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Der Burgbote 2013 (Jahrgang 93)

Blaues Zelt, blaues

Blaues Zelt, blaues Wunder Im Gebälk der Wolkenburg kenne ich mich ja inzwischen so gut aus, dass es für mich eine schöne Abwechslung war, in der fünften Jahreszeit mal einen Abstecher zum Blauen Zelt zu machen. Dort vom Schnürboden auf meine lieben Sangesfreunde herab zu blicken, war wieder eine wahre Freude. Was gab es da alles zu sehen und zu hören! 54 Die Comédie humaine des Theaters scheint sich für einige als Realität auf und neben der Bühne fortzusetzen. Moliere oder auch de Balzac hätten genug Anregungen für ihre literarische Präsentation menschlicher Schwächen und Eitelkeiten bekommen. Natürlich denke ich da nicht an den »Eingebildeten Kranken«. Da hatte uns die Realität eingeholt und tatsächlich nicht nur einige Hauptdarsteller, sondern einen Großteil der Mannschaft mit Grippe überzogen. Ich wurde an eine andere menschliche Schwäche erinnert: Die Eitelkeit und Geltungssucht. Das Zillche lebt natürlich von der Zeigefreudigkeit seiner Darsteller, aber wieso glauben einige, dass nur ein Platz in der ersten Reihe ihre Erscheinung angemessen zur Geltung bringt? Ich bin fast aus meinem Versteck im Schnürboden gefallen, als ich im Originalton hörte: »Weg da, da stand ich gestern!« Da hatte wohl jemand nicht verstanden, dass man sich natürlich nach fünf Spielzeiten den ersten Platz vorne fest erworben hat. Wenn ich so auf meine wackeren Sänger herabschaute, machte ich mir ernsthaft Sorgen, dass nicht einer in seinem Vorwärtsdrang noch in den Orchestergraben fällt. Komisch: In der Probe drängen sich alle in den hintersten Stuhlreihen – auf der Bühne schlägt man sich um einen Platz in der ersten Reihe! Ich werde mal dem Regisseur ins Ohr flüstern, Regeln zum Thema »Wie bringe ich mich am besten auf der Bühne zur Geltung« aufzustellen. Eine Regieanweisung zum Standplatz des Einzelnen würde den allzu eifrigen Selbstdarstellern sicher sehr hilfreich sein! Überhaupt – die Beachtung von Regieanweisungen! Beim Öffnen des Vorhangs sollte Volkgemurmel zu hören sein, über Mikroport war aber für jeden im Zuschauerraum deutlich zu hören »Rhabarber, Rhabarber«. Dabei gab es auf der Bühne gar keinen Rhabarber, sondern allenfalls Kappesköppe und am letzten Tag vom Rettich bis zum Porree alles quer durch den Garten. Ebenso war beeindruckend, wie aus dem Off heraus Mikroportträger die Solisten stimmlich unterstützten und so polyphone Bereicherung boten. Ein beeindruckend solidarisches Verhalten! Sicher dachte der Hilfssolist »Ich bin ein Star, holt mich hier raus!«

Überhaupt war für Privates auf der Bühne reichlich Platz. Wie sonst als mit einem privaten Schwätzchen kann man eine Volksmenge auf dem Marktplatz oder im Statthalterpalast authentisch darstellen? Und das deutlich sichtbare Fummeln am Sender des Mikroports ist auch für technisch interessierte Zuschauer immer wieder sehenswert. Apropos Technik: Im Chor wie in der Cäcilia gilt ja eigentlich: Handys aus! Aber offensichtlich sind Fußball-Resultate oder neue E-Mails manchmal wichtiger als die Konzentration auf den nächsten Auftritt. Nur so lässt sich erklären, dass einige Sänger noch auf der Seitenbühne in die Gürteltaschen der Kostüme griffen und ihr Smartphone herausholten. Ein Chapeau dem Multitasking. Liebe Freunde des Frohsinns, gut essen und trinken hält Leib und Seele zusammen! Das konnte man beobachten, als diverse Ensemblegruppen sich neben der Bühne im Requisitenlager regelmäßig über das aus veritablen Leckereien bestehende Bühnenbuffet des römischen Statthalterpalast hermachten und den Müllsack des Kehrmännchens mit den Speiseresten füllen halfen. Dann noch schnell ein Häppchen von den essbaren Requisiten geschnappt und in den Mund geschoben, bevor es auf die Bühne ging mit dem Lied »Met uns jitt es vill zo laache…«. Mit vollem Mund singt es sich besser! Ein Mittel der Stimmbildung ist es, die Vokale mit einem Gegenstand im Mund zu formen. Respekt! Die Chorschule zeigt Wirkung! Im letzten Burgboten hatte ich an die Vorbildfunktion der alten Hasen appelliert. Bei einigen neuen Mitspielern hat sie jedenfalls auch Erfolg gehabt. Einen hörte ich sagen: »Wenn ich das nächste Mal keine große Rolle bekomme, mache ich nicht mehr mit«. Dazu muss ich sagen, es ist nun einmal so, Kalle Kubik ist nicht Dieter Bohlen, und das Zillche ist nicht »Deutschland sucht den Superstar«. Aber nichts für ungut, ein großes Lob für die große Mehrheit der erfahrenen, aber auch neuen Mitspieler, die trotz der Widrigkeiten der Grippewelle und des neuen Spielorts das Zillche zum Erfolg geführt haben! Ihr seid eine tolle Truppe! Auf das nächste Zillche freut sich Euer Spötter. Der Burgbote spöttelt 55