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Der Burgbote 1985 (Jahrgang 65)

Musik aktuell

Musik aktuell „Lodolska" (1791). Die Hochzeit 1794 mit der zwanzigjährigen Tbchter eines königiichen Kam mermusikers. Anne Ceciie Tburette, bescherte dem Musiker eine 48jährige harmonische Ehe. 1795 wurde er einer der fünf Professoren des neuge gründeten Conservatoire de musique, doch gab er baid diese Stelie auf, da ihn Napoleon mit einer unbegreiflichen Feindseiigkeit verfolgte. Nach der Oper „Elisa" gelang Cherubini mit „Medea" (1797) ein gigantischer Wurf. Das Werk, dessen Titeipartie alle großen dramatischen Opern sängerinnen immer wieder gelockt hat, ist von einer glü henden Leidenschaft und inne ren Spannung erfüllt, die aber immer klassisch gebändigt er scheinen. Nach der komischen Oper „Der portugiesische Gast hof" (1798) sowie anderen we niger bedeutenden Opern schuf Cherubini mit seinem nächsten Bühnenwerk, „Les deux Journees" (1800), zu deutsch „Der Wasserträger", ein durchaus volkstümliches und sein be kanntestes Werk, dessen her vorragende Musik sich sogleich die Sympathie des Pariser Pu blikums eroberte. Die Oper, die in Paris bis 1804 über 200 Auf führungen erlebte, gelangte auch bald auf deutsche Bühnen und begründete gemeinsam mit „Medea" Cherubinis euro päischen Ruhm. In dem für die große Oper geschriebenen „Anakreon" (1803) zeigt sich Cherubini als Melodiker. beglückender In den Jahren 1805-1808 sta gnierte die Produktion Cherubi nis. Seine Laufbahn verlief nicht zu seiner Zufriedenheit. In Paris, wo er fast 20 Jahre gewirkt hatte, jubelte man nun seinem Landsmann Spontini zu, der mit seiner „Vestaiin" große Erfolge feierte. Der Ruhm Cherubinis verfinsterte sich und dies war Ursache für schwere seelische Depressionen und ein Nerven leiden. Er wollte gänzlich der Musik entsagen. Die alte Schaf fensfreude erwachte bei Cheru bini, als man ihn 1808 bat, für das bevorstehende Cäcilienfest eine Messe zu schreiben. In kür zester Zeit waren Kyrie und Glo ria einer Messe in F-Dur für drei Solostimmen und Orchester fertiggestellt Am 22. Novem ber wurden diese beiden Sätze in der Kirche von Chimany auf geführt. Im März 1809 wurde die inzwischen vollendete Messe in einem Pariser Salon vor einem sachverständigen Publikum aufgeführt. Die Zuhö rer waren sich einig, daß Cheru bini nun auch auf dem Sektor der katholischen Kirchenmusik seine Meisterschaft unter Beweis gestellt hatte. Mit der Messe in F-Dur begann eine neue Epoche in seiner Lauf bahn, in der er sich hauptsäch lich der Kirchenmusik zu wandte und Werke schaffen sollte, deren Schönheit und Erhabenheit unvergänglich geblieben sind. In den nächsten Jahren folg ten noch mehrere Messen, von denen die gigantische Missa solemnis in d-moll aus dem Jahre 1811 besonders hervorzu heben ist. Mit der romantischen Oper „Les Abencerages", sei nem blühendsten und hinrei ßendsten Bühnenwerk, erreichte Cherubini den Höhe punkt als Opernkomponist. Er zeigte sich hier als Klassiker und Romantiker in einer Person. Beim Publikum erreichte dieses Werk allerdings nur mäßigen Erfolg. In London schrieb Cheru bini 1815 während eines drei monatigen Aufenthalts seine einzige Symphonie. 1816 ist für Cherubini ein Glücksjahr. Lud wig XVlll. übertrug ihm die Oberintendanz der Hofmusik und setzte ihn gleichzeitig wie der als Professor für Komposi tion am Konservatorium ein. Cherubinis Produktivität steigt dermaßen an, daß dieses Jahr als das fruchtbarste in seinem Leben zu nennen ist: neben der C-Dur-Messe und dem vier stimmigen Paternoster schuf er vor allem das berühmte Requiem in c-moll, das zu den höchsten Schöpfungen gehört, die auf dem Gebiet der Kirchen musik je geschrieben wurden. Beethoven hat gesagt, daß er jemals ein Requiem schreiben, sich nur Cherubini zum Vorbild nehmen würde. Das für vier stimmigen Chor und Orchester ohne Verwendung von Solisten geschriebene Werk, überzeugt in gleicher Weise durch die mei sterliche Satzkunst wie durch die Tiefe des Ausdrucks. 1822 wurde Cherubini zum Dirketor des Konservatoriums ernannt und übte dieses Amt bis ca. zwei Monate vor seinem Tbde mit dem größten Eifer und hervorragender Eignung aus, so daß er diesem Institut bald zu europäischer Bedeutung verhaif. Mit großem politischen Geschick gelang es Cherubini, seine Position in Paris über alle Regierungswechsel hinweg auszubauen und zu festigen. Daß er dabei bisweilen ziemlich rücksichtslos vorging, beweist die Tätsache, daß ausgerechnet

66 Musik aktuell Cherubini als Italiener ein Dekret erließ, daß ausländi schen Musikern dSs Studium am Conservatoire untersagte (u.a. wurde dem jungen R-anz Liszt die Aufnahme verwei gert). Aus der letzten Schaffenspe riode Cherubinis sind vor allem seine komische Oper ..Ali Baba" (1833). sowie sein Requiem in d- moll und die vier in den Jahren 1834-1837 entstandenen Streichquartette und sein Streichquintett zu nennen. Als Cherubini am 15. März 1842 starb, wurde das Konser vatorium zum Zeichen der Tfauer geschlossen. Das Begräbnis erfolgte unter militä rischen Ehren, da Cherubini Kommandeur der Ehrenlegion war. und sein ergreifendes Requiem in d-moll erklang anläßlich derltauerfeierlichkeiten. Requiem d-molI Luigi Cherubinis Requiem in d-moll ist eine der wenigen Ver tonungen der Tbtenmesse. von der man mit Sicherheit weiß, daß sie der Komponist für die eigene Ttauerfeier bestimmt hatte. Das d-moll Requiem hat der sechsundsiebzigjährige Meister 1836 komponiert. Am 25. März 1838 wurde es in der Pariser Societä des concerts uraufgeführt Es ist wahrscheinlich, daß Cherubini mit dem 1816 kompo nierten c-moll Requiem für seine eigene Ttauerfeier zufrie den gewesen wäre. Als dieses für gemischten Chor und Orche ster angelegte Requiem beim Ttauergottesdienst für Boieldieu 1834 aufgeführt worden war. hatte der Erzbischof von Paris die Verwendung von Ftauenstimmen als Verstoß gegen die alte kirchliche Musik praxis gerügt, die Ja in der Tät nur männliche Kapellsänger kannte. Um dem für die eigene Tbtenfeier gedachten Requiem liturgische Verwendbarkeit zu sichern, beschränkte sich Che rubini auf den traditionellen Männerchor. Dem Werk wurde dadurch, daß die Tfenorlinie sehr hoch geht, der Zugang zu vielen Gesangvereinen erschwert. Das Fehlen der Ftauenstimmen verleiht der d-moll Version eine düstere Tbnfärbung und eine Intensität des Ausdrucks, die dem Geist eines Requiems aufs tiefste entspricht. Von Anfang an wird im Introitus die Grundstimmung gesetzt Für das Orchestervor spiel verwendet Cherubini nur die tiefen Instrumente: geteilte Cellos. Kontrabässe, zwei Fägotte. zwei Hömer und Pau ken. Auch beim Eintritt des Chores bleibt diese verhaltene Stimmung bestehen und selbst dem Dur des Kyrie widerspricht das Orchestemachspiel. Das Graduale ist durchgehend a cappella, ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Vorgehen, doch die Anfangstakte des darauf folgenden Dies irae beweisen, daß Cherubini ein bestimmtes, dramatisches Ziel vor Augen hatte. Zum ersten Mal seit Beginn des Werkes tre ten die Geigen mit emporstre benden Sechszehnteln ein. die bei den ersten Worten des Tfextes in einem mächtigen Aus bruch von Chor und Orchester ihren Höhepunkt erreichen. Von dann an schreitet die Musik mit | überwältigender Kraft voran. undjederlfeil des so plastischen Tfextes wird musikalisch genau und treffend ausgestaltet: das Hiba mirum mit seinen ein schneidenden Blecheinwürfen: das Rex tremendae majestatis mit seinem feurigen Höhe punkt im Orchester; das Confutatis maledictis mit seinen zür nenden und beißenden Rhyth men; und das Lacrimosa mit seinen fallenden, von gewich tigen Posaunenakkorden ge stützten Gesangslinien. Das Pie Jesu ist von ergreifender Zartheit doch den sanften Dur- Harmonien tritt am Ende das Orchester entscheidend ent gegen. Die auf das Dies irae folgen den Sätze sind nicht so drama tisch. obwohl jeder einzelne einen ihm eigentümlichen Cha rakter hat Das Offertorium. F- Dur. bezeugt sowohl Cherubinis Sorgfalt in der Behandlung von Holzbläsern und Streichern, als auch sein kontrapunktisches Können im fugierten Satz. Geteilte Streicher geben dem Sanctus einen satten Klang und im Benedictus umspielen die Geigenfigurationen zart die Gesangslinie. Das Pie Jesu, wie vorher schon das Graduale. ist praktisch a cappella und ist in der Gesamtheit des Werkes der Augenblick größter Abklärung. Das Agnus Dei sticht durch seine Tiefe des Ausdrucks her vor; die Schlußkadenz des Cho res steht In D-Dur. aber wieder um - und zwar zum letzten Male - sinken die Streicher ins Moll zurück. So schließt dieses große Werk, im Gegensatz zum c-moll Requiem, in einer Stim mung. die zwar pessimistisch, aber ausgeglichen ist SL