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Berliner Stimme Nr. 2 2018

Text Christina

Text Christina Bauermeister Foto AdsD Schluss mit den Trippelschritten R E Z E N S I O N Oft werden Fakten erst greifbar, wenn man sie in ein Bild packt. Die Tatsache, dass Frauen seit nunmehr 100 Jahren in Deutschland wählen dürfen, legt die Bemerkung nahe: Aha, schön, ist lange her. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern und ehemalige Frauenministerin Manuela Schwesig bettet diese historische Errungenschaft deshalb in ein Bild ein. Es sei gerade einmal ein einziges langes Frauenleben her, dass Frauen in Deutschland das grundlegendste Recht der politischen Mitbestimmung nicht hatten. Erst seit 1962 können Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes ein Konto führen, seit 1977 ohne ihren Ehemann über ihre Erwerbstätigkeit entscheiden. Junge Menschen fragen sich bei der Lektüre unweigerlich, ob ihre Mutter ihren Vater noch fragen musste, ob sie arbeiten gehen darf. Isabel Rohner | Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht – Ziel erreicht! ... und weiter? Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2017. ISBN 978-3-89741-398-6, 200 Seiten, 18 EUR Schwesigs Plädoyer, dass der Kampf der Frauen um ihre Rechte nicht von gestern ist, gehört zu den 24 Interviews und Beiträgen von Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft und Medien, die die Hedwig-Dohm-Biografin Isabel Rohner und die Journalistin Rebecca Beerheide in einem Buch zusammengefasst haben. Die inhaltliche Klammer für die Beiträge bilden dabei die Fragen, was das Frauenwahlrecht den Interviewten bedeutet und was sie der Propagierung erzkonservativer Frauen- und Familienbilder durch rechte Gruppierungen entgegensetzen. Zu einem entlarvenden Spiegel der Gesellschaft werden die Interviews immer dann, wenn persönliche Erfahrungen mit Rollenklischees zur Sprache kommen. So erzählt die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, dass sie erst im Verlauf ihres Studiums und des Berufseintritts gemerkt hat, dass es gerade für Frauen wichtig ist, sich politisch zu engagieren. Als sie anfangen habe, sich auf eine Dozentenstelle zu bewerben, bekam sie Fragen gestellt, die absolut skandalös waren. „Ob ich mir Gedanken gemacht hätte, was es für Auswirkungen auf meine Ehe haben würde, wenn ich vor meinem Mann Dozentin werde. Das steigerte sich dann nochmal, ob wir denn etwa Kinder haben wollten – denn das 30 BERLINER STIMME

OBEN Die Sozialdemokratin Marie Juchacz sprach am 19. Februar 1919 vor einer Nationalversammlung, die aus 382 Männern und 37 Frauen bestand. Das entsprach einem Frauenanteil von neun Prozent. ließe sich ja mit meinem Beruf kaum vereinbaren.“ Auch Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrbetriebe (BVG) berichtet von den Reaktionen, die ihre Wahl zur BVG-Chefin im Jahr 2010 auslöste. „Ich war der festen Überzeugung, dass ich die Beste für diesen Job bin. Die Medienlandschaft aber war überrascht. (...) In der Zeitung stand: Eine 42-jährige Psychologin mit drei Kindern aus Polen soll die BVG führen.“ Rita Süssmuth kommt deshalb zu der für eine Unionspolitikerin überraschenden Schlussfolgerung: „Wir Frauen müssen aufhören, uns mit der Forderung von 25 oder 30-Prozent-Beteiligung an Mandaten zufriedenzugeben. Was wir brauchen, ist das Reißverschlussverfahren: also Mann-Frau-Mann-Frau. Ganz besonders wünsche ich mir, dass Frauen endlich Schluss machen mit den Trippelschritten.“ Ich habe mit der Lektüre des Buches auf Seite 31 begonnen. Dort beschreibt die Historikerin Nikola Müller eindrucksvoll den 70 Jahre andauernden Kampf um die politische Gleichberechtigung. Die 1848er-Revolution markiert auch den Beginn einer sozialen und politischen Frauenbewegung. In vielen Städten gründeten Frauen demokratische Vereine, politisierten sich und traten zunehmend für ihre eigenen Interessen ein. Das Preußische Vereinsgesetz verbot Frauen, politischen Vereinen beizutreten oder auch nur an politischen Versammlungen teilzunehmen. Viele Frauenvereine tarnten sich deswegen als „Wohltätigkeitsvereine“. Als politische Partei vertrat 1875 die SPD auf ihrem Gründungskongress die Forderung nach dem Wahlrecht für alle Staatsangehörigen. Bebel stellte klar, dass es keine Befreiung der Menschheit geben könne ohne die soziale Unabhängigkeit und politische Gleichberechtigung der Geschlechter. Die SPD sollte die einzige der politischen Parteien in Deutschland bleiben, die für die Einführung des Frauenwahlrechts eintrat. R E Z E N S I O N BERLINER STIMME 31