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E_1940_Zeitung_Nr.043

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6 AUTOMOBIL-REVUE

6 AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 22. OKTOBER 1940 — N° 43 ®ie U. S. A. steden ooc: Die Modelle 1941 Die Kraftwagen, die das Lebenstolut des amerikanischen Wirtschaftskörpers bilden, lassen auf der soeben eröffneten New Yorker Automobil-Ausstellung deutlich den Pulsschlag der Zeitgeschichte spüren. Schon die Ausschmückung von Hallen und Ständen betont durch die Wahl latein-amerikanischer Motive in zeitgemässer Weise die Verbundenheit des westlichen Kontinents. Wappenschilder mit den Farben und Namen aller Staaten des Erdteils wechseln mit solchen ab, die die Landkarte ohne Staatengrenzen zeigen. Tropische Landschaftsbilder von unerhörter Farbenpracht bilden den Hintergrund für viele Stände. Die Aussteller selbst beweisen das neuerdings stark erwachte nationale Solidaritätsgefühl dadurch, dass es in diesem Jahre zum erstenmal gelungen ist, sie alle unter einem Dache zu vereinigen. Was an Neuerungen für das kommende Jahr angeboten wird, überrascht namentlich diejenigen, die geglaubt hatten, die amerikanische Kraftfahrzeugindustrie sei durch Rüstungsaufträge zu sehr überlastet, um sich der Fortentwicklung des privaten Marktes ausgiebig zu widmen. Trotzdem die Milliardenaufträge der Heeresverwaltung die Werke vor konstruktive und organisato- Querschnitt des Oelfilters am neuen Pontiac-Motor. Der Weg des Oels ist durch ausgezogene Pfeile markiert, während punktierte Pfeile andeuten, wie sich der Schmutz absetzt. Sonderbericht von der New Torker Autoschau. rische Aufgaben von einem selbst für amerikanische Begriffe ungeheurem Ausmasse stellen, ist an der Vervollkommnung der Wagen für alle anderen Zwecke vielleicht noch intensiver gearbeitet worden als in früheren Jahren. Fast alle Marken erscheinen in wesentlich veränderter Ausführung und sind praktisch in unbegrenzten Mengen lieferbar. Das erklärt sich daraus, dass Autowerke, die die Lieferung von Tanks, Flugzeugen und andern Heeresfahrzeugen übernommen haben, nicht ihre laufende Fabrikation umgestellt, sondern neue Anlagen geschaffen haben, in denen die neuen Aufgaben mit getrenntem Stab und spezialisierten Einrichtungen bearbeitet werden. Die Hilfsmittel an Kapital, Rohstoffen und Arbeitskräften gestatten, beide Zweige des Bedarfs mit Hochdruck zu versorgen. Von Feldgrauheit ist bei den Personenwagen nichts zu merken. Im Gegenteil frönen die Modekünstler der Autoindustrie, deren Tätigkeit für ausschlaggebend gehalten und hoch bezahlt wird, derselben Farbenfreudigkeit wie ihre Kollegen in der Bekleidungsbranche. Man sieht zartes Erdbeerrot, Himmelblau und Grasgrün neben satten Tönen wie Lila und Weinrot. Als «letzter Schrei der Mode» gilt die Absetzung des oberen Karos- Neue Federung, Stossdämpfer und Kugellager- Steuerung an der Vorderachse von Nasbu •>•' Zweitüriger Spezfal-«De-Luxe»-lnnenlenker von Plymouth, Jahrgang 1941. Man beachte die zweifarbige Ausführung der Lackierung sowie das neue Wagengesicht. serieteils in einem anderen Ton der gleichen Grundfarbe bei gleichzeitig zweifarbiger Ausführung der Innenpolsterung. Die Verkleidung der Trittbretter durch vorspringende Säume der Türen hat sich verbreitet, und auch sonst ist die Glattheit der äusseren Linien durch Versenkung von Türgriffen, der Scheinwerfer usw. bei vielen Modellen verbessert worden. Typisch für das moderne Autogesicht sind Verbreiterungen der vorderen Kotflügel bis zur Mitte, die nur wenig von der Spitze der Motorhaube überragt wird, und eine symmetrische Zweiteilung des Steinschlaggitters. Die Innenräume sind fast durchwegs vergrössert worden. Galt im Vorjahre ein Wagen schon als geräumig, wenn im Rücksitz 3 Personen nebeneinander Platz hatten, so werden jetzt sogar Seitenansicht einer Buick-Limousine, Modell 1941. mitunter 3 weitere Personen neben dem Fahrer untergebracht. (Scheint auf den ersten Blick ein wenig viel, aber warten wir mal erst noch ein, zwei Jahre. Red.) (Forts, auf S. 11.) Schema der Vergaser-Anordnung an den neuen Buick-Motoren. Sie haben je zwei Doppelvergaser erhalten, die in der gezeigten Weise an die Gaswege angeschlossen sind. Durch diese Neuerung konnte die Leistung beim kleineren Motormodell von 107 auf 125 PS und beim grösseren von 141 auf 165 PS gesteigert werden. Preiswürdig abzugeben 6-T.- BERNA-Diesellastwagen Typ L 5 a-1 D, Jahrgang 1940, Radstand 4,85 m, 6-Zylinder-Dieselmotor mit direkter Einspritzung, Ladebrücke 4,8 m lang. Anfragen sind zu richten unt. Chiffre 17333 an die Automobil-Revue, Bern. 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BERN, Dienstag, 22. Oktober 1940 Automobil-Revui - II. Blatt, Nr. 43 Abschied von einem Freund Von einem Freund, von einem guten Freund nehme ich Abschied. Ich sage ihm Lebewohl, denn ich hoffe von Herzen, es möge ihm wohl ergehen. Er tut mir leid, mein Freund, denn er m u s s Abschied nehmen, weil ich es so gewollt hab*. Und ich schäme mich vor ihm, denn ich bin es, der ihn verstossen hat. Ich hatte einen wahren, aufrichtigen und anhänglichen Freund an ihm. Viele Jahre lang. Aber er wurde schneller alt als ich, und es ist nicht schön zu sagen, ja, es gehört ein wenig Mut dazu, es einzugestehen: Als ich merkte, dass er alt und älter wurde, trennte ich mich von ihm. Die Trennung ging sogar sehr schnell vor sich. Er konnte sich ja nicht dagegen wehren, und so war es wohl Egoismus auf meiner Seite, dass ich den Schmerz zu verkürzen suchte, dass ich so bald wie möglich über den traurigen Augenblick hinwegkommen wollte. Stumm ging er von mir. Er sagte kein Wort, aber es muss ihm sehr weh getan haben. Er blickte mich nur unendlich traurig an, beinahe wie ein Tier im Schmerz. Auch mir ging es sehr nahe, wenn er es auch vielleicht nicht gemerkt hat. Darum wenn er mich heute hören kann, so sag* ich's ihm. Es mag ihn trösten, dass es mir schwer, sehr schwer geworden ist. Ich werde ihn nie vergessen! Allzu zahlreich sind die gemeinsamen Erinnerungen, die wir haben, er und ich. Es war ein wunderschöner Tag damals, als wir einander kennenlernten. Die Sonne schien warm vom Himmel auf uns herab. Junges Grün leuchtete rings auf Matten und Hügeln, und der Horizont verschwamm in bläulichem Dunst. In seinem bescheidenen, grauen Gewand stand er vor meiner Tür und wartete. Von diesem Tag an sollte er nurmehr mir gehören. Und er h a t mir angehört mit seinem ganzen Wesen, mit allem, was er war und vermochte — und ich ihm. Von Stund an waren wir unzertrennlich. Wo ich hinging, war auch er dabei. Er wohnte bei mir. Und ich konnte mir keinen schönen Tag, keinen Ausflug mehr ohne ihn denken. Zu Anfang waren wir noch recht behutsam miteinander, aber als wir uns erst besser kennengelernt hatten, zogen wir immer weitere und fernere Wege selbander. Bald jagten wir vergnügt durch die Landschaft zusammen — immer schneller und schneller. Am liebsten früh morgens, der Sonne entgegen, oft beinahe auf halbem Wege schon! Weisst du noch, mein lieber, treuer Freund? —> möchte ich dich heute fragen. Wir begannen fast wahllos, die Heimat kennenzulernen. Wir durchzogen zuerst das freundliche Baselbiet miteinander, kletterten über all die Hügelzüge hinüber und herüber, durchmassen die stillen, schattigen Täler, bummelten gemütlich durch die sauberen Dörfer. Wie oft haben wir auf dem Kamm eines Hügelzuges gerastet. Ich sass im Gras am Waldrand, und du warst neben mir. Das Auge schweifte hinab in die Rheinebene. Dort lag Basel im leichten Dunst, ein Ganzes, wie auf einer Landkarte schier anzusehen. Flächig schien es und keine der vertrauten Bauten war für sich erkennbar. Nur der Rhein blitzte stellenweise, wie Quecksilber, wenn Rauch darüber hinzieht — bald da und bald dort. Die grosse Biegung, wo sich der Strom nach Norden wendet, sie spiegelte den Schein 'des Sonnenlichtes zu mir herauf. Und wieder zogen wir weiter. Der Birs entlang in den Jura hinauf. Wir waren dort oben auf jenem Höhenzug, wo der riesige Soldat unermüdlich die Wache hält. Ganz allein, in früher Morgenstunde, ergriff uns sein Standbild tief. Stein war er, und wir verstanden das Sinnbild. Nicht aus Holz und nicht aus Erz hätte er sein dürfen. Stein, das Symbol des naturgewachsenen Walles, der sich um die Heimat zieht. So stehst du dort und wirst dort bleiben, komme was da wolle! Du bist Erinnerung und Blick in die Gegenwart und Zukunft zugleich! Erinnerst du dich an jenen ersten heissen Nachmittag, als wir frohen Mutes den Weissenstein zusammen erkletterten von Gänsbrunnen aus? Es war föhnig und die Fernsicht war unerhört. Wie geblendet standen wir vor der . nahegerückten Pracht der Alpenkette und wir mussten tief Atem schöpfen vor Erregung. Die Berge zogen uns mächtig an, und wir mussten weiter, immer weiter —> wie das Kind, das zum Ende des Regenbogens lau j fen wollte. Noch am selben Tag durchmassen wir das Mittelland und strebten eilig der Bundesstadt zu. Der Abend begann schon bald zu sinken und tiefe, blaue Schatten kauerten in den alten Lauben, Von Johannes Brandmüller. als .wir zur Stadt hinaus und der Anhöhe zustrebten. Das war noch eine gehörige Kletterpartie, bis wir endlich zu oberst auf dem Gurten anlangten. Ein lauer, leiser Abendwind kühlte unsere Stirnen, und wir sassen gebannt. Die Berner Alpen schienen nun wie durch Zauberei in greifbare Nähe gerückt und waren doch noch immer fern und kühl. Das Licht des Tages sank im Westen, und eine milde Röte begann an den Gipfeln emporzugleiten. Der weisse Schnee hob an zu leuchten, und es war, als brennte ein inneres Feuer in den Türmen und Zacken. Wie das Licht, das manchmal die schwarzen Wetterwolken von innen her erhellt, wenn im Hochsommer die Blitze dahinter zucken — lange bevor das Gewitter losbricht. Immer weiter und weiter kletterte das Alpenglühen hinauf. Von unten drängten die grauen, webenden Schatten der Nacht, wie Boten des Todes, und schienen das rote Gluten in den Himmel jagen zu wollen. Jetzt war es nur noch ein verglimmendes Rosa, und dann verging es ganz. Einen kurzen Augenblick duftete noch ein zartes, grünliches Licht, eine unbestimmte Helligkeit an den höchsten Gipfeln, und ich spürte die Kälte der ewigen Firne geradezu körperlich auf meinem luftigen Sitz dort oben auf dem Gürten. Wir mussten uns trennen von diesem grandiosen Schauspiel und selber hinabsteigen in die Schatten. Bald waren wir unterwegs nach Hause,. Der Nachtwind wühlte sich ins Haar, und der volle Mond "erhellte- den- weissen Weg vor uns, während wir still durch die schlafende Landschaft dahinjagten. Von jenem Tag an waren wir den Bergen verfallen. Wir konnten ihnen nimmer nahe genug kommen. Wenn immer die Zeit es erlaubte, stoben wir davon und in die kühlen Höhen der Pässe hinauf. Kreuz und quer, von Ost nach West, von Nord nach Süd durchwanderten wir das Land. Erinnerst du dich an jenen warmen Frühsommertag, als wir von Luzern her den Brünig überstiegen hatten? Auf halber Höhe machten wir Rast. Nähe am grund bliebst du stehen, und ich ruhte auf ein Felsenvorsprung. Unter uns zog sich das la/ flache Tal, und wir schwelgten stundenlang — süchtig — als ein Adlerpaar seine Schwingen tete und für uns allein seine Segelflüge voll Manchmal schienen sie mitten im Raum stille stehen, dann wieder schössen sie wie Pfeile über das Tal hin. Sie stiegen, sie glitten zur Tiefe, und nie war ein Flügelschlag zu erhaschen. Wie gerne hätten wir mitgetan! Wie anders ist der Schnee des Winters! Ihn können wir nicht mitnehmen. Und was wir wider Willen mitgenommen haben, das wird hässlich und braun. Aber wir sind oft zu ihm hingegangen. Wenn der Himmel blau war und die Luft klar, wie Kristall, schneidend frisch, dass es brannte in den Lungen. Knirschend und flimmernd lag der weisse Teppich auf Weg und Steg. Das ist der gute Winter, der Freude bringt ins menschliche Herz. Spielerisch zogen wir unsere Spuren hinter uns, und der aufgewirbelte, kühle Staub wehte wie eine Fahne hinter uns. Aber der Winter konnte auch böse und gefährlich sein. Am schlimmsten, wenn er unerwartet kam. Erinnerst du dich noch, lieber Kamerad, an jenen langen Tag in den Vogesen? Die Pflicht hatte mich in jene einsamen Gegenden gerufen, und die Nacht war längst angebrochen, als wir uns heimwärts wandten. Den ganzen Tag lang hattest du mich getreulich meines Weges getragen. Kalt war es gewesen und feucht. Graues Gewölk hatte die Sonne verborgen von früh bis spät; ich war dankbar für die schützende Wärme, mit der du mich umgabst. Ueber und über war dein graues Gewand mit Spritzern, mit einer ganzen Kruste von Strassenkot überzogen und verunstaltet, aber dein treues Herz schlug unentwegt weiter. Das kraftvolle Lied deines Motors sang weiter, und du 'trugst mich empor zur Höhe des Kammes, wo die Strasse sich zur Rheinebene hinabzuwenden beginnt. Je höher wir stiegen, desto näher rückten die weissen Ränder des schneebedeckten Strassenbordes zusammen; als wir endlich die Anhöhe überwunden hatten, da wurdest auch du unsicher. Glatteis hatte sich gebildet; wir mussten den Abstieg behutsam unternehmen. Wallende Nebel zo- gen sfill und gespenstig herauf. Dichter und enger ballten sie sich und drängten sich immer mehr zusammen, bis wir kaum mehr unsern Pfad zu finden vermochten. Immer wieder stieg ich aus und suchte zu Fuss den Weg zu erkunden auf eine kurze Strecke, damit dir nichts geschehe, denn das Licht deiner Augen prallte wirkungslos und flach an den weissen Wänden des unfassbaren Feindes ab. Nun fing es auch noch an zu schneien, in grossen, nas-i sen Flocken. Einsam und allein, traurig und verzweifelt fühlten wir uns. Stundenlang mussten wir uns den Weg ertasten, verlassen und angstvoll, wie auf einer andern Welt! Ein totes Dorf mit zwei, drei Lichtern schien für Augenblicke etwas wie Sicherheit und Wärme vorspiegeln zu wollen. Aber es versank hinter uns im Nichts und erhöhte nur die Einsamkeit. Wie ein Licht, das in tiefer Nacht am Fenster des Eisenbahnwagens vorbeifliegt und die Tiefe der Finster-« nis nur erhöht, bis das Auge sich erneut an die Dunkelheit gewöhnt. Endlich glitten wir unmerklich aus den höhnischen Schwaden heraus und konnten aufatmen.-Aber noch lange erschraken wir ob der kleinsten Fetzen tückischer Bodennebel, die noch vom Hauptharst versprengt da und dort ängstlich über unsere Bahn krochen. Es war sehr spät geworden, als wir endlich daheim anlangten. Mehr tot als lebendig. Das Grauen vor solchen Fahrten sass uns noch lange Tage in allen Gliedern. Der dreifache Schrekken von Nebel, Schnee und Glatteis war auch gar viel gewesen und hinzu war noch die unwegsame Einsamkeit, die endlosen Strecken ohne Haus und Hof, ohne Licht und Wärme gekommen. Wir erholten und bald darauf durch jene unben schreiblich schöne, fremdartige Reise ans Meer. Dem Lauf der gemächlichen Rhone folgend, unübersehbaren Kulturen von Obst und Wein entlang, auf den Spuren des alten Rom durch Triumphbögen und an Amphitheatern vorüber waren wir zum Mittelmeer gekommen. Manche Nacht hast du im Freien unter Palmen und Pinien geschlafen, und noch Monate später fand ich von jenen langen, braunen Nadeln in den Falten deines Gewandes. Aber der böse Rost, die Folge der würzigen, salz-» beladenen Meeresluft hat dir viel zu schaffen gemacht, und ich hatte lang an dir zu kurieren, bis auch die letzten Spuren getilgt waren. Und die heisse Sonne hat deine Röcklein gebleicht. Du verdankst ihr das neue Kleid, das dir bei der Heimkehr angemessen wurde. Weisst du noch, wie wir auf jenen vielgewundenen Bändern vorzüglicher Strassen, immer der Küste entlang nach Genua jagten und uns landeinwärts auf jenen nicht enden-* wollenden, schnurgeraden Strassen nach Mailand wandten? Wie du im Schatten des grossen Doms meiner wartetest, bis ich das Wunder gotischer Baukunst innen und aussen in mich aufgenommen hatte? Und wieder zogen wir den Höhen entgegen. Bei Bozen verloren wir uns in die Dolomitenpässe. Einen um den andern bezwangen wir, und jene Nacht auf Pordoi vergessen wir nicht. Siehst du noch den schwindenden Tag, die unerhörten Farben, die er auf die zackigen, dräuenden Felsen-* türme hinmalte, während unten bereits der kleine, traurige Friedhof im Schatten lag? Oft waren wir gemeinsam am Meer gewesen. Wir hatten Oberitalien nach allen Richtungen durchstreift. Aber am liebsten waren wir immer wieder auf die Zinnen des Alpenwalls hinauf gewallfahrtet. Wie manchen Samstag und Sonntag hatten wir so gemeinsam verbracht. Von der Arbeit weg, gleich um Mittag schon, waren wir immer wieder hinaufgefahren, so weit es noch beim Licht des Tages reichte, um dann in aller Herrgottsfrühe des Sonntags, oft noch vor der Sonne, weiterzusteigen durch eine Natur, die uns ganz allein gehörte. Ich weiss noch so gut, wie wir damals die Furka und Grimsel überstiegen, in einer Landschaft, die wie die Urwelt für uns war. Kein lebendes Wesen weit und breit. Hell schien die Sonne, und klar und rein war die dünne Luft. Kein Staub konnte uns etwas anhalten, denn niemand war da, solchen vor uns aufzuwirbeln. Nur unsere eigenen Staubwolken wehten hinter uns und zerflatterten verschämt im leichten Morgenwind. Erst als wir Hospental mit seinem finstern Turm, schon