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E_1940_Zeitung_Nr.048

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Es gibt Leute, die

Es gibt Leute, die glauben, «man müsse dabei sein, wenn der Wagen repariert wird». Das gilt nun aber nur mit Einschränkungen. Ich machte die Erfahrung dass die ständige Kontrolle als Beleirq AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 26. NOVEMBER 1940 Die Reportage der A.-R. Wenn die < Fahrer der glatten Landstrassen > aus dem Westen in den Balkan vorstossen, lieben sie es, sich mit der Frage « Ist die Strasse gut? » nach einer bevorstehenden Route zu erkundigen. Die Antwort lautet meist bejahend. Wenn man aber einigermassen voraussehen will, was einen erwartet, muss man Völkerkunde, Naturwissenschaften und Geschichte neben vielen andern Disziplinen studieren. Sie werden lächeln, wenn ich sage, dass wir auf unserer «Zufahrt» durch den Balkan auch eine Landkarte aus dem Jahre 1867 mitführten. Diese Karte zeigt nämlich die Grenzen der alten Türkei, innerhalb deren sie nachhaltigen Einfluss gewonnen hatte. Wenn Sie diese Grenze, von Norden herkommend, passieren, dann fühlen sieht. Es genügt nun aber nicht, ohne weiteres jeden Träger eines solchen Käppchens als Albaner zu betrachten. In den Anfängen der Besetzung albanischer Volksgebiete in den Balkankriegen wurden Serben unter die Albaner gemischt, die auch die weisse Mütze trugen und tragen. Wissen wir aber, dass der Mann mit dem breiten Gesicht, den dunklen Haaren unter den rotblonden, blauäugigen, hellhäutigen Albanern ein Serbe ist, dann wird auch er uns diese Hilfe verschaffen, indem er Albaner für uns einspannt. Das ist eben seine Auffassung vom Leben, alte Tradition eines Soldatenvolkes. Möglicherweise fügt er auch bei, dass endlich Ruhe und Ordnung herrsche im Albanergebiet und dass einem nichts mehr Der Balkanchauffeur mag ohne weiteres Schafe, ja Rinder überfahren. Aber vor den spinnenden Frauen am Wegrand hat er Achtung. Nur sie geniessen rücksichtsvolle Behandlung. Für sie. ve^-T sucht der hartgesottenste Scharffahrer die Staubplage zu mindern... Sie eine merkliche Veränderung der Gesamtatmosphäre. In der Periode ihrer Blüte hatten die Osmanen auch in Europa gut regiert. Doch leider ging diese Regierung in der Zeit des Zerfalls des Osmanenreiches in ein Chaos über, von dem eine Geisteshaltung übriggeblieben ist, die bis in Garagen, Werkstätten, Taxameter und Hotels hineindringt, um nur einige Dinge zu nennen. Wenn man von Nordwestkroatien her nach dem südöstlichen Kroatien und nach Bosnien vorstösst, trifft man immer häufiger Mohammedaner, zum Teil am roten Fez erkennbar. Dieselben blonden blauäugigen Kroatenkinder, die bisher scheu am Wegrand standen, werden, wenn sie den Fez tragen, mit Steinen nach Ihrem Wagen schmeissen. Der Islam erzieht die Jugend ganz anders, vor allem selbständiger und eigenwilliger. Das wirkt sich in weniger gebändigter Zerstörungssucht bei den Kindern aus... Später geht sie in eine Haltung über, die wir mit «geschäftstüchtig» umschreiben möchten. Und auch sie kriegt der Automobilist zu spüren. Wenn also die ersten Minarette ihre weissen Nadeln in den blauen Himmel stechen, tut man am besten daran, umgehend Schüler in « Auto-Suggestion » zu werden. Ich meine damit, dass man gewissermassen alle Kinder am Strassenrand schon von ferne zu hypnotisieren sucht, wobei die «grimmige Methode» Sabrennos, die der blitzenden Augen, besser verfängt als die «nonchalante» des Bre Andrussen. Die Hände mit den Steinen erschlaffen sichtlich. Im schlimmsten Fall wird der Stein hinterher nachgeworfen, erreicht den Wagen aber nicht mehr — bleibt daher reine Demonstration. Uebrigens: ich habe auch eine Völkerkarte des Balkans mitgeführt. Sie stammt aus dem Jahre 1909, konnte daher noch einigermassen stimmen. Wohl ist heute ein Albaner auf jugoslawischem Boden ein Jugoslawe, etwa so, wie ein Kalmücke oder Tatare ein « Russe » sein kann. Das ist alles in Ordnung. Nur muss der Automobilist mehr wissen. Er muss wissen, ob er einen albanischen oder montenegrinischen Jugoslawen vor sich hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Denn der Montenegriner wird ihn vorher fragen, wieviel er bezahle, damit er ihm im Fall einer Panne behilflich sei, während der Albaner erst einmal hilft und tief enttäuscht weggeht, wenn er nichts erhält, dies aber nicht durch Unhöflichkeit zum Ausdruck bringt. Die Albaner tragen, wenn sie Mohammedaner sind, den weissen albanischen «Fez», eine Filzkappe, die unsern Melkerkäppchen ähnlich *) Siehe Nr. 46. 2Je* ÜSaikan vom Automobil aus Von Hans Leuenberqer. II* geschehe. Nur übersieht er dabei, dass Ausländern auch früher nie etwas passierte. Das sind ja wohl Ueberlegungen, die auch den Automobilisten berühren. Man verliert dann nämlich keine Zeit damit, sein Gepäck mit Sperberaugen ständig zu beobachten. Denn gestohlen wird einem nichts. Die Montenegriner leiden am stärksten Ressentiment im Balkan, denn sie haben im Weltkrieg gewissermdssen verloren, sie wurden besetzt, für sie eine einfach ungeheuerliche Angelegenheit, besitzen sie doch den Lovcen, diesen tausend Meter hohen, senkrechten Steilabfall, der sie gegen das Meer hin schützte. Die Oesterreicher kamen auf die phantastische Idee, eine Strasse diesen senkrechten Fels hoch zu bauen, während die montenegrinischen Kanonen diese eigene Felswand nicht bestreichen konnten. Wenn man unten in Cattaro steht, sieht man an der Felswand eine Zickzacklinie emporsteigen, von der man automatisch annimmt, dass sie ein Ziegenpfad sei. Man muss schon auf den Lovcen starten, das erste «Zick» des ersten Zickzacks anfahren, um sich davon zu überzeugen, dass man sich auf einer gut ausgebauten Autostrasse befindet. Etwa dreissig Nadelkurven führen hoch, fast auf den Gipfel. Und immer tiefer unten sieht man den glühendheissen Kessel der Bucht von Cattaro versinken. Zuletzt glaubt man nicht mehr recht daran, dass man von da unten heraufgestiegen ist. Wenn Sie eine Linie von Cetinje in Montenegro über den Skutarisee, den Ochridsee nach Seres in Griechisch-Mazedonien hinunterziehen, dann finden Sie südlich dieser Linie überall Leute, die sich mit folgenden Worten vorstellen: «You speak English?» Wer in Amerika war, der hört sofort heraus, dass der Mann irgendwo in einem düstern Viertel Manhattans kärglich gelebt hatte, bevor er sich entschloss (oder «entschlossen» wurde), zurückzukehren. Es erbittert immer, wenn der Arbeitspass abläuft und nicht erneuert wird, selbst wenn man kostenlos noch «old Europe» zurückkehren darf. Da lassen sich also auch Ressentiments aus, die selbst auf den Automotor nicht ohne Einfluss bleiben. Ich bin davon abgekommen, bei Pannen, die stets prompt angebotene Hilfe dieser Leute in Anspruch zu nehmen. Sie sind nämlich von einer eigenartigen Mentalität durchtränkt, die ich negativen « Service » nennen möchte, wie ihn die guten Amerikaner richtig, die schlechten falsch aufgefasst haben. Letztere nämlich verstehen darunter die Kunst, je- Welches Automobilistenherz erweicht sich nicht angesichts kutschierender Frauen. Man fährt langsam heran und hält, winkt den Frauen freundlich, sie möchten nur gemach ihre Pferdchen vorüberführen. Handelt es sich um männliche Fuhrhalter, so wird natürlich forciert, so dass oft die Karren sich überwerfen, da die Pferde südlich des Karstgebirges, in Mazedonien und im Balkangebirge alle scheuen. mandem gerade so weit zu helfen, dass er sich verpflichtet fühlt, einen Gegenwert zu bezahlen, der der vollen Hilfe entspricht. Zumeist nehmen sich diese Leute einen Vorschuss, der grösser ist als die zu erwartende Bezahlung, wissend, dass der Automobilist unter dem Eindruck und somit dem Druck einer Panne weicher und in Geldsachen nachgiebiger gestimmt ist als nach Befreiung vom Alpdruck in glühender Karstsonne. Wenn ich jeweils nicht bereit war, Vorschüsse zu leisten, bekam ich eine garstige Antwort in dunkelstem Slang zu hören: «If yä wana pay, me no wana help yä, worauf ich gewöhnlich antwortete: «And J do not wana have your help — gö by...» Lastwagenführer neigen natürlicherweise zum Widerstand und haben gern «taube Ohren»,, denn es kostet stets Ueberwindung, einen schwer beladenen Wagen auf eine weiche Strassenkante hinauszuführen, um einen gehetzten Touristen vorfahren zu lassen. Ich half verschiedenen, die von meinen Vorgängern in den Strassengraben gedrückt worden waren, ohne dass sie sich ihrer daraufhin angenommen hätten. Aber ich muss sagen, dass es trotzdem nicht ganz gleichgültig ist, welchem Volksteil ein Lastwagenchauffeur angehört. Der serbische Fahrer ist eher unwirsch, hart und draufgängerisch. Er besänftigt den hupenden, nachdrängenden Touristen durch ein lässig abweisendes Zeichen mit der Hand, er möge sich noch für eine Stunde gedulden... Der Bulgare dagegen gibt entweder Vollgas, um des andern Fahrt nicht zu stören, oder dann lässt er Sie vor, indem er sogar anhält. Der Kroate handelt ähnlich, wenn er nicht zufällig kroatischer Mohammedaner ist (es gibt deren fast eine Million)... Der Grieche und Rumäne fährt absichtlich noch auf der Strassenmitte, damit Sie ja nicht vorfahren können. Denn er hat doch mehr «Temperament» und damit technischen Ehrgeiz. Was das Essen anbelangt, so kam ich immer wieder auf die Regel: «Iss die Produkte des Landes, doch möglichst so zubereitet, wie du sie zu Hause gewohnt bist.» Was nämlich die «eingeborenen» Nahrungsmittel für uns so oft ungeniessbar macht, das ist die Art ihrer Würzung oder anderweitigen Zubereitung, Diese kleinen Hotels im bulgarischen Balkangebirge sind sauberer als die grossen Hotels der Städte. Es ist gut, wenn man dies weiss — billiger und zugleich besser. Keine « westliche » Küche, die man ja doch nicht versteht. Dagegen aber gute Einzelplatten. besonders in Speisekombinationen. Vieles, was wir einzeln gerne essen, kann im Gemisch einfach eine Scheusslichkeit werden — man denke nur schon an Zutaten wie Zucker und Salz, scharfen Paprika oder Saucen. Mit diesem Grundsatz durchquerten wir auch ganz Asien, ohne ernstlich unter Nahrungssorgen zu leiden. Wovon man sich am meisten hüten muss, wenn man schon in einheimischen «Speisehäusern» einkehrt, das ist schlecht gewordenes Fett oder gar verdorbenes Fleisch. Wir haben schon ein halbes Dutzend Eiweissvergiftungen allein im Balkan hinter uns und sind endlich klug geworden... Wasser sollte man eigentlich kochen, doch haben sich viele Städte jetzt gute Wasserleitungen zugelegt. Sonst aber darf man ruhig misstrauisch sein, besonders Sodbrunnen gegenüber, die inmitten von Dörfern liegen, wo eben Jauche durch undichte Brunnenwände eindringen kann. Eigentlich sollte man vor einer Balkanreise das Töten von Kleintieren erlernen. Können Sie ein Huhn, ein Ferkel, ein Lamm, Fische, einen Krebs erledigen? Wenn ja, wird der Balkan für Sie ein Paradies. Denn hier kauft man sich diese Tiere lebend ein, und man blickt Sie höchst erstaunt an, wenn Sie diese Dinge etwa «kochfertig zubereitet» verlangen sollten. Wie kann man nur, wo doch das Fleisch lebend frischer bleibt als auf Eis 1 Ingewissen Seen krochen am Abend die Krebse zu Dutzenden in den seichten Ufergebieten herum. Wir fischten sie. Doch konnten wir die essbaren infolge mangelnder Kenntnis nicht ausscheiden, so dass die Krebssuppe supponiert bleiben musste. -Auch Schildkröten liefen uns oft über den Weg, aber wie soll ein Mitteleuropäer solche Geschenke des Himmels nutzen können? Da wir kampierten, schlugen wir die «Gemüseroute» ein, indem wir schon oben im Balkan auf Märkten fragten, woher die einzelnen Gemüse stammten. Wir schrieben uns die Gegenden auf und trachteten, sie in unsere Route mit einzubeziehen, schon im Hinblick auf unser Budget, das keine Extratouren erlaubte. Kampieren — ja, aber mit Hindernissen. Für den, der kampiert, ist es zudem noch äusserst wichtig, zu wissen, ob unterwegs Kampplätze zu erwarten sind. In Mostar trafen wir Ausländer, die ganz erbost erzählten, sie hätten von Cattaro bis Mostar keine einzige Kampmöglichkeit gefunden. Wir jedoch als geübte Kampleute entdeckten, allerdings unter schwierigsten Verhältnissen, Plätze, auf die wir nur gelangen konnten, indem wir eine Art Rampe von der Fahrstrasse ins Gelände aufbauten. Zehn Minuten Arbeit bedeutete dies jeweils,- zehn Minuten, die eigenartigerweise die meisten Fahrer scheuen. Man muss in Gebieten mit geringen Kampmöglichkeiten früh anhalten, etwa um für Uhr. Sonst bleibt es einem sicher, bis in die Nacht hinein fahren zu dürfen, ohne etwas zu finden. Nach Einbruch der Dunkelheit wird die Geschichte noch schwieriger, so dass man dann doch zum Hotel Zuflucht nimmt. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass ich mich im Kamp wohler fühlte als in den Hotels, mit ganz wenigen Ausnahmen in grösseren Städten. Uebrigens wird die Autokuh auch im Balkan schon tüchtig gemolken, so dass es gut ist, mit einer gewissen Härte aufzutreten und sich nicht zu scheuen, Preise vorher zu vereinbaren und dann zu kontrollieren, ob man auch wirklich das geliefert erhält, Was man bestellte. Unangenehm berühren die «Schlepper», die sich einem in allen sogenannten Touristenzentren aufdrängen, sekundiert von den Gassenjungen und Ladenverkäufern, Gemüsehändlern und Hausfrauen, die alle im Chor den Namen eines der führenden Hotels am Platze ausrufen in der Annahme, ein Mensch, der fremd aussehe, habe nichts Eiligeres zu tun, als nach der Einfahrt in einen Ort im Hotel Zuflucht zu suchen, damit die Kapitalbildung im Dorf oder in der Stadt angeregt werde. Da hört die Logik auf.

— DIENSTAG, 26. NOVEMBEB ifl'O 4UT0M0B L-REV . digung aufgefasst wurde, während unauffällig vorgenommene Stichproben Wunder wirkten. Stiess ich dabei auf eine Schlamperei, so eröffnete Ich dem Werkstättechef ganz einfach, ich werde nicht den vollen Stundenlohn berappen. Bei kleineren Reparaturen allerdings spielt die Arbeit im Balkan eine so geringe Rolle, dass sie neben den Preisen der nötigen Ersatzteile verschwindet. In grösseren Städten freilich haust da und dort eine Art Raubritter der Werkstattkunst. Da bezahlte ich z. B. für die «Arbeit», die das Einfüllen von destilliertem Wasser in die Batterie erforderte, einen FrankenI Die Verrichtung dauerte genau drei Minuten Das Wasser kostete fünfzig Rappen. Für eine Garagenboxe dagegen verlangte man mir am nämlichen Ort ebenfalls einen Franken. Als ich den Inhaber auf die Unlogik dieser Preisbildung aufmerksam machte und ihm sagte, ich bezahle lieber mehr für die Garage und weniger für die «Einfüllarbeit», nur um der lieben Logik willen, da wurde der Mann ernsthaft böse. Worauf ich es aufgab, östlich der Karawanken «logisch» zu denken. Keine Stadt Europas hat so schöne grosse Taxameter wie Sofia. Weiter nördlich stiessen wir auf Taxis, die einen Ersatzkühler mitführten, der womöglich nach zehn Kilometern eingebaut wurde, während der andere am Abend wieder gelötet wurde, um am folgenden Tag bereit zu sein, falls der erste etwa Streikgelüste.zeigen sollte. Wagen in permanenter Reparatur sind also keine Seltenheit, sobald man in die mazedonische Region hineingerät. Dort musste ich Taxichauffeuren auch einen Vorschuss geben,,damit sie sich ein wenig Benzin kaufen konnten. Mit einem Teil des Geldes speisten sie vor der Abfahrt noch rasch in einem kleinen Restaurant, weil sie vielleicht einen Tag nichts mehr gegessen hatten. Aber sie gehörten zu den Selbstbewusstesten ihrer Stadt, denn sie waren «motorisiert», und das hebt das Selbstgefühl. Als ich einem solchen Taximann gegenüber äusserte, er sei ja teurer als seine Kollegen im motorisierten Westen Europas, entschuldigte er sich: «Mein Motor braucht mehr Benzin als der Ihre.» Dabei machte er mit den Händen Zickzackbewegungen und fügte das Wort «Kolben» bei. Er meinte, sie schlotterten im Zylinder und Hessen das Gasgemisch durch den Auspuff heraus. Es fällt einem ja schon schwer, die Ausgaben für technische Mängel auf sich zu nehmen. Aber wie gesagt, die Logik sieht jenseits der Karawanken anders aus als bei uns. m wm»mm Die Bauern wohnen oft ju weit von ihren Aeckern entfernt, um besonders zur Reifezeit der Melonen täglich herzukommen, um die reif gewordenen Früchte zu pflücken. So baut man sich denn, eine Nomadenhütte und wohnt dort, bis die Ernte vorüber ist. Das kam uns für unsere Verpflegung sehr zugute, denn die Bauern verkauften Melonen, die fünf Kilo wiegen, für zehn Rappen, Die Arbeiten werden fast nur von Hand ausgeführt, was die Schuld daran trägt, dass sie relativ längsam vorwärtsschreiten. Auch dass ich Tankwarte extra für ihre « Bemühung » bezahlen sollte, das Benzin in meinen Tank strömen zu lassen, wollte mir erst nicht gerecht scheinen, besonders wenn ich sah, wie die Tankstelleninhaber inzwischen ruhig eine Pfeife rauchten und die Hände über ihrem Bäuchlein kreuzten. -Sie haben es herausgefunden, wie man ohne Angestellte auskommt, das heisst, wie man die Angestellten durch die Automobilisten aushalten lässt. Zerlumpte Buben stehen ja genug herum. Sie belagern die Tankstellen und sind sehr dienstbeflissen. Macht der Automobilist ein erstauntes Gesicht, wenn ihm der Junge zu merken gibt, dass er auch ihm etwas schuldet, dann schenkt ihm der Tankinhaber nur einen verächtlichen Blick, der etwa soviel ausdrückt wie: «Schämst du dich nicht, dich um zehn bis zwanzig Rappen zu drücken?» In Griechenland fiel es uns auf, dass die Menschenmenge, die sich immer an Tankstellen ansammelte, die gelieferten amerikanischen Gallonen laut mitzählte: «Ena, dhio, tri, tessere, pende» und so weiter. Das brachte mich auf den Gedanken, man müsse die ausgeschenkten Gallonen wirklich zählen. Trotzdem fiel ich herein, denn ein findiger Tankbesitzer hatte sich eine geniale Einrichtung konstruiert, die ihm erlaubte, das ins Schauglas gepumpte Benzin ganz oder teilweise in seinen eigenen Tank zurückfliessen zu lassen. Er bewerkstelligte das durch Druck auf einen kleinen Hebel, Allerdings kam ich ihm auf den Sprung, da-mein Benzinstandzeiger zu wenig anzeigte. Ich horchte unauffällig nach hinten und hörte, dass nichts (n meinen Tank rann, doch leugnete der Mann kurzerhand, als ich ihn stellte. Den Hebel am Tank entdeckte ich dann am folgenden Tag mit Hilfe eines Freundes. « Achtung, Ich bin ohne Bremse!» Man sollte im Balkan nicht auf rasche Reparaturarbeit drängen. «In diesem Fall werde ich kleine Arbeiter beigeben müssen», meinte ein russischer Mechaniker. Unter «kleinen» verstand er Lehrlinge. Da bin ich nun besonders empfindlich, weil sich die Lehrlinge hier unten offensichtlich zu wild gebärden. Sie greifen zu leicht zu Hammer und Beisszange. Meine Bremsbeläge waren abgeschliffen, so dass der Wagen bei fünfzig Stundenkilometern fünfzig Meter Bremsweg erforderte. Man sollte die Beläge ersetzen, gab Ich Anweisung. Ein Mechaniker probierte die Bremsen aus. «Die sind doch gutl» rief er geradezu erbost aus. Ich verstand — denn ich war den Autobussen begegnet, denen ich schon Hunderte von Metern voraus an einer guten Stelle auswich, um sie durchzulassen, wissend, dass sie nicht früh genug bremsen konnten, trotzdem sie mit starkem Zwischengas in den kleinern Gang rutschten und Handund Fussbremse gleichzeitig anzogen. Nicht umsonst hörte ich auch fast täglich von Wagen, die in Abgründe gestürzt waren. Ich verstand, warum wir viele Wagen vor der grossen Kurvenstrecke zwischen Dubrovnik und Metkovic anhalten sahen, worauf die Fahrer ihre Sirenen auf schrilleren Ton einstellten, ich verstand, warum die Autobusse der Strecke Cattaro-Cetinje sozusagen ständig hörntenbedeutet dies Homen. Es heisst aber Immer auch: «Und ich schneide die Kurven.» Denn das tut ein zünftiger Fahrer südlich der Karawanken. Trotz aller Mängel lernt man diesen Balkan lieben. Wo wäre es sonst möglich, dass man, wie wir, mit einem Lokomotivführer vereinbart, er solle einem täglich in voller Fahrt ein frisches Brot auf den Campplatz werfen und jeden zweiten Tag ein Pfund Kalbfleisch? F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 50. Fortsetzung «Und hier steht es wieder ganz anders! » sagt ein älterer Mann und liest stockend vor: . Das sensationelle Doppelleben eines Industriellen. Das Doppelleben des bekannten und angesehenen Fabrikdirektors Heinrich Römer fand hier in Grasse seine tragische Lösung. Der Industrielle, der seit Jahren ohne Wissen seiner Angehörigen als «dummer August» mit einem Wanderzirkus mitzog, ist während der Vorstellung von seinem eigenen Sohn erkannt worden. Es kam zu einer dramatischen Erkennungsszene im ausverkauften Zirkus. Der Fabrikdirektor erlitt mitten in der Manege einen Nervenzusammenbruch. Eine Panik im Publikum war die Folge. Ein aus der Menge in die Arena gefeuerter Schuss scheint in keinem Zusammenhang mit der Tragödie zu stehen. Der Industrielle und sein Sohn sind spurlos verschwunden. Eine Halbweltdame, die sich in Begleitung des jungen Mannes befand, wurde verhaftet. Die von so grosser Tragik betroffene, angesehene Familie ist erst kürzlich von einem Trauerfall .heimgesucht worden. Das ihm herübergegebene Blatt entsinkt Karstens Hand. « Diese Meldung ist die richtigste! » Der Kreis der Arbeiter um Karsten hat sich verdichtet. Sie sprechen alle durcheinander, aufgeregt, mit wilden Gebärden, die sie sonst nur in politischen Versammlungen haben. Als wenige Minuten darauf die Sirene heult, sind die Arbeiter entspannt, und von dem unheimlichen, sie bedrohenden Alp bleibt nur lüsterne Neugier und die Genugtuung, dem Mittelpunkt so sensationellen Geschehens nahe zu sein. Karsten verschwindet in der Telephonzelle, lässt sich mit der Villa Römer verbinden. Die Zofe Lotte ist am Telephon. «Lotte!... Bitten Sie mal 's gnädige Fräulein an den Apparat.» « Das gnädige Fräulein schläft noch. » Und beinahe in einem Atem: «Ach, Herr Karsten, haben Sie denn die Morgenblätter schon gelesen? ... Wir sind in der grössten Aufregung unten in der Küche... Was sollen wir denn machen, wenn das gnädige Fräulein aufwacht? » «Alle Morgenzeitungen sofort wegstecken! Alle! ...Und sich alle etwas zusammennehmen, verstanden?! Keine aufgerissenen Gesichter machen! Und Fräulein Else sagen, sie soll mich erwarten, ich käme jetzt hin.» «Gott sei Dank, Herr Karsten! » antwortet das 'Mädchen. Karsten ist nicht aufgeregt, er ist ganz ruhig — und vergisst doch, seinen hellen, langen Arbeitskittel mit dem Jackett zu vertauschen. Er schickt zu Fehling: er müsse weg. Er reisst den Hut vom Riegel und stürzt hinaus. In der Villa Römer kommen ihm Mädchen, Diener, Chauffeur aufgeregt entgegen. Er wehrt sie ab, wie er seine Arbeiter abzuwehren pflegt: / « Kinder — Papier ist geduldig!... Wartet mal ab, was an dem ganzen Quatsch 4ran ist!» Else Römer schläft noch. «Wecken Sie sie, Lotte. Sagen Sie, ich wäre da.» Karsten geht auf und ab auf der Terrasse. Auf dem Tisch liegt ein aufgerissenes Telegramm, aufgegeben in Grasse, am Vormittag vor der tragischen Nacht. Er liest: Väter noch nicht gesprochen, aber Angelegenheit aufgeklärt. Völlig harmlos. Erklärungen mündlich. Hans und Gerda. Nun schlief wohl Else zum ersten Male ruhig nach langer Zeit. Lotte zieht in Else Römers Zimmer die Jalousien hoch. Sie macht es umständlich, geräuschvoll. Damit Else Römer aufwacht Die schlägt die Augen auf: «Nanu, Lotte, ich hab doch nicht geklingelt. » « Nein, gnädiges Fräulein. Aber es ist Besuch da! » « So früh — wer denn? > «Herr Karsten! » Mit einem Satz ist Else aus dem Bett: « Karsten? Wirklich Karsten?... Ach Gott, ach Gott, meine Strümpfe, Lotte... ach,nein, die braunen. Drehen Sie die Brause auf!... Lotte, haben Sie gesagt, dass er ein bisschen warten muss, ein bisschen?... Aber Lotte, Sie machen ja ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter! Wer hat Ihnen denn die Wurst vom Brot weggegessen?... Und mir ist zum ersten Male wieder wohl heute!... Beinahe vergnügt bin ich... Lotte, Sie kriegen, zehn Franken Zulage ab nächsten Ersten! Fein nicht?... Ich setz 1 das schon durch beim Vater/.. Hat Herr Karsten Blumen mitgebracht? » Else Römer stürmt die Treppe hinunter. Steht mit vor Glück strahlenden Augen auf der Schwelle. Sie versteht's ja selbst nicht, dass sie den tapsigen Bär da all ihren Sportkameraden vorzieht. Aber sie kann's nun mal nicht ändern. «Guten Tag, Herr Karsten! Ein feines Telegramm bekommen gestern von Hans und Gerda!... Wollen Sie mit mir frühstücken?... Nein? Schade.» Sie sitzt am Frühstückstisch «Aber Lotte... die Zeitungen!» « Ab! » sagt Karsten zu Lotte. Lotte nickt, schlägt die Augen zum Himmel auf und verschwindet. « Was ist denn mit Ihnen Karsten? Stimmt was nicht? > Karsten sagt: «Geben Sie mir mal Ihr Pfötchen, Fräulein Else. So. Und nun hören Sie zu. Es klingt alles ein bisschen schlimm, ist aber im Grunde ganz einfach.» « Ja, was denn um Gottes willen? » « Der ganze geheimnisvolle Klumpatsch um Ihren Herrn Vater ist zerplatzt... er hat ein Doppelleben geführt... na ja, sehen Sie, das hatten Sie schon selbst angenommen... er hat ein bisschen Clown gespielt im Sommer, verstehen Sie?... Was andere Leute sich alle Tage leisten, in der Familie und im Büro, das hat er sich eben für die Sommermonate aufgehoben ... hat sein Clownstum eben in konzentrierter Form an eine grössere Menge abgegeben!... Na, und das ist nun eben unter etwas merkwürdigen Umständen herausgekommen. Und die Zeitungen schreiben allen möglichen Quatsch darüber zusammen... und darum wollte ich Sie bitten, keine Zeitung jetzt in die Hand zu nehmen. Wollen Sie mir das versprechen? > So einfach, so natürlich hat Karsten das gesagt, dass Else das, was sie da gehört hat, ganz natürlich scheint. Und als hätten seine Worte ihr auch die Einstellung gegeben, sagt sie ruhig: « Ja, Herr Karsten... wenn Sie das für richtig halten... natürlich verspreche ich Ihnen das.» Und nach einer Weile: «Was wird nun also jetzt mit meinem Vater und so...? » «Ihr Herr Vater scheint Hals über Kopf aus Grasse abgefahren zu sein. Sie müssen damit rechnen, dass er hier sehr bald eintrifft. Er wird vielleicht durch den Schock... durch einen Schock... also durch die letzten Ereignisse etwas gelitten haben... Sie werden gut tun, keinerlei Fragen an ihn zu richten. Er kommt, er ist da — schön! » «Und Hans?... Und Gerda?» Karsten steht auf. «Ich muss wieder in die Fabrik, Fräulein Else! Meine Arbeiter haben mal wieder einen unruhigen Tag... Also, keine Zeitungen lesen! Und wenn Sie auf mich hören wollen, lassen Sie sich auch Telephon verleugnen! » «Das geht doch nicht! » « Geht sehr gut.» Karsten lässt sich mit der Auskunft verbinden: «Bitte, Fräulein, sperren Sie bis auf weiteres diesen Anschluss. Nein, nicht ganz. Von hier aus muss gesprochen werden können. Was wird den Anrufenden gesagt?... Der Teilnehmer wünscht nicht angerufen zu werden? Gut. Danke.» Karsten hängt ein. «Frech? Nicht, Fräulein Else? Dass ich hier so 'rumfuhrwerke. Aber ich halt's für besser. Die Zeitungen schreiben Quatsch! Die Menschen reden Quatsch! Und Sie ohne jeden Schutz — nein, geht nicht... Sie können mich jede Stunde anläuten, wenn Sie's beruhigt. Nach Fabrikschluss komm' ich wieder her. Kann ich mich heute abend für Tee und Essen in Kost geben bei Ihnen?... Schön. Gut. Danke. Kopf oben behalten! Nur keine Panik! » Karsten geht. In Elses Ohr aber schwingen seine letzten Worte: nur keine Panik! Als Gerda Manz sich in der Solo-Garderobe des Cirque d'ete umsieht und entdeckt, dass der Clown... dass Direktor Römer verschwunden ist, lassen ihre Nerven nach. Sie fällt auf das Sofa, bricht in Tränen aus. Ein Schluchzen, in dem sich alle freudigen und qualvollen Spannungen der letzten Tage und Wochen lösen. Von draussen dringen Kommandorufe herein, Hammerschläge. Frau Molignon reisst die Tür auf: « Das Zelt wird abgebrochen. Sie müssen 'raus! » Noch immer zittert sie vor Empörung über das, was der junge Bengel ihrem Manne angetan! Wenn der, bevor er abgeführt wurde, nicht gesagt hätte, er käme für den ganzen Schaden auf, sie würde jetzt die Geliebte des jungen Mannes mitsamt dem falschen Rene noch ganz anders an die Luft setzen! Sie wiederholt grob: «Also bitte: verlassen Sie den Zirkus! Wenn der Vater ihres Freundes nicht bis zum Wagen laufen kann, schicke ich ein paar Männer, die ihn 'raustragen.» (Fortsetzung folgt.)