Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1940_Zeitung_Nr.038

E_1940_Zeitung_Nr.038

BERN, Dienstag, 17. September 1940 Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang — No 38 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75 Das Schweizerische Autogewerbe tagt in ernster Zeit Rund 2000 Arbeitgeber und Arbeitnehmer dieses Wirtschaftszweiges bekunden an der würdig verlaufenen Berner Tagung ihren Willen, den drohenden Untergang vor allem durch das Mittel der Selbsthilfe abzuwenden. Gegen Ende des vergangenen Jahres schon hatte Nationalrat Henri Vallotton in seiner Aktion, als deren Trägerin in erster Linie die « Automobil-Revue » auftrat, die Augen von Oeffentlichkeit, Armee und Behörden auf die bedrängte Lage des schweizerischen Autogewerbes gelenkt. Der Erfolg dieses warnenden Appells blieb nicht aus, ging man doch, hauptsächlich von militärischer Seite aus, daran, eine ganze Reihe der Vorschläge des initiativen Waadtländer Parlamentariers in die Tat umzusetzen. Mit der Verschärfung der Treibstoffrationierung, vollends aber mit der Streichung der Kategorien C und D, musste die Not in diesem Berufsstand weiter anwachsen. In der schweren, sorgenvollen Zeit, die heute über dessen Angehörige hereingebrochen ist, berief deshalb die Leitung des schweizerischen Äutogewerbeverbandes am letzten Samstag eine Arbeitstagung nach Bern, nicht •— wie die Einladung ausdrücklich hervorhob — um zu schimpfen und zu poltern, sondern um dem Ernst der Stunde angemessen Rat zu halten und im Interesse des gefährdeten Gewerbes, wie auch des ganzen Landes und der Armee, positive- aufbauende Arbeit zu leisten. Gerne und zur Ehre unserer Autogewerbler sei es gesagt, dass sie dieser programmatischen Wegleitung ihrer Verbandsbehörden Achtung entgegenbrachten. Ihre Selbstzucht gestaltete die Berner «Landsgemeinde» zu einer würdigen und gerade deswegen eindrucksvollen Kundgebung, die weit weniger Anklage erhob als vielmehr vom Willen •beherrscht war, die Arglist der Zeit aus eigener'Kraft zu überwinden. Was unser Autogewerbe, das es schon immer abgelehnt hat, den Weg zur helvetischen Futterkrippe zu beschreiten, heute erwartet und fordert, ist denn auch nicht zur Hauptsache Hilfe finanzieller Art, sondern Verständnis für sein Leoensrecht und Arbeit, Arbeit vor allem. Der Massenaufmarsch von rund 2000 Teilnehmern, Männern und Frauen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Zivilisten und Feldgrauen aus allen Gegenden der Schweiz, «welche den grossen Saal des « National » bis auf den letzten Platz besetzt hielten, verlieh diesen Erwartungen und Forderungen ein Gewicht, das deren Erfüllung um so eher erhoffen * lässt, als an der Tagung das tiefe und aufrichtige Bekenntnis zur Heimat und zur Armee mitklang. So betrachtet, kam ihr auch eine weittragende politische Bedeutung zu. Kurz nach 2 Uhr eröffnet der Präsident des Verbandes, Herr Möosmann, die Tagung, wobei er neben den Nationalräten Gafner, MüOler, Feldmann und Leuenberger auch die Vertreter der Sektion für Heeresmotorisierung, der am Wohl und Wehe des Autogewerbes mitinteressierten Verbände und •der Behörden begrübst. In Telegrammen haben Nationalrat Schinner, der Präsident des Schweiz. Gewerbeverbandes, Oberst H. Vallotton und die Firma Schlotterbeck (Basel) ihre Sympathie bekundet und der Tagung einen vollen Erfolg gewünscht. Im ersten Hauptreferat des Tages entwirft Herr Ifoosmann ein Bild der heutigen Lage im Autogewerbe, wobei er einleitend die Folgen der Blockade und die Transportschwierigkeiten schildert, die dazu geführt haben, dass für den September die Treibstoff- I Zuteilungen an die Kategorien G und D gestrichen werden mussten. Hinzu trat eine Kürzung der Kationen für die Kategorien A und B, eine Massnahme, welche den Fahrbetrieb für zahlreiche Halter dieser Kategorie unrentabel gestaltet hat. Was soll nun geschehen, wenn der Krieg noch weierdauert? Die Kriegsvorsonge ist absolut ungenügend, es fehlen.uns ausreichende Vorräte. Zeit für deren Anlage wäre vorhanden gewesen, und die Erscheint jeden Dienstag REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltcnratnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Portcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autoren!«, Bern GcMhfiftntelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Entwicklung konnte keinen Zweifel üher eine 'solche Notwendigkeit aufkommen lassen. Schon im Jahre 1936 erklärte sich das schweizerische Autogewerbe den damaligen leitenden Persönlichkeiten unserer Benzineinfuhr gegenüber bereit, bei der Schaffung von Pflichtlagern mitzuhelfen, sein Vorschlag stiess jedoch auf Ignorierung, Zur Frage der Ersatzbrennstoffe übergehend, führt der Referent aus, dass man im Rahmen der kriegswirtschaftlichen Massnahmen zu spät'an dieses Problem herangetreten sei, trotz der vielverheissenden Ergebnisse, welche die private Initiative in den letzten Jahren hinsichtlich der Verwendung fester inländischer Brennstoffe erzielte. Die Behörden haben die Lage zu optimistisch beurteilt und auf die falsche Karte gesetzt, doch kann es nicht unsere Aufgahe sein, Verantwortlichkeiten festzustellen. Immerhin: ein Denkmal wird das schweizerische Autogewerbe den für die Kriegsvorsorge verantwortlichen Stellen nicht setzen. Die Bedeutung des Autogewerbes innerhalb unserer Wirtschaft illustriert die Tatsache», dass in den rund 3000 Betrieben ca. 500 Millionen Franken investiert und ca. 50000 Personen tätig sind. Der gesamte schweizerische Motorfahrzeugbestähd repräsentiert ein Kapital von über einer Milliarde. Heute steht das Autogewerbe vor einer Katastrophe, wenn nicht sofort eingegriffen wird, um das drohende Unheil abzuwenden. Die Investitionen sind der Vernichtung ausgesetzt, für Tausende von Arbeitern und Angestellten erhebt sich das Gespenst der Entlassung und der Arbeitslosigkeit, Aber das Autogewerbe ist auch der Treuhänder der Jleeresmotorisierting und seine weitere Existenz erlangt unter diesem Gesichtspunkt Bedeutung für die ganze Landesverteidigung. Die militärischen Instanzen können der Gefahr keineswegs gleichgültig gegenüberstehen, dass vielleicht 80 000 Wagen dem Verkehr entzogen und Tausende von Mechanikern ihrer Tätigkeit ent- wohnt werden. Daher ist man denn auch militari- scherseits bemüht, an der Erhaltung dieses Berufsstandes mitzuhelfen. Die militärische Bedeutung des Autogewerbes verpflichtet dieses aber auch zu einer gesunden Geschäftsmoral, zu einer Steigerung der Qualität und zur Ausbildung eines tüchtigen •Nachwuchses. Gewisse Praktiken, die gegen Treu •und Glauben •verstossen, müssen aufhören und der .Verband ist entschlossen, dagegen vorzugehen. Die Fiskalpolitik •hat das Automobil zugunsten der Bahnen ausgebeutet. Auf dem -Friedhof des Mittelstandes die •Bahnen sanieren zu wollen, wäre völlig untragbar. •Angesichts der kürzlich erfolgten Erhöhung des Methylalkohol-Zolls und der von der Postverwaltung ausgeführten Vergnügungsfahrten darf man sich nicht wundern, wenn, was die Verkebrsfragen anbelangt, im Autogewerbe Misstrauen gegenüber dem Staat erwacht ist. Der Krug geht letzten Endes zum Brunnen, bis er bricht, aber das wird nicht geschehen, solange das Autogewerbe Verständnis findet und diesem Verständnis die Taten folgen. Die Einsteilung des Bürgers gegenüber dem Staat ist bedingt durch die Einstellung des Staates gegenüber dem Bürger. Mit Versprechungen ist ihm nicht geholfen und gegen eine Verschleppung seiner Postulate müsste es Front machen. Was es beanspruchen darf und beanspruchen kann, das ist das Recht auf Arbeit und Brot, koste es was es wolle, Aehnliche Gedankengänge entwickelt in französischer Sprache Herr Monay, worauf der stellvertretende Sekretär des Verbandes, Herr D r. W. K i n d 1 e r, in einem grossangelegten Referat zur Erörterung derjenigen Massnahmen übergeht, welche nach der Auffassung des Autogewerbes in die Wege geleitet werden müssen, um dieses vor dem Ruin zu retten. Was ist zu tun? Die Auffassung, dass das Autogewerbe einen unerwünschten Konkurrenten darstelle, ist heute unhaltbarer denn je. Wenn in der Schweiz jene Fragen, welche das Motorfahrzeug betreffen, von einer Tnstanz gelöst werden müssen, welche dem Eisenbahndepartement untersteht, so liegt darin ein psychologischer Fehler. Bis jetzt hat sich das Autogewerbe aus eigener Kraft erhalten. Kann es das nicht mehr, dann muss ihm angesichts seiner Wichtigkeit für Land und Armee, aber auch aus sozialen Gründen, geholfen werden. Es will nicht gegen die Behörden, sondern mit ihnen arbeiten und aufbauen, doch muss es sich dabei selbstverständlich vorbehalten, gegen Ungerechtigkeiten Stellung zu beziehen, (SchluSs Seite 2.) 3)U Swtdexuitq. des Hages: Wie jeder längere Krieg hat auch der gegenwärtige bereits eine « Umwertung aller wirtschaftlichen Werte » nach sich gezogen. Die materiellen Dinge werden weniger nach ihrem « Wert an sich » eingeschätzt als nach dem greifbaren Nutzen, den sie für die Gegenwart zu bieten vermögen. Der Gang unseres Wirtschaftslebens hat das flüssige Tempo einer Ueberlandfahrt verloren und gleicht eher dem Schieben einer Autoschlange, die unvermittelt abstoppt, um im nächsten Augenblick mit Vollgas einen Sprung nach vorwärts zu machen. Der Augenblick wiegt schwerer als die Zukunft. Auch auf dem Markt für gebrauchte Wagen macht sich diese Tendenz je länger je stärker fühlbar. Die weitgehende Drosselung der Einfuhr, die Notwendigkeit, auch im täglichen Handel und Wandel den Gürtel enger zu schnallen und die immer stärkere Schrumpfung der Benzinzuteilung veranlassen manchen Automobilisten, seinen Wagen länger zu halten, als er es in Friedenszeiten für notwendig und angemessen erachtet hatte. Die Annehmlichkeiten eines Fahrzeugs, die Repräsentationspflichten und die technischen Geschmacksfragen sind weit weniger wichtig als das Problem der nackten Nutzleistung. Je länger je mehr beherrscht das rein Verstandesmässige : « In welchem Masse kann mir der Wagen bei meiner Tagesarbeit helfen ? » alle Erwägungen und Entscheide. Der schweizerische Wagenpark Ist jung. Dem war nicht immer so. Der schweizerische Wagenpark war bei Ausbruch des Krieges im Vergleich zum Ausland — glücklicherweise — ausgesprochen «jung ». Wer je in Frankreich oder den USA gereist ist, also in Ländern mit einer hochentwickelten Eigenproduktion, dem dürfte diese Tatsache in Anbetracht der zirkulierenden «Klamotten » ohne weiteres ins Auge gesprungen sein. Doch auch diese Jugend entgeht der Veralterung so wenig wie die Menschheit, solange nicht ein entsprechender Nachwuchs das Durchschnittsalter auf einem niedrigen Niveau festhält. Die geringen Zulassungsziffern der letzten zwölf Monate haben deshalb nicht nur eine Schrumpfung der Zolleinnahmen zur Folge, sondern auch eine sukzessive Abnahme der Leistungsfähigkeit unseres Wagenparks. Mit dem, was uns zur Verfügung steht, heisst es also so haushälterisch wie möglich umgehen. Haushälterisch sein will nun allerdings nicht einfach bedeuten — wie oft fälschlicherweise angenommen wird — die Ausgaben und Aufwendungen knauserig auf ein Minimum zurückzubinden. Es heisst ganz einfach, aus den zur Verfügung stehenden Gütern ein Höchstmass an nützlicher Leistung herauszuholen — eine Forderung, die ebenso sehr eine Pflicht der Gesamtheit .gegenüber bedeutet, wie sie auch dem Individuum zum Nutzen gereicht. Das Automobil dient letzten Endes der Gesamtheit. Die Interessen des Personen- und Lastwagenbesitzers sind in diesem Fall ohne Zweifel mit denen unserer Wirtschaft identisch, beeinflusst diese doch unsere Lebenshaltung unabhängig davon, ob wir uns darüber Rechenschaft geben oder nicht: Die Arbeitsbeschaffung für Industrie und Gewerbe hängt weitgehend davon ab, ob der Reisende seine Tätigkeit in vollem Masse ausüben kann; Spengler, Maler, Schlosser und Zimmermann leisten um so mehr produktive Arbeit, je weniger Zeit--durch die INSERTIONS-PREIS Di« aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. GrSssere Inserate nach Spezialtarit Inseratenschlnas 4 Tage vor Erscheinen der Kammer Nur einwandfreie Fahrzeuge Unser Altwagenpark Reise von einem Arbeitsplatz zum andern verloren geht; das Problem der Ernährung lässt sich um so leichter lösen, je rascher und zuverlässiger die Waren an jene Orte versandt werden können, wo dafür Bedarf besteht. Der Einwand, « es wäre früher auch ohne gegangen», ist keineswegs stichhaltig. Der überwiegende Teil der Personen- und Lastwagen ist seinerzeit aus dem einfachen Grunde in Dienst gestellt worden, weil deren Verwendung Vorteile mit sich brachte, die schliesslich 'von selbst der Allgemeinheit zugute kamen. Wo diese natürliche Tendenz zum Fortschritt je beeinträchtigt wird, müssen schliesslich die Konsequenzen in irgend einer Form wieder auf dieselbe Allgemeinheit zurückfallen. Wie die Dinge heute liegen, lässt sich eine weitgehende Drosselung des Automobilverkehrs nicht vermeiden. Mit um so grösserem Nachdruck muss deshalb verlangt werden : « Make the best out it ! », oder sinngemäss übersetzt : «Dann tut wenigstens, was in eurer Macht liegt! ». Werte erhalten — voll ausnützen. Vom automobilistischen Standpunkt aus gesehen, der sich mit dem des Wagenbesitzers deckt, sollte heute kein Fahrzeug mehr zu finden sein, das nicht einwandfrei instand gestellt ist und mit aller Sorgfalt gepflegt und unterhalten wird. Während sich selbst kleine Schäden mit der Zeit zu bedeutenden Nachteilen entwickeln können, bringt eine auch bloss geringfügige Störung der Arbeitsweise einzelner Wagenteile notwendigerweise eine Einbusse an Leistung mit sich. In Anbetracht der steigenden Brennstoffpreise und der immer kleiner werdenden Benzinrationen muss das eine wie das andere doppelt schwer wiegen. Soweit sie sich mit dem gebrauchten Wagen beschäftigen, verdanken die Artikel der vorliegenden Nummer den oben angestellten Erwägungen und Folgerungen ihre Entstehung. Sie wollen dem Automobilisten vor Auge führen, wie Wert und Leistung des gebrauchten Wagens erhalten werden können. Wenn die Gedankengänge in vielen Fällen die Notwendigkeit zeigen, dieses und jenes zu verbessern oder reparieren zu lassen, so bedeutet dies nicht nur Arbeitsbeschaffung für ein Gewerbe, das wie kaum ein änderest unter der gegenwärtigen Lage zusammenzubrechen droht, sondern gleichzeitig auch das eigene wie das nationale Interesse zu wahren. & Fortsetzung dieser Artikelserie auf S. 3 u. folgende. In dieser Nummer: Wünsche an die «Sektion für Kraft und Wärme ». Um die Frage der Ersatztreibstoffe. Rückzahlung der Sistierungsprämien. Der Instruktorenkurs des TAG in Bern. Feuilleton: Seite 14.