Dompfarrbrief 2018/01

SigridStadler

Abrahams

Die Geschichte vom „Opfer Abrahams“ oder der „Erprobung Abrahams“ ist vielen bekannt, oft ist die entscheidende

Szene - wie der Engel Abraham an der Tötung seines Sohnes hindert - von Künstlern dargestellt

worden; so auch am alten Hochaltar in unserem Dom.

Es ist eine meisterhafte Erzählung, die einen ungeheuren Spannungsbogen aufbaut und den Leser mit vielen

Fragen zurücklässt.

Ich will einfach darlegen, wie ich

mich selbst dieser Erzählung immer

wieder genähert habe und welche Gedanken

mir durch das Studium einzelner

Auslegungen gekommen sind.

Wo wird Gott geopfert

und was?

Dompfarrbrief 1/2018

Hinter einer solchen Erzählung stehen

alte Überlieferungen, die eingearbeitet

wurden, aber nicht mehr

Hauptabsicht der Erzählung sind.

Möglicherweise stand am Anfang der

Überlieferung eine Geschichte, die

erzählte, dass der Stammvater Israels

ein Opfer an dem Ort dargebracht

habe, an dem später der Tempel in Jerusalem

errichtet wurde und an dem

die Israeliten ihre Opfer darbringen.

Die Opferstätte „Tempel in Jerusalem“

sollte als uralter Ort der Gottbegegnung

im Opferkult ausgewiesen

werden. Im Alten Testament werden

nicht selten „heilige Orte“ dadurch

legitimiert, dass schon bedeutende

Personen der Frühzeit Israels dort

eine besondere Begegnung mit dem

„Gott der Väter“ hatten.

Möglicherweise gab es im alten Israel

auch eine Erzählung, die begründen

wollte, warum es in Israel keine

Menschenopfer gibt. Aus archaischen

Kulturen ist bekannt, dass Kinder geopfert

wurden, weil der Gottheit das

Kostbarste gegeben werden musste,

das der Mensch hatte.

Warum gibt es in Israel keine Menschenopfer,

warum werden „nur“

Tiere als Opfer dargebracht? Die Antwort,

die diese Erzählung auf diese

Frage gibt, heißt: Gott selbst hat das

Menschenopfer abgelehnt. Eine solche

Ablehnung eines Menschenopfers

durch Gott

konnte nur dann

glaubwürdig gemacht

werden, wenn

erzählt wird, dass

Gott ein solches

Menschenopfer gefordert

und es dann

selbst abgelehnt

habe. Zugleich muss

erzählt werden, dass

der Stammvater Israels

bereit gewesen

wäre, seinen Sohn

zu opfern. Die Botschaft

einer solchen

Erzählung wäre,

dass der Mensch

Gott nicht das Kostbarste

vorenthalte,

sondern Gott kein

Opfer in Form der

Tötung eines Menschen

wolle, es vielmehr

dem Willen

Gottes entspricht,

wenn der Mensch

auf Gottes Wort hört und nach seinem

Willen lebt. Wenn es in Israel

kein Menschenopfer gibt, dann nicht

deshalb, weil der Mensch von sich

aus Gott etwas vorenthalten würde,

sondern weil der Wille Gottes auf das

Leben des Menschen gerichtet ist.

Erprobung und Vertrauen

Der engel des Herrn hindert abraham, seinen Sohn isaak

zu töten. Diese Darstellung ist eines der mosaike am historischen

Hochaltar im mariendom.

Die Geschichte, wie sie jetzt im Buch

Genesis zu lesen ist, greift diese alten

Überlieferungen auf, macht aber eine

neue Geschichte daraus. Die neue

Einheitsübersetzung gibt dem Text

die Überschrift „Die Erprobung

Abrahams“, die eigentlich eine Kurzfassung

des ersten Satzes der Erzählung

ist. Isaak ist nicht irgendein

Kind Abrahams, sondern das „Kind

der Verheißung“. Wenn Abraham

Isaak opfern soll, ist das, was ihm

von Gott verheißen wurde, vernichtet.

Schon am Beginn der Abrahamsgeschichte

steht zu lesen: „Ich werde

dich zu einem großen Volk machen,

dich segnen und deinen Namen groß

machen. … Durch dich sollen alle

Sippen der Erde Segen erlangen.“

(Gen 12,2-3) In einer Gotteserscheinung

hört Abraham die Zusage:

„Dein leiblicher Sohn wird dein Erbe

sein. … Sieh doch zum Himmel hinauf

und zähl die Sterne, wenn du sie

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