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E_1940_Zeitung_Nr.037

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BERN, Dienstag, 10. September 1940 GeSfoe Liste Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang — No 37 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. UnfaUversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgab« C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Erscheint jeden Dienstag REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222- Postcheck HI414 -Telegramm-Adresse: Autorevue, Barm Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach Spezialtarif Inseratcnsehlnn 4 Tage vor Erscheinen der Kammer Probleme der Treibstoffrationierung Man schreibt uns aus der Ostschweiz : Es konnte nicht ausbleiben, dass die Treibstoffrationierung für den September auch in der Ostschweiz ihre Wellen warf. Zwar wurde man durch eine nach Mitte August erschienene ziemlich vage Pressemitteilung darauf vorbereitet, dass die Kategorien C und D der Personenwagen und Motorräder erstmals leer ausgehen und dass die übrigen Brennstoffrationen mit Einschluss derjenigen der Lieferungswagen eine neuerliche Reduktion erfahren. Vom 28. August an begann dann die Abgabe der Rationierungsscheine, aber leider unterliess es das Eidg. Kriegswirtschaftsamt, spätestens auf diesen Termin in knapper, klar verständlicher Fassung die für den September geltenden Vorschriften herauszugeben und diese nicht nur den kantonalen Kriegswirtschaftsämtern, sondern vor allem den Betroffenen, den Motorfahrzeughaltern zur Kenntnis zu bringen. So hob überall ein Fragen an, Vermutungen wurden angestellt, die tollsten Gerüchte kolportiert, kurz, niemand wusste recht, was eigentlich gilt und was nicht. Ersi am 5. September brachte die Tagespresse die «Mitteilung» der Sektion für Kraft und Wärme, die allerdings nicht eben als ein Muster an Klarheit in bezug auf die Handhabung der geltenden Vorschriften angesprochen werden konnte. Anstatt präzise Anweisungen zu erteilen, begnügte sie sich in der Hauptsache mit Empfehlungen, so dass gerade nach dieser Publikation bei den Verbandssekretariaten wieder ein Run von Anfragen einsetzte, was nun eigentlich bindende Vorschrift sei und was nicht. Der Wunsch lässt sich deshalb nicht unterdrücken, dass inskünftig die Sektion für Kraft und Wärme gleichzeitig mit der Herausgabe der Litertabelle eine komplette Zusammenstellung der Vorschriften veröffentlicht, welche für die jeweilige Rationierungsperiode gelten. Sonst darf man sich nicht wundem, wenn diesen später erscheinenden « Mitteilungen » überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt wird. Unwillen erregte diesmal vor allem die bei den kantonalen Ausgabestellen für die Benzinrationierungsscheine angeschlagene Bekanntmachung, dass Normalrationierungsscheine nur dann bezogen werden dürfen, wenn der Fahrzeughalter über keine Reserven mehr verfüge, wobei im Widerhandlungsfalle Strafanzeige mit Bussen bis zu 5000 Fr. (!) angedroht wurde. In der Mitteilung der Sektion für Kraft und Wärme vom 5. September lässt sich indes schon wieder eine Milderung dieser drakonischen Vor-1 F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 39. Fortsetzung Bedrückend fast die plötzliche Stille unter dem Zeltdach, beängstigend der Anblick der vielen hundert Gesichtsovale, die in Kreisen übereinander die aufgerissenen Mäuler schliessen und aus der Verzerrung schrankenloser Hingabe in Ruhe zurückfallen. Noch Lachtränen in den Augen, lehnt sich Staniol in den Stuhl zurück — Donnerwetter ! Gleichgültig, mit schleppenden Schritten, seine Clownrequisiten am Boden hinter sich nachschleifend, schlorrt Henri Rene in Totenstille aus der Manege. Seine giftgrüne Wollperücke verschwindet hinter den Rücken der Stallmeister. Applaus setzt ein. Wie eine Salve, die hinter dem Clown herjagt, die sich verstärkt zu schrift feststellen. Dort heisst es nämlich, dass vorläufig Neuzuteilungen an Halter der Kategorien A und B, die über « gewisse» eigene Benzinvorräte verfügen, grundsätzlich nicht mehr erfolgen sollen. Aus dem strikten Verbot ist also lediglich noch eine Empfehlung geworden. Und was heisst sodann « gewisse Benzinvorräte » ? Sind das ersparte oder unrechtmässig im Schwarzhandel erworbene oder solche Reserven, für die seinerzeit ein Revers unterschrieben werden musste, wodurch der Halter sich verpflichtete, diese Vorräte nur im Rahmen der durch die Rationierung monatlich zugeteilten Brennstoffmengen zu verwenden ? Kein Mensch weiss, was es mit dieser Bestimmung auf sich hat. Sie wird auch praktisch nicht durchgeführt, ebensowenig wie die zweite « Empfehlung >, den kantonalen Abgabestellen eine Am 10. September: schriftliche Erklärung •über diese Vorräte einzureichen. Denn vielfach holt der Fahrzeughalter die Rationierungsscheine nicht selbst ab; in zahlreichen Fällen werden sie per Post zugestellt. Wer soll da diese schriftliche Erklärung abgeben, der Ausläufer oder der Postbote ? Und welche Vorräte müssen deklariert werden, von welchem Minimalquantum an? Denn Mengen wie 10 oder 20 Liter werden kaum in Betracht kommen. Unklarheit herrschte auch bei den in Kategorie C und D Eingeteilten, die noch eigene Vorräte besitzen, aber keine Benzinbons pro September mehr erhalten. Anfragen haben ergeben, dass diejenigen C- und D-Fahrer, die ihre Benzinvorräte vor Beginn der Rationierung (29. August 1939) angelegt haben, diese Reserven aufbrauchen dürfen, ebenso Automobilisten, die sich mit ihren Benzinbons der letzten 12 Monate gewisse « eiserne Reserven » schaffen konnten. Nicht verwendet werden dürfen dagegen von den C- und D-Fahrern jene Vorräte, die sie seinerzeit gegen Abgabe eines schriftlichen Revers angelegt haben. Neuerlicher Benzinpreisaufschlag von 64 auf 67 Rappen Buchstäblich über Nacht schnellte am 8. Juli der Benzinipreis mit einem Schlag von 55 auf 64 Rappen empor. Und über Nacht ist ziemlich genau zwei Monate später, vom 9. auf dein 10. September, eine weitere Verteuerung des Literpreises um 3 Rappen, d.h. von 64 auf 67 Rappen eingetreten. Damit stellt er sich um 59.5 % höher als vor Kriegsausbruch. Und noch vermag niemand zu sagen, ob überhaupt und wann diese unaufhörlich nach oben tendierende Entwicklung der Preiskurve ein Ende nehmen wird. Wenn es auch ein mehr oder weniger offenes Geheimnis war, dass ein neuerlicher Aufschlag zu gewärtigen stand und wenn er, verglichen mit demjenigen vom Juli, der allerdings den Preisausgleich für einen Zeitraum von 6 Monaten « nachholte », etwas gnädiger ausgefallen ist, so bedeutet er doch eine abermalige Erschwerung und Verschärfung der Lebensbedingungen unseres Motorfahrzeugverkehrs, soweit ihn die drakonische Septemberrationierung überhaupt noch am Dasein belässt. Uober die Gründe der Preiserhöhung erfahren wir von zuständiger Stelle, dass sie orkanartigem Toben, von johlenden Schreien durchsetzt: < Rene !.. • Henri Rene !..-. > Staniol erhebt sich. Molignon springt auf: « Wohin ? » «In die Garderobe. Zu Ihrem Clown.» Molignon sagt scharf: «Bedaure! Niemand hat Zutritt zu ihm nach der Nummer ! Niemand ! > Staniol entgegnet ruhig : < Dann geben Sie mir seine Adresse. Er wird wohl kaum in einem Ihrer Wagen wohnen ? » Molignons Stimme wird spitz : « Rene wohnt im Hotel. Ich weiss nicht, in welchem. Wir wissen es nie. Er kommt pünk'tlich zur Vorstellung — das genügt mir !» Staniol schiebt seinen Arm vertraulich in den Molignons. «Hören .Sie mal, mein lieber Direktor, gibt's hier nicht irgendwo ein Cafe, in dem wir uns gemütlich unterhalten können... ? > Sie gehen an dem schon an die Gitterstabe (Schluss Seite 2.) zur Hauptsache in zwei Faktoren liegen : in der fast vollständigen Ausschaltung der Zufuhr des an sich billigeren Golfbenzins einerseits und in der weiteren Verteuerung der Transportkosten von Rumänien her anderseits. Denn nach dem weitgehenden Ausfall an Golfware bleibt unser Land ffir seine Treibstoffbezüge fast ausschliesslich auf Rumänien angewiesen. Die gegenwärtige internationale Lage bringt aber ein neuerliches Ansteigen der Beförderungskosten mit sich, weil der Seetransport nicht mehr in Betracht kommt und der Landtransport per Schleppkahn und Schiene durch die Umschlagspesen, durch Liegegelder, bedingt 'durch das Zurückhalten der Ware und durch eine Reihe weiterer Momente verteuert wird. Auch diesmal hat es — nebenbei bemerkt — die Eidg. Preiskontrolle nicht für nötig befunden, die CIA (Kommission der am Benzinmarkt interessierten Konsumentenverbämde) von der bevorstehenden Preiserhöhung zu unterrichten. Und das trotz des energischen Protestes, den diese nach dem Aufschlag vom 8. Juli bei der genannten Behörde gegen diese Art des Uebergehens erhoben hatte. herangeschobenen Raubtierwagen vorbei. «Wir sind in der .Cigogne' mein Kind, falls irgend was los ist! » ruft Molignon seiner Frau im Vorüberkommen zu. Sie zwinkert zurück; er kann beruhigt sein. Draüssen, im grellen Licht der den Zelteingang beleuchtenden Lampen verstärkt Staniol im Weiterschreiten, wie in freundschaftlicher Gesinnung, den Druck seines Armes. « Sagen Sie mal, mein Lieber, bei der Geschichte stimmt doch was nicht ?... Ich kann da nicht durchgucken !... Was ist denn da für ein Haken?... Ihr Ren©.... er ist weit mehr als ein Groteskclown... er ist ...na ja, tut ja nichts zur Sache... Ohne Ihnen nahe zu treten — er ist bei Ihrem immerhin primitiven Unternehmen... er könnte doch längst...» Molignon zieht seinen Arm aus dem des Konzernvertreters : « Wie Sie mein Unternehmen einschätzen, tut nichts zur Sache. Eines bitte ich Sie zur Das Basler Autogewerbe ruft nach Hilfsmassnahmen. Dem Ruf der Sektion beider Basel des Schweizerischen Autogewerbeverbandes folgend, versammelten sich am letzten Freitag in der Safranzunft Basel weit über 500 Personen — Betriebsinhaber, Angestellte und Arbeiter dieses durch die gegenwärtigen Verhältnisse in seiner Existenz bedrohten Wirtschaftszweiges -- um ihre Lage und die Mittel zu deren Besserung zu besprechen. Wie katastrophal sich die Situation für das Autogewerbe infolge der Benzinrationierung heute gestaltet hat, legte der Präsident P. Kramer in einem ebenso klaren wie ausführlichen Referat dar. 650 Angestellte und Arbeiter verdienen allein in Basel ihr Brot in diesem Gewerbe, 300 davon sind verheiratet, 400 haben als Wehrmänner Militärdienst geleistet oder tun es noch. Eine Rundfrage hat indessen ergeben, dass angesichts der am 1. September eingetretenen weiteren Verschärfung der Treibstoffrationierung die überwiegende Mehrzahl der Basler Garagisten ihre Unternehmungen ganz oder teilweise schliessen muss, wenn ihnen nicht unverzüglich Hilfe zuteil wird. Das aber würde die Entlassung von über 500 Personen bedeuten, womit sich für Armee und Wirtschaft die Gefahr erhebt, dass das qualifizierte Personal auf andere Berufe umsattelt und der Branche allmählich verloren geht. Für die Armee scheiden die stilgelegten Betriebe natürlich aus, für die Gesamtwirtschaft brächte der Ruin dieses Gewerbes tief einschneidende Folgen mit sich. Aktive und passive Hilfsmassnahmen sind deshalb, wie der Referent überzeugend dartat, unerlässlich. Aktiv will sich das Autogewerbe über Wasser zu halten versuchen durch Mitwirkung an der Ersatzbrennstoffwirtschaft, doch erwartet es dabei vom Bund eine rasche Förderung und Unterstützung der Ersatzbrennstoffproduktion. Die Lösung dieser Fragen geht in Bern zu langsam vor sich. Was die passive Hilfe anbelangt, so wird vom Kanton Steuererlass, ein Moratorium auf Hypotheken, lSprozentige Subvention an Reparaturen (ausgenommein durch Unfälle) sowie Einführung der Benzinsteuer kombiniert mit einer festen Taxe von 1 Fr. pro PS erwartet. Als Hauptträger der Hilfsaktion jedoch kommt der Bund in Betracht; von ihm fordert man ein Moratorium für Steuern, Zinse, Mieten und Abzahlungen, Darlehen oder Ueberbrückungskredite zur Vermeidung von Massenbankrotten. Im ganzen Land herum werden sämtliche Sektionen der Verbandes Schritte in diesem Sinn unternehmen. Dazu gesellt sich eine auf nächsten SamstagnachBerneinberu- Kenntnis zu nehmen: Henri Ren© ist auf Jahre hinaus bei mir engagiert! » Staniol verbeisst ein Lächeln. Eine Arroganz haben diese Pintscherdirektoren ! Ein Selbstbewusstsein... Die beiden Herren überqueren den mit Kastanien bepflanzten, schmalen Boulevard und schreiten auf das Cafe de la Cigogne zu, aus dem gleichzeitig die Klänge eines Orchestrions und die aus dem Lautsprecher geschmetterte Arie aus Gounods ,Faust' herausschallen. Sie setzen sich im Freien an einen der kleinen leeren Tische, zwischen Arbeiter der grossen Parfümfabrik, Herren aus der Administration und Liebespärchen. « Garcon... eine Flasche Volnay ! » Das aus dem Cafe durch die breiten Scheiben fallende gelbe Licht beleuchtet die Baumkronen. Der Wind trägt das Brüllen der Löwen aus dem Cirque d'ete herüber. « Also, mein lieber Molignon.. < trinken wir auf Ihr Wohl...» Sie stossen an. Trinken zwei, drei Glas.