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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

28 Sozusagen »Singen

28 Sozusagen »Singen auf Rezept«? In der Art schon. Ich hatte mir Anfang der 60er Jahre bei sehr intensiv betriebenem Sport eine schwere Verletzung zugezogen. Ich spielte damals aktiv Fußball in zwei Mannschaften der Bühnen und der Berufsfeuerwehr der Stadt Köln. Und manchmal fielen die Punktspiele auf zwei aufeinanderfolgende Tage. Und dann geschah es: ich erlitt einen Lungenriss. Ich wurde operiert und musste mit Mitte 30 den Fußball aufgeben. Darunter habe ich sehr gelitten. Aber der Arzt an der Uniklinik in Köln gab mir zwei für mein gesamtes weiteres Leben äußerst entscheidende Ratschläge: 1. Um etwas für meine angeschlagene Lunge zu tun, sollte ich besser den Dunst der Innenstadt verlassen und aufs Land ziehen. 2. Ich sollte – ebenfalls zur Kräftigung der Lunge – singen. Und bist Du den Tipps des Doktors gefolgt? Also ich fand das damals ganz verrückt. Aber ich habe mich daran gehalten. Ich suchte mir eine Arbeit außerhalb der Stadt, bei der ich viel an der frischen Luft sein konnte. Und ich fand einen Job bei der Flurbereinigung (Bachbau). Eines Tages erzählte ich dann meinem Schwager von dem anderen Rat des Mediziners. Und wie es der Zufall wollte, war der Verwandte Mitglied eines Chores – des Kölner Männer- Gesang-Vereins. Dass ich damals außerdem noch in der Beethovenstraße, also ganz in der Nähe der Wolkenburg wohnte, war ein weiterer glücklicher Umstand. Also bist Du zum KMGV marschiert und hast mitgemacht? Um ehrlich zu sein, hatte ich gar keine rechte Lust auf Singen und konnte mich einfach nicht überwinden, zur Probe zu gehen. Da gab mir mein Schwager zwei Eintrittskarten für ein Konzert des Chores im Gürzenich. Ich ging hin, und was soll ich sagen, ich war begeistert. Der KMGV sang, Prof. Rübben dirigierte und ich war hin und weg. Beim Requiem von Cherubini kamen mir sogar die Tränen, das weiß ich

noch heute. Dieser riesige Chor mit seinen fast 200 Herren sang die Piano-Stellen so zart, dass mir die Luft wegblieb. Da war mir klar – da musst Du auch mitsingen. Gab es damals auch schon eine Chorschule? Aber ja, ich besuchte die Chorschule, bestand die sehr schwere Aufnahmeprüfung (ich hatte glücklicherweise früher bereits in einem gemischten Chor gesungen) und mein Schwager bürgte für mich. Das war damals noch Voraussetzung für die Mitgliedschaft im KMGV. Am 26. Februar 1970 wurde ich in den Verein aufgenommen. Im Jahr darauf begab sich der Chor auf Konzertreise nach Südafrika. Durftest Du auch schon mitfahren? Ja natürlich. Ich war ja vollständiges und gleichberechtigtes Mitglied. Diese Reise wird mir stets in Erinnerung bleiben, war sie doch mein erster Ausflug in die große weite Welt, von der ich als Kind am Nordseestand immer geträumt hatte. Ich weiß noch, welche Hochachtung man uns entgegenbrachte. Das begann schon beim Anflug auf Kapstadt. Der Kapitän der südafrikanischen Maschine drehte für uns eine zusätzliche Schleife über dem Tafelberg, wofür er sich wortreich bei den anderen Passagieren entschuldigte. Aber für diesen berühmten deutschen Chor sei es ihm eine besondere Ehre, diese kleine Verspätung in Kauf zu nehmen. Damals habe ich zum ersten Mal empfunden, was Stolz bedeutet. Ab wann hast Du beim Divertissementchen mitgemacht? Das war etwas später. Schließlich kostete auch damals das Mitsingen im KMGV viel freie Zeit. Aber irgendwann konnte ich es nicht lassen. Immerhin war ich ja bereits als Jugendlicher in Wilhelmshaven karnevalsverrückt. Wenn am Rhein die fünfte Jahreszeit ausbrach, hing ich an der Nordsee am Radio und lauschte der Musik. Meine Familie konnte das gar nicht verstehen. Aber ich dachte immer nur, wie glücklich müssen die Menschen sein, die in Köln wohnen. Und nun war ich selbst in Köln. Ich erinnere mich noch ganz deutlich an meinen ersten Karneval. Ich stand am Zugweg und habe nur gestaunt. Ich fing keine Kamelle und trank kein Kölsch – ich habe mir nur die Augen aus dem Kopf geschaut und war überglücklich, dabei zu sein. Ich hatte mich sofort in Köln verliebt. Und später haben meine Freunde den Grund für die seltsame Begeisterung eines Norddeutschen für den Karneval herausgefunden: Ich war tatsächlich an einem Rosenmontag auf die Welt gekommen. Na dann war das Zillche ja quasi eine Pflichtveranstaltung für Dich, oder? Eigentlich ja. Und seit 1971 bin ich ja auch bei der Cäcilia Wolkenburg dabei. Als ich zum ersten Mal auf der Bühne stand, konnte ich das gar nicht glauben. Noch vor wenigen Jahren hatte ich alles nur übers Radio mitbekommen, und jetzt war ich plötzlich mitten drin im Geschehen. Ich war so richtig glücklich und habe jede Stunde genossen. Für einen »Plattdeutschen« in der Tat etwas ungewöhnlich. Wie bis Du eigentlich mit Deinem Dialekt zurechtgekommen? Manchmal wurde ich schon auf meine Aussprache angesprochen. Ich habe allerdings immer viel geübt. Der Höhepunkt meiner »Bühnenkarriere« in der kölschen Mundart war dann der Auftritt im Zillche über die Bläck Fööss vor ein paar Jahren. Ich sang in einem Dreier-Ensemble das Krätzche »Die drei vun d’r Eierquell«. Das war richtig schwer, ich habe tagelang geochst, um den kölschen Slang hinzubekommen. Aber ich war mir sicher, das zu schaffen. Ich sagte mir, wenn man Köln so mag wie du, muss Personen und Persönliches 29