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Schachnovelle

Schachnovelle

Dr. B. Czentovic Dr. B.

Dr. B. Czentovic Dr. B. Czentovic Schachnovelle Das Geräusch aus II/1 beginnt, um Dr. B.’s Langeweile zu unterstreichen. Er rutscht unruhig auf dem Sessel hin und her, steht auf, zieht gierig an der Zigarre, macht Notizen. Dann ergreift er das Wasser, das er Glas um Glas hastig hinabstürzt. Sobald Czentovic mit schwerer Hand eine Figur vorwärts rückt, lächelt er und ripostiert bereits. Während des Wartens presst sich ein ärgerlicher und fast feindseliger Zug um Dr. B.´s Lippen. Aber Czentovic lässt sich nicht drängen. Mehrere Züge vergehen. Dann, als Dr. B. merkt, dass Czentovic den Springer fasst, duckt er sich zusammen wie eine Katze vor dem Absprung. Sein ganzer Körper beginnt zu zittern und kaum hat Czentovic den Zug getan, schiebt er scharf die Dame vor. So! Erledigt! Das Geräusch verstummt. Er lehnt sich zurück, kreuzt die Arme über der Brust und sieht mit herausforderndem Blick auf Czentovic. Dieser rührt sich nicht, als hätte er es völlig überhört. Ticken einer Uhr. Warten. Das Geräusch aus II/1 beginnt wieder. Mit einem Ruck steht Dr. B. auf und beginnt auf und ab zu gehen, erst langsam, dann immer schneller, immer die gleiche Spanne Raum wie schon in II/9 ausmessend. Die Hände verkrampft, die Schultern eingeduckt. Dann hebt Czentovic langsam seine Hand und schiebt mit einem entschiedenen Ruck alle Figuren vom Brett. Er verharrt unbeweglich in seiner Ruhe. Dann hebt er den Kopf und blickt Dr. B. mit steinernem Blick an. Das Geräusch verstummt. Noch eine Partie? Selbstverständlich. Oder wollen wir für heute genug sein lassen? Vielleicht ist Ihnen zu anstrengend. © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 39-

Dr. B. Anstrengend! Ha! Zwanzig Partien hätte ich unterdessen spielen können statt dieser Bummelei! Anstrengend ist es für mich nur, bei diesem Tempo nicht einzuschlafen! - Nun! Fangen Sie schon an! Dr. B. setzt sich im Folgenden sofort hin und stellt die Figuren mit solch fiebriger Hast neu auf, dass ihm Figuren durch die Finger zu Boden gleiten. Er zieht nervös an der Zigarre, sein Körper zittert. Czentovic blickt ihn ruhig und gemessen an, aber sein steinerner Blick hat jetzt etwas von einer geballten Faust. Etwas Neues steht zwischen den beiden Spielern, eine gefährliche Spannung, ein leidenschaftlicher Hass. Czentovic zögert lange, ehe er den ersten Zug tut. Spiel wie zuvor. Das Geräusch aus II/1 beginnt wieder, wird ergänzt durch einen Ton, der seine Ungeduld untermalt, beides steigert sich bis zum Schluss. Dr. B. stürzt ein Glas nach dem anderen hinab, bittet um mehr Wasser. Der vierte Zug; Czentovic überlegt wieder endlos. Dr. B. So spielen Sie doch schon! Czentovic Wir haben vereinbart zehn Minuten Zugzeit. Prinzipiell ich nicht spiele mit kürzerer Zeit! Unter dem Tisch wippt Dr. B.´s Sohle immer unruhiger gegen den Boden. Dr. B. rückt hin und her und beginnt unbewusst mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln. Centovic Darf ich bitten, nicht trommeln? Es stört mich. So ich kann nicht spielen. Dr. B. Ha! Das sieht man. Czentovic Was wollen Sie damit sagen? Dr. B. Nichts. Nur dass Sie offenbar sehr nervös sind. Die Intervalle werden immer länger, Dr. B.´s Benehmen immer sonderbarer. Es scheint, als nehme er an der Partie jetzt gar keinen Anteil mehr, sondern sei mit etwas ganz anderem beschäftigt. Er bleibt nun © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 40-

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FMT Heimberg