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Berliner Stimme Nr. 2 2018

Fragen Christina

Fragen Christina Bauermeister „Das Gespenst auf Stöckelschuhen“ Als die SPD vor 30 Jahren die Frauenquote einführte, war das für Inge Wettig-Danielmeier ein wichtiger Etappensieg. Die Quote war geboren, doch die politische Kultur veränderte sich nur langsam. Als Wettig-Danielmeier 1991 Schatzmeisterin der SPD wurde, sprach die Presse von „der Frau, die bei Engholm an der Kasse sitzt“. Liebe Inge, vor 30 Jahren, am 30. August 1988, verabschiedete ein Parteitag in Münster die Einführung der Frauenquote von 40 Prozent in der SPD für zunächst 25 Jahre. Du warst damals Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF). Wie lange musstest du dafür Überzeugungsarbeit leisten? Die SPD hatte früher als jede andere Partei erkannt, dass Demokratie ohne die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht möglich ist. Schon 1890 legte sie in ihrer Satzung fest, dass Frauen eigene Delegierte zum Parteitag entsenden können. „Wir müssen der sozialdemokratischen Frauenbewegung Gelegenheit zur Vertretung auf den Parteitagen geben, ohne dass sie von der Gnade der Männer abhängig ist“, erklärte der SPD-Organisationssekretär Ignaz Auer 1894. Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 setzte die SPD das gleiche Wahlrecht für Frauen wie Männer in Deutschland durch. Erstmals durften Frauen wählen und konnten gewählt werden. Das war unser Verdienst. I N T E R V I E W Dennoch dauerte es noch bis 1988, ehe die Frauenquote kam ... Ja, weil sich erst nach dem Wechsel zur sozialliberalen Regierung Ende der 1960er Jahre die Chancen für Frauen in der Politik wirklich verbesserten. Willy Brandt unterstützte die Forderungen der Frauen nach Veränderungen in der Organisation der SPD und einer programmatischen Erneuerung. Gleichzeitig entwickelten sich außer- 24 BERLINER STIMME

halb der Parteien neue Frauenbewegungen, die auf Veränderungen drängten. In der SPD nahm die 1973 gegründete ASF diese Impulse auf und erkämpfte Schritt für Schritt ein neues frauenpolitisches Programm der SPD. Zur Durchsetzung sollte die Quote dienen. Wie reagierte die Öffentlichkeit auf dem Beschluss? Die bürgerliche Tagespresse kommentierte damals in einem ironischen Unterton: „Ein Gespenst geht um. Unbedarft und ohne Weitblick für das Wesentliche kommt es auf Stöckelschuhen daher, lehrt selbst den mannhaften Bürger das Fürchten: die Quotenfrau.“ Und wie war die Reaktion der Genossen? Kannst du dich an eine typische Szene von damals erinnern? Ich habe mal in einer Versammlung meinen Genossen ins Gewissen geredet. Ich sagte, es gehe nicht, dass ihr alle in eure Sitzungen geht und Politik macht und eure Frauen zu Hause sitzen, sich um Kinder und Haushalt kümmern und für Politik keine Zeit haben. Da könnt ihr nicht zu uns sagen: Die wollen das gar nicht. Die Wahrheit ist: Eure Frauen können das gar nicht unter den gegebenen Umständen. Ein Gewerkschafter kam dann später zu mir und sagte: „Inge, ich bin ja ganz deiner Meinung, aber abwaschen tue ich nicht“. OBEN Inge Wettig-Danielmeier auf dem SPD-Parteitag in Münster, auf dem die Einführung der Frauenquote von 40 Prozent beschlossen wurde. Auf dem Bochumer Parteitag 2003 wird diese wichtige Statutenänderung erneut bestätigt und die Quote entfristet. [Foto: Rechteinhaber nicht ermittelbar; Hinweise an redaktion.berlinerstimme@spd.de] I N T E R V I E W BERLINER STIMME 25