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Der Burgbote 2015 (Jahrgang 95)

»My Lady Greensleeves«

»My Lady Greensleeves« von Dante Gabriel Rossetti, 1864 Üsküdar, Stadtteil von Istanbul Le Pont d’Avignon, Frankreich 6 Großer Jubel für Europas Volkslieder Frenetischer Beifall war die Währung, in der das Publikum in der nahezu ausverkauften Philharmonie die Sänger des Kölner Männer-Gesang-Vereins für ihre Darbietung europäischer Volkslieder entlohnte. Als sich nach der Zugabe »Ein Kurschütz längs dem Baume ging«, die dem Jahreskonzert den Namen gab, die Zuhörer für stehende Ovationen aus ihren Sitzen erhoben, war klar: Auf seiner »musikalischen Reise durch Europa« hat der KMGV viele künstlerisch überzeugende Meilensteine gesetzt. Sowohl die neu interpretierten Klassiker unter den Volksliedern (»Ännchen von Tharau« oder »Wanderschaft«) als auch die vielen Wieder-Entdeckungen des Programms (u.a. das umjubelte »S’Bauerngwantl«) sang der Chor mit großer Virtuosität, Präzision und hörbarer Freude! Begleitet vom wendig aufspielenden Instrumental-Ensemble betraten die Sänger mit jedem Volkslied eine andere (Klang-)Welt – und das Publikum folgte dem Chor voll Neugier durch Europa. Doch wie wurde aus der Idee »wir machen was mit Volksliedern« ein derart mitreißendes Konzertprogramm? Diese Frage beschäftigt manchen KMGV-Sänger vielleicht mehr als das Publikum. Die Planung des Programms stellte Bernhard Steiner vor eine Herausforderung: »Wenn man Lieder aus ganz Europa präsentieren will, hat man die Qual der Wahl.« Vor allem die ungeheure Vielfalt und stilistische Bandbreite des europäischen Volkslieds beeindruckte den musikalischen Leiter des KMGV: »Man hört oft schon in den ersten Akkorden, nach wenigen Takten einen eindeutigen Kolorit,

Jäger aus Kurpfalz, Ludwigshafen © Immanuel Giel Loch Lomond, Schottland »Der Mond ist aufgegangen« von Matthias Claudius 7KMGV Jahreskonzert der ein Lied als katalanisch, deutsch, schwedisch oder russisch ausweist. Das ist wirklich spannend.« Entscheidend war am Ende: Spiegelt ein Stück die musikalische Tradition seines Landes wider und eignet es sich für die Präsentation durch einen großen Chor? Gemessen am lang anhaltenden Applaus und den wiederholten »Zugabe«-Rufen haben Auswahl und Vortrag der Volkslieder auch das Philharmonie-Publikum begeistert. Das Wesen des Volkslieds Selbst nach diesem erfolgreichen Konzert und gut 18 Monaten, in denen sich der Chor intensiv mit Volksliedern beschäftigt hat (vgl. Burgbote 02/2015), fällt die Definition dieser Gattung nicht leicht: Johann Gottfried Herder übersetzte 1773 den bereits im angelsächsischen Sprachraum gebräuchlichen Begriff »popular song« ins Deutsche. Das »ehrliche Volkslied« wurde als Gegenentwurf zur »gekünstelten Lyrik« des Adels und der Bildungselite gefeiert. Seine Sprache und Themen fand das Volkslied stets in der Lebenswirklichkeit der »einfachen Leute«. Passend zum vielgestaltigen Alltag der Menschen entwickelte sich unter dem Gattungsbegriff Volkslied eine große Vielfalt sehr verschiedener Lied-Typen: In Form des Trink-, Tanz-, oder Hochzeitslieds sowie als Fahrten-, Wander- oder Abschiedslied begleitete das Volkslied die Menschen durch das Jahr. Sonderformen in Gestalt des Arbeiter-, Studenten-, Soldatenund Seemannslieds, Scherz- und Spottlieder und natürlich das Liebeslied entstanden in ebenso beeindruckender Fülle! Selbst wenn sein Ursprung (Komposition und Text) bekannt war, wurde das Volkslied in der Regel mündlich weitergegeben. Später kursierten handschriftliche Kopien, lange bevor die ersten Volkslied-Sammlungen gedruckt erschienen.