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ZESO_1-2018_ganz

Dank Wirtschaftsnähe

Dank Wirtschaftsnähe direkt in den ersten Arbeitsmarkt Die Basler «impiega» vermittelt stellensuchende Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger direkt in den regulären Arbeitsmarkt. Die enge Begleitung durch einen professionellen Job-Coach bringt die Unternehmen dazu, sich auf den Arbeitsversuch einzulassen. Arbeitslosigkeit kann jeden treffen und Menschen bis in die Sozialhilfe führen. Ein einschneidendes Erlebnis – doch bestenfalls bietet es Möglichkeiten, neue Wege einzuschlagen, gerade bei Langzeitarbeitslosigkeit. Hier setzt «impiega» an und entwickelt mit den Stellensuchenden Szenarien, die den Fokus vor allem auf vorhandene Erfahrung und erworbene Fertigkeiten aus der beruflichen und privaten Biografie lenken. Diese sollen bei der Arbeitssuche eingesetzt werden. In zwei bis vier Gesprächen vergleichen wir Potenzial und Arbeitsmarktsituation. Wir entwickeln Strategien, die auch der familiären und privaten Situation der Betroffenen Rechnung tragen. So sollen nachhaltige Lösungen sichergestellt werden. Zwei von drei Personen werden nach dieser Abklärung in den Vermittlungspool aufgenommen, jährlich sind das achtzig bis hundert Personen. Das Team von« impiega» sieht sich als Wegbereiter für eine Personengruppe, die motiviert und bereit ist, den Anforderungen der Wirtschaft zu entsprechen. Es sind Menschen aller Berufsrichtungen und Bildungsschichten, von der arbeitslosen Akademikerin über den ungelernten Facharbeiter und die Wiedereinsteigerin bis zum Asylbewerber. Es handelt sich um Personen, denen wir aufgrund der Persönlichkeit, des Engagements oder auch der Fachkompetenz den direkten Einstieg in die Realwirtschaft zutrauen – ohne Vorbereitung über den zweiten Arbeitsmarkt, aber mit persönlicher und enger Begleitung durch einen Job-Coach. Vermittlungsprofis am Werk Neben Fachkompetenz und Persönlichkeit spielt bei der Stellensuche ein direktes und breites Netzwerk zu Firmen und Unternehmen eine entscheidende Rolle. Die Job-Coaches kommen aus der Wirtschaft und bringen langjährige Erfahrung in der Personal- und Stellenvermittlung mit. Sie kennen die unterschiedlichen Branchen und Wirtschaftszweige, sind vernetzt und verstehen das Handwerk der Vermittlung und Stellenakquise. Sie suchen selbst aktiv nach Stellen für ihre Kandidatinnen und Kandidaten und erhöhen so deren Chancen. Das Vorgehen ermöglicht schon nach kurzer Zeit erste Arbeitseinsätze, Vorstellungsgespräche oder Probetage. Neben der Begleitung der Stellensuchenden stehen immer auch die Bedürfnisse der potenziellen neuen Arbeitgeber im Fokus. Falls möglich und sinnvoll, leisten die Kandidatinnen und Kandidaten während der Stellensuche auch Temporäreinsätze. Das ermöglicht Praxiserfahrung und senkt durch die Lohneinnahmen behördenseitig die Ausgaben. Rund 75 Prozent der Personen im Vermittlungspool konnten bisher in eine entlöhnte Tätigkeit vermittelt werden, die Hälfte davon in eine Festanstellung. Drei von vier Personen befinden sich am ersten Arbeitstag nicht länger als drei Monate in der Vermittlung. Bezug zur Realität «Impiega» arbeitet in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Solothurn mit fast zwanzig Sozialhilfebehörden oder Gemeinden zusammen. Die enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den zuweisenden Sozialarbeitenden ist massgeblich für eine schnelle Vermittlung, eine gute Integration der Kandidatinnen und Kandidaten ins neue Unternehmen und eine nachhaltige Ablösung von der Sozialhilfe. Abgegolten werden unsere Leistungen über Kostengutsprachen im Einzelfall, dies mit Monatspauschalen. Obwohl «impiega» Aufträge für kantonale Stellen wahrnimmt, stellt die wirtschaftliche Eigenständigkeit aus Sicht der Firmenkunden ein wichtiges Kriterium für die vertrauensvolle Zusammenarbeit dar. Nicht als gemeinnützige Organisation oder Fachstelle mit womöglich wirtschaftsfernen Kandidatenprofilen wahrgenommen zu werden, macht es leichter. Die Bereitschaft, den Menschen eine Chance zu geben, erleben wir in fast allen Branchen als hoch. Tempo, gute Erreichbarkeit und hohe Verlässlichkeit sind für Firmenkunden zentrale Themen. Ohne direkte Ansprechperson und verbindliche Begleitung steigt praktisch kein Unternehmen in einen Arbeitsversuch ein. Einsätze in der Realwirtschaft fordern den Kandidatinnen und Kandidaten von Anfang an zwar einiges ab, geben ihnen aber automatisch den Realitätsbezug zurück – was im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms eher schwer zu vermitteln ist. Rechnung geht auf Wirtschaftsnähe, hohe Flexibilität und die Möglichkeit, kreative Lösungen im Einzelfall schnell und unbürokratisch umzusetzen: Das sind die Voraussetzungen, damit diese Art von (Re-)Integrationsarbeit Erfolg erzielt. Ratsam ist eine Begleitung bis mindestens zum Abschluss der Probezeit. Sonst besteht erfahrungsgemäss ein beträchtliches Risiko, dass die Probezeit nicht bestanden wird. Für die Behörden rechnet sich die Vermittlung und Begleitung direkt im ersten Arbeitsmarkt. Die Kandidaten sind schneller in Anstellungen drin und damit nachhaltig von der Sozialhilfe abgelöst. Mit der begleitenden Temporärarbeit kann fast immer ein Betrag erwirtschaftet werden, der die monatlichen Auslagen für das Job- Coaching mehr als ausgleicht. • Marianne Dubach Geschäftsführerin «impiega» 20 ZeSo 1/18 SCHWERPUNKT

arbeitsmarkt Arbeit für alle – das St. Galler Modell In der Schweiz besteht seit einigen Jahren eine strukturelle Arbeitslosigkeit. Für einen wachsenden Anteil von Sozialhilfeempfangenden bedeutet dies, dass ihre Chancen, nochmals eine existenzsichernde Stelle zu finden, gesunken sind. Dennoch wollen die meisten Menschen arbeiten. Für viele stellensuchende Sozialhilfeempfänger sind die Anforderungen des Arbeitsmarktes unerreichbar geworden, sodass auch das beste Coaching nicht weiterhilft. Dies obwohl die Betroffenen durchaus arbeitsfähig sind und sich nichts mehr als eine sinnvolle Arbeit wünschen, bei der sie zeigen können, was in ihnen steckt. Die St. Galler Stiftung für Arbeit sieht das Schaffen von Arbeitsplätzen für diese Zielgruppe als sozialunternehmerische Aufgabe an. Sie gründete darum vor elf Jahren die Dock Gruppe AG, um mit ihr möglichst «normale» Arbeitsplätze zu schaffen und sie so zu organisieren, dass die sozialhilfebeziehenden Arbeitnehmenden möglichst viel Verantwortung übernehmen können, wenn sie dies wollen. Das bedeutet, dass mit wenig Führungspersonal gearbeitet wird und statt eines individuellen Coachings moderne Methoden der Personalförderung angeboten werden. Wer in einem Betrieb der Dock-Gruppe arbeitet, kann grundsätzlich wählen, in welchem Bereich er oder sie tätig sein möchte, wer gut arbeitet, wird befördert und bekommt damit auch mehr Verantwortung. Einigen gelingt sogar der Wechsel ins Führungsteam. Viele finden so zu ihrem beruflichen Selbstbewusstsein zurück und finden auch wieder eine Stelle. In den vergangenen Jahren wurden unzählige Arbeitsintegrationsangebote für Langzeitarbeitslose aus Kostengründen gestrichen. Ein wichtiger Kostentreiber sind die hohen Betreuungskosten. Doch weniger Betreuung ist nicht nur günstiger für die Zuweiser, sondern auch für viele Langzeitarbeitslose ein Gewinn, weil sie so selbst mehr in die Verantwortung eingebunden werden können. wissheit haben, dass er oder sie dennoch auf lange Sicht einen Arbeitsplatz hat. In der Sozialfirma gibt es immer genügend Arbeit und damit auch Perspektiven für diejenigen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Stelle mehr finden. Das ist für viele sehr wichtig geworden. Arbeitsintegration ist dann am wirkungsvollsten, wenn sie möglichst arbeitsmarktnah Zeitlich unbeschränkte Arbeitsplätze In der Dock-Gruppe kostet ein Monat Arbeitsintegration etwa sieben Mal weniger als in einem vergleichbaren Arbeitsintegrationsprogramm. Dieser Preis macht es möglich, dort fast ausschliesslich unbefristete Arbeitsplätze anzubieten. Arbeitsintegration ist dann wirkungsvoll, wenn sie für einen langen Zeitraum integrierend sein kann. Wer keine Angst mehr haben muss, bald wieder einsam zuhause zu sitzen, entwickelt nicht nur mehr Vertrauen, sondern auch mehr berufliches Engagement. Nicht selten findet jemand erst nach ein oder zwei Jahren im Dock wieder eine Anstellung. Wer keine Stelle mehr findet, darf und soll im Dock die Georganisiert ist. Dies bedeutet nicht, dass der Druck gleich gross sein muss wie in der freien Wirtschaft, aber es heisst, dass dem Qualitätsmanagement, der Arbeitssicherheit und der Personalförderung mindestens derselbe Stellenwert zukommen muss wie in der Wirtschaft. Die Dock-Gruppe legt deshalb grossen Wert auf Qualitätsmanagement und Arbeitssicherheit. Jeder weiss, wozu Sperrbänder gebraucht werden, wo der Wareneingang und wo der Warenausgang steht und dass zu jedem Auftrag eine schriftliche Produktionsanweisung gehört. Stahlkappenschuhe und die Vermeidung von Stolperfallen gehören ebenso selbstverständlich zum Arbeitsalltag wie Kaffeepausen und das Mittagessen. Wer im Dock arbeitet, hat zwar weniger Zeitdruck und Hektik als im ersten Arbeitsmarkt, aber sonst ist alles wie in einer normalen Firma organisiert. Darum versteht sich die Dock Gruppe auch als Sozialfirma und nicht als Beschäftigungsprogramm. Es gibt genügend Arbeit Arbeitsintegrationsprojekte, die staatlich subventioniert sind, unterstehen dem Konkurrenzverbot. Das ist auch richtig so. Im Fokus steht also keine Arbeit, die sonst vom heimischen Gewerbe oder von der inländischen Industrie ausgeführt wird, sondern Arbeiten, die sich für die Wirtschaft nicht (mehr) lohnen, in denen aber dennoch eine gewisse Wertschöpfung steckt, vor allem in Industrieund Recyclingbetrieben. Ein Beispiel dafür ist die manuelle Zerlegung von Elektronikschrott. Durch eine professionelle manuelle Trennung in Schad- und Wertstoffe steigt nicht nur die Ausbeute beim Recycling. Damit kann auch verhindert werden, dass Schweizer Elektronikschrott nach Afrika exportiert wird, wo die Geräte unter katastrophalen sozialen und ökolgischen Bedingungen ausgeweidet und offen verbrannt werden. Statt eine Arbeit auszulagern, kann sie auch in eine Sozialfirma verlegt werden, oder die Sozialfirma kann innerhalb eines Produktionsbetriebs eine Abteilung, die sonst ausgelagert würde, übernehmen. Solche Arbeiten gibt es viele. Um sie zu erschliessen, braucht es viel Nähe zur Industrie, den Willen zur Lösungsfindung bei den tripartiten Kommissionen und eine grosse sozialunternehmerische Flexibilität der Verantwortlichen von Sozialfirmen. Buchtipp Lynn Blattmann zeigt in «Arbeit für alle» auf, was es braucht, um eine Sozialfirma erfolgreich zu führen – für den Betrieb und für die Beschäftigten (Rüffer und Rub 2017). Die Dock-Gruppe bietet aktuell 1400 Arbeitsplätze an zwölf Standorten an. Sie beweist damit, dass es möglich ist, volkswirtschaftlich günstige unbefristete Arbeitsplätze zu schaffen für diejenigen, die geringe Chancen haben auf dem Arbeitsmarkt. • Lynn Blattmann Co-Geschäftsleiterin Dock Gruppe AG SCHWERPUNKT 1/18 ZeSo