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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

Das Einsingen: Von der

Das Einsingen: Von der Komplexität des Einfachen Ein ausgiebiges Einsingen will die körperliche Disposition für guten Gesang schaffen und fünf Grundlagen vorbereiten: Haltung, Atmung, Resonanz, Geläufigkeit, Intonation. 48 Nachdem ein (oder mehrere) Akkorde auf dem Flügel oder ein sammelndes »meine Herren« die Aufmerksamkeit nach vorne gelenkt hat, beginnen Herr Brauckmann oder Herr Steiner gewöhnlich mit Übungen, die zunächst auch an physiotherapeutisches Turnen erinnern: Schultern kreisen lassen, nach vorne- nach hinten, es knackt manchmal in den Verspannungen gewaltig. Oder wippen auf Zehen und Ballen, Balance finden, einen beweglichen sängerischen Stand finden (der freilich in der zumeist sitzend verbrachten Probenzeit kaum zum Einsatz kommt). Die Schultern heben und fallen lassen. Jeder, der den Tag mit Maus und Monitor verbracht hat, spürt die krampflösende, muskelentspannende Wirkung dieser Übungen zur Haltung. Wie sehr Haltung dann auch Einfluss auf Intonation, Rhythmus und das ganze Körpergefühl hat, konnten wir erleben als wir am Probenwochenende morgens mit dem ganzen Körper wie eine Glocke schwingend Intonationsübungen machten. Eine gute Haltung und gelockerte Muskulatur sind Grundvoraussetzung für gute Atemtechnik und Intonation. Jeder Chorist wird wohl in seinem Alltag vor der Probe oft anders geatmet haben: Hektisch zwischen zwei Telefongesprächen, unkonzentriert beliebig zwischen Wörtern eines nicht so wichtigen Gesprächs, flach und oberflächlich. Aber jetzt soll der Atem Träger eines »schönen« Tones, einer ganzen Musikpassage werden, in der wir Silbenartikulation (der Hörer wegen übergenau), Tonfolgen, Phrasierungen, Rhythmik und Dynamik zu einer künstlerischen Aussage formen. Eigentlich eine ganze Menge »Dinge«, die da wie immer bei der zeitgebundenen Musik »au point« zusammenkommen müssen. Die Atmung ist das Fundament. Zuerst einmal heißt es »alle Luft muss raus, Spannung halten, einströmen lassen«. Zwei Grundanforderungen trainieren wir dann. Zum Einen den sprichwörtlichen »langen Atem« – Einatmen und langes konzentriertes Ausatmen z. B. auf »f«, bringen Tiefe und Ruhe in den »Atemapparat« und lassen ein Gefühl für das eigene Atemvolumen entstehen (was wiederum Voraussetzung für gekonntes »chorisches Atmen« ist). In schnellen Passagen und Läufen mit enger Silbenfolge ist dann ein aktives Zwerchfell gefragt. Im täglichen »Normalleben« gebrauchen wir es zur Artikulation kaum, nur beim Lachen spüren wir es. Die Übung zum schnell gezischten »ß« im Wechsel mit »sch«, besonders mit der Hand auf den Bauch gelegt, lässt spüren, dass da ein ge-

waltiger Unterstützer für die Tonbildung trainiert wird. Lange übergebundene Phrasen wie im »Pilgerchor« oder schnelle Passagen wie beim »Fliegenden Holländer« lassen die Abhängigkeit guten Chorgesangs von guter Atmung erkennen. Einsingen mit Chorschulleiter Gernot Wolff – alle Luft muss raus, Spannung halten … Zum Atmen kommen nun Übungen zu Resonanz, Geläufigkeit und Intonation. Wir bilden Töne in ruhigem Zeitmaß, es ist ein Üben des Hörens, der Aufnahme des Tones und der konzentrierten Wiederholung. Ganztoniger Tonwechsel auf »m« oder »o«, legato gesungen, können folgen. Der ganze Mund- und Wangenraum ist Resonanzkörper des Tones. Das Reiben der Hände und Ausstreichen der Wangen mit den Händen dient dazu, diesen Klangraum elastisch und offen zu machen. Es sind rasche Übungen, die Geläufigkeit trainieren, schnelle Tonreihen auf bomm, bomm… oder brio, brio, brio: Das Zwerchfell arbeitet dabei ganz ordentlich, eine schnelle, akkurate Artikulation wird trainiert, zusammen mit einer genauen Intonation bei den auf- und absteigenden Läufen. »Laufen lassen, nicht auf Leitern klettern«, heißt es von vorne. Beweglich, leicht und locker soll es sein, halt ganz selbstverständlich wirken. Es sind ja nur Miniaturen, aber die haben ihre Tücken: Nicht immer erreichen wir so ganz sauber den Spitzenton und landen auch mal leicht unter dem Ausgangston. Auch wenn es locker erscheinen soll, muss es doch mit guter Spannung, nicht unkontrolliert, angegangen werden. Musikalische Geläufigkeit, intonatorische Sicherheit und artikulatorische Klarheit: Wie anspruchsvoll das zusammen sein kann, zeigt uns das Einstudieren von »Norma il predisse…«. Meist ist es bei allen Übungen zum Einsingen ein Arbeiten am Kleinen, so auch bei den Übungen zu Intonation und Tonraumerweiterung. Wer hätte schon vorher daran gedacht, dass allein ein Vokalwechsel auf gleichem Ton, von »o« auf »a«, gesanglich eine fatale Linie nach unten in Gang setzen kann. Volle stimmliche Konzentration ist hier angesagt. Die wird dann weiter gefordert in weiten Tonfolgen, weiche Legati, manchmal rhythmisiert, die die Stimme in den Tenor- und dann in den Bassbereich hinein öffnen. Wir trainieren eine »Phrasierung, als wenn’s die feinste Melodie wäre«. Und dazu gehören nun fester Stand, Körperpräsenz, Atemspannung, aktives Hören und die konzentrierte Intonation des Tones schon vorab im Kopf zusammen, ganz schön komplex… Den Abschluss bildet dann oft der große Akkord, der Vierklang aller Stimmlagen, Klangarchitektur vom Feinsten. Vielleicht spüren dann viele Choristen: Einsingen ist sicher Aufwärmen der Stimme aber auch Konzentrationstraining für alle Grundlagen des Chorgesanges. 15 Minuten sind seit Beginn vergangen: »Bitte meine Herren, nehmen Sie Platz. Wir beginnen mit…« Eigentlich setzen wir fort, machen weiter mit der Anwendungsphase. BN Das Einsingen 49