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Berliner Stimme Nr. 2 2018

Auch 30 Jahre nach

Auch 30 Jahre nach Einführung der Quote sind Frauen in der Mitgliedschaft unterrepräsentiert. Aktuell liegt der Frauenanteil bei 32 Prozent. Ja, aber die Zeiten haben sich schon sehr gewandelt. Immerhin sind 42 Prozent der SPD-Abgeordneten im Bundestag weiblich. Als ich 1972 in die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion nachgerückt bin, waren wir dort zwei Frauen neben 73 Männern. Und das war keine Ausnahme. Wir hatten die Gleichstellung der Frau zwar im Grundgesetz, aber wir lebten sie nicht. Wie bist du überhaupt zur Frauenpolitik gekommen? Ich bin nicht an erster Stelle in die SPD eingetreten, um mich für mehr Frauenrechte einzusetzen, sondern um für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Nach meiner Ausbildung zur Dolmetscherin habe ich nochmal ein Studium der Sozialwissenschaften begonnen. Als ich damit fertig war, hieß es „Wir hatten die Gleichstellung aus meinem Bekanntenkreis: Also, eine Stelle als der Frau zwar im Grundgesetz, persönliche Referentin beim Sozialminister, das aber wir lebten sie nicht.“ kannst du vergessen. Der nimmt doch keine Frau. Der braucht einen Mann am Telefon, wenn eine Anfrage kommt. Da habe ich gedacht, jetzt musst du mal etwas für Frauen tun. Du hast zusammen mit deinem Mann drei Töchter. Wie habt ihr Familie und Beruf unter einen Hut bekommen? Als unsere Kinder klein waren, war mein Mann im Kultusministerium beschäftigt und ich saß in Hannover im Landtag. Wir hatten zunächst keinen Kindergarten gefunden. Also habe ich meine Schwiegermutter überredet, dass sie bei uns arbeitet. Später habe ich noch eine Studentin eingestellt. Heute sind die Möglichkeiten der Kinderbetreuung viel besser. Aber wahrscheinlich muss man auch noch heute – für volle Flexibilität – fast ein ganzes Einkommen für Kinderbetreuung und Haushaltshilfe verwenden. Bis 1977 brauchten Frauen formal die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten wollten. Wie war das bei euch? (lacht). Diese Frage hat sich bei uns nicht gestellt. I N T E R V I E W Was möchtest du der heutigen Politikerinnen-Generation mitgeben? Frauen müssen sich engagieren und durchsetzen. Und sie müssen auch mal politische Kompromisse eingehen. Wir haben mit der Quote diesen Kompromiss gefunden. Die Quote wurde erstmal nur verbindlich für die SPD eingeführt. Ich glaube, wir wären nicht so weit, wenn wir stets auf unsere Maximalforderung bestanden hätten. Die SPD-Frauenquote hat damals einiges in Gang gesetzt, die Gewerkschaften haben zum Beispiel ganz schnell nachgezogen. Das haben auch Grüne und PDS getan. Die CDU setzte auf unverbindliche Zielzahlen, die häufig nicht erreicht wurden. Trotzdem: Auch dort gibt es jetzt mehr Frauen, sogar eine Kanzlerin. 26 BERLINER STIMME

Text Lea Gronenberg Fotos Lea Gronenberg & Martina Hartleib Aufklärung statt Beratungszwang Anlässlich der Debatte im Deutschen Bundestag zum § 219a StGB rief das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Ende Februar zu einer gemeinsamen Aktion vor dem Reichstag auf. Der § 219a StGB verbietet die „Werbung“ für Schwangerschaftsabbrüche. Damit wird die Informationsfreiheit für ungewollt Schwangere eingeschränkt. Ärzt*innen, Beratungsstellen und Einzelpersonen, die Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch zur Verfügung stellen, werden kriminalisiert. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Eva Högl (Foto links oben) machte die Position der SPD-Bundestagsfraktion klar: Der § 219a StGB muss gestrichen werden. F O T O S T R E C K E BERLINER STIMME 27