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Der Burgbote 1982 (Jahrgang 62)

80 muß man haben

80 muß man haben Auflage über 1,5 Millionen Jede Woche in den Lotto- und Toto-Annahmestellen

Die auch bei sonstigen Auftritten des KMGV beobachtete und auch im Burgboten schon früher glossierte Neurose der ersten Reihe spielte auch im Ziiichen wieder eine große Rolle: ohne Rücksicht auf eindeutige und aus drückliche Anweisungen des Regisseurs, der für bestimmte Szenen eine genaue Verteilung einzelner Kostüme bekanntgegeben hatte, standen im entscheidenden Moment immer andere vorne. Weder dezente Anspielungen noch deutlich erklärte Kritik, noch Versuche geschickten „Stellungsspieis" konnten daran etwas ändern. Trotz grundsätzlicher Gelas senheit gegenüber derartigen Bedürfnissen hätte man manchmal vor Zorn wie eine Katz auf einen Baum springen mögen. Die Kantine bot vor allem wegen der Gemein samkeit aller „Bühnenschaffenden" ein schil lerndes und dadurch faszinierendes Bild. Schauspieler, Feuerwehrleute, Cäciiianer, Bühnenarbeiter, Ballettänzer, Schließerinnen, Musiker bildeten ein Gemisch fast vergleich bar Zuckmayers Schilderung von der großen Völkermühie. Ein Ziilchen-Sänger mit Damen perücke und Trainingsanzug, der gerade zur besonderen Stärkung einen Strammen Max mit 5 (fünf) Eiern zu sich nahm, fiel fast vom Stuhl, als ein blutüberströmter Ritter im Ket tenhemd plötzlich an seinem Tisch Platz nahm und Bockwurst mit Kartoffelsalat ver zehrte (im Schauspielhaus lief gerade „Mac beth"). Eine besondere Rolle spielen bei den Kanti nengästen die Musiker des Orchesters der Cäciiia Woikenburg; gesteuert von einer inne ren Uhr, zum Teil auch von einer Stoppuhr, be nutzen einige von ihnen jede auch nur einiger maßen ausreichend erscheinende Pause ih res Instruments zu einer Zigarettenpause oder für ein Kölsch; gelegentlich reichten bei den Hörnern 82 Takte Pause (oder waren es doch ein paar mehr?), um zu dritt eine Flasche Sekt zu zelebrieren. Überflüssig zu erwähnen, daß eine derartig exakt abgestimmte Kombi nation von künstlerischen und leiblichen Ge nüssen nicht ohne besondere Vorrangsteue rung durch die freundliche und einsatzbereite Kantinenmannschaft gelingen kann: beim Er scheinen bestimmter Musikergruppen wurden unverzüglich fünf Kölsch gezapft. Eine besondere Stimmung herrschte in der letzten Vorstellung am Fasteiovendsdienstag: die Freude, daß alle Vorstellungen ohne nen nenswerte Einbrüche gelungen waren, das Bedauern, daß es schon wieder vorbei war und das Lauern auf eine Reihe kleiner Späße, die - überwiegend erlaubt - im wesentlichen zur Erheiterung der Akteure dienten. Statt der keifenden Papageien hörte man in der Flora das urige Gebrüll von Löwen, die von Metro- Goidwyn-Maier stammen konnten, einige Tanzpaare, die bisher zu einem Cancan über die Bühne tänzelten, mußten plötzlich eine ge fällige Schrittkombination zur „Polonaise aus Blankenese" finden und das gefühlvolle Saxo phon-Solo vom kleinen Pony wurde ersetzt durch eine dünn und näselnd gespielte Klari nette. Als kleine Bosheit wurde beim letzten Aiaaf einem oben stark gelichteten Sänger das Bühnen-Toupee vom Kopf gerupft, das dann statt eines Taschentuchs zum Abschied geschwenkt wurde. Weitere wesentliche Positionen dieser Bilanz: • jeder Mitwirkende erhielt 3 herrliche Orden (KMGV, Festkomitee, Große Kölner) • die Fernsehübertragung des Hänneschen am Rosenmontag war nett und echt kölsch, aber gegenüber dem Ziiichen doch recht hölzern, im doppelten Sinn • die stark vernachlässigten Sängerfrauen brauchen nicht mehr so viel Mühe aufzu wenden, die Restschminke aus den Kragen der Oberhemden zu vertreiben, vor allem aber die letzte und tröstliche Durch sage von „Baas" Walter Schmitt: „Die nächste Aufführung der Cäciiia Woiken burg ist am 16. Januar 1983!" Rainer Schellen