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Berliner Stimme Nr. 2 2018

Text Annika Klose Foto

Text Annika Klose Foto Lea Gronenberg Sexismus geht uns alle an Alltagssexismus lässt sich nicht allein durch Strafrechtsreformen bekämpfen, sagt Annika Klose. Das sind ihre Lehren aus der #metoo-Debatte. Unter #metoo berichten Frauen* aktuell über ihre Erfahrungen mit Sexismus, sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt. Begonnen wurde die Debatte von dutzenden Frauen*, die Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein erhoben. Hunderte Frauen* aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen schlossen sich an und machten unter #metoo Sexismus und sexualisierte Gewalt öffentlich. Eine ähnliche Diskussion über Alltagssexismus wurde vor einigen Jahren in Deutschland unter #aufschrei geführt. Sexismus ist kein Hollywoodphänomen, Sexismus betrifft uns alle! Es ist ein strukturelles Problem, das wir nur gemeinsam lösen können. T I T E L Mit #metoo und #aufschrei wird sichtbar, was Frauen* tagtäglich erleben. Sexistisches Verhalten reicht dabei von aufdringlichen Blicken und Kommentaren, ungefragtem Anfassen bis hin zum Übergehen eines klaren Neins. Selbstverständlich ist ein blöder Kommentar nicht gleichzusetzen mit einer Vergewaltigung. In beidem zeigt sich jedoch ein Machtgefälle. Macht ist ein wichtiges Element von Sexismus, was auch daran deutlich wird, dass zwar die allermeisten Frauen* Erfahrungen mit Sexismus gemacht haben, jedoch die wenigsten darüber sprechen: Aus Angst nicht ernstgenommen zu werden oder in eine Opferrolle gedrängt zu werden. Kampagnen wie #metoo oder #aufschrei ermutigen Frauen* ihre Erfahrungen zu teilen. Die Stimmen so vieler Frauen* können nicht weiter übergangen werden. Es muss sich etwas ändern! 14 BERLINER STIMME

LINKS Annika Klose ist seit Oktober 2015 Landesvorsitzende der Jusos Berlin Sie haben ein Nein nicht akzeptiert, weil sie gelernt haben, Frauen* müssten überredet werden oder haben Ablehnung missachtet, weil vorher schon wild geknutscht wurde. Hier muss aber klar sein, dass ein Nein auch wirklich Nein bedeutet, wie es im Juli 2016 endlich im Strafrecht verankert wurde. Wenn ich mich alleine gegen sexistisches Verhalten wehre, werde ich schnell zur Chefanklägerin oder zur Spaßverderberin. Dabei geht es gar nicht darum, Komplimente oder Flirts zu verbieten. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, miteinander auf Augenhöhe zu kommunizieren und zu flirten. Ein Kompliment, das mich als Person wertschätzt, gibt mir ein tolles Gefühl. Ein Anmachspruch, der mir im Vorbeifahren hinterhergerufen wird, nicht. Das dürfte auch den meisten Männern* klar sein. In der öffentlichen Debatte wird viel über sogenannte Grauzonen gesprochen. Neben vielen mutigen Frauen* haben sich unter #metoo auch Männer* zu Wort gemeldet, die Situationen schilderten, in denen sie übergriffig waren. Eine sexuelle Handlung ist strafbar, wenn sie von einer der beteiligten Personen nicht gewollt und dies auch erkennbar war. Schweden hat vor kurzem den Grundsatz „Ja heißt Ja“ gesetzlich verankert, so dass jede sexuelle Handlung die ausdrückliche Zustimmung aller Beteiligten voraussetzt. Auch hier möchte ich denjenigen widersprechen, die behaupten, das würde die Spontanität und damit den Spaß an Sexualität zerstören. Nur wenn wir darüber sprechen, was uns gefällt und uns dabei gegenseitig ernstnehmen, macht Sexualität allen Beteiligten Spaß. Sexismus lässt sich nicht allein durch Strafrechtsreformen bekämpfen, aber es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten nicht ohne Konsequenzen bleibt. Wir müssen Frauen* zuhören, die von sexualisierter Gewalt berichten. Wir alle müssen die „Spaßverderber*innen“ sein, wenn unser Kollege, Kommilitone oder Kumpel einen sexistischen Spruch macht. Wir müssen eingreifen, wenn wir in der Bahn oder in der Bar übergriffiges Verhalten beobachten. Sexismus geht uns alle an, unabhängig von unserem Geschlecht. T I T E L BERLINER STIMME 15