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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

20 Meine Mutter hatte,

20 Meine Mutter hatte, bevor ich auf die Welt kam, am Konservatorium in Wien Gesang studiert. Aber nach drei Semestern war ich dann da... . Sie hatte eine wunderschöne Stimme, opferte für mich aber ihr Studium. Die Ehe mit meinem Vater war nur von kurzer Dauer und eine Scheidung war Mitte der Sechziger keine Lappalie. Sie fühlte sich als Mutter verantwortlich, ließ also ihre Gesangsausbildung bleiben und ging arbeiten. Sie musste ja Geld verdienen, weil mein Vater damals nicht viel Unterhalt zahlen konnte. Das kann ich erst heute richtig schätzen und ich empfinde nicht nur Dankbarkeit sondern bewundere auch ihren Mut. Mein Vater studierte ebenfalls Gesang und wurde später Sänger. In Österreich erlangte er einigen Bekanntheitsgrad, war vor allem in Linz, Graz und Klagenfurt ein gefeierter Operettentenor, sang aber auch an der Volksoper (da habe ich ihn das erste Mal auf der Bühne gesehen), an der Oper Frankfurt und in der Schweiz und trat gelegentlich im Fernsehen auf. Eine sehr große Rolle in meinem Leben spielte jedoch mein Stiefvater, der meine Mutter heiratete als ich etwa vier Jahre alt war. So war er eigentlich mehr mein Vater als mein leiblicher. Von ihm trage ich auch den Namen. Meine Eltern kamen aber damals noch nicht auf die Idee, dass später die Musik mein Leben bestimmen könnte. Es gab ein Klavier zu Hause. Durften Sie darauf spielen? Dürfen? Ich musste, aber ich wollte es auch. Außerdem fragte man in dieser Zeit nicht, wenn man als Kind gesagt bekam: »Und jetzt spielst du Klavier«. Man spielte dann eben. Und ein anderes Instrument kam nicht infrage, weil es nicht nahelag. Das Klavier stand ja nun einmal da. Außerdem war es noch ein Relikt von meinem leiblichen Vater.

Haben Ihre Eltern Sie unterrichtet? Nein. Ich bekam zwar ausschließlich Privatunterricht, aber nicht von meinen Eltern. Mein Klavierunterricht war leider nicht gut, das habe ich später als Student gemerkt, und letztlich war es ein Fehler, bis zu meiner Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik in Wien immer nur Privatunterricht gehabt zu haben. Weil ich nie eine Musikschule besuchte, hatte ich keine Ahnung von dem, was da später auf mich zukommen sollte. An der Hochschule musste ich mich dann richtig reinknien. Das war sehr anstrengend. Was andere zwischen 12 und 18 gelernt hatten, musste ich zwischen 19 und 20 lernen. Blieb es beim Klavier oder erlernten Sie ein weiteres Instrument? Mit Beginn des Studiums fing ich an, Cello zu spielen. Ich habe sofort gemerkt, dass dies eigentlich mein Instrument war. Späte Liebe – das wär es gewesen. Aber mit 19 wird man kein Cellist mehr. Und ich habe Gesang studiert, sozusagen als drittes Instrument. Irgendwann musste ich aber Entscheidungen treffen und manches weglassen. Das war schwierig, weil ich äußerst vielseitig interessiert war. Ich hatte ja an der Uni in Wien auch noch ein Germanistikstudium angefangen... . Welche anderen Entscheidungen mussten Sie treffen? Unter anderem musste ich irgendwann entscheiden, werde ich nun Sänger oder Dirigent. Aber das ging ganz schnell. Beide Aufnahmeprüfungen fanden in der gleichen Woche statt. Die eine habe ich geschafft, die andere nicht. Warum eine weitere Aufnahmeprüfung? Ich hatte ja schon Gesang studiert, aber um in die nächsthöhere Stufe, also die Opernklasse zu kommen, war eine weitere Aufnahmeprüfung nötig. Aber das sollte wohl nicht sein. Doch in der Dirigentenklasse wollten sie mich haben. Damit begann ich eine allumfassende Ausbildung. Dort trafen sich Komponisten, Musiktheoretiker und Dirigenten. Die meisten Kollegen waren Pianisten, ich konnte aber durch mein Streichinstrument und vom Gesang anderes einbringen, was später auch Vorteile in Bezug auf die Arbeit mit Sängern und mit Chören – und mit den Streichern im Orchester hatte, aber natürlich auch Nachteile, weil bei Anfängern am Theater vor allem gute Pianisten gefragt sind. Später habe ich gelernt, dass Dirigenten in zwei Kategorien eingeteilt werden: in »richtige« Dirigenten, also Orchesterdirigenten und in »Nur- Chorleiter«. Warum und was ist der Unterschied? Es ist vor allem ein Vorurteil. Deswegen habe ich immer versucht, auf beiden Seiten fit zu bleiben. Die Chöre, zu denen ich als Orchesterdirigent komme, sind oft überrascht, dass da jemand steht, der etwas vom Singen versteht, und die Orchester, die mich als Chorleiter kennen lernen, sind erstaunt, dass ich einen geraden Takt schlagen kann. So konnte ich oft einen Überraschungseffekt nutzen, aber das hat natürlich auch seinen Preis, denn wir leben in einer Gesellschaft die das Spezialistentum liebt und fördert, und ich wollte immer ein möglichst vielseitiger Dirigent sein. Wie kam es dazu, warum haben Sie sich nie in eine Spezialrichtung gestürzt? Ich war schon immer an vielem interessiert. Das fing bereits damit an, dass ich nicht auf ein Musikgymnasium gehen wollte. In beruflicher Hinsicht war das eher ein Fehler. Aber das entsprechende Gymnasium in Wien hatte zwar einen ausgezeichneten musikalischen Ruf, war aber in allen übrigen Fächern nicht so gut aufgestellt. Und Personen und Persönliches 21