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Der Burgbote 1985 (Jahrgang 65)

Für Freunde geschrieben

Für Freunde geschrieben In den beiden letzten Aus gaben des Burgboten haben die Fteunde von Hanns Theo Henke vergebiich auf die Fortsetzung des in der Ausgabe 5/1984 begonnen Artikels „Mit Liszt zwei Stücke" gewartet. Die Fortsetzung wurde wegen aktueller Berichterstat tung unterbrochen. Dem lieben Sangesbruder ist weder die Tinte ausgegangen noch man gelt es ihm an „Stoff". (Anm. Redaktion) Mit Liszt zwei Stücke Welch ein Leben! Die Ihnen gegebene mehr trockene Le bensübersicht hat sicher nicht vermocht, ihnen den „Men schen" Liszt aufzuhellen. Dieses stete Pendeln zwischen Vorsatz und Unterlassen läßt sein Cha rakterbild in der Geschichte schwanken. Doch Berthold Kel lermann hat in seinen Erinne rungen „Ein Künstlerleben" seine Erlebnisse und Gespräche mit Liszt aufgezeichnet. Mir oblag es, die hier interessieren den Ftagen und Erklärungen herauszufiltern und diese Ihnen vorzustellen. Das springt text lich von Seite zu Seite. Sprach lich ist daher manches etwas hölzern, doch wer liest, wird durch Informatives belohnt. Liszt war äußerst dankbar für jede ihm erwiesene Freund lichkeit, wenn es auch nur eine ganz geringfügige Gefälligkeit war. Er konnte dann nicht genug Worte finden, um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu ver leihen. Hatte er selbst aber jemand eine große Wohltat erwiesen, so war es ihm sehr peinlich, wenn dieser kam, um sich ausdrück lich zu bedanken. Wo er nur konnte, suchte er seinen Mit menschen eine Fteude zu berei ten. Sehr unangenenm war Liszt jeder Klatsch und alle üble Nachrede. Er wollte es nicht hören, wenn man etwas Schlechtes von jemandem erzählte, selbst wenn es auf vol ler Wahrheit beruhte, „Auch der Gerechte strauchelt siebenmal am läge", sagte er oft bei sol chen Gelegenheiten. Er lehnte daher alles ab, was man ihm über das Betragen seiner Schü ler und seiner Schülerinnen zutragen wollte. Dazu kam seine Neigung, von allen Men schen immer das Beste anzu nehmen und seine weitge hende Tbleranz für kleine mora lische Schwächen, namentlich auf erotischem Gebiet. Er sagte mir diesbezüglich einmal im Laufe einer Unterhaltung: „Solche Verfehlungen sind nicht so schwer zu beurteilen wie manche andere, denn sie haben immer die Entschuldigung einer übermächtigen Leiden schaft für sich"... Alles Unehrenhafte war Liszt in der Seele zuwider, gegen alles Unfeine war er äußerst emp findlich ... Liszts Güte und Milde kannte keine Grenzen. Wenn er mit mir spazieren ging, hatte er immer die Täsche voller Täler. Er eilte dann plötzlich über die Straße, um einem Armen ein Geldstück in die Hand zu drücken. Dann kam er zurück und ging, ohne ein Wort zu sagen, mit mir wei ter. Er war glücklich, wenn er einem Menschen helfen konnte, ohne daß dieser erfuhr, woher die Gabe kam .., Ein andermal sagte er zu mir: „Es gibt kein häßlicheres Wort in der deutschen Sprache als das Wort Opfer. Als ob etwas Unangenehmes damit verbun den wäre, wenn wir etwas für einen Mitmenschen tun. Es gibt kein Opfer in diesem Sinnel Wenn wir für einen anderen etwas tun oder hingeben, so ist das immer ein Glück und eine Genugtuung für uns".., Er hat mir einmal gesagt: „Man darf doch keine Wohltat erweisen, um damit Dank zu ernten, sondern weil sie für den, der die Mittel dazu hat, eine Pflicht ist, deren Erfüllung übri gens nur Fteude macht"... Liszt hat einmal mit mir über das feindselige Verhalten seiner früheren Anhänger gesprochen und sich dabei folgendermaßen geäußert: „Meine Exfreunde benehmen sich mir gegenüber nicht fein. Ich kann es ihnen aber nicht entgelten, denn ich muß sie nach wie vor als Künst ler hochschätzen". Dagegen war er kein Fteund abgeschnittener Blumen, die ihm leid taten.

68 Für Freunde gesdirieben Im Verkehr mit Ftauen war Llszt stets der ritterliche Edel mann. der zwar großen Wert auf körperliche Schönheit legte, aber in erster Linie die R^undschaft mit geistig hochstehen den R"auen gesucht und gefun den hat Die Behauptung man cher Liszt-Biographen, Liszt sei ein großer Don Juan gewesen, ist unwahr und hat ihren Ur sprung wohl hauptsächlich in der Eitelkeit gewisser Ftauen, die sich, eifersüchtig aufeinan der, mit der Liebe des Meisters brüsteten. Seinen Schülerinnen war er ein väterlicher Fteund. Natürlich haben sie ihn, wie alle Ftauen, fürchterlich verhimmelt und dabei die größten Ge schmacklosigkeiten begangen. So haben beispielsweise einige von ihnen Waschwasser von ihm in Fläschchen auf der Brust getragen. Wie ernst Liszt in Din gen der Liebe dachte, zeigt sein edles Verhalten gegenüber der Gräfin d'Agoult Daß er die Mut ter seiner Kinder trotzjahreiangen Zusammenlebens nicht hei ratete, war nicht seine Schuld, Wenn übrigens Lina Ramann schreibt Liszt habe der Gräfin, die er nach katholischen Begrif fen nicht heiraten konnte, den Vorschlag gemacht, protestan tisch zu werden, so entspricht das nicht den Tätsachen. Liszt hat sich mir und anderen gegenüber einmal geradezu empört ausgesprochen: „Wer mich nur einigermaßen kennt kann so etwas nicht in die Weit setzen!" Seinen Kindern ließ er eine glänzende Erziehung angedeihen, zuerst bei seiner Mutter in Paris, dann bei eine Pariser Dame, die ihm von der Fürstin Wittgenstein empfohlen wurde, und schließlich bei der Mutter von Hans von Bülow. Wenn die Kinder nach der endgültigen Tfennung Liszts von der Gräfin d'Agoult ihren Vater fragten, warum er nicht mehr mit der Mutter zusammenlebe, so sag te er nie ein unfreundliches Wort über sie, sondern lehnte alles Weitere ab mit den Worten: „Du sollst Vater und Mutter ehren!" Liszt besaß eine wahre, ernste Reiigiösität katholischer Prägung, Sie war die Grundlage für seine grandiosen kirchlichen Schöpfungen, wie „Christus", die Graner Festmesse, die unga rische Krönungsmesse, die Psalmen usw., die alle tiefste Ftömmigkeit, echteste Demut und Ergebung atmen. Seine Lie der, besonders seine Marieniieder, sind eine wundervolle Mischung von Ftömmigkeit und Poesie. Bezüglich der Graner Festmesse, die er zur Einwei hung der Kathedrale der unga rischen Stadt Gran geschrieben hat äußerte er sich Wagner gegenüber: „Ich weiß nicht wie das Ding klingen wird, kann aber wohl sagen, daß ich mehr daran gebetet als komponiert habe". Liszts Ftömmigkeit ent sprang einer tief innerlichen Überzeugung. Er war daher nicht dogmenblind. In Kleinig keiten hat er sich um die Gebote der Kirche nicht allzuviel ge kümmert, während die Fürstin Wittgenstein geradezu bigott war. Ais wir einmal auf die päpstliche UnfehliDarkeit zu spre chen kamen, rief er: „Was? Un fehlbar? Das ist ja dummes Zeug! Das bin nicht einmal ich". Er setzte sich an den Rügei und spielte eine überaus schwierige Passage, wobei er absichtlich danebenschiug. Dann sagte er: „Aber ich kann es wenigstens reparieren!", spielte einen noch viel komplizierteren Gang und traf mit absoluter Sicherheit auch die letzten, schwierigsten Sprünge. Liszt wollte in seiner Jugend eigentlich Geistlicher werden. Auf seinen ersten Konzertrei sen hat er seinen Vater mehr fach gebeten, ihn den geistli chen Beruf ergreifen zu lassen, da ihn schon sehr bald das Ge triebe der Weit anzuekein begann. Der Vater lehnte das aber ab, indem er sagte: „Dein Weg führt nicht an der Kirche vorbei, aber du gehörst der Weit". Andersgläubigen gegenüber war Liszt stets tolerant so sehr er auch strenggläubiger Katho lik war. Er hat mit Juden und Protestanten freundschaftli chen Verkehr gepflegt den Judenhaß von Richard Wagner hat er nie geteilt Die Musik von Meyerbeer konnte allerdings auch er wegen ihrer groben Effekthascherei nicht vertra gen. Wie aus allen Menschen, so hat er auch aus den Juden nur das Gute herausgesucht Den religiösen Fanatismus vieler Katholiken hat er Jederzeit be klagt. Im Jahre 1841 wurde Liszt in Ftankfurt a.M. in den Fl^imaurerbund aufgenommen und dann in Berlin in den Meister grad erhoben. Eine Abschrift seiner Aufhahmeurkunde be sitze ich heute noch. Er gehörte der süddeutschen, sog, huma nitären Richtung an und be grüßte die Nachricht von mei ner Aufnahme in den Bund i J. 1884 mit besonderer FT"eude. Die Loge in Weimar hat er öfters besucht und dort auch gespielt