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Der Burgbote 2015 (Jahrgang 95)

Wo begegnen sich Gerhard

Wo begegnen sich Gerhard Richter und der KMGV? 34 Eine Story für alle, die noch nicht so lange dabei sind. Ein »alter« Verein hat es in sich. In fast 175 Jahren kommt so ziemlich alles zusammen, was Leben ausmacht, Höhen und Tiefen, Verlust und Gewinn. Der KMGV, gegründet am 27. April 1842 von 12 Herren des Kölner Domchores, die auch andere Musik singen wollten als das geistliche Repertoire, war mit Beginn Teil der Bürgerkultur dieser Stadt. Und was war das große Thema in Köln seit dem 4. September 1842? Die Grundsteinlegung durch Erzbischof und König zur Vollendung des Domes. Unser Verein hat in den folgenden Jahrzehnten mit all den bürgergesellschaftlichen Initiativen, allen überaus voran der am 14. Februar 1842 (Kopf-an-Kopf-Rennen) gegründete Zentral-Dombau-Verein, einen maßgeblichen Beitrag dafür geleistet. Heute ein Splitter, der fast in die Vereinsgegenwart reicht. Im Jahr 1845 bereits stiftete der KMGV ein Fenster für den Dom. Es befand sich im Triforium, der lichtdurchbrochenen Zone zwischen den Arkaden unten und den großen Fenstern des Obergadens, die zum Gewölbe hin abschließen. Übrigens war es keine versteckte Stelle, sondern ganz zentral gleich links neben dem Fenster der Mittelachse. Für das Gesamtengagement wurde der KMGV 1854 mit dem Eintrag in das goldene Buch des Zentral-Dombau-Vereins geehrt. Nebenbei: In all den Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sangen unsere Vor- Sänger auch für Waisenhäuser, Bedürftigenstiftungen, kommunale und kirchliche Armenverwaltungen… Das ist eine eigene Recherche mehr als wert. Zeitsprung. Im Jahr der 750-Jahr-Feier zur Grundsteinlegung des Kölner Domes 1998, machen machten sich Wolfgang Seul und befreundete Sänger auf die Suche nach dem Fenster. Hat es den Krieg überlebt? War es ausgebaut, erhalten, ist aber nun restaurierungsbedürftig? Es ist der Gedanke »back to the roots«, wie kann sich die Verbindung des KMGV zum Dom heute vielleicht ausdrücken. Am 17.4.1999 war der Tag der Wahrheit: Bei einem Treffen mit der Kunsthistorikerin der Dombauhütte wird klar: Das Fenster ist zerstört, nichts ist erhalten und die Leerstelle wurde bereits geschlossen. Aber: Die Kölner Kathedrale hat schließlich nicht weniger als 10.000 qm Fensterfläche. Da wird es doch sinnvolle Ziele für ein En-

gagement geben. Und tatsächlich: Für den KMGV ergab sich die Möglichkeit für eine schöne Beteiligung an einem exponierten Projekt zur Wiederherstellung des Gesamtkunstwerkes: Ein großes Arkadenfenster (also quasi im EG) wurde nach Kriegszerstörung entsprechend der Originalvorlagen rekonstruiert. In vier Bahnen mit je vier Einzelfenstern (Medaillons) wird in acht Reihen übereinander »Gott als der Herr der natürlichen Ordnung« dargestellt. In einer Fülle naturaler und personaler Darstellungen, Anspielungen und Querbezügen tauchen die vier Elemente, Himmelsrichtungen, Tagzeiten, Jahreszeiten und die zwölf Sternzeichen auf (nur für Rechner, es ergänzen die Zahl vier symbolische Wappen). Die Hauptversammlung war überzeugt: Es wurde der Beschluss gefasst zwei Medaillons zu stiften und dafür die Summe von DM 15.000 zur Verfügung zu stellen. Die Erlöse des Weihnachtskonzertes und Spenden sollten dies ermöglichen. Und es gelang. Am 29 März 2000 konnten Gerd Schwieren und Adalbert Wadle (damals Vizepräsident) den Stiftungsbetrag an Dompropst Heinrich und Dombaumeisterin Schock-Werner überreichen. Das Fenster wurde 2000 eingebaut. Johannes-Klein-Fenster »Die Schöpfung« im Erdgeschoss des Nordturmes (W III) © Dombauhütte Köln / Foto: Matz und Schenk Der KMGV hat zwei jahreszeitliche Motive gewählt: Das Frühjahr, symbolisiert in einer jugendlichen Gestalt, die die Leier schlägt – Bezug zu unserer Leidenschaft, der Musik, und den Herbst, den Älteren, der Lese hält, die Trauben ins Fass gibt, dass daraus der Wein für Beziehung und Geselligkeit werde. Fenster im Dom sind auch etwas wie ein »who is who« der Stifter: »KMGV« und unser Wahlspruch »Durch das Schöne stets das Gute« ziert diskret beide Fenster. Und wo finde ich nun diese Fenster und kann mir in Glas leuchtend 155 Jahre Vereinsgeschichte anschauen? Soviel sei verraten: Besuchen Sie den Dom, es lohnt sich ja immer! Suchen Sie nicht im Chor, da sind die Fenster aus dem Mittelalter. Go West. Es ist ein Erdgeschossfenster und unsere Fenster befinden sich in der fünften Reihe von unten. Stop. Aber vielleicht ist es ja nicht nur Geschichte? Vielleicht ist es ja zukünftig (bald) auch wieder so, dass wir, wie hier geschehen, Wurzeln und Prinzipien zeitgemäß aufgreifen und neu umsetzen… Tipp: Ein kleines Fernglas mitnehmen! BN KMGV Fenster im Dom 35