Aufrufe
vor 2 Monaten

Der Burgbote 2015 (Jahrgang 95)

8 Am »Abendlied« (nach

8 Am »Abendlied« (nach dem Gedicht »Der Mond ist aufgegangen« von Matthias Claudius) zeigt sich exemplarisch, wie wandelbar und lebendig das Volkslied bis heute geblieben ist. Seit seiner Erstveröffentlichung 1790 in der Sammlung »Lieder im Volkston, bey dem Claviere zu singen« im Satz von Johann Abraham Peter Schulz behauptet das Volkslied seinen Platz im deutschen Liedrepertoire. Mehr als 70 Vertonungen des Abendlieds sind überliefert (u. a. von Franz Schubert und Carl Orff) – aber auch neue Interpretationen aus der Feder von Pe Werner, Hannes Wader und Herbert Grönemeyer. Mit seiner leisen – in Teilen fast geflüsterten – Version hat der KMGV die klangliche und emotionale Tiefe dieses Volkslied-Sanktuariums neu vermessen. Viele Premieren & neue Arrangements Zum ersten Mal (seit vielen Jahren) präsentierte der KMGV sein Jahreskonzert ohne Noten: Der Leichtigkeit des Volkslieds wäre der Chor kaum gerecht geworden, hätte er sich im Konzert »hinter Mappen versteckt«. Publikum wie Sänger profitierten von diesem neu gewonnenen »intonatorischen Raum« auf dem Podium: Man konnte deutlich hören – und regelrecht körperlich spüren –, wie sich der Chorklang (Einsätze, Dynamik, Tempi) verbessert, wenn die Sänger den Kopf aufrecht halten statt ihn tief in die Notenmappe zu senken! Eine große Leistung, die auch Bernhard Steiner anerkennt: »Wenn man bei über zwanzig Stücken den Text, die musikalischen Besonderheiten, die Tücken in der Melodieführung und die dynamischen Feinheiten im Kopf haben muss, ist das schon richtig schwierig.« Eine beachtliche Leistung, die im Hinblick auf das bevorstehende Vereinsjubiläum sowohl den eigenen Anspruch als auch eine gewisse Erwartungshaltung beim Publikum geweckt haben wird! Auch die hohe Auslastung der Philharmonie sorgte – nach einigen Jahren weniger rege besuchter Konzerte – für gute Stimmung bei den Sängern: Endlich wieder vor ausverkauften Rängen singen! Dabei hat sich gezeigt: Die Zahl der Zuhörer steht im direkten Verhältnis zum persönlichen Engagement jedes einzelnen Sängers. Die allermeisten Eintrittskarten werden aus dem Kreis der aktiven Sänger verkauft. Wer bei Familie und Freunden für sein Hobby wirbt, Begeistung für das aktuelle Programm zeigt, weckt auch das Interesse am Konzert. Eine gut gefüllte Philharmonie wie in diesem Jahr ist dann gewiss. Traditionell wurden die meisten Volkslieder von Männern und Frauen gemeinsam gesungen – in kleinen Runden, meist spontan

und unorganisiert. Die vierstimmige Aufführung der Lieder durch einen 120 Mann starken Chor ist wohl eher die Ausnahme – weshalb für eine große Anzahl der Lieder kein Satz für Männerchor vorlag. Bei der Auswahl der Stücke musste der musikalische Leiter also auch die Frage klären, »welcher Notensatz der authentischste ist und ob diese Version auch für uns als Chor geeignet wäre«. Viele Volkslieder – sowie alle Instrumental-Begleitungen – wurden daher von Bernhard Steiner, Christopher Brauckmann, Thomas Guthoff und Andres Reukauf neu für den KMGV arrangiert, um die Stücke präsentieren zu können! Auch bei der instrumentalen Begleitung der Sänger gab es eine Premiere: Ein zwölfköpfiges hochkarätig besetztes Instrumentalensemble (Jurai Cizmarovic, Violine; Andrea Barzen, Viola; Oliver Wenhold, Violoncello; Renate Bosbach, Kontrabass; Georg Mertens, Flöte; Dirk Schultheis, 1. Klarinette; Selcuk Sahinoglu, 2. Klarinette; Michael Hofmann, Fagott; Marcel Sobol, 1. Horn; Alfons Gaisbauer, 2. Horn; Michael Schmidt, Percussion, Christopher Brauckmann, Klavier und Projekt-Assistenz) begleitete den KMGV bei seiner musikalischen Reise durch Europa: »Wir sind froh, dass wir aus dem Kreis des WDR-Funkhausorchesters Musiker gewinnen konnten, die uns an diesem Abend begleitet haben«, drückt Bernhard Steiner den Dank des gesamten Chores aus. Mit Fagott, Oboe, Klavier und Schlagwerk erklangen Instrumente, die traditionell zur Begleitung von Volksliedern genutzt werden. Das diesjährige Philharmoniekonzert war ein wahres Füllhorn: 24 Volkslieder (plus 2 Zugaben und 2 Instrumentalstücke) intonierte der KMGV in ihrer jeweils eigenen emotionalen und musikalischen Färbung. Berhard Steiner beschreibt die besondere- Herausforderung für Chor, musikalisches Ensemble und ihn als Dirigenten: »Man muss jedem Stück seinen Raum geben, es in die Hand nehmen und dem besonderen Charakter Ausdruck verleihen, damit jedes Lied seine ganz eigene Stimme entfalten kann.« Für dieses Ziel mischte sich auch der Chor immer wieder neu: Aus dem großen Chor traten der Kammerchor und mehrere speziell für einzelne Lieder zusammengestellte Vokal-Ensemble hervor – darunter auch viele neu aufgenommene Sänger. Für den nötigen Zusammenhalt sorgte Bernhard Steiner mit seiner gelungenen Moderation: Kurzweilig und informativ nahm er das Publikum mit auf die gemeinsame Reise von Volkslied zu Volkslied. Jedes Lied erzählt (s)eine Geschichte Das Volkslied handelt von den Sagen und Legenden, die man sich seit Jahrhunderten in Europa erzählt: Es gibt fröhliche und melancholische Stücke, sehr hintersinnige Lieder und solche, die sich dem Zuhörer direkt erschließen. Manche berichten von der Liebe, andere von den Schrecken des Krieges oder dem Spott des Volkes über die Herrschenden. Oft werden in wenigen Worten, in zwei, drei kurzen Strophen große Schicksale für jeden nachvollziehbar erzählt: In vielen vermeintlich »einfachen Liedchen« steckt große Kunstfertigkeit: Halb flehend um ihre Liebe, halb trotzig ob der Zurückweisung durch die »Dame mit den grünen Ärmeln«: Aus dieser emotionalen Zwickmühle des Ich-Erzählers speist sich der melancholische Grundton des englischen Volkslieds »Greensleeves«. Reges Leben herrscht hingegen »Sur le pont d’Avignon«: Zu der französischen Weise aus dem 15. Jahrhundert tanzen Männer, Frauen, Wäscherinnen und Schuster auf der steinerner Bogenbrücke Saint-Bénézet, die die Rhône bei Avignon überspannt. Die 9KMGV Jahreskonzert