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E_1948_Zeitung_Nr.040

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Nr. 40 — BERN, Mittwoch, 15. September 1948 44. Jahrgang — Nummer: 30 Rp. ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBILZEITUNG ZENTRALBLATT FÜR DIE SCHWEIZERISCHEN AUTOMOBIL- UND VERKEHRSINTERESSEN ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH - REDAKTION UND ADMINISTRATION: BREITENRAINSTRASSE 97, BERN, TELEPHON (031) 2 82 22 - GESCHÄFTSSTELLE ZÜRICH: LÖWENSTRASSE 51, ZÜRICH 23, TELEPHON 23 97 43/44 Die Geschichte der schweizerischen Personenwagenindustrie Es ist heute nur noch einem kleinen Kreis von Zeitgenossen bekannt, dass in der Pionierzeit des Motorfahrzeugverkehrs auch in der Schweiz eine rührige Automobilindustrie bestanden hat. Dass sie nach einer kurzen Blüteperiode bald wieder einging, ist eine Erscheinung, deren Ursachen tiefer liegen als man oft annimmt. Dass die Voraussetzungen für eine Motorfahrzeugindustrie im Grossen in unserem Lande nicht gegeben sind, scheint nicht immer genügend erfasst zu werden, da oft solche Bestrebungen neuen Antrieb erhalten. Wir selbst waren gegen Ende des Krieges der Meinung, die geänderten Verhältnisse möchten vielleicht den Bestand einer Automobilindustrie erleichtern; der Gang der Dinge hat uns leider eines andern belehrt. Es zeigte sich dabei, dass es aus der Geschichte der ehemaligen Industrie auch für uns viel zu lernen gibt. Da diese noch nicht besteht und die vorhandenen Quellen unvollständig, oft sogar unrichtig sind, haben wir unseren Mitarbeiter Robert Moser beauftragt, die Geschicke jener Firmen zu behandeln, solange noch Zeitgenossen und Archive die nötigen Unterlagen vermitteln können. Der nachfolgende Aufsatz behandelt die wirtschaftlichen Entwicklungen; später zu veröffentlichende Monographien werden sich mit den Schicksalen der einzelnen Firmen befassen. Red. Die im Sommer 1946 in Amerika und England mit besondern Festlichkeiten begangenen 50. Geburtstage der nationalen Automobilindustrien hatten das österreichische Fachblatt « Austro-Motor > zu einer Betrachtung veranlasst, die in der Feststellung gipfelte: « Auch wir besässen das geschichtliche Recht, zur Feier der Vollendung eines halben Jahrhunderts österreichischer Automobilindustrie eine Auffahrt zu organisieren, die der Welt gezeigt hätte, was sie unseren Konstrukteuren an bahnbrechenden Ideen verdankt. Die Welt weiss nichts davon, und was schlimmer ist — nicht einmal im eigenen Lande ist das Bewusstsein lebendig, dass Oesterreich am Werden des Automobils entscheidend mitgewirkt hat. » Die zitierten Sätze, namentlich der zweite, unserer Wiener Kollegin haben auch für die Schweiz vollumfänglich Gültigkeit. Als kleinstes und rohstoffarmes Land unter allen Industriestaaten leistete die Schweiz einen wesentlichen und entscheidenden Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung des Motorfahrzeuges in allen fünf Kontinenten, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ganze Generationen, die sich seit dem ersten Weltkrieg Personenwagen bedienten, die ausschliesslich fremder Herkunft sind, wissen kaum mehr, dass vor 30, 40 Jahren auch in dieser Branche eine nationale Industrie existiert hatte, die in der ganzen Welt einen ausgezeichneten Ruf genoss und eine eminente volkswirtschaftliche Bedeutung erlangte. Die damalige, fruchtbare Arbeit unserer Konstrukteure muss um so höher gewertet werden, als sie sich um die schwierige Aufgabe bemühten, technisches und wirtschaftliches Neuland zu erschliessen. Doch am Anfang standen die Intuition, der Wagemut, das Unternehmerrisiko und vo allem die Hingabe an eine Sache, die von unseren Ahnen geradezu verfemt war. Lange, sehr lange haben, speziell in den helvetischen Gauen, Bevölkerung und Obrigkeit im selbstbeweglichen Strassenf ahrzeug eine Art « Volksfeind » erblickt, den man mit kaum vorstellbaren und heute geradezu lächerlich anmutenden Schikanen zu bodigen trachtete. War die öffentliche Meinung zu Beginn des Jahrhunderts dem Automobil gegenüber ausgesprochen feindselig eingestellt gewesen, so galt es in erster Linie, durch das Mittel der Technik die zahlreichen Vorurteile zu entkräftigen. Konstrukteure und Fabrikanten mussten, um einen Absatz zu finden, den Beweis erbringen, dass das Automobil ein zuverlässiges und sicheres Verkehrsmittel ist, das seinen Benutzern wesentliche Vorteile verschafft, ohne die andern Leute einer besondern Gefährdung auszusetzen. Um die durch die Faktoren Zuverlässigkeit und Sicherheit markierten Ziele zu erreichen, hatten die Techniker mit einer Unzahl von Einzelproblemen des Motors, der Kraftübertragung, des Fahrwerkes, der Aufhängung, der Bremsen, der Lenkung, der Beleuchtung und der Bereifung zu ringen. Jede konstruktive Idee musste auf der staubigen und holperigen Landstrasse im praktischen Betrieb erprobt werden, denn es gab damals weder Laboratorien noch Berechnungsformeln oder gar Resultanten wissenschaftlicher Erkenntnisse für das komplizierte Automobil. Begreiflich, dass es in der Pionierepoche einige Leute, die von der zukünftigen Bedeutung des Automobils tiefst überzeugt waren, lockte, sich mit den mannigfachen technischen Problemen auseinanderzusetzen und nach richtungsweisenden Lösungen zu suchen. Und die Schweiz verfügte über solche Persönlichkeiten, die unverdrossen einen soliden Grundstein zu einem Industriezweig legten, der für die Entwicklung so sehr beispielgebend wirkte, dass man mit Ehrfurcht des schweizerischen Anteils an der Aufrichtung der Welt-Automobil-Industrie gedenken soll. Im Zeichen der Zentenarfeier der « confoederatidne helveticae » ist bereits der äussere Rahmen gegeben, um das 50jährige Jubiläum des nationalen Autobaues zu feiern. Adolph Saurer hatte 1897 in Arbon seinen ersten Motorwagen mit Petroleummotor herausgebracht, und 1898 hatten die Brüder. Adolf und Max von Martini I. Aufstieg und Niedergang m Frauenfeld das erste Automobil fertiggestellt. Schliesslich erfüllt unser Blatt mit diesen historischen Reminiszenzen eine Verpflichtung, die bereits in der ersten Ausgabe vorgezeichnet wurde. Im programmatischen Leitartikel der Nr. 1, die im Januar 1906 herauskam, steht unter Punkt 3 zu lesen: « Förderung der Interessen unserer einheimischen Automobilindustrie. Wer mit den Verhältnissen einigermassen vertraut ist, weiss, dass unser Land eine Autoindustrie besitzt, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. London und Paris haben mit ihren beiden letzten Ausstellungen (1905) gezeigt, dass der Weltmarkt die schweizerische Automobilindustrie vollgültig einschätzt, ja ihr sogar Anerkennung zollt, die ihr das Geburtsland leider oft vorenthält. Das muss anders werden. Der gesunde Sinn unseres Volkes braucht nur einmal darüber in richtiger Weise aufgeklärt zu werden, und es wird sich die Erkenntnis Bahn brechen, dass die Schweiz nicht nur mit ihrer Stickerei, Seide, Schokolade und ihren Milchprodukten auf dem Weltmarkt an der Spitze marschiert, sondern es wird die Zeit kommen, wo jeder Kenner mit dem Ausdruck « Schweizer Auto » diejenigen Marken bezeichnet, die mit in vorderster Reihe der Kraftwagenindustrie stehen. » Rückblickend darf konstatiert werden, dass die kühne Prophezeiung leider nur kurzwährende Wirklichkeit wurde. Zum Verständnis des wenig erfreulichen Endresultates, dessen Opfer die Konstrukteure, Fabrikanten und Finanziers wurden, sei eine zusammengefasste Schilderung der allgemeinen Situation vorausgeschickt. Ueber die Ausgangslage nach der Jahrhundertwende enthält ein im Dezember 1901 verfasster Prospekt zur Umwandlung der von Jean Huber-Graf und A. Zürcher gegründeten Orion-Automobilfabrik in eine Aktiengesellschaft eine treffliche Charakterisierung: «Das Bestreben, animalische Kräfte durch mechanische zu ersetzen, brachte uns im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts neben andern wichtigen Errungenschaften auch das Automobil. Erst sah man diese modernen Fahrzeuge, wie gewöhnlich alles Neue, mit etwas misstrauischen Blicken an; jetzt finden aber auch Geschäftsleute, dieses leichte und rasche Verkehrsmittel sei eigentlich recht praktisch, nicht nur für einen raschen und billigen Personen-, sondern auch für den Warentransport, wo Eisenbahnen ausser Frage stehen. In Deutschland, namentlich aber in Frankreich, sind schon Tausende solcher Fahrzeuge in den Dienst der Industrie und des Handels gestellt. Ausländische, erstklassige Firmen sind mit Aufträgen überhäuft und können Bestellungen erst nach 9 und 10 Monaten effektuieren. In der Westschweiz sind ca. 800 Motorwagen im Betrieb, und bereits werden in verschiedenen Staaten, bekanntlich letzten Herbst auch in der Schweiz, Versuche mit solchen zu militärischen Zwecken mit bestem Erfolg gemacht. Dass diese Versuche gelungen sind und in höheren Offizierskreisen die Meinung vorherrscht, die Schweiz. Eidgenossenschaft müsse eine grössere Anzahl (160 Stück vorläufig) solcher Automobile anschaffen, konnte man jüngst in Tagesblättern entnehmen. Auch die Eidg. Postverwaltung hat begonnen, Automobilfahrzeuge in ihren Dienst zu stellen, namentlich für die steilen Bergstrassen im Neuenburger Jura. » Zwischen 1905 und 1908 herrschte in diesem neuen Industriezweig ein eigentliches Gründungsfieber. Ein zeitgenössischer Chronist berichtete: « Die Hochkonjunktur Hess neue Automobilfabriken wie Pilze aus dem Boden schiessen; überall macht man sich daran, von der reichen Ernte, welche die Automobilindustrie verhiess, goldene Früchte einzuheimsen. > Der Hausse folgte indessen die Baisse auf dem Fusse, wie aus dem Jahresbericht der Schweiz. Handelskammer pro 1908 hervorgeht: c in der Automobilindustrie hatte sich schon 1907 eine bedeutende Stockung im Absatz, insbesondere in bezug auf grosse Personenwagen, bemerkbar gemacht. Die festen Abschlüsse wurden durch zahlreiche Zwischenhändler nicht eingehalten, was zur Folge hatte, dass mit Beginn 1908 die meisten Fabriken über unverkaufte Stocks von Automobilen verfügten. Da die Käufer hauptsächlich den kleinen, leichten und billigen Wagen verlangten, so sahen sich die Produzenten gezwungen, ihre Fabrikation nach dieser Richtung hin zu orientieren. > Die Spreu scheint sich jedoch rasch vom Weizen gesondert zu haben, und der momentane Rückschlag wurde überwunden, so dass ab 1909 eine lineare Aufwärtsbewegung einsetzte, der dann die Hochkonjunktur des ersten Weltkrieges ein brüskes Ende setzte. Im Unterschied zu andern Staaten gibt es in der Schweiz keine Produktionsstatistik, und so liegt über das Volumen der Erzeugung lediglich eine einzige Aufstellung des Eidg. Statistischen Amtes vor, nach der im Jahre 1909 in der Schweiz 607 Personenwagen und 105 Lastwagen hergestellt worden sind. Diese Menge hat sich dann, vorwiegend im Sektor der Nutzfahrzeuge, vervielfacht: Ueber die Stellung der nationalen Personenwagenindustrie auf dem einheimischen Markt orientieren die Markenstatistiken, welche zu- ZEUGEN VERGANGENER PRACHT — DIE KOHLERFORMEN SCHWEIZERISCHER PERSONENWAGEN 1 Pic-Pic, 2 Martini, 3 Sigma, 4 Stella, 5 Saurer, 6 Fischer, 7 Turicum. Die Geschicke dieser Marken werden spälerfolgende Beiträge behandeln. ERZEUGNISSE SCHWEIZERISCHER PIONIER- TÄTIGKEIT Oben: Der Remezy-Automobilschlitten, den die Soci«l» Neuchateloise de l'Automobite für Russland baute, stammt aus dem Jahr 1907. Er wurde durch eine unter dem Heck des Wagens liegende Schraubenwalze fortbewegt. Unten: Der luftgekühlte Henriod-Molor mit hängenden Ventilen, ein 30-PS-Yierzylinder aus der gleichen Zeit. gleich die Vielgestaltigkeit der Fabrikate erkennen lassen. Die erste Zusammenstellung über die Bestände und deren Gliederung nach der Herkunft erwies sich als unvollständig, da sie sich auf Angaben der Kantone stützten, welche lückenhaft waren. Eine Inventuraufnahme, die einigermassen zuverlässig erscheint und den Park auf Ende 1917 erfasste, hatte der Direktor des Eidg. Statistischen Amtes seinerzeit in einer Genfer Zeitschrift publiziert, •wobei es allerdings nicht ausgeschlossen ist, dass sich die Zahlen auf den Sommer 1914 beziehen. Dieses Material sei der Schweiz. Automobilstatistik 1929 gegenübergestellt, die vom gleichen Amt als leider bisher einziges statistisches Quellenwerk dieser Art sehr detailliert ausgearbeitet worden ist: 1917 Ende 19» TotalbesJond an Personenwagen 5076 55 149 Davon Schweizer Fabrikate 1653 - 33% 1 528 = 3% Anteile der nationalen Marken: Arbenz 4 * — Ajax 37 — Berna 9 * — Stella 58 — Martini 635 747 Orion 6 • — Pic Pic 428 399 Saurer 54 * — Sigma 92 — Fischer 89 14 Tribelhorn 112 — Turicum 90 36 Moser ' 16 13 Maximag — 156 Semag — 19 Diverse 23 20 * Vermutlich arösstenteils Omnibusse? In den ersten beiden Dezennien dieses Jahrhunderts trug jeder dritte Personenwagen am Kühler das Zeichen einer schweizerischen Fabrik, die vollbeschäftigt waren, was der Monatsbericht des Schweiz. Bankvereins für den Dazember 1912 belegt: « Die Automobilindustrie befindet sich in erfreulicher Entwicklung. Die Nachfrage nach Personen- und Lastwagen ist fortwährend im Steigen begriffen, und sie konnte hie und da nur mit Verspätung befriedigt werden. Bedeutende Umwälzungen in der Konstruktion fanden keine statt. Die Preise waren im allgemeinen gut, und die Fabriken, welche bestimmte Typen in grosser AUS DEM INHALT Eine unterirdische Schachtgarage Fremde Autogäste wie noch nie Sportnachrichten Satteleggstrasse dem Verkehr freigegeben Amerika-Kaleidoskop Anlauf der Dyna-Produktion Pariser Salon wirft Schatten voraus Die neuen Austin-Modelle Voraussage der Fahrleistung von Nutzfahrzeugen