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E_1948_Zeitung_Nr.030

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Hr. 30 - BERN, Mittwoch, 7. Juli 1948 44. Jahrgang Nummer: 30 Rp. ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen Schweiz: ABONNEMENTS-PREISE: halbjährlich Fr. 6.30 jährlich Fr. 12.60 Erscheint jeden Mittwoch REDAKTION und ADMINISTRATION: Breitenrain8»r.97, Bern Telephon (031) 2 82 22 - Postcheck III414 • Telegramm-Adresie: Auiorevuc, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstraase 51, Zürich 23. Telephon 23 97 43 INSERTIONS-PREIS: Die achlgespallene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 60 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif Inseralenschlus? Kreitag 12 00 Uhr Trossi (Alfa Romeo) gewinnt den Grossen Preis — Taruffi (Cisitalia) im Preis von Bern siegreich Todesstürze von Varzi und Kautz — Trintignant schwer verletzt - An Zwischenfällen reiche Rennen — 74000 Zuschauer Der 9 Grosse Preis von Europa für Automobile, der in Verbindung mit dem 6. Preis von Bern und dem 7 Preis vom ßremgarten sowie internationalen Motorradrennen am letzten Samstag und Sonntag auf der Bremgartenwaldrundstrecke in Bern ausgetragen wurde,, übte nicht zuletzt dank dem sozusagen in letzter Stunde Tafsache gewordenen überraschenden Wetterumschlag eine gewaltige Anziehungskraft aus. Rund 74000 Zuschauer, von denen ein beträchtlicher Prozentsatz die Bundesstadt von auswärts per Auto und Motorrad erreichte — zählte man doch auf den Parkplätzen der Innerstadt und den besondern Abstellplätzen im Bereich der Rennstrecke nicht weniger als 9500 Motorfahrzeuge — wohnten dem sonntäglichen Grossanlass bei. Berücksichtigt rr>ar, ferner die 31 000 Besucher, die dem Training vom Donnerstag und Freitag und den Vorrennen vom Samstag folgten, so kommt man auf die stattliche Zahl von 105000 Schaulustigen, was einmal mehr beweist, wie, hoch der Motorsport hierzulande im Kurs steht. welch riesigs Menschenmassen er zu fesseln vermag. Wenn wir freilich in unserer Sportvorschau vorn letzten Mittwoch die Hoffnung aussprachen, es möchte das Meeting in jeder Beziehung einen harmonischen Verlauf nehmen, so zerrann diese Hoffnung bereits am ersten Trainingstag in nichts. Wal- 'ete schon über dem Vorjahrsrennen ein Unstern, indem die unzureichenden Stehplatzgelegenheiten für ein Heer von Zuschauern, wie man sie in solcher Zahl nie zu erwarten wagte, verschiedene Zwischenfälle im Gefolge hatten, bei denen einige Zuschauer ihren Mangel an Disziplin mit dem Leben bezahlten, so standen auch die Rennen vom vergangenen Wochenende im Zeichen schwerer Unglücksfälle. Diesmal allerdings trifft weder die Organisatoren noch die Zuschauer die geringste Schuld, denn einerseits hatten die Veranstalter im Verein mit der Rundstrecken-AG, durch die Errichtung von amphitheatralisch angelegten Rampen sowie die teilweise Freigabe des Innenraums alles getan, um die berechtigten Ansprüche grösster Zuschauermassen auf Platz und Sicht längs des ganzen Parcours zu erfüllen — nach unsern Beobachtungen haben sich die vorgenommenen baulichen Veränderungen vollauf bewährt —, und 'Zum andern klappte der verstärkte Streckensicherungsdienst tadellos, und auch die Zuschauer verdienen für ihr Verhalten Note 1 Was sich vielmehr wie ein Schatten über den sportlichen Erfolg der Berner Veranstaltung senkte, das sind die schweren Unglücksfälle, die verschiedenen Konkurrenten von der ersten Trainingsstunde hinweg zustiessen, von denen nicht weniger als drei tödlich verliefen, während ein vierter Fahrer mit schweren Verletzungen im Spital darniederliegt. War es kurz nach Aufnahme der Trainingssitzung am Donnerstagmiftag der berühmte italienische Motorradchampion Tenni, der in der Eymatt beim Einbiegen in die Wohlensfrasse mit seiner Guzzi in hohem Tempo von der trockenen Bahn geriet und gegen einen Baum getragen wurde, was seinen Tod zur Folge hatte, so erschütterte uns am Abend des gleichen Tages, unmittelbar vor Abbruch des scheusslich verregneten Trainings der Formelwagen, Hie Kunde vom Todessturz Varzis ausgangs der S-Kurve im Jorden. Im Preis von Bern endlich ereignete sich am Sonntagvormittag bei Posten 9 an Her Wohlenstrasse ein Zwischenfall, bei dem sich der Franzose Trintignant schwere Verletzungen zuzog; nach unsern am Dienstagmittag eingezogenen Erkundigungen ist in dessen Zustand seit Sonntag zwar eine gewisse Besserung eingetreten, doch befindet er sich noch immer nicht ausser Lebensgefahr Im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Blitz aus heiterm Himmel aber traf uns am Ende des Grossen Preises von Europa am Sonntagabend die niederschmetternde Nachricht, dass unser Landsmann Christian Kautz, der in der 2. Runde des Grand Prix ausgangs der gleichen Kurve wie Tenni ebenfalls gestürzt war, den erlittenen schweren Verletzungen-pr'eqen sei, womit sich die Zahl der Grand-Prix-Todesopfer auf drei erhöhte. Grosser Preis von Europa in Bern derart schwarze Tage stösst, wie wir sie nun in Bern erlebten, wobei wir lediglich an den Grossen Preis von Monza des Jahres 1933 erinnern, wo BorzacchinJ, Campani und Graf Czaikowsky in den Tod fuhren. Lassen wir indessen die Berner Rennen in ihrem ganzen Ablauf nochmals an uns vorüberziehen, dann kommen wir- um die Feststellung nicht herum, dass zwar das Schicksal von den Aktiven des Volants und des Guidons einen überaus harten Tribut gefordert hat, dass man aber bei aller Summierung des Unglücks von sehr viel Glück sagen kann, wenn eine Reihe weiterer Zwischenfälle nicht denselben Ausgang genommen hat. Wir denker) an den Stur.z Dattners und jenen Abecqssis' in der Eymatfund vor allem an die unvorstellbaren Weiterungen, die der Unfall Tnintignants im Preis von Bern hätte nach sich ziehen können. Man geht sicher kaum fehl, wenn man die Ursache zu diesen Unfällen wenigstens teilweise in den allzuhohen Tempi erblickt, und bereits vernimmt man denn auch Stimmen, die der Auffasung Ausdruck geben, die ßerner Strecke sei gefährlich, weil sie die Fahrer zu übersetzten Tempi geradezu verleite. Demgegenüber möchten wir folgendes zu bedenken geben: Als Bernd Rosemeyer im ausserordentlich schnellen Grossen Preis der Schweiz 1936, an dem sich nicht ein einziger Zwischenfall von Belang ereignete, über die « grande epreuve »-Distanz von 500 km die horrende Durchschnittsgeschwindigkeit von 161,754 km/h er.zielte, da stand man nicht an, vor dieser phantastischen Leistung den Hut zu ziehen, und niemand wäre es in den Sinn gekommen, den «Bremer >-Kurs, der mit jenem von Reims-Gueux, von Spa-Francorchamps und dem Hockenheimring zu den schnellsten Europas zählt, der Gefährlichkeit zu zeihen, weil es letzten Endes an den Konkurrenten liegt, die Geschwindigkeit — wo immer dies sei — den gegebenen Verhältnissen anzupassen. Als die Tempi im Zeichen der Maximalgewichtsformel 1934—1937 sprunghaft hinaufschnellten, da haben wir an dieser Stelle auf Grund eines eindrücklichen Zahlenmaterials dargetan, dass parallel mit der Geschwindigkeitssteigerung auch eine erhöhte Sicherheit einherging, indem sich bedeutend weniger Unfälle ereigneten als je zuvor. Der höchst bedauerliche Umstand jedenfalls, dass dem Grossen Preis von Europa 1948 drei Menschenleben zum Opfer fielen, bildet u. E. noch lange keinen hinreichenden Grund, die Strekkenanlage für das Vorgefallene verantwortlich zu machen. Erschüttert verneigen wir uns an der Bahre'von Achille Varzi und Christian Kautz, aber auch von Omobono Tenni, dessen Name zum ersten- und einzigenmal in Beziehung mit dem Automobilsport genannt wurde, als er im Frühjahr 1947 das Cisitalia-Rennen von Kairo bestritt. Möge ihr Tod im friedlichen Wettstreit nicht umsonst gewesen sein, sondern ihren zurückbleibenden Kameraden vom Lenkrad ©ine Mahnung bedeuten, das Moment der Sicherheit auch im Kampf auf Biegen und Brechen nicht ausser acht zu lassen. Die rein sportliche Würdigung der Berner Motorsporttage kann kurz ausfallen, nachdem in unsem Berichten über die einzelnen Rennen das Wesentliche bereits gesagt ist. Im Grossen Preis von Europa kam es zum erwarteten klaren Doppelsieg des Fabrikteams von Alfa Romeo, das, auf eindringlichen Wunsch der Witwe Achille Varzis, dennoch (mit Trossi, Wimille und Sanesi) an den Start ging und — offenbar der Teamorder gehorchend — mit Trossi und Wimille die beiden ersten Plätze besetzte. Das im grossen und ganzen eher monotone, an Ausfällen reiche Rennen — von 20 gestarteten Konkurrenten gelangten 9 ins Ziel — sph Farina auf dem Zweistufenxompressor-Maserati, der als einziger ausser Villoresi und Ascari das von den Spitzenreitern diktierte Tempo einigermassen mithalten konnte, bis er leider wegen eines 'Kompressordefektes aus Akt und Trakfanden schied, namentlich in der ersten Phase als eigentlichen Animator des Rennens. Hervorragend schlugen sich Villoresi und Ascari, beide auf einem neuen, tiefliegenden Maserati mit Zweistufenkompressor der Scyderia Ambrosiana, die nach uhrwerksgleicher Fahrt im 3., bzw. 5. Rang landeten, währertd Sanesi auf der dritten Alfetta auf dem 4. Platz einkam, mit einer Runde Rückstand auf den Leader Hinter diesen Kompressorwagen klassierten sich drei gebläselose Talbot, die im Unterschied zu den Alfettas und Maseratis voll ausgefahren wurden, sich aber ein bis tzwei Runden abnehmen lassen mussten. An neunter und letzter Stelle figuriert einer der 2-Liter-Ferraris mit Prinz Igor, der angesichts der Hubraumdifferenz a priori kein ernstes Wort mitzureden hatte, aber regelmässig und vor allem zuverlässig seine Runden drehte. Wenn sich der Rennverlauf in einem Rennen anders abspielte, als man sich dachte und dadurch die Prognosen gründlich über den Haufen geworfen wurdsn, dann war dies im Preis von Bern, wo die Hochspannung in den ersten Runden schier zu platzen drohte, wo aber nach dem schweren Sturz Trintignants, der die Vierermannschaft Gordinis schon in der schicksalshaften vierten Runde zur Hälfte dezimierte und den dritten Fahrer, Bira, stark zurückwarf, die Würfel praktisch gefallen waren. Sportlich vermag der Ausggng insofern nicht voll zu befriedigen, als die Squadra Dusio ihren glänzenden und in diesem Umfang sicher nicht erwarteten Erfolg doch weitgehend den Eskapaden Trintignants und Manzons verdankt. Das festzustellen tut der hervorragenden Leistung des Fabrikteams von Dusio nicht den geringsten Abbruch. Man wird aber mit uns einiggehen, dass das Rennen an Gehalt stark gewonnen hätte, wenn Gordinis Leute über die 3. Runde hinaus, als der Kampf um die Führung in vollem Gange war und dessen weitere Entwicklung noch durchaus offen schien, unter «normalen > Verhältnissen hätten mittun dürfen. Die Rennen in Bern Bilderbogen vom Grossen Preis Achille Varzi f Christian Kautz f Fahrunterricht an amerikanischen Schulen Wer war der Erste? Der Volkswagen Ein Porsche-Heckmotor-Sportwagcn Renntreibstoffe (II) Torsi onsschwingungen vom Samstag und SonntJtg Deutsche Autoindustrie in ernster Lage Man muss in der Geschichte des europäischen Autorennsports weit zumückblättern, bis man auf Sie sind gestartet! Zum Grossen Preis von Europa nämlich, wo Farina (Maseroli) vor der Houpttribüne on der Spitze abhuscht mit Wimille (Alfelta), Villoresi (Maserati), SomiMr (Simca-Gordini) und Chiron (Talbot) im Kücken. Ganz links die Alfetta von Graf Trossi vor Ascari (Maserali).