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E_1948_Zeitung_Nr.022

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Mit Nr. 22 - BERN, Mittwoch, 12. Mai 1948 Gelbe Liste Nummer: 30 Rp. ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen Schwell: ABONNEMENTS-PREISE: halbjährlich Fr. 6.30 jährlich Fr. 12.60 Erscheint jeden Mittwoch REDAKTION und ADMINISTRATION: BreitenrainsJr. 97, Bern Telephon (031) 2 82 22 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Aulorevne, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Zürich 23. Telephon 23 97 43 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Ranm 60 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif Inseratenschlnss Freitag 12 00 Uhr Strassenverkehr und angewandte Psychologie Lieber Leser, auch du kennst gewiss die unterhaltsamen Zusammensetzspiele, bei denen es gilt, eine Anzahl von unregelmässig geformten Holzoder KartoTistücken oder Steinen so aneinanderzufügen, dass sie zusammen eine einfache geometrische Figur, ein Dreieck etwa, ein Rechteck oder ein Quadrat ergeben. Auch das futuristische Bild in der Mitte dieser Seite stellt ein solches «Puzzle» dar. Versuche einmal dein Glück an dieser Aufgabe! Schneide die vier schwarzen Flecke aus und sieh, ob und wie rasch es dir gelingt, die Grundfigur aus ihnen aufzubauen. Hast du es? Ja? Gut! Nun, da du die kleine Geschicklichkeitsprüfung bestanden hast, kann ich dir verraten, dass das Gelingen dieses scheinbar so harmlosen Spiels vielleicht eines Tage6 mit darüber entscheiden wird, ob dir der Führerausweis belassen oder entzogen wird. Tagtäglich beinahe hängt schon heute die oft so schicksalsschwere Erteilung oder Verweigerung der sog. Fahrbewilligung für ein Motorfahrzeug davon ab, wie der Kandidat einer Führerprüfung derartige und ähnliche Aufgaben löst. Denn dieses Spiel ist in Tat und Wahrheit mehr als ein Spiel, Es ist ein « Test » und bildet als solcher einen Teil einer sogenannten psychotechnischen Eignungsprüfung für Motorfahrzeugführer. Eine solche aber kann nach Art. 33 der Vollziehungsverordnung zum MFG durch die zuständige Behörde dann angeordnet werden, wenn nach den Wahrnehmungen von Fahrlehrer und amtlichen Experten « Zweifel über die körperliche oder geistige Eignung» des Kandidaten bestehen. Psychotechnik oder angewandte Psychologie. Du schüttelst zweifelnd den Kopf, lieber Leser, und ich merke deutlich, wie du denkst: die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Aber so mag anfänglich auch der Grossteil jener Mitglieder der Gesellschaft der Militärmotorfahrer des Kantons Zürich gedacht haben, die an der letzten Quartalsversammlung ihrer Organisation teilnahmen. Der Vorstand hatte die glückliche Idee gehabt, durch berufenen Mund die Rolle der sog. Psychotechnik im Kampf um erhöhte Verkehrssicherheit auf der Strasse darlegen zu lassen, und Arbeit am Zweihandgerat. An einem Apparat sind zwei Kurbejn zu betätigen. Sie bewegen einen Bleistift, der auf einem durchscheinenden Papierblatt diesem unterlegte geometrische Figuren nachzeichnen soll. Dieser Test vermittelt wichtige Aufschlüsse beispielsweise über die Fähigkeit des Prüflings, die Arbeit seiner zwei Hände sinnvoll zu koordinieren, wie es für den Autofahrer so notwendig ist. A. Gamper, der Leiter der Abteilung Eignungsuntersuchungen des Zürcher Instituts für angewandte Psychologie, hatte sich dieser Aufgabe so geschickt entledigt, dass wirklich jedermann den hohen praktischen Wert dieser neuen Untersuchungsmethode für Motorfahrzeugführerkandidaten erkennen musste. Von « Technik » 16t bei der Psychotechnik nur im Sinne der praktischen Anwendung theoretischer Erkenntnisse die Rede, wie denn ja jeder einzelne Beruf seine Technik hat. Da aber diese ältere Bezeichnung erfahrungsgemäss bei vielen die Vorstellung einer eigentlichen Folterkammer aller möglichen Instrumente erweckt, ist die heutige Bezeichnung als angewandte Psychologie vorzuziehen, die übrigens auch der Sache besser entspricht als dt Name « Psychotechnik ». Zwei Hinweise mögen dem nicht sachkundigen Leser das Verständnis für diese Dinge erleichtern. Einmal weiss heute jedermann, dass die Führung eines Motorfahrzeugs nicht nur eine fahrtechnische und damit im wesentlichen mechanische Angelegenheit ist, sondern dass dabei Charakter und augenblickliche seelische Verfassung des Fahrzeuglenkers eine wichtige, ja entscheidende Rolle spielen. Sodann ist bekannt, dass einzelne Personen über eine ausgesprochene praktische Menschenkenntnis verfügen, die es ihnen erlaubt, aus diesem Wissen praktischen Nutzen zu ziehen, sei es, dass sie die Fähigkeiten anderer zu beurteilen vermögen, sei es, dass sie dieselben leicht, beeinflussen können. Nun, angewandte Psychologie auf dem Gebiete des Motorfahrzeugverkehrs ist nichts anderes als systematisch gesammelte und verarbeitete Menschenkenntnis zur Prüfung, Auslese und eventuell gründlichere Ausbildung von Autofahrern und Lenkern anderer motorischer Vehikel zu benützen. Am aktuellsten ißt dieses Verfahren zweifellos dort, wo es gilt, die Stras6enwildlinge und Verkehrssünder ausfindig zu machen und womöglich nachzuerziehen oder auszumerzen. Damit soll nicht bloss die Allgemeinheit vor diesen Schädlingen bewahrt werden; nicht weniger wichtig ist es, die letzteren vor sich selber zu schützen, und namentlich damit rechtfertigt sich eine psychotechnische Eignungsprüfung auch gegenüber diesen Leuten. Vier Stunden beim Psychotechniker. Ein Besuch im «Psychotechnischen Institut» möge nun dem Leser eine anschauliche Vorstellung vom Wesen und Verlauf einer solchen Eignungsprüfung vermitteln, zu der 6ich fast tagtäglich Anwärter auf die Fahrbewilligung aus einem grossen Teil des Schweizerlandes einstellen. Unter der zielbewussten Führung des Examinators wird der Prüfling während vielleicht drei Stunden einer nicht abreissenden Folge verschiedenartiger « Tests » unterworfen. Manchem graut vor dieser vermeintlichen Folter nur schon vom Hörensagen. Aber auch du, lieber Leser, würdest dich doch sicherlich getrauen, ein gerades Stücklein weichen geglühten Eisendrahtes zu einem Ring zu biegen, nicht? Und auch du siehst gewiss keine unüberwindliche Schwierigkeit darin, dass gleiches Drahtstück zweimal so zu knicken, dass ein gleichseitiges Dreieck daraus entsteht. Und wenn nun der Psychologe vier mannigfach geformte flache BlechstürV« vor dich hinlegt und dich heisst, sie zu einem Reckteck zusammenzufügen, da zögerst du doch sicher keinen Augenblick, zuzugreifen und binnen wenigen Sekunden das von dir Verlangte zu leisten, Gemach! Wieviel verrät der Kandidat — ganz abgesehen vom endlichen Erfolg seines Mühens •— nur schon durch die Art, wie er an seine Aufgabe herangeht! Vielleicht gehört er gar zu jenen, die es zuerst hochfahrend ablehnen, Kindergartenspiele zu treiben, um auf die beharrliche Aufforderung des Examinators hin widerwillig nach diesem « Spielzeug» zu langen, die Einzelteile des Zusammensetzspiels nach ein paar demonstrativ vergeblichen Versuchen hinzuwerfen, die zwei Drahtstücke zu einem knapp als solchem erkennbaren Ring und einem annähernden Dreieck zusammenzuahnungslos vor ihm sitzt. Und A. Gamper, der er- knüllen und schliesslich Miene zu machen, aufzustehen und «das Lokal zu verlassen », Vielleicht gehört er auch zu den Bedächtigen, die zuerst ruhig mit verschränkten Armen dasitzen und dann mit ein paar wenigen ruhigen Griffen die Blechstücke zum Rechteck zusammenschieben, den einen Draht fast ohne Knick zum Ringe krümmen und den andern mit zwei scharfen Rucken zum millimetergenauen Dreieck zusammenfalten. Hundert Arten, sich mit einer gegebenen Aufgabe auseinanderzusetzen — hundert verschiedene Charaktere, Denkweisen, Reaktionsformen, Geschicklichkeitsgrade auch, als Führer eines Motorfahrzeugs seine Pflicht zu tun. Sorgfältig registriert sie der Psychotechniker. Immer deutlicher wird das Charakterbild, und immer schärfer treten die Konturen auch des künftigen Autofahrers oder Lastwagenchauffeurs zutage. Dabei kommt es nicht einmal 60 sehr auf das schliessliche Gelingen an; nicht weniger kennzeichnend ist die Art, wie die jeweilige Aufgabe angepackt wird, und selbst wer ein einzelnes Problem nicht zu lösen vermag, braucht keine schlechteren Perspektiven für sein künftiges Verhalten am Lenkrad aufzuweisen als der sieghafte Alleekönner, der alle Dinge nur so « 6chmeisst ». Jener nämlich wird sich auch im Verkehr bedächtig -und vorsichtig verhalten; dieser aber 6ieht vielleicht gerade im eigentlichen Wagnis den Reiz des Autofahrens und « probiert es einfach », wenn er an eine gefährliche Kreuzung kommt. i Vielseitiges Menschenbild. So arbeitet der Psychotechniker Zug um Zug das Bild des Prüflings heraus, der im Grunde Eine Testaufgabe aus einer psychotechnischen Eignungsprüfung in Gestalt eines Zusammensetzspiels. Man schneide die vier schwarzen Figuren aus oder zeichne sie durch und versuche, sie zu einem einzigen gleichseitigen Dreieck zusammenzufügen.-Äff und Weise des Vorgehens und Enderfolg dieses Bemühens vermitteln dem Psychotechniker Einblicke in Charakter und Arbeitsweise des Prüflings. fahrene Menschenkenner, verstand es im Kreise der Zürcher Militärmotorfahrer ausgezeichnet, auf einfachste Weise zu schildern, wie dieses Bild zustandekommt und was es an Aufschlüssen über das lebendige « Modell » enthält. Es scheint angezeigt, in aller Kürze auch systematisch aufzuzählen, auf was sich die Untersuchung in diesem Sinne erstrecken muss. Da ist einmal die Reaktionsfähigkeit auf alle Eindrücke der Aussenwelt, seien sie optisch wie das Bild eines Verkehrssignals oder die Erscheinung eines plötzlich auftauchenden Fahrzeugs, seien sie akustisch wie das Hupenzeichen eines Autos, das zur Ueberholung ansetzt, seien sie schliesslich anderer Sinnesqualität wie etwa die Geruchssensation bei einem plötzlich ausbrechenden Brand. Es ist klar, dass für den Motorfahrzeugführer vor allem eine gro6se Raschheit und Gleichrr.ässigkeit der Reaktion auf solche « Signale » der Aussenwelt erwünscht ist. Ebenso verständlich ist aber, dass eine gewisse Langsamkeit dieser Reaktionen durch deren unbedingte Zuverlässigkeit wertvoll kompensiert werden kann. Dann das manuelle Geschick! Nun braucht ja ein Autofahrer heutzutage kein Mechaniker mehr zu sein, der allen Pannen seines Fahrzeugs selber zu begegnen weiss. Aber seine Hände müssen immerhin eine Schraube richtig zu fassen wissen, einen Druckknopf, einen Handgriff rasch und sicher finden und betätigen können. Besonders wichtig sind selbstverständlich auch für den Motorfahrzeugführer die sogenannten Intelligenzfähigkeiten. Rasche Auffassung und natürliches Denkvermögen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes sind unerläßliche Eigenschaften jedes Menschen hinter dem Volant oder an der Lenkstange eines Motorrads, will er den ständig wechselnden Verkehrssituationen zweckmässig begegnen. Wohl die eigentlich massgebende Qualität im Komplex dieser Gruppe von Fähigkeiten ist aber die Voraussicht, die den Fahrzeugführer instandsetzt, die kommende Entwicklung einer augenblickliche-n Situation abzuschätzen und 6ich richtig darauf einzustellen, und Das scheinbar so einfache Zusammenbiegen eines geraden Drahtes zum Kreis oder Dreieck gibt AufschTuss über das Materialgefühl des Prüflings, über sein Augenmass, die Ruhe seiner Hände, die Ueberlegtneit oder Kopflosigkeit seines Vorgehens, .seine Beharrlichkeit oder sein rasches Nachgeben 'vor ^Schwierigkeiten, sein technisches Geschick — und all das lässt weitgehend voraussagen, wie er sich am Steuer eines Motorfahrzeugs verhalten wird. dazu gehört natürlich vor allem die richtige Beurteilung und « Zusammensetzung » von Geschwindigkeiten. Zuletzt der als besondere Eigenschaft für sich betrachtete und gewertete Arbeitscharakter! Dieser ist die Gesamtheit der Einstellungen, mit denen jemand an die Lösung irgendeiner Aufgabe herangeht. Hier verfangt die besondere Situation des Motorfahrzeugführers namentlich Konzentrationsfähigkeit im Sinne der beharrlichen Aufmerksamkeit auf die Strasse und den Verkehr, ein •flüssiges, aber vorsichtig allen Schwierigkeiten angepasstes «Arbeitstempo », das ein richtiges Zusammenspiel aller Manipulationen der Fahrzeugbedienung gewährleistet und nicht zuletzt: zuverlässige Gewissenhaftigkeit, gegründet auf ausgeprägtem Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Zweifel und Gewissheit. Und das alles will der Psychotechniker mit «einen paar Spielsachen und Apparätchen feststellen? mag mancher Leser dieser Darlegungen zweiflerisch fragen. Wir aber können ihm nur zuversichtlich antworten: gewiss! Die Psychotechnik verfügt über einen reichen Bestand an Untersuchungsmethoden und Tests, die, tausendfach erprobt und bewährt, ein ausserordentlich umfassendes und höchst zuverlässiges Bild von Charakter und allgemeiner Persönlichkeit eines Menschen zu liefern vermögen. Und diese Methoden und Tests werden bei der Eignungsprüfung des kommenden Motorfahrzeugführers systematisch und in höchster Konzentration eingesetzt, so dass sie in wenigen Stunden einen sichereren Befund ergeben als oft jahrelanges Experimentieren des «Menschenkenners» im praktischen Leben, I. Blatt Bundesfinanzreform und Talstrassennetz Im Karussell von Monaco Meisterschaftsanwärter, aufgepasst! Tagungen am Wochenende II. Blatt Der Dommartin.3,6-Liter-Rennwagen Servolenkung für Lastwagen Eine Automobil-Gasturbine Der DKW.Dreizylinder F9 Fortschritte in der Schmiertechnik HT. Blatt Eine Werkstattwoche in der Ostzone Treibstofflager Italien Verkehrserziehung in Wien