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E_1940_Zeitung_Nr.050

E_1940_Zeitung_Nr.050

BERN, Dienstag, 10. Dezember 1940 Nummer 20 Cts. 36. Jahrgang — No50 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljfthrlich Fr. 7.75 Die Zeit fordert: Erscheint jeden Dlenstaa REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesehiftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 * Weniger prüfen und „erdauern mehr und rascher handeln! Auf der Strasse, in Versammlungen, überall wo man nur hinhorcht, fängt das Ohr heute Tag für Tag unzählige Kritiken über die Arbeit der Behörden auf. Ungnädige Beurteilung finden dabei namentlich jene kriegswirtschaftlichen Instanzen, denen die Landesversorgung mit Treibstoffen und die Lösung des Ersatzbrennstofiproblems anvertraut ist. Häufig genug nehmen diese Kritiken ihren Ausgang von der Erörterung von Einzelfällen, um in eine politische Attacke gegen jene Persönlichkeit auszumünden, die man für den gegenwärtigen Stand der Dinge verantwortlich machen will. Sofern sich einem indessen die Möglichkeit eröffnet, an den Sitzungen jener Organe teilzunehmen, die sich unter irgendeinem Titel mit der Landesversorgung mit Treibstoffen oder mit der Schaffung von Ersatzbrennstoffen befassen, verhimmi man dabei mit nicht geringem Erstaunen Antworten, die sich ebenfalls auf Einzelfälle, auf vage Angaben und auf ungenaue Zahlen stützen, von denen obendrein zu sagen wäre, dass sie von Instanz zu Instanz, oft sogar von Tag zu Tag ändern. An Beispielen dafür ist wahrlich kein Mangel. Unter solchen Umständen vermag sich der unvoreingenommene Beobachter des Eindrucks nicht zu erwehren, dass etwas nicht stimmt. dass es mit der Aufklärung der Oeffentlichkeit hapert und dass es damit auch bei den Behörden selbst oft nicht besser steht. Da liegt die Frage nahe, wo die Ursachen einer solchen Situation zu suchen sind, welche die Zahl der Unzufriedenen tagtäglich wachsen lässt, die Kluft zwischen Regierung und Regierten verbreitert und ausserdem bewirkt, dass kostbare Zeit ungenützt verstreicht. Wenn wir auch keinen Anspruch darauf erheben, hier alle Wurzeln dieser Zustände freizulegen, so soll doch der Versuch unternommen sein, jene Faktoren aufzudecken, denen nach unserer Auffassung eine fundamentale Bedeutung zukommt. Wohl darf sich unser Beamtenstab sehen lassen, wohl umfasst er zahlreiche tüchtige, kompetente Köpfe an den leitenden Stellen. Aber die Bundesverwaltung ist F E U I L L E T O N Ein Mann entlaufen! Roman von Vera Bern. 62. Fortsetzung * «Haben Sie vor allem erreicht, dass ich Hans Römer besuchen kann? » « Nichts zu machen — sie befürchten Kol- Jusionsgefahr.» « Was denn nun weiter? » «Gar nichts weiter. Abwarten, Tee trinken. » « Was denn — die Hände in den Schoss legen? Während Hans... während sein Vater...?» « Ja. Abwarten. Den Dingen Zeit lassen, dass sie sich abrollen!... In der Absteigbude war ich auch schon. Becker hat man seit gestern früh, nachdem er wie ein Irrsinniger in Ihrem leeren Zimmer getobt, dort nicht mehr gesehen... der ist vermutlich an einen Arbeitsrhythmus gewöhnt, der sich in Friedenszeiten herausgebildet hat und den man damals hinnehmen konnte; dagegen scheint dieser gewaltige Apparat kaum imstande, sich durch Beschleunigung des Tempos den Erfordernissen des Krieges anzupassen. Genau das gleiche lässt sich für unsere Kriegswirtschaft feststellen. Die beiden Verwaltungen, die sich übrigens gegenseitig durchdringen und sich im Gleichschritt miteinander bewegen, wobei sie die nämlichen Methoden anwenden, erweisen sich in Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, als völlig überholt. Man hat es sich zur Gewohnheit gemacht (und weicht davon auch heute keinen Fussbrejt ab), alle sich erhebenden Probleme nach einem starren, unabänderlichen Schema bis in die letzten Einzelheiten zu prüfen. Man stellt Studien an, verlangt Antworten, ernennt Kommissionen« hält Sitzungen ab, zieht Experten und Oberexperten herbei, genau wie in den Jahren des tiefsten Friedens. Die Ereignisse und die Bedürfnisse nehmen jedoch auf diese anscheinend unerschütterliche Bedächtigkeit keine Rücksicht. Und so geschieht es, dass unsere Organisation dem Zeitgeschehen und den Forderungen der Stunde ständig nachhinkt, währenddem sich die Oeffentlichkeit — Industrie, Handel oder auch der simple Privatmann — zwangsläufig dem Lauf der Dinge einfügen, damit Schritt halten muss. Und die Folge davon? Ein vollständiges Auseinanderklaffen zwischen den Bedürfnissen einerseits und den Ergebnissen der Anpassung anderseits, denn diese bestimmt die Gangart des Amtsschimmels. Darin liegt wohl der Keim der Mehrzahl jener Kritiken eingeschlossen, die sich immer und immer wieder gegen Regierung und Kriegswirtschaft richten. heute nacht noch nach seiner Schiesserei über die Grenze nach Italien.» Gerda pendelt stundenlang vor dem Polizeigefängnis auf und ab. Sie sitzt am Nachmittag stundenlang in einem Korbsessel im Hotelvestibül. Um vier Uhr überreicht ihr der Portier einen Expressbrief. Sie reisst ihn auf. Sie liest ihn. Sie stürzt wieder zum Portier: «Wo ist Herr Staniol? Herr Staniol?... Ich muss ihn sprechen! » « Im Lesezimmer », antwortet der Portier unfreundlich; der Wirt hat ihm einen Tanz gemacht, dass er Gäste aufnahm, die das ganze Renommee des Hauses schädigten! Soviel Menschenkenntnis hätte ein Hotelportier zu haben!... Dabei hatte doch der Nachtportier die Leute aufgenommen... Gerda läuft ins Lesezimmer: «Da! Lesen Sie, lesen Sie!» «Immer mit der Ruhe, mein Kind.» Er holt den Zwicker aus dem Futteral, liest: Was man als Ausfluss lahmen Willens oder einer politischen Ueberzeugung betrachtet, ist im Grunde nichts anderes als Mangel an Schwung. Am schwersten freilich wiegt der Umstand, dass auch Männer von starker Energie, Entschlossenheit und ernstem Verantwortungsbewusstsein mit ihrem Bemühen zur Beseitigung des Beharrungsvermögens der Verwaltungsmaschinerie, worin sie eingegliedert sind, nur wenig ausrichten können. Es be- Es scheint, dass man in Kreisen der Motorfahrzeuggegner da^s heutige Darniederliegen des Automobilwesens für günstig hält, um die Aktion gegen den unangenehmen Konkurrenten der Eisenbahnen wieder aufnehmen zu können. So ist es kein Geheimnis mehr, dass die in der Litra vereinigten enragierten Autofeinde besonderen Wert darauflegen, die Frage der Verkehrsteilung zwischen Schiene und Strasse erneut aufzugreifen und in cihrer» Art zu lösen. Man wittert Frühlingslüft und hofft, die schon in früheren Jahren erhobenen Postulate in der heutigen Zeit der Benzinnot gegen weit geringeren Widerstand und mit mehr Erfolg verwirkliehen zu können. Eine Mahnung mehr für die Motorfahrzeuginteressenten, auf der Hut zu sein und eine geeinigte, starke Abwehrfront zu bilden. In den Zirkeln der «Litra» hegt man aber offenbar noch weitergehende Aspirationen; wenigstens geht dies aus einem Vortrag hervor, der in der «Litra> gegen Ende September 1940 (man kann, wenn nötig, mit dem genauen Datum dienen) gehalten wurde. Angesichts der Darlegungen des Referenten lässt sich der Warnungsruf an die leitenden Instanzen der Motorfahrzeug-Interessentenverbände nicht länger unterdrücken: «Hütet Euch am Morgarten!» Um den Hintergrund der Sache etwas näher zu betrachten: Der Zentralvorstand des Automobil- Clubs der Schweiz hatte sich diesen Sommer erlaubt, dem Bundesrat eine Broschüre «Das Auto, der unentbehrliche Helfer im wirtschaftlichen Wiederaufbau» zu überreichen, worin das Automobil als unentbehrliches Wirtschaftsinstrument und Arbeitsschaffer ersten Ranges bezeichnet und diese Behauptung durch ein ausführliches Zahlenmaterial sowie Vergleiche mit dem Ausland unter Beweis gestellt wurde. Damit verband der A. C. S. eine Anzahl Forderungen, um dem Motorfahrzeug auch in der Schweiz für die Zukunft seinen Platz an der INSERTIONS-PREIS DU aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren R*nm 45 Rp. Grfissere Inserate nach Spezialtarif InaeratenschlnM 4 Tage vor Erscheinen der Nummer ffi dürfte schon einer umfassenden Reorganisation des ganzen Systems und dazu einer Persönlichkeit in der Regierung, die stark genug wäre, eine Beschleunigung des Tempos herbeizuführen, um es durchzusetzen, dass überall das Verständnis für die Dringlichkeit der Probleme und für die in Kriegszeiten mitunter auftauchende Notwendigkeit einkehrt, auf Studien und Prüfungen zu verzichten, die sich allzuweit verlieren. Sonst passiert es nämlich, dass besagte Studien vor ihrem Abschluss gegenstandslos werden. Wofür denn auch Dutzende von Fällen den Beweis erbringen. Wir kommen nun einmal nicht länger darum herum, einem Beamten die Kompetenz zu verleihen, einen Entscheid zu treffen, ohne dass er Nachforschungen über zwei oder drei Jahre rückwärts, wenn nicht gar bis zum Weltkrieg 1914/18 anstellen muss, um zu ergründen, ob « man » sich schon früher einmal mit der Angelegenheit beschäftigt hat, wenn ja, mit welchem Erfolg und ob er, der Beamte, durch diesen Präzedenzfall gedeckt ist... frühere Publikation -des T. C. S., betitelt «Das ganze Volk muss es einmal wissen!», bezeichnet er die A. C. S.-Broschüre dennoch als Affront gegen den Bundesrat. Man habe sogar mit der Veröffentlichung der Broschüre gedroht (als ob der A. C. S. nicht das Recht hiezu besässe!), was ungefähr der Devise «Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt» gleichkomme. Aber das dicke Ende kommt erst: der Litra- Referent versteigt sich nämlich, zu der Erklärung, es scheine ihm bei diesem Sachverhalt nicht mehr verwunderlich, wenn ein Mitglied einer kantonalen Regierung ihm gegenüber neulich die Aeusserung getan habe, dass es nun nachgerade an der Zeit sei, die verantwortlichen Leiter einzelner Strassenverkehrsverbände wegen staatsgefährlicher Umtriebe zur Verantwortung zu ziehen (!!!). Man weiss nun an den Spitzen der grossen nationalen Strassenverkehrs-Verbände und deren kantonalen Sektionen, bei der «Via Vita», der schweizerischen und den kantonalen Strassenverkehrsligen woran man ist. Sollten es diese Organisationen noch weiterhin wagen, sich, wie es ihre Pflicht verlangt, für die Interessen der über 100 000 Motorfahrzeugbesitzer einzusetzen, so laufen sie vielleicht in absehbarer Zeit Gefahr, wegen staatsgefährlicher Umtriebe vor Gericht gestellt zu werden ... Es ist leider nicht bekannt geworden, wie sich der Vorstand der «Litra», dem ja verschiedene prominente Regierungsvertreter und Mitglieder der Bundesversammlung angehören, zu dieser krassen Entgleisung des Referenten gestellt hat. Möge man zu deren «Ehrenrettung» immerhin annehmen dürfen, dass der kritisierte Passus von dieser Seite aus eine scharfe, eindeutige Ablehnung und Zurückweisung erfahren habe. Wenn nicht, dann müsste Sonne zu sichern. Obwohl der «Litra-Referent» dieser A. C. S.-Broschüre gnädigst die Auszeichnung man am Sinnbild der Höhenstrasse der unvergesslichen Landesausstellung irre werden. widmet, sie sei «etwas milder» abgefasst als die V Meine Gerda! Verzeih mir ein letztes Mal! Ich danke Gott, dass mein Schuss den jungen Römer verfehlt hat. Du musst mir das glauben — es ist meine letzte Bitte an Dich! In einer Stunde geht mein Schiff. Wenn Euch das zu wissen dienlich ist: Direktor Römer fuhr in meinem Zug. Er sah aus wie ein ganz alter Mann und grüsste mich zuerst, als ich auf dem Perron an ihm vorüberging. Vielleicht hätte ich ihn ansprechen sollen — er schien mir so hilflos, wie er dastand, aber ich brachte es nicht über mich. Vergiss mich, Gerda, damit Du nicht im Bösen an mich zu denken brauchst. Alfred Becker. < Der Brief ist gut», sagt Staniol trocken. «Direktor Römer ist also als vollständig gebrochener Mann über Genua nach Hause gereist! Na, sehen Sie, Kind — alles rollt sich ab!» Gerda springt auf: «Ich muss Else Römer antelephonieren... sie vorbereiten!» «Tun Sie das. Ich springe inzwischen noch (Fortsetzung Seite 2.) Intimes aus de» »,Litf*a** zum Anwalt und überbringe ihm den Beckersehen Brief. Seine Selbstbezichtigung bestätigt Ihre Angabe vor dem Kommissar.» Um sechs kommt Staniol zurück: «Der Anwalt ist mit dem Brief zum Polizeikommissar. » Um sieben meldet der Portier: « Die Telephonverbindung kann nicht hergestellt werden. Der Teilnehmer wünscht nicht angerufen zu werden! » Um acht steht Hans Römer plötzlich im Hotelvestibül vor Gerda. Sie schreit auf: «Hans!» Er sagt nicht einmal guten Abend. « Los, Gerda. Melden Sie ein Gespräch an nach Hause. Else muss mir sofort ein paar tausend Franken schicken. Meine Brieftasche ist mir gestern während der Panik im Zirkus geklaut worden!... Ist Vater zu Bett? » «Geht nicht. Ihr Telephon ist gesperrt!» mischt sich Staniol ein. Hans Römer misst den Fremden, den er für den Geschäftsführer des Hotels hält, mit einem verwunderten Blick. Gerda wirft ein: