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Der Burgbote 2008 (Jahrgang 88)

Starrsinn zu

Starrsinn zu erschüttern. Er will eigen händig Antigone befreien und Polyneikes bestatten. Doch es ist zu spät. Antigone hat sich in der Crabkammer er hängt, Haimon hat sich in sein Schwert gestürzt. Angesichts der katastrophalen Entwicklung begeht Kreons Gemahlin Eurydike auch Selbstmord. Einsam bleibt Kreon zurück. 4. Personen Antigone: Ödipus Tochter; Polyneikes und Ismenes Schwester. Sie vertritt das Gesetz der Sippe: Sie muss ihren Bruder bestatten. Sie folgt dem alten Gesetz der Götter. Im Gegensatz zu griechischen Sa genhelden beklagt sie sich nicht, wenn sie sterben muss. Ismene: Antigones Schwester. Sie ist weit aus passiver als Antigone. Sie ist auch ver nünftiger. Sie weigert sich zuerst Antigone zu helfen. Doch sie ist später bereit, Anti gones Schuld zu teilen. Doch Kreon lässt sie laufen. Kreon: König von Theben. Er glaubt immer, er habe Recht. In seiner geistigen Welt gilt das irdische Gesetz, die göttliche Ordnung hingegen nicht. Auch religiöse Pflichten kommen bei ihm nur an zweiter Stelle, der Staat ist ihm wichtiger. Haimon: Kreons Sohn und Antigones Ver lobter. Er versucht seinen Vater zu über zeugen, dass er Antigone nicht hinrichten solle. Schließlich will er sie selbst befreien, doch als er dort ankommt, hat sich Anti gone erhängt. Aus Verzweiflung stürzt er sich in sein Schwert. Eurydikie: Kreons Frau. Sie wird durch die Ereignisse so erschüttert, dass sie Selbst mord begeht. Telresias: Ein blinder Seher. Er kann Kreon davon überzeugen, seinen Entscheid zu ändern, doch zu spät. Chor: singt Lieder zwischen den einzel nen Szenen oder spricht mit den Figuren. Wächter: Wächter, der Polyneikes Leich- 72 nam bewacht und Antigone bei ihrer Tat erwischt. Bote; bringt Eurydike die schlechten Nachrichten - am Schluss des Stückes. 5. Zwei gegensätzliche Positionen Antigone zeichnet den Modellfall eines Streites. Zwei Positionen stehen sich ge genüber. Kreon, der starke, autoritäre Führer des Staates vertritt die Interessen des Gemeinwesens. Als der gegen die ei gene Vaterstadt kämpfende Bruder Anti gones vor den Toren der Stadt fällt, verbietet Kreon bei Todesstrafe seine Be stattung. Antigone als Schwester vertritt die Gegenposition und fühlt sich an das weit ältere Gesetz der Sippe gebunden, das den Familienangehörigen zur Pflicht macht, die eigenen Toten würdig zu be statten, vor allem dann, wenn es sich um Geschwister handelt. Sophokles lässt kei nen Zweifel daran, dass Kreon im Unrecht ist. Zwar lässt er ihn durch den Mund des blinden Sehers Teiresias als einen Herr scher bezeichnen, der den Staat auf gradem Kurs hielt. Aber der gleiche Seher verkündet dem Tyrann auch, dass er mo ralisch gefehlt hat, als er verbot, den Leichnam zu bestatten. Kreon wird das Opfer der beiden schlimmsten Gefähr dungen, die nach Meinung der Griechen den Menschen befallen können: Hybris, die menschliche Anmaßung und Über heblichkeit, und ate, die Verblendung. Diese beiden größten Versuchungen ste hen als positive Richtpunkte, die als Göt tinnen verehrten sittliche Werte der Metis (Weisheit und guter Rat), Themis (Sitte und Ordnung) und Dike (Ausgleich und Gerechtigkeit), gegenüber, gegen alle drei hat Kreon verstoßen. Antigone ist auch nicht ohne Schuld. Ver gebens mahnt Ismene sie zur Besonnen heit. Die trotzige Härte, mit der Antigone das ganze Stück hindurch ihrer Schwester gegenübertritt und mit der sie diese auch

dann noch zurückstößt, als Ismene mit ihr in den Tod gehen will, ist ihr Fehlverhal ten, das als moralischer Widerspruch in ihrem Handeln zum Ausdruck kommt. 6. Mendelssohn Bartholdy machte die Arbeit an „Antigone" zur Herzenssache Friedrich Wilhelm IV. ordnete 1841 an, man solle eine theatralische Realisierung der Sophokleischen Antigone versuchen. Nun war man sich darin einig, dass eine szenische Realisierung nur möglich er schien, wenn die Chorstrophen mit Musik versehen würden, da dies der antiken Auf führungstradition entsprach - und so kam Mendelssohn ins Spiel, den der Gedanke offensichtlich sehr schnell faszinierte. Folgt man Devrients Bericht, so entstand die ein Orchestervorspiel, sieben große Chöre und einige Melodramen umfas sende Komposition in kürzester Zeit. Komposition und Instrumentierung des umfangreichen Werkes dauerte gerade vier Wochen. Die Uraufführung fand am 28. Oktober 1841 vor dem Hofe und den dazu gela denen Notabilitäten der Kunst und Wis senschaft im königlichen Theater des neuen Palais in Potsdam statt. „Die Sen sation, welche sie hervorbrachte war sehr groß. Der tiefe Eindruck, der die Verleben digung der antiken Tragödie auf unser theatralisches Leben hervorbringen konnte, versprach epochemachend zu wirken. Er reinigte unsere Bühnenatmo sphäre, und gewiss ist, dass Mendelssohn ein großes, wichtiges Verdienst um diese Wirkung hatte." Dieser Bewertung von Devrient folgt die des Altphilologen Boeckh, der dem Komponisten attestiert; „er finde die Musik ganz übereinstim mend mit seinen Anschauungen vom griechischen Wesen und Leben, und von der Muse des Sophokles. Mendessohn habe die modernen Kunstmittel so in Be wegung gesetzt, wie es dem Charakter der Chorlieder und der darin enthaltenen Gedanken angemessen sei, das Edle und Würdige des Gesamteindrucks entscheide für die Vortrefflichkeit der Musik und hier durch dürfe sich jedes antiquarische Gewissen beschwichtigt fühlen, zumal da kein Antiquar im Stande sein Würde, an die Stelle dieser Musik eine antike zu setzen." Die Musik zur „Antigone" des Sophokles, nach Donners Übersetzung, für Männer chor und Orchester, ist im Werkverzeich nis von Felix Mendelssohn Bartholdy unter op. 55 geführt. SL „Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Wider sprüche der Zeit am klarsten durch schaut und zuerst versöhnt." Robert Schumann 1840 in einer Rezension 73