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Der Burgbote 2015 (Jahrgang 95)

10 heute bekannte

10 heute bekannte Melodie stammt aus der komischen Oper »Le Sourd ou l’Auberge pleine« (zu deutsch »Kein Platz im Gasthofe«, 1853) von Adolphe Adam. Eine ältere Version aus dem 16. Jahrhundert verortet das ausgelassene Treiben noch unter der Brücke, auf der Rhône-Insel Île de la Barthelasse. Denn hier befand sich – außerhalb von Stadtmauern, Gesetzen und Moralvorschriften – das Vergnügungsviertel der Stadt. Wie der Papst auf das zügellose Treiben reagiert haben mag, bleibt offen – sicher ist hingegen, dass er aus seinem Papstpalast in Avignon freie Sicht auf die Amüsiermeile »Sous le Pont d'Avignon« hatte. Das Jagdlied ist unter den deutschen Volksliedern vielleicht das umfangreichste Genre: Preist es sonst das Ideal des deutschen Waldes oder das Vergnügen der Jagd, mischten sich im »Jäger aus Kurpfalz« ursprünglich auch derber Spott (über einen untreuen Kurfürsten) und unverhüllte Sexualität in die Verse. Ohne die oft ausgelassenen Strophen drei bis fünf bleibt jedoch der Kuckucksruf nur als rein naturalistische Beschreibung verständlich – und verliert gänzlich seine zeitgenössische Meta-Bedeutung (das Zeugen unehelicher Kinder). Um das Publikum nicht mit zu viel Jägerlatein zu quälen, hat Bernhard Steiner ein Excerpt aus vielen bekannten Jägerliedern destilliert: »Ein Kurschütz längs dem Baume ging«. Als Zugabe hat dieser KMGV-Remix das Publikum im Wortsinne von den Stühlen gerissen! Der Brief eines Soldaten an seine Geliebte bildet die Vorlage für das schottische Traditional »Bonnie Banks of Loch Lomond«: Nach einer kriegerischen Niederlage kehren die Soldaten heim. Doch nur die durch des Siegers Gnade Freigelassenen können den Weg über die Berge (»Take the high road«) antreten. Die Gefallenen und Hingerichteten kehren nur über die Unterwelt (»Take the low road«) an »die schönen Ufer von Loch Lomond« zu ihrer Liebsten zurück. Mehr als 150 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung (1841 in »Vocal Melodies of Scotland«) schufen die Höhner aus der mitreißenden Melodie die (in-)offizielle Fanhymne des 1. FC Köln (»Mer stonn zo dir, FC Kölle«, 1998). Es soll ebenfalls ein schottischer Soldat gewesen sein, der die Melodie von »Üsküdar’a Gider iken« komponiert hat. Der Militärmarsch sollte seinen Landsleuten den Stolz zurückgeben, einen Kilt zu tragen. Wegen ihres typischen »Beinkleides« mussten die Schotten viel Spott (»die Unterhosenlosen«) von den während des Krim- Kriegs (1853 –1856) im Istanbuler Stadtteil Üsküdar stationierten englischen Truppen ertragen. Später erst bekam die Melodie einen türkischen Text und eine eigene – wenn auch ähnliche – Geschichte: Getarnt als Liebeslied verhöhnt das Stück die neuen Uniformen der Istanbuler Schreiber (türkisch: Kâtip). Sultan Abdülmecid (1823–1861) hatte der bislang angesehenen Zunft Mantel und Hose als Berufskleidung verordnet. Konservative Teile der Bevölkerung reagierten darauf mit offenem Spott: Wer sich in diesen Hosen auf die Straße wage, könne auch gleich in Unterhosen gehen! In der Übersetzung heißt es dann auch: Beim Gang nach Üsküdar / setzte unerwartet Regen ein. / Meines Schreibers Gehrock ist lang / und mit Straßenkot verschmutzt. Refrain: Der Schreiber ist mein, ich gehöre dem Schreiber. / Die Leute, was mischen sie sich ein? / Wie gut doch meinem Schreiber das frischgestärkte Hemd steht!

Ein Lied kann eine Brücke sein Im KMGV-Jahreskonzert 2015 erklangen Volkslieder in 10 Sprachen (plus kölsch): »Wir haben sehr viel Arbeit in eine möglichst gute Aussprache gesteckt«, sagt Bernhard Steiner. Da geht es nicht einfach um fremde Worte, sondern oft um Laute, die es in der deutschen Sprache gar nicht gibt und die erst trainiert werden müssen. Allein die verschiedenen Schattierungen eines einfachen »a« im Französischen, Russischen oder gar Ungarischen verlangen einem Sänger einiges ab! Auf seiner »Reise durch Europa« hat der KMGV musikalisch viel Interessantes entdeckt: »Hätten wir nur deutsche Vokslieder gewählt, wäre der Gedanke der Deutschtümelei nicht weit gewesen. Und dies liegt uns als weltoffenem Chor nun wirklich fern«, betont Gerd-Kurt Schwieren als Präsident des KMGV – zumal die Geschichte der Männerchöre in Deutschland in dieser Hinsicht mehr als belastet ist. Wenn man aber den Blick weitet und andere Länder und Kulturkreise einbezieht, wird schnell deutlich: Gemeinsam zu singen ist Teil der Volkskultur überall in Europa. Manches Lied wird sogar in verschiedenen Ländern als ein »typisches Werk der Heimat« gesehen: Ein schottischer Marsch z. B. wird nicht nur von Türken gesungen (»Üsküdar’a Gider iken«), auch Griechen, Bulgaren und Serben kennen die Melodie als »ihr Lied« seit Generationen. Wahrscheinlich verdankt es unser Publikum auch diesem Lied, dass die Programmhefte, die im Vereinshaus vergessenen worden waren, noch rechtzeitig vor Vorstellungsbeginn den Weg in die Philharmonie gefunden haben: Als der kölsche Taxifahrer mit türkischen Wurzeln erfuhr, dass der KMGV auch »Üsküdar’a Gider iken« singen würde, versprach er: »Fünfzehn Minuten bis zur Wolkenburg beim Köln-Marathon? Dat jeiht nit, ävver en Viertelstündcher – dat maache mer!« Eine Reise durch Europa muss nicht zwangsläufig angenehm verlaufen: Viele Menschen, die aus Syrien oder Afrika vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, kommen derzeit auch in Köln an. »Auf Initiative unseres Mitsängers Uwe Rosenhahn haben wir 50 Flüchtlinge in die Philharmonie eingeladen«, lobt Präsident Gerd-Kurt Schwieren dessen Engagement. Durch den Kontakt zum Flüchtlingswohnheim Brück sowie zu den Projekten »Willkommenskultur Mülheim« und »Willkommen in Braunsfeld« konnte der KMGV 50 Flüchtlingen den Klang eines offenen Europas vermitteln. Dass Völkerverständigung, der sich der KMGV seit seiner Gründung verpflichtet sieht, zu einem großen Teil über (gesungene) Sprache funktioniert, hat sicher jeder bereits erlebt: Nur wenige Worte der Landessprache genügen meist, um im Ausland viel Freundlichkeit und Gastfreundschaft zu erfahren. BW KMGV Jahreskonzert 11