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E_1948_Zeitung_Nr.055

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20 AUTOMOBIL REVUE

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lr.55-imwocti.2S.Dez.1S48 Tfa&tArf^ÜtfvgHf&l^' c&i >fafom0$t#-/fettete Silvesterspuk in der Garage Sie kannten sich nun fast schon 2 Jahre und hatten bisher stets gute Kameradschaft gehalten. Sie wohnten sozusagen zusammen und trafen sich eigentlich nur zu nachtschlafener Zeit. Bei dem einen von ihnen, dem eleganten und schnittigen Achtzylinder-Kabriolet, wurde es manchmal sogar recht spät... Aber das lag wohl mehr an seinem Herrn. Der andere, ein biederer offener Wagen, versah da viel regelmässigeren Dienst. Er gehörte einem Metzger und musste an jedem Wochentag ganze Schweins- und Rindsseiten vom städtischen Schlachthof abholen. Sonntags allerdings wurden Sitze in ihn hineingestellt, und dann ging es, man möchte fast sagen, im guten Anzug hinaus ins Freie zur Spazierfahrt. Als letzter muss der Kleinste erwähnt werden, den sie insgeheim das Garagenbaby nannten ... ein kleines Motorrad mit Zweitaktmotor Wie es kleinen Leuten zukommt, stand es ganz bescheiden in einer Ecke der grossen glasüberdachten Halle und sah immer ein wenig beleidigt aus, denn die Fahrer und Chauffeure der grossen Wagen gingen nie an ihm vorbei, ohne zu lächeln. Aber es bildete sich nicht wenig auf die vornehme Gesellschaft ein. Die drei hätten sich oft genug etwas zu erzählen gehabt. Aber jeder vernünftige Mensch weiss doch, dass den toten Dingen das Reden nicht gestattet ist ... Das heisst mit einer Ausnahme: in der Silvesternacht ... Wenn da zwischen 12 und 1 Uhr sogar das flüssige Blei bestimmende Figuren zeigt und Gänse und Hühner mit menschlichen Stimmen reden, müsste es doch ein Wunder sein, wenn nicht auch die Autos lebendig würden. Im Stillen hatten sie auch alle drei gehofft, die Geisterstunde der Jahreswende zum Gedankenaustausch zu benutzen. Das Motorrad wusste genau, es werde in der Garage sein, denn sein Herr hatte sich noch in den ersten Dezembertagen bei einer verspäteten Ausfahrt einen solchen Schnupfen geholt, dass er bestimmt die warme Stube vorziehen würde. Auch der offene Wagen würde eine ruhige Silvesternacht verleben dürfen, denn im Hause des Metzgers sollte sich die jüngste Tochter verloben Das Achtzylinder-Cabriolet hingegen war seiner Sache noch nicht ganz sicher. Sein eleganter junger Herr hatte so beiläufig erwähnt, man könne doch die Nacht zum neuen Jahre sehr gut in einem Berghotel verleben und die Skier mitnehmen. So war es bei ihm eine Wetterfrage — und es hatte Glück. Die Schneemeldungen aus den Bergen lauteten nicht günstig. So standen sie wirklich zu dritt nebeneinander in der stillen Garage. Gegen 11 Uhr machte der Wärter noch einmal seine Runde, dann war es ganz dunkel um sie, und endlich schlug es von draussen 12 Uhr, und mit mächtigen, hallenden Glockenschlägen begrüssten die Kirchen das neue Jahr. «Also hätten wir es wieder einmal geschafft», brummte das Metzgerauto, «heilige Zündkerze! Man hat sich 12 Monate lang genug abrackern müssen. Einmal fährt man Fleisch, dann Menschen, kaum ist man von der •Werktagsarbeit gewaschen, geht's zu einem Sonntagsausflug hinaus, und wenn man einmal altes Eisen geworden ist, endet man auf dem Autofriedhof. «Sei froh», rief das Motorrad, «das ist ehrliche anständige Arbeit». «Aber, Kleiner», lachte das Cabriolet, «von Arbeit könntest du doch erst reden, wenn dir dein Besitzer eine hübsche Sozia hinten drauf setzt.» Dabei sah der Achtzylinder, wie das Motorrad aufbegehren wollte. «Lass nur gut sein», fuhr er lächelnd fort, «es hat schon seine Vorteile, wenn man ohne Frauen fährt. Mein Herr ist doch so ein vernünftiger Fahrer. Als er mich neu kaufte, hat er so schön alle vorgeschriebenen Geschwindigkeiten zum Einfahren eingehalten, dass es eine Freude war. Er hat so zart geschaltet, als ob er das Buttermesser ansetzte. Als er aber Marlene kennengelernt hatte, wurde das sofort anders.. » «Wer ist Marien?» fragte neugierig der Metzgerwagen. «Natürlich hat er sie durch mich kennengelernt», erzählte das Cabriolet. «Mein Herr parkte an der Waldschenke. Dort gab es Tanz. Als er, heimfahren wollte, sah ich Fräulein Marlene zum erstenmal ... «Oh, was haben Sie für einen schönen Wagen!» hörte ich sie sagen, und dann fuhr sie fort: «Uebrigens passen Sie und Ihr Wagen glänzend zusammen ...» «Seht ihr», rief das Motorrad, «braucht man sich nun noch zu wundern, wenn jetzt am Volant des Cabriolets immer zwei sitzen ?» «Das wäre noch nicht das schlimmste», seufzte der Achtzylinder, «aber seitdem geht es mir schlecht Marlene will fahren lernen.. » «O weh!» brummte das Metzgerauto, «die Frau meines Meisters hat das auch einmal gewollt. Erfolg: Zahnradreparatur im Getriebe...» «Der Alte hat recht», rief das Cabriolet, «Marlene liess es sich auch nicht ausreden ... und der Effekt war, dass sie mich beinahe zum Teufel gefahren hätte. Ich kann euch sagen, es war eine Schinderei I Bremsen mit dem Fuss auf dem Gaspedal ... Schalten, als wollte sie Jo-Jo spielen Ein Glück, dass sie kürzlich gerade noch zur rechten Zeit den Motor abwürgte, sonst wäre ich mit eingedrücktem Kühler nach Hause gekommen. So aber ging es mit einem eingebeulten Kotflügel gerade noch ab. Ich sah meinen Herrn schon am Baum. Sie aber sagte nur ärgerlich: «Mein Lieber, du hast einen recht eigensinnigen Wagen»... So sind die Frauen! «Also, was ich sagte», rief das Motorrad, «es ist das beste, wenn man Junggeselle bleibt. ... Mein Herr ist mir treu, er putzt mich selbst und hat mir sogar den Namen seiner heimlich Angebeteten gegeben: ich heisse bei ihm Käthi». «Dann wird es nicht lange dauern», brummte der offene Wagen, «bis er dich eines Tages verkauft und sich einen Zweisitzer anschafft... » «DM wird mein Herr nicht tun», entrostete sich das Motorrad. «Da lerne du einmal die Männer kennen», versetzte der Metzgerwagen. «Ach ja, der Kleine ist noch lebensunkundig », hänselte das Cabriolet. «Wieso lebensunkundig ? »kläffte das Motorrad, «bildet euch nur auf eure schweren Motoren etwas ein ...» «Wer hat, der hat», näselte das Cabriolet. «Nennt man dein Zylinderchen und dein Kölbchen auch einen Motor», spottete der Metzgerwagen. «Ich werde es euch schon beweisen», rief zornig das Motorrad, und es sah aus, als ob es sich mit wütendem Satz auf das Cabriolet stürzen wollte. Der Metzgerwagen bebte vor Lachen ... Da schlug es draussen mit einem hallenden, mächtigen Glockenton 1 Uhr ... Der Spuk zerstob, sie standen still und leblos alle drei, als ob ihnen nie die Gabe der Sprache verliehen gewesen wäre ... Aus war der Garagenspuk, und nun haben sie ein ganzes Jahr wieder weiter nichts zu tun, als ihren drei Herren je nach Zweck und Motorenstärke so brav zu dienen, wie das heute jedermann von einem anständigen Motorfahrzeug verlangen darf. Prozess in eigener Sache Kurzgeschichte von Albert Ganzert. Die Sekretärin brachte die pralle Ledertasche ins Sprechzimmer und sagte in ihrer knappen, verschlossenen Art: «Die Akten für die Jahresversammlung, Herr Doktor. » Er sass an seinem Schreibtisch, den Kopf etwas schräg nach der Balkontüre gewendet, die nackt, ohne jeden Vorhang war. Die anhängliche, altjüngferliche Sekretärin dachte bei seinem Anblick: Wie ein Vogel sieht er aus .. Erst in ihrer Kanzlei gab sie sich Rechnung, was für ein Vogel dies eigentlich war — und erschrak: Ein Geier. Da sie eine tiefe, verschämte, vergrabene Liebe für ihren Chef hatte, versuchte sie das Bild zu verdrängen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Er sieht blass aus heute, dachte sie weiter; seine Stirn wird tiefer, die Falten vom Mund eingekerbter. Und über die Maschine gebeugt murmelte sie: Die — die Weiber — tja Tiefer wollte sie ins Problem nicht eindringen. Das hatte sie in ihrem Elternhaus nicht gelernt. Es gibt laute Dinge und stumme Dinge im guten Bürgerhaus. Ehe, Liebe und Weiber gehören zu den stummen Dingen. Darüber sprach man nicht. Da musste jeder mit sich selber fertig werden. — Dass dem geliebten Chef die Frau aus dem Hause gelaufen war, ja, das war ihr bekannt, aber sie nahm möglichst wenig Notiz davon. Und als in den letzten Tagen vom Scheidungsgericht ein dicker Aktenbrief kam. öffnete sie ihn nicht, obwohl sie das gute, prokurahafte Recht dazu hatte, alle einlaufende Post zu öffnen und ihm das Wichtigste zu unterbreiten. So wusste sie 1 auch nicht, dass zwar heute die Jahresversammlung der Brauervereine tagte, deren Syndikus ihr Chef war, ausserdem aber auch die letzte Entscheidung über seine längst zerbrochene und auseinandergeleimte Ehe fallen sollte. Sie vermutete höchstens, dass die scharfen, schrägen Einkerbungen, die von den Augen zur scharfkantigen Stirne führten, irgendwie in Zusammenhang damit standen — mit seiner Ehe und ihrer bevorstehenden Scheidung. Sie erriet richtig. Der Mann da drin, der soviele Menschen geeint und getrennt hatte — man nannte ihn oft: Scheidungsanwalt — führte in seinem grossen. etwas nüchternen Sprechzimmer diesmal einen Prozess — in eigener Sache. — — — Man mjsste dag Gebiet abgrenzet, sagte der starre Jurist in ihm. Auch die Zeitspanne der Ehe — und ihre Panne überspringen. Noch ein Jahr — und sie hätten ihr fünfundzwanzigjähriges Hochzeitsjubiläum gefeiert. Es wäre in grosser Einsamkeit geschehen. Denn das gros«e Hans war leer, ohne Kindergeschrei und ohne Kinderlachen .. « Das war wohl meine erste Schuld »», begann er als sein eigener Prozess-Gegner « Sie kam zu mir mit ihrer rührenden Jugend, ihrer herrlichen Stimme, ihren hausfraulichen Talenten — alles nahm, genoss ich — nur als ihre Muttersehnsucht allmählich wach wurde, habe ich abgewinkt . Warum effentüeiif Au« IVigheit? Aus mangelndem Verantwortliehkeitsgefühl? Aus Gemütsbärte? » Erst nach langein, qualerfülltem Grübeln gab er sich die nicht sehr befriedigende Antwort: « Ich wollte nicht, dass meine Kinder so an mir handeln, wie ich's meinen Eltern gegenüber tat » Jäh erhob er sich bei dieser Konstatierung und ging mit langsamen Schritten in den Hintergrund des grossen Raumes, der angefüllt war mit Büchern und Akten. Wenig Juristerei war in den Bücherschränken. Eine Fülle von Literatur, besonders historischer und politischer Art. « Das war es wohl », sagte er leise, indem seine langen Finger, über die Bücherrücken fahrend, sich verstaubt zurückziehen: « Verstaubt ist alles ein verstaubtes Leben liegt hinter mir. Das ist es wohl. Ich habe eingreifen wollen, aber die Speichen waren voller Morast und Wegstaub. Da ich Geld verdiente und dazu noch viel Geld erbte, dachte ich, dass man damit die Not des Lebens wegwischen könnte. Man kann es nicht. Tch habe auf Kinder verziehtet, weil ich zuviel Not und Kummer um mich sah, zuviel Armut und Bedrängnis, zuviel Unwahrhaftigkeit und Heuchelei — aber erreicht habe ich nichts . » Er nimmt das weiche Kissen Tom Sessel, setzt sich hart hin. Man rnuss ehrlich, restlos wahr sein, wenn man den Prozess in eigener Sache führt: * Ergo: man muss bekennen, dass man Pascha- Allüren hatte. Einen Geltungstrieb, der immer nen aufgeputscht werden wollte. Besonders von Frauen. Nicht, dass man sie brauchte, aber man wollte, dase sie einen brauchen. Grob ausgedrückt: Man wollte Hahn im Korbe sein. Das gelang auch. Aber man brauchte nicht soviel Liebe. Man brauchte im Grunde überhaupt keine. Eine war wie die andere. Und die Frau, die eine, die sich in sein Leben sozusagen hineinkniete, die empfand er allmählich als seinen Wächter, seinen Gefängniswärter. Um diese Zeit erwarb er sein erstes Gut, mit zwei Pferden. Auf ihrem Rücken wurde ihm wohler zu Mute. Im Morgengrauen schon erhob er sich, kochte sich einen magern, struppigen Tee, den er in der etwas verwahrlosten Küche hastig genoss — dann trabte er durch die Gegend, sah wenig von den Herrlichkeiten rings herum, denn sein erregtes Gehirn baute Pläne, wühlte in Zukunftsfragen der aus den Fugen geratenen Menschheit. Und als er dann heimkam, war der Tisch weiss gedeckt, ein Tee, der den Namen verdiente, stand darauf, die so selten gewordene Butter fehlte nie. Und die Frau des Hauses schnitt das Brot stillschweigend, vergass die Milch und den Zucker nicht... Dieses Dienen, dieses Bemuttern (fuälte ihn, schien ihm Zwang, erregte ihn. Und so kam es, dass er einmal nach einem strammen Morgenritt sagte: * ... dass Frauen es nicht lernen, wie ein Pferd zu sein. Es ist da, wenn man seinen Rücken braucht, es schnüffelt auch, wenn man kommt — aber es drängt sich einem nicht auf...» c Gemein war das ... >, urteilt der Mann jetzt in seinem Prozess in eigener Sache. Aber schon regt eich der Verteidiger in ihm und wendet entrüstet ein: « Wieso denn gemein? Geht man ein Kletten- Verhältnis ein, wenn man eine Frau nimmt? Muss man sie immer um sich spüren? Stellt man sich unter Kuratell? Ist man dauernde Rechnung schuldig? Man wirft zwei Leben zusammen, wenn man eine Ehe eingeht — schön und gut — wenn es normal zugeht, wird aus dieser Zweiheit eine Einheit- aus dem Doppelton der Einklang: Kind Du aber, du hast Angst, Scheu vor dem Kind gehabt also ist dieser Zusammenklang nie entstanden » Das Plädoyer befriedigt ihn nicht. Er nimmt eine Zigarette aus der silbernen Schachte! und steckt sie an. obwohl er dem Rauchen abgeschworen hatte .. damals . . Jetzt spricht er halblaut zu sich selbst: « Damals — ja. Seine Frau, die Sängerin, bekam einen hässlichen Luftröhren-Katarrh, der ihre Stimme lähmte; sie umssle verschiedene Konzerte absagen. Besonders ihre Aragen litten böse. Sie bat ihn, nicht zu rauchen. War's Vergesslichkeit oder Absicht, dass er's doch tat, dass er vor ihren wehen, rotumrandeten Augen ein Ringelspiel von Rauch aulführte? » Er warf die halbe Zigarette in den Aschenbecher, ohne sie auszudrücken: « Ich spreche von mir in dritter Person, warum eigentlich? Will ich damit meine Objektivität bezeugen? • Ostentativ blieb er vor einem langen, im Silberrahmen gefassten Spiegel neben der Türe stehen, sah sich eine Weile an und sagte trotzig' « Gemein war das, mein Bursche — hundsgemein! Quälen wolltest du sie, einfach quälen. Sie war dir am Tag vorher auf gewisse Schliche gekommen, versuchte dich auszufragen...» Der Prozess in eigener Sache stagnierte eine Weile. Er ging sein Leben durch: Frauen, die er im Grunde nicht brauchte; Menschen, die er so durchschaute, als ob sie in einem Glaskasten mit all ihrem Getue und Gehabe vor ihm sässen; Politiker, die sich um ihn speicbelleckerisch scharten, weil er für jede auffällige Idee, jede ostentative Kundgebung zu haben war — er? Nein, sein Geld, seine Checks, seine Bürgschaften, seine Güter, seine Häuser. Und das Leben wurde grau. Das kleine Sterben ging erbarmungslos vor sich, dass bald für das richtige Sterben nichts mehr übrig blieb « Was bleibt überhaupt übrig? » fragte er sich laut Ȧber für eine Antwort war's schon zu spät geworden. Auch nach der kleinen Uhr, die auf dem Schreibtisch lag. Er musste ins Gericht, zur Scheidungsklage Stellung 1 nehmen — und dann zur Jahresversammlung der Brauereigewerb'.er hetzen Hetzen, immer hetzen! Und wenn man dann heimkam, stand eine stille Fran mit entzündeten Augen vor einem Unsinn, diese Frau ertrug ihn nicht mehr, hat Scheidungsklage eingereicht — heute fiel die Entscheidung « Ich werde schweigen. Ich werde zu allen Behauptungen ein ruhiges « Ja » nicken — das — das wird wohl das Beste sein » « Dann wird der Faden der Ehe. der Strick der Gemeinsamkeit zerrissen sein; ich werde das Ehehaus verlassen, aiifgeben, mich auf dem kleinsten Gut begraben, jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe in den Sattel steigen .» Ein scheues Klopfen zerreisst die unbeholfene Gedanken folge, die zerfasert ist, zu keinem Schhiss kommen kann Die getreue Sekretärin sagt nur: « Es ist Zeit. Herr Doktor. » « Ja, es ist Zeit », sagt er aufstöhnend irnd greift nach der vol'en Aktentasche. Und auf dem ganzen Weg zram Gericht verläset ihn das Wort nicht, hat sioh im Trommelfell festgehakt: « Ja, es ist Zeit .. wofür? » Der Prozess in eigener Sache hat sein Leben nicht urteilsreif gemacht. Eins hat er nur erkannt: A!lp.8. was "psclinh in st'inpm Lphpn. hatte oin tiefes