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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

42 Empfinden und

42 Empfinden und Aneignen haben Chorschule und Einsingen ihre Funktion). Doch etwa so: Eigentlich brauchen wir für die Schwingung der Stimmbänder nicht so viel Luft. Zum Singen sollte nur ein kleinerer Atemstrom aber mit konstantem Druck genutzt werden. Enrico Caruso erklärte sogar, dass er »nicht mehr Atem zum Singen benötige als für eine zwanglose Unterhaltung mit einem Freund«. Wir sind nicht Caruso, aber auch wir haben eine starke physische Grundlage, um unseren Stimmapparat lange, konstant und wenig(-er) ermüdend klingen zu lassen. Das sind Brust-, Zwischenrippen-, und Lendenmuskulatur, an denen das Zwerchfell angehängt ist. Diese drei Muskelgruppen ermöglichen uns das Singen mit komprimierter Luft anstatt mit losgelassener Luft. Das ist der Begriff der »Stütze«, Unterstützung. Die Italiener nannten es »appoggio«, was ungefähr Anlehnung bedeutet. Manche nennen es »Verankerung« (»anchoring«) oder Anbindung. Einfacher sind die Begriffe Atemkontrolle oder kontrollierte Ausatmung. Doch es ist immer dasselbe gemeint: Die Atemmuskulatur arbeitet gleichzeitig in Rückhaltung und konzentrierter Abgabe der Atemluft, sie nimmt der Kehlkopfmuskulatur Arbeit ab, wird ein Fundament der Tonerzeugung. Die Kraft kommt eben nicht aus dem Hals. Nebenbei: Alles, was mit Drücken, Pressen, Quetschen und so weiter einhergeht, ist hier nicht gemeint. Übrigens scheint auch unser Chorleiter von diesen Zusammenhängen überzeugt zu sein. Zitat aus einem älteren Burgboten: »Wer richtig atmet, der spart drei Jahre Gesangsstudium« (Steiner). Das ist doch motivierend! Da die Körperwahrnehmung individuell ist, empfindet auch jeder Sänger die Hilfestellung der Atemarbeit anders, vielleicht auch noch kaum. Die Verankerung der Töne in der Leibesmitte, das Spüren, wie die Atemmuskulatur arbeitet, kann mehr im Brustkorb, im Bauch oder über die Rückenmuskulatur empfunden werden. Spätestens jetzt wird auch klar, warum Atemübungen so wichtig sind – wer eine trainierte Atmungsmuskulatur bewusst zur Verfügung hat, kann natürlicher, lauter und ausdauernder singen, ohne dabei seinen Stimmapparat zu überanstrengen. Die Atemmuskulatur trainieren wir vor jeder Probe beim Einsingen, tonlos und mit Phonation. Denn die Anforderungen an die Atmung erhöhen sich beim Singen beträchtlich. Wir wollen nicht nur (angemessen) laut klingen, sondern dabei auch noch qualitativ schöne Töne erzeugen, möglicherweise lange am Stück singen und dabei nicht heiser werden. Und auch das »Sich- Entwickeln-Lassen« des Tons, ein Vibrato, hängt mit einer feinen Ausbalancierung der Atmung zusammen und will gelernt sein. Es gibt drei Arten von Atemübungen für Gesang, Kraftübungen, Flexibilitätsübungen sowie Ausdauerübungen / Atemverlängerungsübungen. Einige Beispiele aus unserer Praxis: Kraftübungen Die Kraftübungen müssen mit möglichst viel Power ausgeführt werden. Sie trainieren die inneren Zwischenrippenmuskeln. Diese sind für die Ausatmung zuständig und kön-

nen für den Gesang trainiert werden. Wir machen z.B. kräftige »sch sch sch«, »f s sch«, »p t k« Wichtig dabei ist: kräftig ausatmen. Flexibilitätsübungen Sie trainieren die Fähigkeit des Zwerchfells, sehr schnell und effektiv loszulassen, nachdem ausgeatmet wurde und eine Gesangsphrase vorbei ist. Die Einatmung heißt auf Sänger-Deutsch ja »Abspannen«, das bedeutet, man lässt die Spannung, die sich im Körper durch die Ausatmung (den Gesang) aufgebaut hat, los. Wir atmen z.B. mit Kraft alle Luft aus, halten, spüren den Atemreflex und lassen die Luft »einfallen«. Die Übung machen wir auch mit kleinen kurzen s s s s oder s sch s sch s sch. Ein Zug, der immer schneller wird und sich dabei von dir entfernt. Ausdauerübungen Sie trainieren einen langen Atemstrom und damit auch die Atemdosierung: Wir singen auf einem angenehmen Ton und ruhig ganz zart wwwwwwwww, solange es geht. Irgendwann spürt man den Einatem-Impuls. Wir machen dann eine kurze bewusste Pause (spüren die Spannung) und lassen dann los, so dass die Einatmung passiv /reflektorisch einströmen kann. Nicht nur nebenbei dienen Atemübungen auch der Kräftigung der Atemmuskulatur, um dem ganz natürlichen altersbedingten »untrainierterem« Zustand der Muskeln im »fortgeschritteneren« Alter (Definition Eigensache) entgegen zu wirken. Und ein probentechnisch wahrscheinlich sehr gewünschter Effekt der Übungen ist: Einige wenige Minuten an Atemübungen im Rahmen des Einsingens sind nützlich, um Ruhe in die Gruppe einkehren zu lassen. Alle mir bekannten Kulturen bringen den Atem/den Odem in Verbindung mit einer tiefen Empfindung des eigenen Lebens, des individuellen Selbst, mag es nun hinduistisch »atman« / »Essenz«, jüdisch/alttestamentlich »ruach« / »Geist«, griechisch/neutestamentlich »pneuma« oder lateinisch »anima«/»Seele« genannt werden. Vielleicht ist es auch deshalb die Empfindung vieler Sängerinnen und Sänger, dass »Spannen« und »Stützen» im Gesang dann doch wieder zu einem sehr tiefen »Abspannen« – einer sehr befriedigenden Entspannung führen. Salvatorische Klausel: Natürlich hat der Autor diese Gedanken nicht neu in die Welt gebracht. Ich habe viele, auch recht unterschiedliche Richtungen und Ansätze gefunden und hoffe die überwiegend akzeptierten Hauptgedanken wiedergegeben zu haben. Ein Verzeichnis der Quellen liegt der Redaktion vor. BN Einsingen 43 Zum Schluss eine Enttäuschung: Atemübungen sind KEIN Training der geraden und schrägen Bauchmuskulatur! Dafür braucht es weiterhin die altbekannten Situps – zu Hause oder in der Mucki-Bude.

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