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Der Burgbote 1985 (Jahrgang 65)

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Musik aktuell in seiner Wendung nach Dur alle Schatten zu vertreiben. Beson ders eindringlich hat Brahms die Verse „Öffne den umwölk ten Blick/Über die tausend Quellen" vertont: in seiner stän dig wechselnden Tbnalität weist dieser Seitensatz auf die Vielfalt der rettenden Oasen hin, die sich „Neben dem Durstenden/ In der Wüste" offenbaren. Derart deutliche Tbxtinterpretationen finden sich noch an anderen Stellen der Alt-Rhap sodie; sie unterstreichen die dramatische Konzeption, die dem Werk zugrundeliegt. Die jähen Registerwechsel, mit Abwärtsstürzen in die None („Öde"), in die Septime und öktave („Menschenhaß") oder mit plötzlichem Aufstieg in die Tfedezime („Fülle der Liebe") ent sprechen dem Alt mehr als ir gendeiner anderen Lage der menschlichen Stimme. Das tie fe Register verfügt über Schat tierungen von fast morbider Dämonie, das mittlere zeichnet sich durch ein warmes und tra gendes Timbre aus, während die höchste Lage, die Brahms in diesem Werk nur sehr sparsam gebraucht, sehr transparent und zart wirkt. Im eher kleinen Orchester, in dem sogar Ttompeten, Posau nen und Pauken sowie Harfe fehlen, sind die Violinen bis zum Choreintritt con sordino, die Violen, Celli und Bässe im gan zen Stück unabgedämpft. Der Orchester-Alt, die Bratsche, legt sich dem Solo-Alt des Ge sanges In ausdrucksvoller Be gleitung unter („Ach, wer heilet die Schmerzen") oder spinnt (nach „Selbstsucht") die gesun gene Phrase, als Echo aufgefan gen, obligat weiter und führt über ein molto crescendo zum einzigen ffz des Stückes. Auch dieses, nur im Orchester aus brechend, wird sofort wieder abgedämpft. Die Chorstimmen, pp beginnend, kommen über das Piano kaum hinaus. Die Uraufführung der Alt- Rhapsodie erfolgte am 3. März 1870 In einem Konzert des Aka demischen Gesangsvereins zu Jena unter Leitung von Ernst Naumann. Solistin war hier die französische Sängerin Pauline Viardot-Garcia. Theodor Billroth, ein enger Ffeund Brahms', schrieb, als das Werk erstmals 1871 in Wien erklungen war, an den Kompo nisten: „Sie wissen, welche phi liströsen, ästhetischen Beden ken ich gegen das Werk als Kon zertstück hatte; alle diese Be denken sind durch die tiefinner liche musikalische Kraft Ihrer Musik getilgt. [...] Wie in Ihrem Requiem tritt auch in diesem Stück die Poesie der göttlichen Vergeltung in künstlerischer Verklärung hervor, diese Poesie, dieses ethische Märchen, des sen wunderbarer Zauber die Menschenwelt seit Jahrtausen den zusammenhält und zu im mer höherer Vervollkommnung führt." SL