Berliner Stimme Nr. 2 2018

berlinerstimme

BERLINER STIMME

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 2 · 2018 | 68. Jahrgang

TITELTHEMA

FRAU.

MACHT.

ZUKUNFT.

TARIFVERTRÄGE

Gleichberechtigt im Job

#METOO

Sexismus geht uns alle an

30 JAHRE QUOTE

Wie hat sie die SPD verändert?


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Text Michael Müller

Foto Markus Wächter

Die Zukunft ist

weiblich(er)

Bis zum 18. März arbeiten Frauen im

Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen

umsonst. Die Lohnlücke zwischen

Männern und Frauen beträgt 21 Prozent.

Das sind 21 Prozent zu viel! 100 Jahre

nach der Einführung des Frauenwahlrechts

werden die Rechte von Frauen

immer noch massiv angegriffen.

Die #metoo-Bewegung war ein weiteres

Beispiel dafür, wie laut wir unsere

Stimme gegen Sexismus und Antifeminismus

erheben müssen. Unsere Senatskampagne

„Nein heißt nein!“ setzt hier

ein starkes Zeichen.

Wir stehen für eine moderne, gleichberechtigte

Gesellschaft. Und es erschreckt

uns tagtäglich, dass wir mit der AfD

eine Partei im Bundestag und in vielen

Landtagen haben, die gerade im Bereich

Gleichstellung unsere hart erkämpften

Errungenschaften wieder angreift.

Sie diskriminiert Alleinerziehende und

erklärt den Equal Pay Day zu einer

„Propagandaaktion“. Diese Politik ist

mit uns nicht zu machen!

Wir sind es großartigen Sozialdemokratinnen

wie Marie Juchacz aus Berlin

schuldig, dass wir als SPD die starke

Stimme für Gleichberechtigung sind.

Es kann nicht sein, dass es immer noch

Frauen sind, die bei einer Trennung

armutsgefährdet sind, weil sie durch

Erziehungszeiten oder die Pflege von

Angehörigen weniger Geld zur Verfügung

haben. Gegen diese Ungerechtigkeiten,

die den Alltag vieler Frauen jeden

Tag bestimmen, muss die SPD vehement

vorgehen.

Unser Kampf für Frauen muss aber

auch bei den Genossinnen ankommen.

Aktuell sind nur ein Drittel aller Mitglieder

weiblich. Das liegt weit hinter unserem

Anspruch. Wir müssen über neue

Wege nachdenken, um unsere Partei

für Frauen attraktiver zu machen. Denn:

Erneuerung bedeutet auch eine weiblichere

Zukunft unserer Parteistrukturen.

Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

gehören zusammen. Es ist unsere Pflicht

und Verantwortung, beides immer mitzudenken.

Nicht nur am Internationalen

Frauentag oder am Equal Pay Day, sondern

jeden Tag.

Herzlich

Euer

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TITELTHEMA

Frau. Macht. Zukunft.

02 EDITORIAL

Die Zukunft ist weiblich(er)

Text Michael Müller

Foto Markus Wächter

06 TITELTHEMA

Zeit für Frauen!

Text Eva Högl

Foto Susanne Fischer

08 INTERVIEW MIT CANSEL KIZILTEPE

UND DR. UTA KLETZING

Wir brauchen ein Paritätsgesetz

Fragen & Foto Birte Huizing

14 #METOO

Sexismus geht uns alle an

Text Annika Klose

Foto Lea Gronenberg

11 GASTBEITRAG

Schritt für Schritt nach vorn

Text Christiane Benner &

Regina Katerndahl

Fotos Hornischer / von Polentz

AUS DEM LANDESVERBAND

Berliner Stimmen

16 NEUMITGLIEDER-INTERVIEW

MIT MARIA SCHMIDT

UND EMMA SHEYMAN

Kein Grundrecht ist selbstverständlich

Fragen Christina Bauermeister

Fotos Nico Roicke

20 POSITION

Berlin –Stadt der Frauen

Text Dilek Kolat

Foto Privat

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22 POSITION

Heraus zum 8. März!

Text Heike Hoffmann

Foto Jusos Berlin

Illustration Laura Breiling

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VERMISCHTES

Kultur & Geschichte

24 INTERVIEW MIT

INGE WETTIG-DANIELMEIER

„Das Gespenst auf Stöckelschuhen“

Fragen Christina Bauermeister

27 FOTOSTRECKE

Aufklärung statt Beratungszwang

Text Lea Gronenberg

Fotos Lea Gronenberg &

Martina Hartleib

28 FOTOSTRECKE

Power to the polls

Text Christina Bauermeister

Fotos Anna Wyszomierska

30 REZENSION

Schluss mit den Trippelschritten

Text Christina Bauermeister

Fotos ullstein bild / AdsD

ILLUSTRATION

Laura Breiling

IMPRESSUM

Berliner Stimme

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie

Herausgeberin SPD Landesverband Berlin,

Landesgeschäftsführerin Anett Seltz (V.i.S.d.P.),

Müllerstraße 163, 13353 Berlin,

Telefon: 030.4692-222, E-Mail: spd@spd.berlin

Webadresse: www.spd.berlin

Redaktion

Christina Bauermeister und Birte Huizing

E-Mail: redaktion.berlinerstimme@spd.de

Telefon: 030.4692-150

Mitarbeit Laura Breiling (Illustration),

Christiane Benner, Lea Gronenberg,

Heike Hoffmann, Eva Högl, Regina Katerndahl,

Dilek Kolat, Anna Wyszomierska

GrafIk Nico Roicke und Hans Kegel

Abonnement 29 Euro pro Jahr im Postvertrieb

Abo-Service Telefon: 030.4692-144,

Fax: 030.4692-118, berliner.stimme@spd.de

Druck Häuser KG Buch- und Offsetdruckerei, Köln

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Text Eva Högl

Foto Susanne Fischer

Zeit für Frauen!

Die Erneuerung der Partei muss von Frauen getragen

und für Frauen gemacht werden. Erst dann hat die SPD

wieder eine echte Chance, stärkste Partei zu werden.

Seit ihren Anfängen ist die SPD die Partei der Gleichstellung.

Von der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 über den Artikel 3

des Grundgesetzes 1949 bis hin zur Frauenquote für Führungspositionen

und der Reform des Sexualstrafrechts in der letzten

Legislaturperiode: Ohne Frauen wie Marie Juchacz und Elisabeth

Selbert, Andrea Nahles und Manuela Schwesig wären diese Meilensteine

der Gleichstellung undenkbar gewesen.

Das zeigt: Gute Frauen bedeuten gute Inhalte. Und: Mehr soziale

Gerechtigkeit und mehr Gleichberechtigung kann es nicht ohne,

sondern nur mit mehr Frauen geben. Es ist also Zeit für mehr Frauen –

in der SPD, in der Politik allgemein, in Wirtschaft und Gesellschaft.

Um in den nächsten Jahren die vollständige Gleichstellung von

Frauen in allen Lebensbereichen voranzubringen, sind Frauen in

Führungspositionen unabdingbar. Vor allem in Unternehmen

können sie für einen Kulturwandel sorgen, der auf allen Ebenen

die Aufstiegschancen von Frauen fördert und die Vereinbarkeit von

Familie und Beruf erleichtert. Dazu zählt auch das Rückkehrrecht

von Teilzeit auf Vollzeit und ein Gesetz zur Entgeltgleichheit, das

die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen endlich schließt.

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Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik ist es Zeit

für mehr Frauen. Am 12. November 1918 wurde das aktive und passive

Wahlrecht für Frauen in Deutschland eingeführt. Am 19. Februar

1919 sprach die Sozialdemokratin Marie Juchacz aus Berlin als erste

Frau in der Weimarer Nationalversammlung.

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Eva Högl (auf dem Foto

rechts) ist direkt gewählte

Bundestagsabgeordnete

für Berlin-Mitte und stellvertretende

Vorsitzende

der SPD-Bundestagsfraktion.

Außerdem ist sie

Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft

sozialdemokratischer

Frauen (ASF)

der SPD Berlin.

100 Jahre nach dessen Einführung müssen wir das Wahlrecht

weiterentwickeln, um die gleichberechtigte Wahl

von Frauen in die Parlamente zu gewährleisten. Denn im

neuen Deutschen Bundestag sind gerade einmal 31 Prozent

der Abgeordneten weiblich – so wenige wie seit fast

20 Jahren nicht mehr. Auf kommunaler und Landesebene

fällt der Frauenanteil oftmals noch

geringer aus. Das ist einer Gesellschaft

des 21. Jahrhunderts unwürdig.

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Die ASF ist der innerparteiliche

Motor, um

die SPD für Frauen

attraktiver zu machen.

Hier ist die ASF Berlin

aktiv im Bundestagswahlkampf

2017.

Frauen müssen auch bei der Erneuerung

der SPD eine zentrale Rolle spielen.

Etwa die Hälfte unserer Gesellschaft

ist weiblich. Eine Partei mit

dem Anspruch, Volkspartei zu sein,

sollte diese gesellschaftliche Realität

abbilden.

Doch in der SPD sind Frauen noch

immer unterrepräsentiert. Nur knapp

ein Drittel der SPD-Mitglieder sind

weiblich. Spitzenpositionen werden

mehrheitlich von Männern bekleidet.

Und: Nur 21 Prozent der wahlbrechtigten

Frauen machten bei der Bundestagswahl

2017 ihr Kreuz bei der SPD.

Das muss sich ändern. Die Partizipations- und Aufstiegsmöglichkeiten

müssen für Frauen verbessert und die SPD

wieder attraktiv für Frauen werden.

Der Bundesparteitag im Dezember war ein wichtiger

Erfolg in diese Richtung. Das Thema Gleichstellung hat

im Arbeitsprogramm zur Erneuerung der SPD ein eigenes

Kapitel erhalten. Sowohl der Parteivorstand als auch das

Präsidium sind paritätisch besetzt worden. Und ein Anfang ist gemacht für

die Möglichkeit der Doppelspitze. Sie soll auf Ortsvereinsebene erprobt

werden.

Die Erneuerung der Partei muss von Frauen getragen und für Frauen

gemacht werden. Erst dann hat die SPD wieder eine echte Chance,

stärkste Partei zu werden und den nächsten Bundeskanzler – oder besser:

die nächste Bundeskanzlerin – zu stellen.

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Fragen & Foto Birte Huizing

Wir brauchen ein

Paritätsgesetz

Ein Gespräch mit Cansel Kiziltepe und Dr. Uta Kletzing

über Frauen in der Politik und den neuen Feminismus

Im neuen Bundestag sind gerade einmal 31 Prozent der Abgeordneten

weiblich – so wenige wie seit fast 20 Jahren nicht mehr.

Ist diese Entwicklung alarmierend?

Cansel Kiziltepe: Ja, ich finde diese Entwicklung sehr erschreckend.

Ich möchte mich dafür einsetzen, dass der Anteil von Frauen im

Bundestag auch unsere Gesellschaft repräsentiert. Wir haben uns in

der SPD-Fraktion für eine Quote in

Führungspositionen stark gemacht

und damit auch einige Erfolge erzieht.

Nun ist es ist an der Zeit, dass

wir ein Paritätsgesetz brauchen.

Männer und Frauen müssen sich

auf der Wahlliste abwechseln. In

der SPD sieht man, dass es funktioniert.

Wir sehen doch das Beispiel

in der Wirtschaft: Die Selbstverpflichtung

für Frauen in der Führungsebene

hat nichts gebracht.

Erst mit der Quote von 30 Prozent

Berliner Erklärung

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 unterzeichneten

17 Frauenverbände die Berliner

Erklärung für mehr Gleichberechtigung von

Frauen in Arbeitswelt und Gesellschaft. Darin

wird die Politik aufgefordert, in der kommenden

Legislaturperiode ein verfassungskonformes

Paritätsgesetz auf den Weg zu bringen.

In der Privatwirtschaft soll es u.a. in Aufsichtsräten

eine feste Geschlechterquote von mindestens

30 Prozent geben. Im Medien-, Kultur-,

Medizin- und Wissenschaftsbereich wird eine

paritätische Besetzung der jeweiligen Aufsichts-,

Beratungs- und Vergabegremien gefordert.

hat sich etwas geändert. 10 Europäische Länder haben inzwischen

ein Paritätsgesetz. Deutschland sollte sich ebenfalls verpflichten. Ich

hoffe, dass wir das in den kommenden Monaten initiieren werden.

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Dr. Uta Kletzing: Ich sehe das genauso. Wir suchen natürlich nach

Erklärungen, warum der Frauenanteil so runtergegangen ist. Es

haben die Parteien mehr Stimmen bekommen, die innerparteilich

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OBEN

Dr. Uta Kletzing (rechts) gehört seit 2005 zum Team der Europäischen Akademie für Frauen in Politik

und Wirtschaft (EAF Berlin). Der Frauenverband setzt sich für Chancengleichheit und Diversity ein.

Cansel Kiziltepe (links) ist Bundestagsabgeordnete aus Friedrichshain-Kreuzberg und Mitglied im

Finanzausschuss des Bundestages.

keine verbindliche Frauenförderung

betreiben. Die AfD hat nichts, die FDP

hat nichts, CDU/CSU haben unverbindliche

30 Prozent. Das zeigt sich natürlich

auch im Frauenanteil in den Fraktionen:

Bei den Grünen und Linken liegt er über

50 Prozent, bei der SPD knapp drunter

und dann geht es abwärts. Dieser Trend

der gesunkenen Frauenanteile spiegelt

sich auch bei den letzten Landtagswahlen

wieder. Auch auf kommunaler Ebene

stellen wir fest, dass sich die Oberbürgerinnenanzahl

halbiert hat. All das

zeigt: Die Zeit der selbstverständlichen

Fortschritte gibt es nicht. Wir brauchen

mehr Verbindlichkeit! Es ist eben leider

nicht so, dass gut ausgebildete Frauen

von selbst in Spitzenpositionen kommen.

Ich hoffe, dass sich durch eine Paritätsgesetzgebung

auch gesamtgesellschaftlich

etwas bewegt. Parteien sind ja immer

auch Mikrokosmen einer Gesellschaft.

Warum war die Berliner Erklärung

so wichtig?

Dr. Uta Kletzing: Die Berliner Erklärung

ist ein Meilenstein. Es ist zuvor nie gelungen,

alle Frauenverbände an einen Tisch

zu bekommen. Diese breite Unterstützung

zeigt, dass die Frauenbewegung an

einem Punkt ist, an dem sie sagt: „So geht

es einfach nicht weiter“. Wir müssen uns

auf Themen einigen, für die wir dann

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gemeinsam kämpfen. Das Besondere

der Erklärung ist auch, dass das Thema

„Frauen in Führungspositionen“ über die

Privatwirtschaft hinausgedacht wurde.

Frauen in Führungspositionen ist mehr

als ein Wirtschaftsthema. Es ist auch ein

Verwaltungsthema, ein Politikthema,

ein Wissenschaftsthema, ein Thema im

Bereich Kultur und Medien.

Cansel Kiziltepe: Ich war eine der ersten

Unterzeichnerinnen der Berliner Erklärung.

Wir müssen ein nachhaltiges

Zeichen für mehr Gleichberechtigung

setzen. Ohne gleiche Teilhabe, gleiche

Bezahlung, ohne ein stetiges Monitoring

von Gleichstellungspolitik werden wir

den Anteil von Frauen im Bundestag

nicht ändern.

Die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl sagte

zum Thema Quote: „Eine fähige Frau

braucht die Quote wie ein Walfisch eine

Kapuze“. Andere argumentieren, dass

gut ausgebildete, toughe Frauen keine

Quote brauchen. Was sagen Sie dazu?

Dr. Uta Kletzing: Wir müssen von den

Entweder-oder-Debatten wegkommen.

Wir dürfen nicht in die Schiene „Kulturwandel,

oder Quote“, „Empowerment,

oder Quote“ kommen. Es ist immer

ein sowohl als auch. Leider muss man

erkennen, dass Leistung die notwendige

Voraussetzung ist, aber nicht reicht, um

in Führungspositionen zu kommen.

Wir hören immer wieder Geschichten

von Frauen, dass sie ausgebremst werden.

Diese Geschichten sollten wir nicht

mehr erzählen müssen. Das „Ausbremsen“

und „Verhindern“ sind Mechanismen

in Kulturen und Strukturen, die

immer wieder für den „Normalfall Mann“

sorgen. Im politischen Bereich, etwa bei

den Bürgermeisterinnen, können wir

beobachten, dass genau dann Frauen

ausgesucht werden, wenn kein Mann

will. Dann dürfen wir Frauen. Das sind

dann die sogenannten „Verlegenheitskandidatinnen“.

Cansel Kiziltepe: Interessant ist auch,

dass viele nicht mehr das Etikett „Feministin“

tragen wollen. Ich trage es

beispielsweise auch nicht vor mir her,

dass ich eine Frau bin. Ich will gar nicht

in die „Frauenschublade“. Ich bin im sehr

männerdominierten Finanzausschuss,

weil ich davon überzeugt bin dass wir

gerade in den harten Bereichen sensibilisieren

müssen. Das Gender Budgeting im

Finanzausschuss etwa möchte, dass die

Ausgaben eines Staates aufgeschlüsselt

werden nach frauen- und männerpolitischen

Maßstäben. In Berlin funktioniert

das bereits. So kann man sehen, was

Politik für die Gleichstellung tut. Ein Beispiel:

Wenn man sich etwa ansieht, was

der Staat für öffentliche Verkehrsmittel

und Autobahnen ausgibt, kann man eine

Aussage über die Geschlechtergerechtigkeit

treffen. Frauen nutzen beispielsweise

mehr den ÖPNV. Wenn der Staat dann

aber mehr in Autobahnen investiert, ist

das nicht geschlechtergerecht. So kann

man viele Haushaltstitel aufschlüsseln.

Dafür stehe ich.

Dr. Uta Kletzing: Und was man ja etwa

von anderen Berliner Politikerinnen, wie

Dilek Kolat lernen kann: Man sollte sich

früh, in Netzwerken verbünden. Gerne

auch mit Männern.

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Text Christiane Benner & Regina Katerndahl

Fotos Annette Hornischer / IG Metall & Christian von Polentz / transitfoto.de

Schritt für Schritt

nach vorn

Nur mit Tarifverträgen, engagierten Betriebsräten und

fortschrittlichen Gesetzen werden wir Gleichstellung erreichen

LINKS

Christiane Benner ist

Zweite Vorsitzende der IG Metall

Vor 100 Jahren haben Frauen in Deutschland

das Wahlrecht für sich erkämpft. Das

war ein wichtiger Schritt im Kampf für

Gleichstellung, der auch heute noch lange

nicht zu Ende ist. Ginge es im bisherigen

Tempo weiter, würde es nach Berechnungen

des Global Gender Gap Report 2017

weitere 100 Jahre dauern, bis Gleichstellung

weltweit erreicht ist. So lange werden und

wollen wir nicht warten! Darum erhöhen

wir das Tempo.

Knapp 680.000 Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmer haben sich 2017 an der

Beschäftigten-befragung der IG Metall

beteiligt. Ein Ergebnis war: Für Männer

und Frauen ist es ein Kraftakt, Arbeit und

Familie miteinander zu vereinbaren. Viele

Beschäftigte wünschen sich, ihre Arbeitszeit

temporär absenken zu können.

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Die Mehrheit von ihnen kann sich eine

Arbeitszeitverkürzung aber nicht leisten.

Auf Basis dieser eindeutig formulierten

Bedürfnisse hat die IG Metall ihre Tarifforderung

für die Metall- und Elektroindustrie

entwickelt. 6 Prozent mehr Entgelt

und die Möglichkeit für alle Beschäftigten,

ihre wöchentliche Arbeitszeit für

bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden in der

Woche absenken zu können. Mit dieser

Wahloption wollen wir mehr Vereinbarkeit

ermöglichen. Genau das kann durch

die temporäre Absenkung der Arbeitszeit

auf 28 Stunden pro Woche erreicht

werden.

1,5 Millionen Beschäftigte haben mit

Warnstreiks und erstmals mit 24-Stunden-Warnstreiks

die geforderte tarifliche

Wahloption in der Metall- und Elektroindustrie

jetzt durchgesetzt: Beschäftigte,

die Kinder erziehen, Angehörige pflegen

oder in Schicht arbeiten, können jetzt

wählen, ob sie ein tarifliches Zusatzgeld

oder acht freie Tage nehmen wollen.

Zwei Tage davon finanziert der Arbeitgeber.

Der Tarifvertrag sichert zudem

den Beschäftigten einen Anspruch auf

eine befristete Vollzeit bis zu mindestens

28 Stunden für bis zu 24 Monate

zu. Danach haben sie das Recht, zu ihrer

ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren.

Somit entgehen die Beschäftigten

nach der Reduzierung der Arbeitszeit

der sogenannten Teilzeitfalle, in der vor

allem sehr viele Frauen stecken.

Unser Tarifergebnis ist ein Schritt für

mehr Gleichstellung. Auch deshalb,

weil es somit für Männer attraktiver

wird, temporär auf Teilzeit zu gehen.

Durch die rechtliche Sicherheit wird

dem „Gespenst“ des Karriereknicks aktiv

etwas entgegen gesetzt. Tarifverträge

und engagierte Betriebsräte tragen nachweislich

zu einem geringeren gender pay

gap bei. So ist die Lücke in Betrieben mit

Tarifvertrag um 10 Prozent geringer.

Dennoch braucht es auch Unterstützung

durch den Gesetzgeber. Für uns ist

das Entgelttranparenzgesetz ein wichtiger

Schritt in die richtige Richtung. Im

Juli 2019 soll zusätzlich eine Evaluation

vorgelegt werden, auf deren Grundlage

dann weitere Verbesserungen erfolgen.

Das Gesetz bietet die Chance für mehr

Transparenz über die Entgeltstrukturen

in den Betrieben. Im Gesetz steckt die

Aufforderung: Redet über eure Bezahlung!

Denn gerade Frauen sind die

Benachteiligten durch intransparente

Entgeltstrukturen. Die Behauptung

„Männer verhandeln einfach geschick-

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LINKS

Regina Katerndahl ist

Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Berlin

ter und lassen sich nicht so schnell

zufrieden stellen“ als angeblicher

Grund für Entgeltunterschiede ist

mittlerweile sogar wissenschaftlich

widerlegt. Eine Studie der Universität

Warwick zeigt beispielsweise, dass unabhängig

vom Verhandlungsgeschick die

Gehaltsforderungen von Frauen deutlich

häufiger abgewiesen werden als die von

Männern. Deshalb fordern die Gewerkschaftsfrauen

schon lange ein Entgeltgleichheitsgesetz.

Seit dem 6. Januar 2018 gilt der individuelle

Auskunftsanspruch des Entgelttransparenzgesetzes.

Die Beschäftigten haben

das Recht, das Durchschnittsentgelt von

Kollegen des anderen Geschlechts, die

einer gleichen oder gleichwertigen

Tätigkeit nachgehen, zu erfahren. Die

IG Metall schult ihre Betriebsräte, damit

sie die Beschäftigten dabei begleiten

können, dieses Recht auch wahrzunehmen.

Das Ziel ist, mögliche Entgeltunterschiede

nicht nur zu analysieren, sondern

sie im nächsten Schritt auch abzuschaffen.

Auch aus diesem Grund haben wir ein

Verfahren mit dem Titel „Auf geht’s –

faires Entgelt für Frauen“ zur betrieblichen

Analyse der Entgeltgleichheit

entwickelt. Nachdem einige Betriebsräte

die Entgeltstrukturen systematisch überprüft

hatten, zeigte sich folgendes Bild:

In indirekten Bereichen erhielten Frauen

rund 10 Prozent weniger Geld als Männer.

Das lag an der unterschiedlichen

Verteilung auf die Entgeltgruppen. Die

Eingruppierung war korrekt. Die Analyse

ergab, dass Frauen überproportional in

den unteren Entgeltgruppen zu finden

waren und kaum in den oberen. Der

„Redet über eure Bezahlung! Denn

gerade Frauen sind die Benachteiligten

durch intransparente Entgeltstrukturen.“

Betriebsrat erarbeitet nun Maßnahmen,

um Frauen betrieblich auf andere Stellen

und somit in andere Entgeltgruppen

zu entwickeln. Als Gewerkschaft und

betriebliche Interessenvertretung ist es

unsere Aufgabe, diesen Weg konsequent

weiterzugehen und den neuen Schwung,

den das Gesetz mit sich bringt, zu nutzen.

Die öffentliche Hand ist nicht nur als

Gesetzgeber in der Pflicht, wenn es um

Entgeltgerechtigkeit geht. Viele Frauen

arbeiten im öffentlichen Dienst und bei

kommunalen Unternehmen. Als Arbeitgeber

kann und muss der Staat dafür

sorgen, dass die Entgeltentwicklung

nicht hinter der Entwicklung in der

Industrie zurückbleibt. Auch aus diesem

Grund stehen wir solidarisch an der Seite

der Kolleginnen und Kollegen von ver.di,

die in der aktuellen Tarifrunde des

öffentlichen Dienstes unter anderem

eine Entgelterhöhung von 6 Prozent bzw.

mindestens 200 Euro im Monat fordern.

Ohne diese Entgelterhöhung wird die

Lücke zwischen Männern und Frauen

noch weiter anwachsen. Auch aus diesem

Grund sollte die öffentliche Hand – auch

dort wo Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten

Verantwortung übernehmen

– den Beschäftigten ihren fairen

Anteil nicht verwehren.

Für uns ist klar: Gleichstellung ist eine

Gerechtigkeitsfrage. Und diese Frage

muss auch ganz konkret am Arbeitsplatz

beantwortet werden.

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Text Annika Klose

Foto Lea Gronenberg

Sexismus

geht uns alle an

Alltagssexismus lässt sich nicht allein durch

Strafrechtsreformen bekämpfen, sagt Annika Klose.

Das sind ihre Lehren aus der #metoo-Debatte.

Unter #metoo berichten Frauen* aktuell über ihre Erfahrungen mit

Sexismus, sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt. Begonnen

wurde die Debatte von dutzenden Frauen*, die Vorwürfe gegen

den Filmproduzenten Harvey Weinstein erhoben. Hunderte Frauen*

aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen schlossen sich

an und machten unter #metoo Sexismus und sexualisierte Gewalt

öffentlich. Eine ähnliche Diskussion über Alltagssexismus wurde

vor einigen Jahren in Deutschland unter #aufschrei geführt. Sexismus

ist kein Hollywoodphänomen, Sexismus betrifft uns alle! Es ist

ein strukturelles Problem, das wir nur gemeinsam lösen können.

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Mit #metoo und #aufschrei wird sichtbar, was Frauen* tagtäglich

erleben. Sexistisches Verhalten reicht dabei von aufdringlichen

Blicken und Kommentaren, ungefragtem Anfassen bis hin zum

Übergehen eines klaren Neins. Selbstverständlich ist ein blöder

Kommentar nicht gleichzusetzen mit einer Vergewaltigung. In

beidem zeigt sich jedoch ein Machtgefälle. Macht ist ein wichtiges

Element von Sexismus, was auch daran deutlich wird, dass zwar die

allermeisten Frauen* Erfahrungen mit Sexismus gemacht haben,

jedoch die wenigsten darüber sprechen: Aus Angst nicht ernstgenommen

zu werden oder in eine Opferrolle gedrängt zu werden.

Kampagnen wie #metoo oder #aufschrei ermutigen Frauen* ihre

Erfahrungen zu teilen. Die Stimmen so vieler Frauen* können nicht

weiter übergangen werden. Es muss sich etwas ändern!

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LINKS

Annika Klose ist seit Oktober 2015

Landesvorsitzende der Jusos Berlin

Sie haben ein Nein nicht akzeptiert,

weil sie gelernt haben, Frauen* müssten

überredet werden oder haben Ablehnung

missachtet, weil vorher schon wild

geknutscht wurde. Hier muss aber klar

sein, dass ein Nein auch wirklich Nein

bedeutet, wie es im Juli 2016 endlich im

Strafrecht verankert wurde.

Wenn ich mich alleine gegen sexistisches

Verhalten wehre, werde ich schnell

zur Chefanklägerin oder zur Spaßverderberin.

Dabei geht es gar nicht darum,

Komplimente oder Flirts zu verbieten.

Ganz im Gegenteil: Es geht darum, miteinander

auf Augenhöhe zu kommunizieren

und zu flirten. Ein Kompliment,

das mich als Person wertschätzt, gibt mir

ein tolles Gefühl. Ein Anmachspruch, der

mir im Vorbeifahren hinterhergerufen

wird, nicht. Das dürfte auch den meisten

Männern* klar sein.

In der öffentlichen Debatte wird viel

über sogenannte Grauzonen gesprochen.

Neben vielen mutigen Frauen* haben

sich unter #metoo auch Männer* zu

Wort gemeldet, die Situationen schilderten,

in denen sie übergriffig waren.

Eine sexuelle Handlung ist strafbar,

wenn sie von einer der beteiligten

Personen nicht gewollt und dies auch

erkennbar war. Schweden hat vor kurzem

den Grundsatz „Ja heißt Ja“ gesetzlich

verankert, so dass jede sexuelle

Handlung die ausdrückliche Zustimmung

aller Beteiligten voraussetzt.

Auch hier möchte ich denjenigen

widersprechen, die behaupten, das

würde die Spontanität und damit den

Spaß an Sexualität zerstören. Nur wenn

wir darüber sprechen, was uns gefällt

und uns dabei gegenseitig ernstnehmen,

macht Sexualität allen Beteiligten Spaß.

Sexismus lässt sich nicht allein durch

Strafrechtsreformen bekämpfen, aber

es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten

nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Wir müssen Frauen* zuhören, die von

sexualisierter Gewalt berichten. Wir

alle müssen die „Spaßverderber*innen“

sein, wenn unser Kollege, Kommilitone

oder Kumpel einen sexistischen Spruch

macht. Wir müssen eingreifen, wenn wir

in der Bahn oder in der Bar übergriffiges

Verhalten beobachten. Sexismus geht

uns alle an, unabhängig von unserem

Geschlecht.

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Fragen Christina Bauermeister

Foto Nico Roicke

Kein Grundrecht

ist selbstverständlich

Zwei Frauen, 64 Jahre Altersunterschied: Maria Schmidt (82) und

Emma Sheyman (18) sind erst im Januar in die Berliner SPD eingetreten.

Ein Generationen-Gespräch über Frauenrechte, verpasste Chancen

und Diskriminierung im Alltag.

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Liebe Maria, liebe Emma, ihr seid erst vor kurzem in die SPD

eingetreten. War es das Mitgliedervotum, das euch letztlich dazu

bewogen hat, das Beitrittsformular auszufüllen?

Maria: Ich habe schon länger überlegt, ob ich nicht eintreten soll.

Ich stand der SPD schon immer nahe. Noch heute berührt mich eine

Begegnung mit Willy Brandt sehr. Ich traf ihn in der Wiedervereinigungs-Nacht

zum 3. Oktober 1990 auf den Stufen des Reichstages.

Ich war damals im Potsdamer Frauenchor, der zusammen mit drei

weiteren Chören die Nationalhymne sang. Ich ging nach draußen,

traf dort auf Brandt, gratulierte ihm und gab ihm einen Strauß

Blumen. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Das Mitgliedervotum

gab mir den letzten Ruck, endlich Mitglied zu werden; auch

weil ich gehört hatte, dass gerade so viele junge Leute eintreten.

Da wollte ich als älterer Mensch etwas entgegensetzen.

Emma, du durftest im vergangenen Jahr bei der Bundestagswahl

noch nicht wählen. Jetzt hattest du beim Basisvotum eine Stimme.

Wie wichtig war das für dich?

Emma: Es war mir sehr wichtig, eine Stimme zu haben. Ich war im

September letzten Jahres zur Bundestagswahl noch nicht volljährig.

Ich hätte aber auch sonst nicht wählen dürfen, da ich

noch einen russischen Pass habe, weil meine Mutter „Ich komme aus einem

gebürtige Russin ist. Ich komme aus einem Haushalt,

in dem Politik keine Rolle spielt. Auch mit meinen

Haushalt, in dem Politik

Freunden konnte ich nicht über Politik sprechen. keine Rolle spielt.“ (Emma)

Ich habe mich darüber geärgert, dass einige meiner

Freunde nicht wählen gegangen sind und sich nun über das Ergebnis

beschweren. Deshalb bin ich 2017 bei den Jusos eingetreten und

eben jetzt auch in die SPD.

Vor 100 Jahren konnten in Deutschland zum ersten Mal Frauen

wählen. Was bedeutet euch das?

Maria: Ich habe bis 1987 in der DDR gelebt, bevor ich mit meinen

drei Kindern ausgereist bin. Ich erinnere mich noch an die Angst, die

meine Tochter und ich hatten, wenn wir bei der Volkskammerwahl

von den Wahlhelfern verlangt haben, dass sie für uns eine Wahlkabine

aufstellen sollen. Da sind wir dann rein und haben den

Stimmzettel durchgestrichen. Als wir endlich im Westen waren und

frei wählen konnten, war das ein unglaublich tolles Erlebnis.

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Emma: Ich finde, das ist eine Frage der

Haltung. Bei uns im Politikunterricht

hatten wir vor kurzem eine Abstimmung

darüber, wie wichtig uns unsere Grundrechte

im Alltag erscheinen. Ich war die

Einzige, der ihre Grundrechte sehr wichtig

waren. Natürlich sind solche Fragen

im Alltag nicht präsent, weil wir sie als

Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Das

sind sie aber nicht, dafür sind Menschen

auf die Straße gegangen. Dass man jetzt

dieses Privileg nicht nutzt, finde ich sehr

schade. Da läuft etwas schief in der

Gesellschaft.

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Würdest du heute noch für mehr

Frauenrechte auf die Straße gehen?

Emma: Ja, auf jeden Fall. Es ist toll, dass

Frauen heute so emanzipiert sind. So

wurde ich nicht erzogen. Ich bin sehr

dankbar, dass ich selbst entscheiden

kann, ob ich mir ein Tattoo stechen lasse.

In meiner Freizeit spiele ich Hockey. In

der Mannschaft bin ich die einzige Frau.

Das wird toleriert, trotzdem gibt es unterschwellig

immer wieder Vorurteile gegen

mich als schwaches Geschlecht. Allein

der Umstand, dass wir eine Frauenquote

brauchen, ist ein Indiz dafür, dass noch

einiges im Argen liegt. Im Unterricht gibt

es Lehrer, die schon mal einen flotten

Spruch machen, so nach dem Motto: „Ihr

braucht ja gar kein Abitur. Hauptsache,

ihr bekommt Kinder und kümmert euch

um sie“. Ich komme aus einer Familie mit

sehr wenig finanziellen Möglichkeiten.

Dadurch habe ich gelernt, wie wichtig es

ist, eigenes Geld zu verdienen und unabhängig

zu sein. Eine meiner Freundinnen

kommt aus einem sehr wohlhabenden

Elternhaus. Ihr wird zu Hause gesagt,

dass sie das Abi nicht braucht. Sie solle

OBEN

Maria traf in der Nacht zum 3. Oktober 1990 Willy Brandt

auf den Stufen des Reichstages. Stolz zeigt sie das Foto,

auf dem sie neben dem Altkanzler zu sehen ist.

sich lieber darauf konzentrieren, schön

auszusehen, um später einen reichen

Mann zu finden.

Maria: Man denkt gar nicht, dass es

heute noch solche Denkweisen gibt.

Wie war das früher bei euch zu Hause?

Wie wurdet ihr erzogen?

Maria: Ich habe leider keinen Beruf erlernen

dürfen und es hat mir in meinem

ganzen Leben sehr geschadet. Ich hatte

eine ältere Freundin, die bei der Krankenkasse

arbeitete, und so etwas hätte ich

mir auch gut vorstellen können. Aber

mein Vater sagte: „Nein, das kommt

nicht in Frage“. Ich solle zuhause bleiben

und meiner Mutter zur Hand gehen.

Ich durfte schlichtweg nichts werden.

18 BERLINER STIMME


Emma: Früher haben mein Vater und meine Mutter zusammen in

Berlin gelebt. Meine Mutter ist nie arbeiten gegangen. Sie hat sich

um uns Kinder gekümmert. Alles hatte so zu sein, wie mein Vater es

wollte. Das war für mich sehr prägend. Jetzt hat meine Mutter seit

ein paar Jahren einen Freund, der für mich die Vater rolle übernommen

hat. Er hat mir gezeigt, wie eine gleichberechtigte Partnerschaft

funktioniert.

Maria, wie war die Situation als Frau für dich in der DDR?

Maria: Ich habe in meinem ganzen Leben immer kämpfen müssen.

Ich habe zwei Töchter und einen Sohn. Mein erster Mann starb,

als mein jüngster Sohn etwas über ein Jahr alt war. Wir hatten

eine Bäckerei und die musste ich zumachen. Mein

Schwager hat mich gar nicht anerkannt. Er hat nicht „Ich habe in meinem

verstanden, dass ich meinen eigenen Weg gehen

ganzen Leben immer

wollte. Seit 1983 lebe ich allein. Ich habe die meiste

Zeit als Sprechstundenhilfe im Krankenhaus gearbeitet,

um für meine Kinder zu sorgen. Sehr bitter

kämpfen müssen.“ (Maria)

war für mich auch, dass meine Kinder kein Abitur machen konnten.

Erst durften sie nicht, weil wir mit der Bäckerei selbstständig waren

und das im Arbeiter- und Bauernstaat nicht gern gesehen war und

später, weil wir die Ausreise beantragt hatten.

Emma: Ich merke erst jetzt, wie selbstverständlich es ist, dass ich

mein Abitur machen kann.

Wenn Frauen Karriere in der Politik machen wollen, dann

finden sie dort noch immer männerdominierte Strukturen vor.

Was muss sich eurer Meinung nach ändern?

Emma: Ich finde es erstaunlich, dass der Satz von Willy Brandt „Mehr

Demokratie wagen“ so viel bewegt hat. Das zeigt mir: Wir sollten

mehr Utopien wagen. Wir sollten nicht immer im Strom mitschwimmen,

sondern den Mut haben, uns hinzustellen und zu sagen: „Nein,

so geht das nicht“. Ich habe jetzt gar keine Lust auf eure Kungelrunden

und möchte trotzdem teilhaben. Dann wird sich etwas ändern.

Maria: Ich finde, Frauen haben es auch heutzutage nicht leicht. Eine

Frau ist auch heute noch die erste Bezugsperson für die Kinder. Familie,

Karriere und politisches Engagement unter einen Hut zu bringen,

ist eine riesige Herausforderung. Meine Erfahrung ist: Die Männer

ziehen noch nicht so mit, wie sie es eigentlich müssten.

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Text Dilek Kolat

Foto Privat

Berlin –

Stadt der Frauen

Drei Themen sind für die Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat

besonders wichtig, damit Berlin eine Stadt der Frauen bleibt.

„Was für ein Jahr für Feministen! Was für ein Jahr für ihre

Hasser!“, schrieb die Süddeutsche Zeitung Anfang dieses Jahres in

ihrem Rückblick auf das Jahr 2017.

Frauen stehen auf – Frauen wehren sich, aber die Gegner der

Gleichstellung von Frauen und Männern formieren sich ebenfalls.

Die Debatte hat einen bislang nicht gekanntes Ausmaß und einen

erschreckenden Radikalisierungsgrad erreicht: Frauen, die unter

#metoo oder „Nein heißt Nein“ über ihre Erfahrungen mit sexueller

Belästigung – oder über Schlimmeres – berichten, werden verlacht

oder gar bedroht.

Es ist noch nicht lange her, dass Feminismus bei vielen als

Schimpfwort galt. Und nun wird er sogar für Hetzte gegen Geflüchtete

instrumentalisiert. Für mich ist heute aber Feminismus Ausdruck

einer Geisteshaltung, die jedem Menschen wertschätzend

entgegenblickt, egal woher er oder sie kommt oder an was er oder

sie glaubt.

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100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts ist der Frauenanteil

im Bundestag auf 31 Prozent gesunken. Angesichts dessen

müssen wir Frauen besonders geschlossen dafür kämpfen, dass

unsere gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben die

Normalität wird. Leider ist das noch keine Selbstverständlichkeit.

20 BERLINER STIMME


LINKS

Dilek Kolat

ist Senatorin für

Gesundheit, Pflege

und Gleichstellung

und Kreisvorsitzende

der SPD Tempelhof-

Schöneberg

Welche Themen müssen wir politisch

besonders in den Fokus nehmen?

Eines ist die Teilzeitarbeit: Sie ist

Fluch und Segen zugleich. Insgesamt

zwei Drittel aller Teilzeitbeschäftigten

sind Frauen. Zum einen ermöglicht

Teilzeitarbeit Frauen, am Arbeitsleben

teilzunehmen und gleichzeitig Zeit für

Kinder und zu pflegende Angehörige zu

haben. Andererseits aber ist sie oftmals

eine Falle, aus der Frauen schwer wieder

herauskommen und die direkt in die

Altersarmut führt. Wer seine Arbeitszeit

vorübergehend reduziert, darf nicht

ungewollt in der Teilzeit hängenbleiben.

Für Beschäftigte des Landes Berlin gibt es

ein Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit,

das haben wir im Landesgleichstellungsgesetz

festgelegt. Letztlich müssen wir

aber dafür sorgen, dass alle Teilzeitkräfte

gefragt werden, ob sie ihre Arbeitszeit

ausweiten wollen. Ich praktiziere das seit

einigen Jahren in meiner Verwaltung.

Das kommt gerade Frauen zugute.

Ein zweites wichtiges Thema sind

die Alleinerziehenden. Hier liegt der

Frauenanteil bei knapp 90 Prozent. Sie

müssen auf ihren individuellen Wegen

unterstützt werden. Oft kommen hier

viele verschiedene Problemlagen zusammen.

Berlin baut dafür die erfolgreiche

Hilfeinfrastruktur weiter aus und schafft

Anlaufstellen in mehreren Bezirken.

Unabdingbare Voraussetzung für die

gleichberechtigte Teilhabe von Frauen

ist ein Leben frei von Gewalt und mit der

Möglichkeit, selbstbestimmte Entscheidungen

treffen zu können. Die Bekämpfung

von Gewalt gegen Frauen bildet daher

seit langem einen frauenpolitischen

Schwerpunkt. Allein für Maßnahmen

gegen Gewalt an Frauen stellen wir

im Doppelhaushalt 2018/19 des Landes

Berlin 2,5 Mio. Euro mehr zur Verfügung.

Diese drei Maßnahmen zeigen: Wir

müssen geschlossen und solidarisch

dafür kämpfen, dass Berlin die Stadt der

Frauen bleibt.

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Text Heike Hoffmann

Foto Jusos Berlin

Illustration Laura Breiling

Heraus zum 8. März!

Am 8. März ist Internationaler Frauentag.

Die Jusos finden, dass es sich noch immer lohnt, an diesem Tag

auf der Straße für mehr Frauenrechte zu kämpfen.

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Am 12. November 1918 bekamen die Frauen* in Deutschland das

Wahlrecht. Das ist nun 100 Jahre her. Mehr als 100 Jahre her ist auch

der erste Internationale Frauentag. Von Clara Zetkin am 27. August

1910 in Kopenhagen auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen

Frauenkonferenz vorgeschlagen, erfährt der Tag in den kommenden

108 Jahren eine wechselvolle Geschichte.

22 BERLINER STIMME


In den folgenden Jahren immer wieder

gefeiert, wird der Internationale Frauentag

während des ersten Weltkrieges nur

bedingt begangen. In der Nazizeit wird er

durch den Muttertag ersetzt und in der

DDR ein offizieller Feiertag mit Paraden

und Ritualen. In der Bundesrepublik wird

er erst in den beginnenden 1970er-Jahren

wieder größer begangen.

Aber: Wie geht man im Jahre 2018 mit

diesem Tag um? In der SPD hat sich eine

schöne Tradition verbreitet: Am 8. März

verteilen viele Ortsvereine und Abteilungen

rote Rosen und Informationsmaterial

an Frauen oder richten Veranstaltungen

zu feministischen Themen aus. Aber

reicht das? Ist der Kampf um die Rechte

der Frauen* vorbei? Mitnichten!

Seit 2014 gibt es in Berlin das Bündnis

Frauen*kampftag. Das Bündnis besteht

aus linken Jugendorganisationen,

Parteien, Gewerkschaften, Zusammenschlüssen

und Einzelpersonen, wie z. B.

auch die Jusos Berlin und die Linke. Das

Bündnis hat sich 2014 etwas Großes vorgenommen:

Der Frauen*tag am 8. März

soll wieder zum Kampftag werden, zu

einem Kampftag für die Geschlechtergerechtigkeit

und für die Rechte von

Frauen*. Statt Blumen zu verteilen, ruft

das Bündnis seit vier Jahren dazu auf,

auf die Straße zu gehen und zu kämpfen.

Aber wofür? Frauen* haben das Wahlrecht,

politische Funktionen und gehen

wie selbstverständlich arbeiten. Doch:

Frauen* haben immer noch nicht das

Recht darauf, selbst über ihren Körper

zu bestimmen, wie wir an der aktuellen

Debatte um §219 a erkennen können.

Frauen* sind immer noch am häufigsten

von Altersarmut betroffen. Wenn die CSU

eine Herdprämie fordert, bekommen sie

gezeigt, dass sie nicht ins Büro gehören,

sondern in die Küche.

Frauen* sind täglich von Sexismus betroffen,

am Arbeitsplatz, im Alltag, in der

Schule, in der Uni. Und dieser Seximus

führt bis hin zu sexueller Gewalt wie

#metoo wieder eindrücklich bewiesen

hat. Frauen* verdienen in vielen Berufen

immer noch nicht dasselbe für dieselbe

Arbeit wie ihre männlichen Kollegen.

Und dagegen geht das Bündnis Frauen*-

kampftag auf die Straße. Und auch in

diesem Jahr wieder: Am 8. März 2018,

ab 17 Uhr am Hermannplatz.

Heike Hoffmann ist stellvertretende

Landesvorsitzende der Jusos Berlin.

Sie vertritt die Jusos Berlin seit 2014

im Bündnisfrauenkampftag.

Zurzeit studiert sie Geschichte

an der Humboldt Universität.

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Fragen Christina Bauermeister

„Das Gespenst

auf Stöckelschuhen“

Als die SPD vor 30 Jahren die Frauenquote einführte, war das

für Inge Wettig-Danielmeier ein wichtiger Etappensieg. Die Quote

war geboren, doch die politische Kultur veränderte sich nur langsam.

Als Wettig-Danielmeier 1991 Schatzmeisterin der SPD wurde, sprach

die Presse von „der Frau, die bei Engholm an der Kasse sitzt“.

Liebe Inge, vor 30 Jahren, am 30. August 1988, verabschiedete ein

Parteitag in Münster die Einführung der Frauenquote von 40 Prozent

in der SPD für zunächst 25 Jahre. Du warst damals Vorsitzende

der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF).

Wie lange musstest du dafür Überzeugungsarbeit leisten?

Die SPD hatte früher als jede andere Partei erkannt, dass Demokratie

ohne die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht möglich

ist. Schon 1890 legte sie in ihrer Satzung fest, dass Frauen eigene

Delegierte zum Parteitag entsenden können.

„Wir müssen der sozialdemokratischen Frauenbewegung Gelegenheit

zur Vertretung auf den Parteitagen geben, ohne dass sie von der

Gnade der Männer abhängig ist“, erklärte der SPD-Organisationssekretär

Ignaz Auer 1894. Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 setzte die

SPD das gleiche Wahlrecht für Frauen wie Männer in Deutschland

durch. Erstmals durften Frauen wählen und konnten gewählt werden.

Das war unser Verdienst.

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Dennoch dauerte es noch bis 1988, ehe die Frauenquote kam ...

Ja, weil sich erst nach dem Wechsel zur sozialliberalen Regierung

Ende der 1960er Jahre die Chancen für Frauen in der Politik wirklich

verbesserten. Willy Brandt unterstützte die Forderungen der Frauen

nach Veränderungen in der Organisation der SPD und einer programmatischen

Erneuerung. Gleichzeitig entwickelten sich außer-

24 BERLINER STIMME


halb der Parteien neue Frauenbewegungen,

die auf Veränderungen drängten. In

der SPD nahm die 1973 gegründete ASF

diese Impulse auf und erkämpfte Schritt

für Schritt ein neues frauenpolitisches

Programm der SPD. Zur Durchsetzung

sollte die Quote dienen.

Wie reagierte die Öffentlichkeit auf dem

Beschluss?

Die bürgerliche Tagespresse kommentierte

damals in einem ironischen Unterton:

„Ein Gespenst geht um. Unbedarft und

ohne Weitblick für das Wesentliche

kommt es auf Stöckelschuhen daher,

lehrt selbst den mannhaften Bürger das

Fürchten: die Quotenfrau.“

Und wie war die Reaktion der Genossen?

Kannst du dich an eine typische Szene

von damals erinnern?

Ich habe mal in einer Versammlung meinen

Genossen ins Gewissen geredet.

Ich sagte, es gehe nicht, dass ihr alle in

eure Sitzungen geht und Politik macht

und eure Frauen zu Hause sitzen, sich

um Kinder und Haushalt kümmern und

für Politik keine Zeit haben. Da könnt

ihr nicht zu uns sagen: Die wollen das

gar nicht. Die Wahrheit ist: Eure Frauen

können das gar nicht unter den gegebenen

Umständen. Ein Gewerkschafter kam

dann später zu mir und sagte: „Inge, ich

bin ja ganz deiner Meinung, aber abwaschen

tue ich nicht“.

OBEN

Inge Wettig-Danielmeier auf dem SPD-Parteitag in Münster, auf dem die Einführung der

Frauenquote von 40 Prozent beschlossen wurde. Auf dem Bochumer Parteitag 2003 wird

diese wichtige Statutenänderung erneut bestätigt und die Quote entfristet.

[Foto: Rechteinhaber nicht ermittelbar; Hinweise an redaktion.berlinerstimme@spd.de]

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Auch 30 Jahre nach Einführung der Quote sind Frauen in der Mitgliedschaft

unterrepräsentiert. Aktuell liegt der Frauenanteil bei 32 Prozent.

Ja, aber die Zeiten haben sich schon sehr gewandelt. Immerhin sind 42 Prozent

der SPD-Abgeordneten im Bundestag weiblich. Als ich 1972 in die niedersächsische

SPD-Landtagsfraktion nachgerückt bin, waren wir dort zwei Frauen neben

73 Männern. Und das war keine Ausnahme. Wir hatten die Gleichstellung der Frau

zwar im Grundgesetz, aber wir lebten sie nicht.

Wie bist du überhaupt zur Frauenpolitik gekommen?

Ich bin nicht an erster Stelle in die SPD eingetreten, um mich für mehr Frauenrechte

einzusetzen, sondern um für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen.

Nach meiner Ausbildung zur Dolmetscherin habe

ich nochmal ein Studium der Sozialwissenschaften

begonnen. Als ich damit fertig war, hieß es

„Wir hatten die Gleichstellung

aus meinem Bekanntenkreis: Also, eine Stelle als der Frau zwar im Grundgesetz,

persönliche Referentin beim Sozialminister, das

aber wir lebten sie nicht.“

kannst du vergessen. Der nimmt doch keine Frau.

Der braucht einen Mann am Telefon, wenn eine

Anfrage kommt. Da habe ich gedacht, jetzt musst du mal etwas für Frauen tun.

Du hast zusammen mit deinem Mann drei Töchter. Wie habt ihr Familie und

Beruf unter einen Hut bekommen?

Als unsere Kinder klein waren, war mein Mann im Kultusministerium beschäftigt

und ich saß in Hannover im Landtag. Wir hatten zunächst keinen Kindergarten

gefunden. Also habe ich meine Schwiegermutter überredet, dass sie bei

uns arbeitet. Später habe ich noch eine Studentin eingestellt. Heute sind die

Möglichkeiten der Kinderbetreuung viel besser. Aber wahrscheinlich muss man

auch noch heute – für volle Flexibilität – fast ein ganzes Einkommen für Kinderbetreuung

und Haushaltshilfe verwenden.

Bis 1977 brauchten Frauen formal die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie

arbeiten wollten. Wie war das bei euch?

(lacht). Diese Frage hat sich bei uns nicht gestellt.

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Was möchtest du der heutigen Politikerinnen-Generation mitgeben?

Frauen müssen sich engagieren und durchsetzen. Und sie müssen auch mal

politische Kompromisse eingehen. Wir haben mit der Quote diesen Kompromiss

gefunden. Die Quote wurde erstmal nur verbindlich für die SPD eingeführt. Ich

glaube, wir wären nicht so weit, wenn wir stets auf unsere Maximalforderung

bestanden hätten. Die SPD-Frauenquote hat damals einiges in Gang gesetzt, die

Gewerkschaften haben zum Beispiel ganz schnell nachgezogen. Das haben auch

Grüne und PDS getan. Die CDU setzte auf unverbindliche Zielzahlen, die häufig

nicht erreicht wurden. Trotzdem: Auch dort gibt es jetzt mehr Frauen, sogar eine

Kanzlerin.

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Text Lea Gronenberg

Fotos Lea Gronenberg & Martina Hartleib

Aufklärung statt

Beratungszwang

Anlässlich der Debatte im Deutschen Bundestag

zum § 219a StGB rief das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

Ende Februar zu einer gemeinsamen

Aktion vor dem Reichstag auf.

Der § 219a StGB verbietet die „Werbung“ für Schwangerschaftsabbrüche.

Damit wird die Informationsfreiheit

für ungewollt Schwangere eingeschränkt. Ärzt*innen,

Beratungsstellen und Einzelpersonen, die Informationen

zum Thema Schwangerschaftsabbruch zur Verfügung

stellen, werden kriminalisiert.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Eva Högl

(Foto links oben) machte die Position der SPD-Bundestagsfraktion

klar: Der § 219a StGB muss gestrichen

werden.

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Text Christina Bauermeister

Fotos Anna Wyszomierska

Power to the polls

Women’s March 2018 in Berlin

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Zum ersten Jahrestag von Trumps Amtsantritt gingen in den USA

Hunderttausende auf die Straße, um gegen ihren Präsidenten und

für Menschenrechte, Gleichberechtigung und Einwanderung zu protestieren.

Im Rahmen des „Women’s March“ demonstrierten weltweit

Menschen in 250 Städten für Frauenrechte und gegen frauenfeindliche

Tendenzen. So auch in Berlin. Knapp 1.000 Demonstranten

haben am 21. Januar 2018 in der Hauptstadt zum zweiten Mal ein

Zeichen für mehr Frauenrechte und Demokratie gesetzt.

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Veranstaltet wurde der Marsch rund um

das Brandenburger Tor vom offiziellen

Ableger der Demokratischen Partei für

im Ausland lebende US-Amerikaner

„Democrats Abroad“. Ihr Motto: „Power

to the polls“ – eine Anspielung auf die

Midterm-Wahlen, die dieses Jahr in den

USA anstehen. Mit dem Marsch soll Interesse

an Politik und Demokratie geweckt

werden.

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Text Christina Bauermeister

Foto AdsD

Schluss mit den

Trippelschritten

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Oft werden Fakten erst greifbar, wenn

man sie in ein Bild packt. Die Tatsache,

dass Frauen seit nunmehr 100 Jahren in

Deutschland wählen dürfen, legt die Bemerkung

nahe: Aha, schön, ist lange her.

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern

und ehemalige Frauenministerin

Manuela Schwesig bettet

diese historische Errungenschaft deshalb

in ein Bild ein. Es sei gerade einmal ein

einziges langes Frauenleben her, dass

Frauen in Deutschland das grundlegendste

Recht der politischen Mitbestimmung

nicht hatten. Erst seit 1962 können

Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes

ein Konto führen, seit 1977 ohne

ihren Ehemann über ihre Erwerbstätigkeit

entscheiden. Junge Menschen fragen

sich bei der Lektüre unweigerlich, ob ihre

Mutter ihren Vater noch fragen musste,

ob sie arbeiten gehen darf.

Isabel Rohner | Rebecca

Beerheide (Hg.): 100 Jahre

Frauenwahlrecht – Ziel

erreicht! ... und weiter?

Ulrike Helmer Verlag,

Sulzbach/Taunus 2017.

ISBN 978-3-89741-398-6,

200 Seiten, 18 EUR

Schwesigs Plädoyer, dass der Kampf

der Frauen um ihre Rechte nicht von

gestern ist, gehört zu den 24 Interviews

und Beiträgen von Vertreterinnen aus

Politik, Wirtschaft und Medien, die die

Hedwig-Dohm-Biografin Isabel Rohner

und die Journalistin Rebecca Beerheide

in einem Buch zusammengefasst haben.

Die inhaltliche Klammer für die Beiträge

bilden dabei die Fragen, was das Frauenwahlrecht

den Interviewten bedeutet

und was sie der Propagierung erzkonservativer

Frauen- und Familienbilder durch

rechte Gruppierungen entgegensetzen.

Zu einem entlarvenden Spiegel der Gesellschaft

werden die Interviews immer

dann, wenn persönliche Erfahrungen mit

Rollenklischees zur Sprache kommen.

So erzählt die ehemalige Bundestagspräsidentin

Rita Süssmuth, dass sie erst im

Verlauf ihres Studiums und des Berufseintritts

gemerkt hat, dass es gerade

für Frauen wichtig ist, sich politisch zu

engagieren. Als sie anfangen habe, sich

auf eine Dozentenstelle zu bewerben,

bekam sie Fragen gestellt, die absolut

skandalös waren. „Ob ich mir Gedanken

gemacht hätte, was es für Auswirkungen

auf meine Ehe haben würde, wenn ich

vor meinem Mann Dozentin werde. Das

steigerte sich dann nochmal, ob wir denn

etwa Kinder haben wollten – denn das

30 BERLINER STIMME


OBEN Die Sozialdemokratin Marie Juchacz sprach am 19. Februar 1919 vor einer Nationalversammlung,

die aus 382 Männern und 37 Frauen bestand. Das entsprach einem Frauenanteil von neun Prozent.

ließe sich ja mit meinem Beruf kaum

vereinbaren.“ Auch Sigrid Nikutta,

Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrbetriebe

(BVG) berichtet von den

Reaktionen, die ihre Wahl zur BVG-Chefin

im Jahr 2010 auslöste. „Ich war der festen

Überzeugung, dass ich die Beste für diesen

Job bin. Die Medienlandschaft aber

war überrascht. (...) In der Zeitung stand:

Eine 42-jährige Psychologin mit drei

Kindern aus Polen soll die BVG führen.“

Rita Süssmuth kommt deshalb zu

der für eine Unionspolitikerin überraschenden

Schlussfolgerung: „Wir

Frauen müssen aufhören, uns mit der

Forderung von 25 oder 30-Prozent-Beteiligung

an Mandaten zufriedenzugeben.

Was wir brauchen, ist das Reißverschlussverfahren:

also Mann-Frau-Mann-Frau.

Ganz besonders wünsche ich mir, dass

Frauen endlich Schluss machen mit den

Trippelschritten.“

Ich habe mit der Lektüre des Buches

auf Seite 31 begonnen. Dort beschreibt

die Historikerin Nikola Müller eindrucksvoll

den 70 Jahre andauernden Kampf

um die politische Gleichberechtigung.

Die 1848er-Revolution markiert auch den

Beginn einer sozialen und politischen

Frauenbewegung. In vielen Städten gründeten

Frauen demokratische Vereine,

politisierten sich und traten zunehmend

für ihre eigenen Interessen ein. Das Preußische

Vereinsgesetz verbot Frauen, politischen

Vereinen beizutreten oder auch

nur an politischen Versammlungen teilzunehmen.

Viele Frauenvereine tarnten sich

deswegen als „Wohltätigkeitsvereine“.

Als politische Partei vertrat 1875 die

SPD auf ihrem Gründungskongress die

Forderung nach dem Wahlrecht für alle

Staatsangehörigen. Bebel stellte klar,

dass es keine Befreiung der Menschheit

geben könne ohne die soziale Unabhängigkeit

und politische Gleichberechtigung

der Geschlechter. Die SPD sollte

die einzige der politischen Parteien in

Deutschland bleiben, die für die Einführung

des Frauenwahlrechts eintrat.

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