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Heros

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Heros Wir leben im Zeitalter des Individualismus, heißt es. Aber ist das vielleicht Individualismus: zu wählen, ob man den Hamburger mit oder ohne Salatblatt essen möchte? Ganz abgesehen davon, dass er so oder so ungesund ist? Hat unsere Zeit überhaupt ein Gespür für wahre Größe? Verzeiht mir! Ja, ja – ich bin ein kleiner, geschmackloser Pathetiker, ein Tragiker, mit Neigung zum Kitsch, und ich finde das Leben der Gegenwart ganz schön öde. So langweilig. Entsetzlich langweilig. Man muss umso mehr zeigen, dass man etwas Besonderes ist. Effekt machen – darum geht es! Deshalb habe ich vorhin, vor dem Verlassen des Hotelzimmers, ein paar meiner privaten Heiligtümer und das vierte Evangelium zu einem kleinen Altar drapiert. Ein angemessener Auftakt zu meinem Martyrium, findet Ihr nicht!? Ihr Bildungsbürger, die Ihr es Euch nicht nehmen lasst, heutzutage noch ins Theater zu gehen! All Ihr Ratten und Würmer – Pardon, ich meinte: Ihr Bücherratten und Bücherwürmer! Wenn die Frage lautet, ob nicht auch der Weg des Bösen ein Weg zur Größe ein kann, müsstet Ihr die Antwort doch kennen! Denkt an Herostrat! Er war es, der damals die Fackel in den Tempel zu Ephesus geworfen hat – in das Heiligtum seiner Zeit schlechthin – auf dass sein Name unvergänglich werde. Amen! Die Fackel… hat er mir übergeben, hinübergereicht durch die Jahrtausende. Wie hat irgendjemand doch gleich gesagt? – if you want to be a hero well just follow me – lv Und ich füge extra als kleine Anmerkung für Euch hinzu: Heute genügt es nicht mehr, ein totes Gebäude zu vernichten. Heute muss man, um Beachtung zu finden, einen lebenden Körper zerstören. Nicht irgendeinen, sondern einen Körper in dem ein göttlicher, ein göttlich inspirierter Geist wohnt! Gebt doch zu, dass Euch das fasziniert! Oder seid Ihr © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 27-

anderer Meinung? Wollt Ihr mir vielleicht positive, konstruktive Alternativen vorschlagen? Was könnte ich sonst wohl tun, um meinen Namen durch eine große Tat der Nachwelt zu überliefern? Ihn bis in alle Ewigkeit leuchten zu lassen? Sprecht ohne Scheu! [Improvisation. Falls dabei die Bemerkung fällt, dass er besser einen anderen erschossen hätte, kann der Niemand direkt zu dem nächsten Textblock überleiten, ansonsten ihn einfach auf das Ende der Improvisationseinlage folgen lassen.] Alles gut und schön. Ich weiß, manche von Euch werden sich insgeheim sagen: „Warum hat der Niemand nicht lieber diesen Horror-Autor umgebracht, als die Gelegenheit da war? Ihn hat er doch auch mal um ein Autogramm gebeten – und dieser Schreiber wäre für die Menschheit verzichtbarer gewesen als der Gründer und Kopf der Beatles – bloß ein kleiner König, auf seine Art…“ Hm, am besten hätte ich vielleicht die beiden Schwulen abmurksen sollen, die mich vorletzte Nacht nicht schlafen ließen, als sie so leidenschaftlich im Nebenzimmer zugange waren? Ich hab’s mir ernsthaft überlegt. Aber wäre das nicht völlig absurd gewesen? Zu diesem Zeitpunkt – vor meiner eigentlichen Großtat – wären weder ich noch sie dadurch berühmt geworden… Es scheint schwierig, einen Konsens zu finden. Aber gut, da wir im Zeitalter der Demokratie leben, lasst uns doch gemeinsam entscheiden! Ihr dürft frei wählen, wer für Euch die Entscheidungen treffen soll. Also: Wer dafür ist, dass ich von jetzt ab in Euer aller Namen darüber bestimme, wer leben darf oder sterben muss, der hebe die Hand! © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 28-