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Mister Butterfly

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Mister Butterfly Ich glaube, Marlies wollte nicht nur meine Knöpfe annähen, sie wollte mich überhaupt trösten, Sie wissen, wie ich meine, aber ich kapierte auch das nicht. Ich hätte auch nicht gekonnt, glaube ich. Dann hörte ich von der freien Tenorstelle hier. Eine Tagesreise von Hamburg entfernt! Als ich diese Stelle annahm, wusste ich, was das hiess. Und Sandra wusste es auch: Aus! Vorbei. Wir hatten uns seit der Otello- Premiere nicht mehr gesehen! Blütenregen ab – und 27 abfahren! (Musik: Ende Blumenduett.) So was mögen Sie, nicht wahr? Achtung, Chor auf die Hinterbühne zum Summchor. Chor auf die Hinterbühne, bitte! Das hier war nur eine Chorsolisten-Position, aber das war mir recht. Wenn der Traum aus ist, ist er aus! Dann kann man immer noch bequem leben! Oder nicht? Die grosse Karriere ausgeträumt, geniessen wir die kleine, die grosse Liebe kaputt, geniessen wir die kleinen. Die Liebeleien. Man hat nur eine grosse Liebe im Leben. Und wegen der bringt man sich auch nicht um. In der Oper vielleicht, aber im Leben nicht! Nein, ich muss sagen, mir ging es hier gut! Die Probleme mit der Konzentration waren weg, ich habe wieder gern gesungen. Und alle Frauen machten mir schöne Augen. Ich konnte richtig auswählen. Und das habe ich ausgenutzt. Oh, ich habe einen ganz schlimmen Ruf als Casanova hier im Theater – gehabt. So lange ich gesungen habe. Das war schön, doch. (Musik: Summchor.) Und 28 - abfahren! © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 21-

Gefällt Ihnen der Summchor? Ja, im Chor zu singen, ist wirklich schön, glauben Sie mir. Vor allem hat man nicht ständig Angst. Sicher sollte man keine Fehler machen, aber ein kleiner Aussetzer fällt nicht ins Gewicht. Ausserdem ist man den Dirigenten und Regisseuren nicht so ausgeliefert wie als Solist. Wenn man als Kollektiv beschimpft wird, tut das nicht weh! Der Chor ist nun mal eine träge Masse, und man kann die Herren in den Wahnsinn treiben, wenn man das Tempo so ein bisschen verschleppt. Ja, oder nicht so quirlig herumtanzt, wie die Regie sich das vorstellt. Auf die Premiere hin gibt sich dann jeder Mühe, dann sieht es schon gut aus. Und das Tempo läuft dann sowieso. Aber so ein bisschen ärgern... Nein, das war schön! Dazu bekam ich kleinere Partien als Solist, das war auch nett. Und es blieb genug Zeit in der Kantine! Ja, wir hatten es lustig. Das mit dem Weltverbessern war ja plötzlich nicht mehr so dringend, hier nicht, und in Aachen wohl auch nicht mehr. Die Kassengift-Opern wurden seltener. Mussten wir uns im Chor also auch nicht mit so schwierigen Partituren herumschlagen. Sie hören doch auch lieber den Gefangenenchor, geben Sie es zu! Achtung Ton, bereit für die Vögelchen? Und dann kam Sandra zu Besuch! Wirklich wahr. Ja, Alexandra Weiss beehrte unsere Stadt! In der Stadthalle gab es eine Benefizgala zu irgendeinem guten Zweck mit lauter berühmten Sängern. Unter ihnen Alexandra Weiss. Ich wusste nicht, ob ich hingehen sollte oder nicht, da rief sie mich ein paar Tage vorher an. Ob wir uns nicht treffen könnten? Seit der Otello-Premiere hatte ich sie nicht gesehen, das war Jahre her! © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 22-