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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

40 © Peter Gaymann

40 © Peter Gaymann EINSINGEN: Das Selbstverständlichste, die Atmung Woran denkt der Normalbürger, wenn er »Stütze« hört, doch wohl an so was wie Arbeitslosengeld oder Hartz 4, »er lebt jetzt von Stütze«. Oder wenn dann die Rede davon ist, dass das Abspannen kurz und nicht übertrieben aufgeblasen sein soll. Welche Pferde werden denn da abgespannt und was wird aufgeblasen, die Reifen einer Kutsche? Weit gefehlt, hier geht es unmittelbar um unsere eigene Liebhaberei, den Gesang, konkret um den Atem. Laut Statistik atmen wir durchschnittlich 23.000 Mal täglich ein und aus und transportieren dabei 12,5 m³ Luft. In Ruhe geschieht das dann minütlich 11–15 Mal. Geschieht, nicht getan. Ob wir wach sind, daran denken, oder es nicht bewusst erleben, die Versorgung unseres Körpers mit Sauerstoff und der Abtransport von Kohlendioxid, dieser Gasaustausch, Energielieferant für jede Zelle, komplex gesteuert durch das Stammhirn, geschieht an uns einfach. Und wenn wir unseren letzten Schnaufer tun, sterben wir.

Atmung: das sind Einatmung, Ausatmung und die kurzen Ruhephasen zwischen beiden. Im Alltag empfinden wir die Einatmung als den aktiveren, die Ausatmung als den passiv gehenden Teil der Atmung. Beobachten wir einmal die ganz normale Ruheatmung (durch die Nase), wenn man entspannt steht oder sitzt. Im Idealfall wölbt sich der Bauch bei der Einatmung ein wenig nach außen, es folgt eine kurze Phase der Ruhe vor der Ausatmung. Die Phase der Ausatmung wird lautlos und zügig gehen. Ein kleines Lüftchen. Könnte man mit diesem kleinen Lüftchen singen? Probieren! Oder ein Ausatmen in einem Stoß bei offener Kehle und auch verschiedenen Anspannungen der Stimmlippen, lässt sich da etwas »Kultiviertes« hören? Das könnte jedenfalls einmal ein ziemlich archaisches Experiment zu Beginn einer Probe sein, Thema: Neues vom altsteinzeitlichen Männergesang. Singen ist zeitlich gedehnte, konzentriert tönende Ausatmung. Töne entstehen, wenn sich die Stimmlippen im Kehlkopf je nach Tonhöhe minder oder mehr schließen und mit Hilfe der Ausatmung sowie der im Kehlkopf vorhandenen Muskulatur zum Schwingen gebracht werden. Die Phase der Ausatmung muss also im Gegensatz zur Normalatmung verlängert, intensiviert und zudem aktiv gesteuert werden können. Beim Singen (= Ausatmung) geben wir Energie und Power, die Einatmung ist der Teil, der zurückgibt, was wir gegeben haben. Sie wird zu einer wichtigen Regenerationsphase. Einatmen heißt auf Sängerdeutsch auch »Abspannen«, das bedeutet, man lässt die Spannung, die sich im Körper durch die Ausatmung (den Gesang) aufgebaut hat, los. Sie soll schnell und möglichst effektiv sein, denn möglicherweise gibt es in einem Stück nur kurze Pausen (Norma, Faust…) oder die Phrasen sind sehr lang (Pilgerchor), so dass wir die Atemkapazitäten bewusst einteilen müssen. Die Spannung des Atemdrucks auf die Stimmbänder darf nicht sofort wieder in sich zusammenfallen. Aus allen Proben kennen wir diese Gefahr: In fünf Takten um mindestens einen viertel Ton gefallen, keine Harmonie mehr im Vierklang. Das hat auch mit der Atemspannung zu tun. Vielleicht hat jeder Sänger, der aus dem normalen Tagesgeschäft in die Probe kommt, das schon gespürt: Der Atem verändert sich mit jeder Minute. War er anfangs noch flach und eher kurz, auch hoch hinter den Rippen angesetzt, sogar mit einem leichten Heben der Schultern, fällt er in der Probe, mit dem Einsingen – hoffentlich – in den Bauch. Das Zwerchfell sinkt nach unten. Es gibt eine Reihe von Namen für diese Atmung, »kosto-abdominale Atmung«, »Zwerchfell-Flankenatmung«, landläufig »Bauchatmung«. Es ist dann so, dass sich bei der Ausatmung der Oberkörper ein wenig anhebt, während die Einatmung als ein passives Fallenlassen empfunden wird. Bei der Einatmung wölbt sich der untere Bauch nach außen. Die Bauchwölbung geschieht automatisch, wenn das Zwerchfell sich absenkt und dadurch die Eingeweide im unteren Bauch ein wenig verdrängt werden. Und was sollte jetzt mit all dieser Atemluft geschehen? Jedenfalls geht es nicht darum, die Atemluft einfach durch den Kehlkopf »rauszupusten«, sie reicht dann auch nur für die erste Hälfte der Phrase. Wir kennen als Choristen alle diese »Hilferufe« von vorne: »Hauen Sie die Töne doch nicht einfach so raus! Sie müssen sie lebendig gestalten«… »Spannung halten! Jeden Ton sich entwickeln lassen!« Was ist denn damit eigentlich gemeint? Es gibt viele Erklärungen dafür und es ist nicht einfach, das zu beschreiben (genau für dieses individuelle Einsingen 41