode, den man nicht mit Geduld und Zuhilfenahme mathematischer Figuren und Formeln endlich entziffern kann! In der Nacht vom 2. auf 3. September 1914 gab das deutsche Hauptquartier den radiotelegraphischen Chiffre-Befehl an General von Kluck, die französischen Stellungen vor Paris in südöstlicher Richtung «aufzurollen». Sei es durch einen Zufall, sei es durch ein Missverständnis oder Verrat, der Befehl gelangte nie zu General von Kluck, wohl aber zu den Franzosen, die ihn entzifferten. Joffre änderte sofort seine Pläne und schwenkte die Armee von Paris gegen die Marne, wo es zur ersten grossen Feldschlacht kam, welche die Deutschen vermeiden wollten. An einem Oktobersonntag des Jahres 1917 kamen zwei deutsche Zeppeline von einem Luftraid. über England zurück und wollten Ihre Heimathäfen gewinnen. Ueber dem Kanal wurden sie jedoch von einem Sturm ergriffen und nach Frankreich getrieben. Der eine, der grosse Höhe gewonnen hatte, wurde über ganz Frankreich geblasen und ist wahrscheinlich ins Mittelmeer gestürzt. Der zweite ging im Norden des Landes nieder, wurde von einer sehr überraschten Dorfpolizei und die Mannschaft interniert« «konfisziert» In Washington sass Colonel Williams, der damalige Chef des amerikanischen Geheimdienstes und zerbrach sich den Kopf, wohin wohl das Bordbuch und der Codeschlüssel des gelandeten Zeppelins gekommen sein mochte, da man weder auf der Besatzung noch auf dem Luftschiff irgendetwas gefunden hatte. Sie konnten weder gestohlen noch verbrannt sein, aber es war möglich, dass die Piloten die Dokumente kurz vor der Landung zerrissen und über Bord geworfen hatten. Colonel Williams Hess das ganze in Betracht kommende Feld absuchen und erhielt 34 Säcke voll mit Papierschnitzeln. Die Sache war hoffnungslos und er war im Begriff den Kampf aufzugeben, als ein anderer Offizier hellblaues Papier unter den Fetzen fand, auf welchem man in der Regel Plan-Pausen herstellt. Man suchte nach solchen Bruchstücken, setzte sie zusammen und fand auf diese Weise den Code-Schlüssel, zu allen Zeichen, welche deutsche Schiffe anriefen, um ihnen eine Standortverlegung zu befehlen, eine Liste aller deutschen Einheiten und ihren momentanen Standort Nach diesen Dokumenten hatten die Alliierten seit zwei Jahren vergeblich gesucht. Die Deutschen ihrerseits waren routiniert im Auffangen, Lesen und Uebermitteln russischer Ziffern, eine Fähigkeit, die den grössten Witz des letzten Krieges ermöglichte: Zwei deutsche Kreuzer lagen vor Konstantinopel, am West-Ende des Schwarzen Meeres und getrauten sich nicht auszufahren, weil die ganze russische Flotte in der Nähe war, um sie abzufangen. Die Deutschen warteten, bis die russischen Schiffe in See gestochen waren. Kurz darnach schlich sich einer der Kreuzer des nachts zwischen die Russen und ihren Heimathafen und gaben der ganzen russischen Flotte in ihrem eigenen Code den Befehl, nach Trapezunt, am anderen Ende des Schwarzen Meeres zu fahren. Als die Russen nach einigen Tagen wütend und verwirrt zurückkamen, waren die beiden Deutschen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ein tüchtiger Mann, der Geheimcodes entziffern kann, ist mehrere Generäle wert, hat 1914 Sir George Astons gesagt, der Mann, der den englischen Geheimdienst und insbesondere seine Dechiffrierabteilung M. J. 5 ausbaute und der selbst Wunderwerke an Lösungen fertigbrachte. Es muss eine erregende, nervenzerstörende Kleinarbeit sein, Fallen aufzudecken, Siege zu erringen, Könige zu stürzen, Grenzen zu verschieben, indem man in einem kleinen Bureau sitzt und versucht, raffinierter zu sein als der Feind. (Nachdruck, ancK auszugsweise, verboten.) Wissen Sie Dass die grössten Unterseeboote einen Aktionsradius von 18000 km haben, d. h. beinahe die halbe Erde umfahren können, ohne für die Aufnahme von Vorräten und Brennstoff anlegen zu müssen? Dass die Taschenpanzerkreuzer der deutschen Flotte ihr Entstehen dem Versaüler Vertrag verdanken, durch welchen die Maximal-Tonnage der deutschen Schiffe auf 10 000 Tonnen festgesetzt wurde, wodurch sich eine ganz neue Konstruktionsart als notwendig erwies? Dass die italienische Unterseeboot-Flotte über hundert Einheiten zählt und die grösste Europas darstellt? 0 Wenn Bern, dann Casino