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Der Burgbote 2008 (Jahrgang 88)

Darsteller führen die

Darsteller führen die Rollen allein über die Sprache Mit ebenso präzisem wie emphatischem Dirigat hält er die Zügel in jeder Sekunde in der Hand und leitet den vielköpfigen Kölner Männer-Gesang-Verein zu einer Leistung an, die das Vermögen eines nicht professionellen Chores eigentlich übersteigt. Glanzvoll gelingt das Einzugslied des Chores „Strahl des Helios", zart und schwelgerisch der Hymnos auf Eros zu machtvollem Donner steigert sich das Preislied auf Bacchus. Dass uns aber zweieinhalbtausend jähre nach ihrer Entstehung die antike Tragödie mit ungebremster existenzieller Wucht in die Sitze nagelt, ist den fantastischen Sprechern zu verdanken. Ohne jede Aktion, beinahe statisch dem Publikum zugewandt, füllen sich die Rollen den noch zu lebenden, atmenden, leidenden Figuren - allein über die Sprache. Maria Schräder ist eine Antigone von Gnaden. Der unbändige Stolz der antiken Heldin, ihre trotzig-mutige Revolte, gerechte Em pörung, nüchterne Klage und am Ende die Bitterkeit über den einsamen Tod, der ihr die Erfüllung der Liebe verwehrt, ver mittelt sie tief unter die Haut gehend. Die vielleicht größere Überraschung des Abends aber war Franz Mazura als Kreon. Der 84jährige Kammersänger verkörpert den thebanischen König mit ungeheurer, kraftvoller Präsenz. Ganz selbstgewisser Herrscher, der für seinen Ehrbegriff über Leichen geht zu Beginn, erkennt er zu spät sein Irren und steht schließlich vor den Trümmern seiner Existenz. Tief er greifend das Wehklagen des greisen Königs, das am Ende durchs Theater schallte, als sollte es noch die Götter auf dem Olymp erreichen. Eindrucksvoll hat dieser Abend bewiesen, dass das Genre der Schauspielmusik in der Tat völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Dem musikalischen Leiter Bernhard Steiner und allen Akteuren gebührt aber nicht nur der Dank dafür, sich um die Rettung einer bedrohten kulturellen Art verdient gemacht zu haben, sondern ebenso für ein die Seele tief bewegendes musikalisch-theatra lisches Erlebnis, das noch lange im Innern nachklingt. 92

Kölnische Rundschau - Kultur 09.09.2008 Lebendig begraben Kölner Männer-Cesang-Verein prä sentierte Mendelssohn Barthoidys vergessene „Antigone" Von Matthias Corvin Mendelssohns Schauspielmusik zur „Anti gone" von Sophokles war nach ihrer Ur aufführung 1841 in Potsdam ein häufig gespieltes Werk in ganz Europa. Der Philologenkongress dankte seinerzeit dem Komponisten, er habe durch dieses Werk „wesentlich zur Wiederbelebung des In teresses an der griechischen Tragödie bei getragen". Ein großes Lob, das bald vergessen war; Denn wer kennt die oratorische Schau spielmusik des genialen Komponisten von Shakespeares „Sommernachtstraum"? Der Kölner Männer-Gesang-Verein hat die „Antigone" nun ausgegraben und in einer konzertanten Aufführung in der Phil harmonie vorgestellt. Dabei sorgte Diri gent Bernhard Steiner für eine neue, zeitgemäße Textfassung. Vier Schauspieler umrissen dazu die Hand lung der Tragödie um die Ödipus-Tochter Antigone; Kreon, König von Theben, lässt sie zur Strafe lebendig begraben, da sie ihren unseligen Bruder, einen politischen Feind, widerrechtlich begräbt. Obwohl der Herrscher schließlich vom Seher Tereisias umgestimmt wird, kommt jede Hilfe zu spät. Antigone hat sich erhängt, ihr Gatte Haimon, der Sohn Kreons, kann nur noch den Leichnam bergen. In sieben strophischen Chören, die sym bolisch für das siebentorige Theben ste hen, erzählt Mendelssohn die Story. Dabei geben die Chorsätze nicht nur Kommen tare zur Handlung, sondern berichten wie in Nr. 1 auch die Vorgeschichte oder wer den wie im Bacchus-Chor Nr. 6 sogar zur Personifizierung des Volkes. Chorführer Frank Blees führte seine Män ner mit markantem Bass an. Der in vier Blöcken aufgestellte Männer-Gesang- Verein gestaltete die sehr flexiblen Chor sätze mit Stimmkraft und Feingefühl. Lediglich die Tenorstimmen wirkten bei manchen Stellen etwas brüchig. Dies tat dem vortrefflichen, von den Bergischen Symphonikern abgerundeten Gesamtbild jedoch kaum einen Abbruch. Schauspielerin Maria Schräder beein druckte als Antigone. Ihr Kollege Bernd Rieser in immer neuen Rollen. Daneben behaupteten sich Franz Mazura als mür risch-hartherziger Kreon und Elmira Rafizadeh. Großer Applaus für eine große Tragödie. 93